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an das Leben geht. Denn an Königshöfen ist die Art, nur stattliches Gewand, Rosse und Gesinde geben dem Helden ein Ansehen. Darum bevor du zu dem König reitest, mußt du das alles erwerben. Folgen dir aber Männer aus diesen Waldlauben, so wirft du dem König gänzlich verhaßt."

„Gut sprichst du, Volkmar, in Allem," versetzte Ingo. „Willst du dich zurück unter die Augen des Königs wagen, so sage ihm, daß ich dankbar bin für die hohe Botschaft und daß ich vor sein Angesicht treten werde, sobald ich gerüstet bin, wie es seine und meine Ehre fordert."

„Ich trage die Antwort," entgegnete Volkmar, „und ich hoffe mich behend zur Seite zu schwingen, wenn er seineu Trinkkrug nach mir wirft."

Auch Herr Answald gab seine Zustimmung zu diesem Dank, denn ihn bedrückte im Geheime n die Forderung des Königs, wenn er die Sorge auch mannhaft barg.

Als Ingo und Volkmar allein waren, begann Ingo: „Wer einen guten Rath geschenkt hat, der gibt wohl auch den zweiten. Du siehst, ich bin einem Kinde gleich, das aus dem Wasser geholt und neu in die Welt gesetzt ist. Hier sind die Leute gutherzig, aber Kriegsfahrten beginnen sie selten, spähe, du treuer Gesell, wo irgend im Lande für ein Schwert rühmliche Arbeit zu sinden ist."

„Harre nur ein wenig aus," antwortete Volkmar lachend, „und laß dir unterdeß gefallen, wenn die Iungfrau Irmgard vor dir meine Reigen singt, denn wohlgeübt ist sie im Lied und Saitenspiel. Höre ich von ehrlicher Heerfahrt, so sollst du's erfahren; doch du weißt, im Herbst lockt den Krieger die Heimat, im Frühjahr die Schwertreise."

„Und jetzt höre weiter," fuhr Ingo fort, „was mich in der Nacht schlaflos umherwirft. Der Sprung in den Rhein schied mich von meinen Mannen, hinter mir brachen die Heerhaufen der Römer wie ein Wasserschwall in das Land, die Priesterin barg mich mit Sorgen bis sie mich nordwärts sandte; beim Abschied verhieß sie mir nach den Volksgenossen zu suchen, die mit mir bei den Kähnen gestanden hatten. Iüngst aber hörte ich von einem Gaukler, daß Krieger meines Volkes in diesem Mond unter den Burgunden lagerten, einer davon war, wie mir schien, Berthar, den du kennst. Hegst du mir gute Gesinnung, Volkmar, so forsche, wenn du kannst, nach den Treuen; denn wie hold mir Manche sind, die hier um mich leben, ich vermag nicht froh zu werden, bis ich weiß, ob einer von den Meinen dem Eisen der Römer entwichen ist."

Der Sänger nickte und wandte sich zum Abgang. „Der Herr dieses Hofes bewährt dir guten Sinn, aber wandelbar ist der Menschen Gemüth und leicht wird müde, wer sich nur auf ein Bein stützt. Du hast mich durch dein Vertrauen geehrt, da du vorhin sprachst, wie du aus dem Wasser gehoben wurdest. Darum siehe auch ich um eine Gunst. Einst gabst du mir diesen Goldring, nimm ihn, o Herr, jetzt zurück, damit ich dir meine Treue erweisen kann, du spendest mir später wohl noch mehr, wenn die Götter dir Glück verleihen. Der Ring schafft dir Roß und Gewand oder wirbt dir einen hilfreichen Gefährten."

„Lieber leihe ich von dir als von einem Andern," versetzte Ingo, „aber du weißt, der Krieger zieht nicht ohne Gold zur Schlacht. Was mir Berthar an jenem Tage zureichte, wo ich ihn verlor, das berge ich noch im Gewande; damit wenn mein Leib einsam auf der Haide liegen follte, alsdann ein Anderer das Gold bei mir sinde und mich zum Dank ehrlicher Bestattung werth achte."

„Dann, Held, gedenke auch klug der Lebenden; und wenn ich dir rathen darf, fo gib davon an die Iungfrau Frida, denn sie raunen im Hofe, daß sie eine Silberschelle für dich abgerissen hat um ihrer Herrin zu gefallen; und spende auch an Wolf, deinen Kämmerer, damit ihn die Andern nicht schmähen, weil er einem kahlen Herrn dient. Zürne nicht, daß ich wie dein Vertrauter spreche, aber wer gewöhnt ist um Huld zu werben, der versteht wohl auch wie man Gunst gewinnt."

Ingo reichte ihm lachend die Hand. „Nur dir biete ich nichts," sprach er, „denn gern bleibe ich dir schuldig,"

„Und ich dir, solange ich athme," grüßte Volkmar sich ehrerbietig auf der Schwelle verneigend.

Ingo folgte dem Rath des Treuen. Als er seinem Kämmerer zwei Goldstücke in die Hand legte, auf denen das Bild des großen Römerherrn Constantinus zu sehen war, da merkte er an dem glücklichen Gesicht des Mannes und an dem warmen Dank, wie werthvoll solche Gabe in den Waldlauben war. Und nach der Mahlzeit trat er in Gegenwart der Andern vor Irmgard und sprach: „Deine Gespielin Frida hat für das Silber, das sie dem Gaukler bot, mir eine frohe Botschaft eingehandelt, gern möchte ich ihr dafür meinen Dank erweisen und ich bitte dich, Iungfrau, daß du ihr in diesen Münzen ihre Spende zurückgibst." Da ging das fremde Gold auch unter den Frauen von Hand zu Hand, der Fürst und alle Wohlmeinenden waren erfreut, daß der Gast sich so gehalten hatte, wie seiner Würde gebührte, und Ingo merkte aus dem Diensteifer der Männer, daß ihr guter Wille behender wurde, seit sie für sich Gutes hoffen durften; denn Alle gedachte,,, daß dem Herrn Ehre sei, viel zu geben, dem Dienenden aber, Gabe zu empfangen.

