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Wirth zu fragen. Ist es dem Fremdling nur um kurze Ruhe und Gemach zu thun, dann braucht's nicht der Berathung. Will er die Tage seiner Zukunft in dem Volk beschließen, seinen Saal sich zimmern auf unserm Boden, dann mögen wir nicht nur das Heil des Fremden, auch das unsere klug bedenken."

„Du mahnst mit Grund," versetzte ernst der Fürst, „und doch muß ich deiner Rede die Antwort weigern; du selbst weißt, nicht ziemt dem Wirth, die Stunde der Abfahrt aus dem Gast zu spähen, und dürfte ich's, hier würde ich es nimmer thun, denn aus dem Elend kommt der edle Mann, er selbst weiß nicht, ob die Heimkehr ihm bald, oder ob sie ihm niemals vergönnt ist."

Wieder hob sich Rothari, der ungefüge Mann, und sprach im Zorn: „Was soll das Markten mit der Zeit, wir Thüringe, wenn wir die Herzen öffnen, thun's nicht auf Zeit. Gebt ihm das Gastrecht in dem Volk und macht ein Ende."

Laut riefen die Männer Beifall und sprangen von ihren Sitzen. Da trat Sintram in die Mitte des Kreises und rief mit scharfer Summe in die aufgeregte Menge: „Sieh zu, Fürst, daß nicht die Führer unseres Gaues wie Knaben hinter dem bunten Vogel hinabspringen in unerforschte Kluft; ich fordere Schweigen, wenig ist noch bedacht, was unserem Heile frommt."

Der Fürst winkte mit seinem Stabe, unwillig setzten sich die Männer, und erhoben drohendes Gemurmel gegen Sintram; aber ungerührt fuhr er fort: „Mächtig bist du, o Fürst, nnd scharf ist das Eisen der Landgenossen, aber Thüringe sind wir und ein König waltet über uns, es ziemt, daß der König den, fremden Königsohne Gastrecht gebe, nicht wir." „König Bisino, König Blaubeere?" schrieen zornige Stimmen. „Will Sintram, daß ein Bote des Königs die Gelübde vorspreche, die wir am Herdfeuer fagen follen?" rief ein sinsterer Thüring.

„Der König ist der oberste Herr," sprach Herr Answald bedächtig, „im Rath des Volkes soll sein Name mit Scheu genannt werden."

„Wohl weiß ich," rief der beharrliche Sintram den Drohenden entgegen, „daß wir den König nicht fragen, wenn ein wegemüder Mann, dessen Name Niemand gehört hat, an unserer Bank niedersitzt; der aber jetzt gekommen, ist ein ruchbarer Krieger, ein Römerfeind. Wir kennen nicht des Königs Sinn, ob ihm der Fremde nütze oder schade, und ob er, der des Volkes Frieden bedenkt, unser Gastrecht lobe oder schelte."

Da erhob sich Turibert, der Opferpriester, der zur Rechten des Fürsten saß, und begann mit lauter Stimme, die mächtig unter dem Balkendach tönte: „Du fragst, ob der König uns huldreich zunicken wird oder sein Antlitz zornig abwenden? Ich schelte deine Sorge nicht, Mancher frägt ja, wie der Hase läuft und was der Uhu schreit. Ich aber künde euch, was Männern kundbar ist auch ohne Vorzeichen. Die Menschengötter haben uns als Gesetz geweiht, daß wir dem schuldlosen Fremdling Erde gönnen und Wasser, Luft und Licht. Zürnt der König, weil wir uns ehrlich halten gegen einen Bittenden, wir müssen's tragen, denn schwerer ist der Götter Zorn als Königs Grimm. Ist jener Mann euch Feind, weil er Römer fällte, so löscht sogleich die Herdflamme, an der er niedersitzt, und führt ihn aufwärts über den Grenzwald. Doch daß er vielleicht leidig werden könnte, vielleicht auch nicht, das zu bedenken ist nicht Landesbrauch und nicht Befehl der Götter."

