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„Wenig dachte ich an mich selbst in jener Stunde, Herrin, ich sah auf einen Andern, der mich errettete und sich selbst in größeres Leid warf."

„Ich meine, das war jener Fremde," sprach die Königin, „hebe den Sang an und dämpfe deine Stimme, wenn du kannst, daß nicht unnützes Volk sich an den Pforten dränge."

Volkmar begann mit leiser Stimme seinen Bericht von der Kahnfahrt und dem Sprung in den Rhein. Zu der kleineu Fensteröffnung drang golden der Strahl der Abendsonne herein, er umsäumte die Gestalt des Sängers, der in tiefer Erregung vorfang, was ihm das Herz bewegte; im Dunkel saß die Königin und wieder siel ihr das volle Haar über die Hand, die ihr geneigtes Haupt stützte, unbeweglich saß sie da, in sich selbst versunken, bis der Sänger mit jenem Wiedersinden in der Halle schloß.

„Das wird ein rühmlicher Gesang für zwei, für ihn und dich," fugte die Königin gütig, da der Sänger geendet. „Du ziehe mit dem Segen der Götter zu Halle und Herd, daß die Kunde im Volke sich verbreite." —

Beim Abendtrunk saß der König unter seinen Knappen, das Iauchzen und Lachen der starken Leibwächter umklang den Herd, aus großen Stangen und Bechern schöpften sie de n würzigen Trank. „Spiel den Reigen, Sänger," rief einer der Wilden, „den du hmt des Königs Mägde gelehrt, damit auch wir geschickt die Weife springen auf der Haide." „Laßt ihn," spottete Hadubald, ein narbiger Kriegsmann, der vor Zeiten Trabant am Römerhofe gewesen war und jetzt dem König diente, „sein Lied ist gerade gut genug, daß die Kraniche darnach hüpfen im Hühnerhofe. Wer die Tänzerinnen, die schmeichelnden Mädchen aus Alexandrien, geschaut, dem dünkt das Stapfen der Bauern im Grafe wie Marsch der Gänse."

„Er ist stolz geworden," rief ein Anderer, „seit er den Goldbecher der Königin im Gewande birgt; hüte dich, Volkmar, unsicher ist ein Goldschatz dem fahrenden Mann, der über die Haide zieht."

.Molfgang ist dein Name," versetzte der Sänger, „und wie der Wolf gehst du selbst lauernd über die Haide; übel geziemt an der Bank des Königs dein neidvoller Blick auf der Herrin Geschenk."

Er nahm sein Saitenspiel zur Hand, rührte die Saiten und sang die Weise des Reigen. Da zuckte es den Männern in den Gliedern, sie schwenkten die Arme im Takte auf die Tafel und pochten mit den Füßen den Tritt; auch der König schlug mit der Hand auf den Deckel des Weinkrugs und nickte weinselig mit dem Haupte. Beim zweiten Vers .aber erhoben sich die methgefüllten Knaben, nur die Alten widerstanden und umklammerten mit der Hand fest das Trinkhorn, die Andern aber traten je zwei den Reigen in langer Kette um die Bänke herum, daß der Saal laut ertönte. Der König lachte. „Du weißt sie zu zwingen," rief er dem Sänger zu, „komm näher, Volkmar, du schlauzüngiger Mann, sitz neben mir, daß ich dir vertraulich meine Meinung künde. Ich war heut unwirsch, es war nicht böse gemeint, mir lag deine Botschaft schwer auf der Seele. Was aber den goldenen Becher betrifft, den die Königin dir gespendet, so war nicht unrecht, was mein alter Knabe dir sagte. Gold ist Herrenmetall und paßt nicht für den Reifesack eines mäßigen Mannes; du selbst singst ja, daß es den Mänern der Erde Unheil bereitet. Weise würdest du handeln, wenn du ganz in der Stille diese Beute mir aus gutem Herzen zurück in das Schatzhaus stelltest."

Gern hätte der Sänger sich das Prachtstück bewahrt und er antwortete: „Was das Auge des Herrn begehrt, schafft dem Diener kein Glück; doch bedenke, Herr, auch in des Königs Schatz wird zum Unsegen das Stück, an welchem Trauer und Neid der Menschen hängt, die es verloren."

„Darum sei außer Sorgen," versetzte der König schmeichelnd, „mir thut das nichts."

„Doch wenn die Herrin erfährt, daß ich ihr Geschenk so gering geachtet, mit Recht wird sie mir zürnen," sagte der Sänger.

„Sie kennt es kaum, Volkmar, glaube mir," fuhr der König überredend fort. „Ihr ist im Herzen ganz gleich, ob es Gold oder Kupfer ist. Wenn die Waldleute im Herbst ihre Pferde an meinen Hof senden, magst du dir ein gutes Roß aussuchen mit runden Hufen, und mein Kämmerer gibt dir ein schönes Gewand aus den Truhen, das wird dich stattlicher machen im Volk, als das runde Blech. Denn ich meine es gut mit dir, Volkmar, ich fürchte für dich den Neid meiner Knappen."

„Zuchtlose Worte hörte ich am Herd des Königs," versetzte der Sänger gekränkt.