Ingo aber suchte auch nach einer Gabe für die, welche ihm lieb war. Als Irmgard im Hofe unweit dem Hollunderstrauch stand, da trat er von der Seite eilig auf sie zu, sie hörte seinen Schritt, aber sie kehrte sich nicht um, damit Keiner die Freude in ihrem Antlitz erkenne. Abgewandt von den Andern sahen sie einander in die Augen und diesmal merkten beide die Nachtsängerin nicht, welche über dem Ast ängstlich ihre Kinder an die Abreise mahnte. Ingo begann die heimliche Rede: „Im Federgewand eines Schwans flog einst Schwanhild, die Ahnfrau meines Geschlechtes, über die Männererde, seitdem sind die letzten Schwungfedern des Schwans das heilige Zeichen, welches die Männer und Frauen meines Stammes an Helm oder Stirnbinde tragen, wenn sie sich festlich schmücken. Dem lebenden Vogel suchen wir die Federn zu rauben, denn einen Schwan zu töten ist meinem Volk Frevel. Heut gelang mir's einen Schmuck zu gewinnen. Dir, Holde, biete ich ihn, ob du ihn annimmst und dir bewahrst. Auf den Federkiel ritzte ich das Zeichen, womit ich zeichne was mein ist."

Irmgard erschrak, ihr ahnte, daß er durch die Federn bot, was er mit Worten nicht sagen durfte, und sie frug unsicher: „Wie soll mein sein, was dein ist?"

Der Mann antwortete in tiefer Bewegung: „Nur darnm liebe ich das Leben, weil ich eine Iungfrau kenne, welche dies Zeichen einst vor allem Volk auf ihrem Haupte tragen soll." Und er hielt ihr wieder den Schmuck hin.

Da nahm Irmgard die Federn und barg sie in ihrem Gewande. Ganz wenig streifte seine Hand an die ihre, aber sie fühlte tief im Herzen die Berührung.

„Irmgard!" rief die befehlende Stimme der Fürstin im Hofe. Noch einen herzlichen Gruß mit den Augen tauschten die beiden, dann eilte, die Iungfrau dem Hause zu.

„Was sprach heut der Fremde zu dir?" begann die Mutter zur Tochter, „seine Hand rührte an deine und roth sah ich deine Wange."

„Die Schwungfedern eines Vogels wies er mir, die seinem Geschlecht ein Erkennungszeichen sind, wenn die Helden sie am Haupt tragen," antwortete Irmgard, aber wieder flog das verrätherische Roth über ihre Wange.

„Eine Thörin hörte ich einst, die in der Halle der Männer laut ihre Stimme erhob, daß Alle schwiegen, wie die Waldsänger schweigen, wenn der junge Kuknk sein Krähen beginnt."

„War es vermessen, daß ich auf ihn wies, Unsitte war es nicht; voll war mir das Herz und die Freunde werden mir verzeihen. Zürne auch du nicht, Mutter."

Aber die Fürstin fuhr fort: „Ohne Freude sehe ich den Fremdling an unserm Herde rasten. Dem Hausherrn geziemt gastfrei zu fein gegen den Bittenden, aber die Hausfrau hält die Schlüssel in fester Hand, daß nicht das Gut verschwendet werde, und sie wahrt ihren Hühnerhof, daß nicht der Marder eindringe. Meint der Fremde mit dem Sprung über die Rosse sich hineinzuschwingen in den Erbhof meines Herrn, in Vorrathskammer und Küche, so wird ihm sein dreister Muth wenig frommen. Du aber, da du meine Tochter bist, sollst fremd bleiben Einem, der als ein Wildling lebt, heimatlos, gebannt und fo armselig wie der fahrende Bettler, der an unserm Thor um Gaben sieht."

Irmgard richtete sich hoch auf. „Von wem sprichst du, Herrin? Meinst du den Helden, dem der Hausherr den Ehrensitz bietet? den Schuldlosen, der im Vertrauen auf die Eide der Väter zu uns kam? Ich habe gehört, daß der Vater meines Vaters im heiligen Trank Tropfen seines Blutes mischte mit dem Blut eines Königsgeschlechts, damit die Nachkommen einander lieb behalten und ehren sollen. Ist der Sohn jenes Königs auch Andern ein Fremder, im Hause meines Großvaters darf ihn Keiner so nennen, selbst du nicht."

„Höre ich deine trotzige Rede," rief die Mutter, „so entbrennt in mir der alte Schmerz, daß dein Bruder nicht mehr unter den Lebenden weilt. An dem unseligen Tage, wo ihn ein Mann des Königs erschlug, wurdest du das einzige Kind meiner Sorgen und übel lohnst du der Mutter für ihre Mühe."

„Wäre mein Bruder am Leben, auch er würde sich als höchste Ehre begehren der Kampfgesell des Helden zu sein, den du einen Bettler schmähst."

„Da dein Bruder von der Männererde dahinschwand, wurdest du Erbtochter in diesem Lande und die Mutter hat zu bedenken, wem dich der Vater vermähle."

„Bin ich Erbtochter in diesem Hofe, so bin ich auch Erbin der Bundespfticht und geschworener Eide und ich denke sie

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