„Hört auf sein Wort," begann aufs neue Isanbart. „Ich sah meine Söhne fallen im Schlachtendrang, auch meine Enkel sind geschwunden von der Männererde, ich weiß nicht, warum ich zurückgeblieben bin in dem Kampf zwischen Nacht und Tag, zwischen Sommer und Winter und zwischen Liebe und Zorn in den Seelen der Männer. Vielleicht aber bewahrten mich die Gewaltigen hier, damit ich den Iüngeren Bericht gebe von dem Schicksal ihrer Väter. In der Vorzeit, so sagten mir die Alten, bauten alle Thüringe auf ihren Fluren als freie Männer, in Eidgenossenschaft der Gaue. Aber Zwietracht kam in das Volk, die in de n Nordgauen kämpften sieglos gegen das Messer der Sachsen. Da kürten die Nordgaue sich einen König, sie richteten den hohen Stuhl auf und legten die Stirnbinde um das Haupt eines Helden, dessen Kriegsruhm kundbar war. Und ein Herrengeschlecht wurde mächtig, es baute aus dem Gestein der Ebene sich eine Steinburg und sammelte Krieger des Volkes in den Mauern. Unsere Vorfahren aber, die Waldmänner, saßen unbotmäßig auf dem Erbe der Väter, unduldsam gegen die Königsherrschaft. Lange währte der Streit unseres Gaus mit den Königsmannen. Wenn des Königs Schaar gegen unfern Grenzzaun zog, dann trieben wir die Herden in de n Laubwald und sahen sinster zu, wie die Thalleute unsere Höfe in Flammen setzten. Wir sammelten uns hinter dem Verhau und zählten die Tage, bis wir Vergeltung übten an Herden und Kriegern des Königs. Endlich bot der König gütlichen Vergleich. Ich war ein Knabe, als unsere Gauleute zuerst de n Nacken beugten vor des Königs rother Binde. Seitdem sandten wir unsere jungen Männer in seine Kriege, dafür zogen die Königsmannen in unsere Reihen, wenn unser Gau mit den Gemeinden der Katten in Krieg gerieth. Ungeduldig ertrugen die Könige unsere laue Huldigung, oft haben ihre Boten versucht, unsere Herden zu schätzen und die Garben unseres Ackers zu zählen, mehr als einmal ist bei euren Lebzeiten die Fehde mit den Leuten des Königs entbrannt. Gemeinsamer Vortheil zwang wieder zum Frieden, aber neidisch spähen die Berather des Königs von de n Zinnen der Burg nach unserm freien Wald. Ietzt leben wir noch unversehrt; Ring und Gewand kommen aus der Königsburg an die Leiber unserer Edlen und lauter Gruß empfängt unsere Gaugenossen in der Königshalle. Dennoch warne ich, daß wir nicht fügsam uns gewöhnen an Herrendienst, daß wir nicht fragen und König Bisino nicht Antwort sende, daß wir nicht bitten und ein Herr uns Gnade gewähre. Denn jeder Vorwand die Macht zu zeigen ist am Königshofe willkommen. Ob den Königsleuten der fremde Mann lieb oder leid fei: wenn wir sie fragen, uns schaffen sie Leid. Fragen wir jetzt wegen des Gastrechtes und erbitten Gewahr, so trägt uns morgen ein Königsbote Befehle zu. Darum däucht mir besser, wir bleiben, so wie wir zuvor gewesen. Den Gast zu befrieden ist unser Hausrecht, nicht Recht des Königs. So sei es geendet. Da ich ein Mann war in der besten Kraft, da ward ich dem Vater unseres Wirths ein Reisegenosse, ich stand im Kampf an der Schwertseite jenes Helden, dessen Sohn jetzt an unserm Herde harrt. Ein milder Mann, hochmuthig und stark war der Vater und ich sehe, der Sohn ist von gleichem Schlag. Als ich den jungen Helden jüngst beim Spiele fand, da wurde wieder Traum aus alter Zeit lebendig, ein Freundesauge fah ich, nicht das eines Fremden, die Hand des Königs, die ich einst in der Fremde berührt, ich hielt sie aufs neue; und darum möchte ich ihm werben die Neigung des Volks, den Sitz an unserer Bauk." Der Greis setzte sich langsam nieder, aber um den Herd scholl lauter Ruf, die Schwerter rasselten in den Scheiden: „Heil Isanbart, Ingo Heil! Wir geben ihm das Gastrecht!" Der Fürst erhob sich und schloß die Berathung: „Ich danke den Freunden und Landgenossen. Was hier verhandelt wurde, sei gesprochen und abgethan, und Keiner trage dem Andern Groll nach um verklungenes Wort; denn den Häuptern des Volkes ziemt einmüthiger Beschluß, damit im Ring der Landgemeinde nicht Zweifel und Zwist den Frieden störe."