„Trag sie nicht schwer, Volkmar," rieth der König begütigend, „es ist wahr, ihre Rede ist zuweilen wild und ich bändige mühsam ihre Gewaltthat; aber des Königs Kunst ist, Ieden zu gebrauchen in feiner Weise, sie thun als schnelle Königsboten um Gold und einen warmen Sitz an meiner Bank Alles was ich will und fragen nicht, ob die That blutig sei oder nicht. Wie kann ein König walten im Volk ohne solche Diener? Denn hochfahrend ist der Männer Sinn, Ieder will nur thun, was ihm beliebt, Ieder trotzt auf sein Recht und sucht sich Rache und Keiner fügt sich fremdem Willen. Ieder begehrt Kampf und Wunden zu eigenem Ruhm und ist eilig zu den Göttern hinaufzufahren. Ich meine auch zuletzt einmal einen Sitz zu fordern in der Götterhalle, jetzt aber möchte ich lieber auf der Männererde über gefügige Nacken blicken; und muß auch ich Männer wegschaffen aus dem Licht, weil sie schädlich sind, so sind es doch nur wenige; die andern aber auf ihrem Erbe zu erhalten, ist mein Vortheil und mein Ruhm, daran denke, Volkmar, weil du ein sinnvoller Mann bist. Trotzig ist das Volk und geschwollen sein Sinn, des Königs Sorge aber ist, für Alle zu bedenken, was dem Lande frommt. Darum schilt mir nicht meine Getreuen. Eö ist besser, sie üben zuweilen eine Noththat, als daß alle Andern Gewalt gegen einander sinnen und das Volk der Thüringe einem fremden Geschlecht Frondienst leiste."

Der Sänger schwieg. Der König fuhr schlau fort: „Der Wein hat mir das Herz geöffnet und ich will zu dir reden, wie zu einem Freunde. Sage an, wie man zu einem Bruder spricht, welch ein Mann ist der Fremdling? Ich möchte ihm gern trauen, aber er ist noch von der ungefügen Art, die sich rühmt, daß einst ein Gott in dem Ehebett ihrer Großmütter gelagert habe. Die Art ist wenig nütze auf der Männererde, ihr Blut ist schwarz geworden, wie alter Meth im »erpichten Kruge, sie schaffen schweren Rausch im Volke, sie geberden sich, als ob sie die Vettern des Kriegsgotts wären und betrachten aller Anderen Schicksal wie Spreu, die sie vor sich her blasen. Ist der Fremde ein solcher Gesell?"

„Mich dünkt, sein Muth ist fröhlich und sorglos sein Herz, nur daß ein schweres Schicksal auf ihm liegt," antwortete Volkmar.

„Wie hält er sich beim Becher?" frug der König, „ich lobe mir einen rothwangigen Knaben, dem der Trunk die Kehle öffnet."

„Er weiß fröhlich Gescheid zu geben bei Trank und Rede," versetzte der Sänger.

„Dann soll er mir willkommen sein an meiner Bank," rief der König und schlug auf seinen Trinkkrug. „Dich aber habe ich gewählt zum vertrauten Boten, daß du mir den Fremdling aus den Waldlauben in meine Burg schaffst; führe ihn vor mein Angesicht."

Volkmar erhob sich und stand überlegend: „Ich will dem Fremden deine Botschaft künden. Doch damit er den gewogenen Sinn meines Herrn erkenne, so flehe ich, daß mein König ihm zuvor Frieden gelobe und sicheres Geleit zum Hofe und vom Hofe, mein König und feine Knaben in der Halle."

,Was fällt dir ein, Sänger?" frug der König mit aus

Fl«,!»«, Weile. VIII. 5

brechendem Unwillen, „wie kann ich ein Gelöbniß geben dem Wildfremden, dessen Gesinnung ich nicht kenne!"

„Du willst doch, o Herr, daß er sich in deine Hand gebe. Leicht ist es, von einem Einzelnen den Schwur zu fordern. Mein Herr würde selbst den Fremdling für einen Thoren halten, wenn er sich unter die Knaben hierher wagte ohne Frieden."

„Was braucht mein König den fahrenden Mann zu solcher Botschaft?" rief Wolfgang, „er sende uns, wir bringen den Fremden auf seinen Füßen oder in seinem Schild, längst steht uns der Wunsch nach einer Reise in die Dörfer der frechen Bauern."

„Still," sagte der König, „eure grobe Zunge gebrauche ich jetzt nicht, wenn ich mit meinen Waldleuten handeln will. Volkmar soll mein Bote sein, denn heut ist der Tag guter Worte, kommt der Tag für harte That, dann rufe ich euch. — Du meinst also, er wird kein solcher Narr sein?" frug er lauernd und aus den schwimmenden Augen brach ein heißer Blick, wie der Feuerstrahl aus einer Dampfwolke, aber er bezwang sich und fuhr gemüthlich fort:

„Wohlan, ich will ihm Alles geloben. Und ihr schweigt dort!" gebot er seine Stimme erhebend in den Lärm seiner Mannen. „Tretet heran und gelobt in meine Hand Frieden für Ingo, Ingberts Sohn, zum Hofe, am Hofe und vom Hofe." Die Männer thaten den Schwur. „Und jetzt, Sänger," schloß der König drohend, „lege ich dir auf deine Seele, daß du ihn herführst ohne Verzug."

„Ich bin nur dein Bote, Herr, nicht vermag ich ihn zu zwingen."

„Bedenke dein eigenes Heil, Volkmar," rief der König und hob die Faust in die Höhe. „Leid wäre dir, wenn du in Zukunft die Vatererde meiden müßtest."

„Ich will mich halten als ein treuer Bote." antwortete der Sänger ernst.

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