Herr Answald ging von Mann zu Mann und nahm von Iedem darüber den Handschlag, auch Sintram schlug ein und lächelte vertraulich, als der Fürst ihn ansah. Rothari aber schlug ein, daß es schallte, und rief dabei: „Mich freut's," und bei den Worten des rührigen Mannes ging ein Lächeln über die ernsten Gesichter. Der Sprecher öffnete die Thür und die Helden schritten würdig aus dem Hose auf die Wiefe, wo der Ring der Landgenossen versammelt war. Dort wurde durch Zuruf der Menge dem Fremden das Gastrecht des Volkes ertheilt, sie luden ihn in den Ring, und geleiteten ihn darauf nach heiligem Brauch zu dem großen Herdkessel des Fürsten, Ueber dem Kessel sprachen die Häupter des Volkes und Ingo einander den Eidschwur.

Der Fürst aber begann zu dem Gaste: „Beschworen ist das Bündniß und ein Haus in meinem Hofe wird dir, Held Ingo, bereitet, damit du darin Gemach habest, solange es dir gefällt. Du selbst aber bestelle dir den Kämmerer; wähle dir unter meinen Bankgenossen einen, welcher dir behagt, nur Hildebrand, den Sprecher, und Theodulf, der selbst von edlem Geschlechte ist, möchte ich ungern entbehren. Die Anderen werden jeder für ehrenwerth erachten, dir den Treueid in die Hand zu legen und deinen Schritten zu folgen, solange du unter uns weilst, zumal, wenn sie erfahren, daß es mir lieb ist." Da trat Ingo zu Wolf und sprach: „Der Erste warst du, der dem Fremdling an der Landesmark Brot und Salz bot, und freundlich hast du seither dich erwiesen. Willst du es wagen, Genosse eines Verbannten zu sein? Keine andere Schatzkammer habe ich als Wald und Haide, wenn der Fürst mir gestattet dort Beute zu suchen, und die Walstatt mit den Armringen erschlagener Feinde. Einem armen Herrn wirst du folgen und keinen andern Lohn vermag ich dir zu bietm als guten Sinn und treue Hilfe mit Speer und Schild." Wolf antwortete: „Lehre mich, o Herr, deine Kunst in der Feldschlacht zu stehen, dann bin ich sicher Goldschatz zu erwerben, wenn die Götter mir gestatten, daß ich im Kampfe dauere. Doch laden sie dich zu ihrer Halle, so weiß ich, daß auch mir der Weg ruhmvoll sein wird, auf dem ich dir folge." Dies sprach er und gelobte sich dem Gaste in seine Hand.

Auch Theodulf hatte die Versöhnung mit Ingo gesucht. Noch am Abend des Gastmahls, als der Fürst den Helden zum Ehrensitz geleitete, war Sintram, mit andern Männern

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