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getümmel nachzuziehen. Sehr gewandelt sind meine Gedanken und der Muth wird mir schwer bedrückt, weil ich ein unstäter Mann bin, denn sonst kümmerte mich mein Schicksal nicht sehr, meinem Arm vertraute ich und einem günstigen Gott, der den Verbannten vielleicht dereinst in die alte Heimat zurückrufen würde. Jetzt aber sehe ich. daß ich dahinfahre wie dieses Fichtenreis auf seiner Scholle über die rinnende Fluth." Er wies auf einen jungen Fichtenbaum, der vom Bergwasser mit Moos und Erde losgerissen war von seinem Standort und aufrecht durch die Wasserwirbel dahinfuhr. „Kleiner wird die Scholle," sagte Ingo ernsthaft, „die Erde bröckelt ab, zuletzt vergeht er zwischen den Steinen." Irmgard erhob sich und folgte mit gespanntem Blick der Bahn des wilden Strauches; er fuhr thalab, drehte sich im Strudel und schnellte vorwärts, bis er zwischen Nebel und Fluth fast unsichtbar wurde. „Er steht," rief sie endlich frohlockend und sprang am Bach hinab der Stelle zu, wo der Baum an einer vorspringenden Landzunge haftete. „Sieh her," rief sie dem Mann, „hier grünt er an unserm Ufer, wohl möglich ist es, daß er fest an das Land wächst."

„Du aber," rief Ingo hingerissen, „sage mir, ob dir das lieb wäre."'

Irmgard schwieg.

Da brach über der Wolkenwand die Sonne hervor, ihre Strahlen verklärten die helle Gestalt der Iungfrau, Has Haar glänzte wie Gold um Haupt und Schultern, während sie mit niedergeschlagenen Augen, die Wangen geröthet, vor dem Manne stand. Ihm hob sich das Herz in Freude und Liebe, ehrfürchtig trat er an sie heran, sie blieb wie festgebannt, regte leise die Hand zur Abwehr und murmelte bittend: „Die liebe Sonne sieht's." Er aber küßte sie herzlich und rief der lachenden Sonne zu: „Sei gegrüßt, milde Herrin des Tages, sei uns gnädig und bewahre vertraulich was du schaust." Er küßte sie wieder und fühlte ihren warmen Mund gegen den seinen. Doch da er sie umschlingen wollte, hob Irmgard den Arm, sie sah ihn mit heißer Liebe an, aber ihre Wange war erblichen und sie wies ihn mit einer Handbewegung aufwärts nach den Bergen. Er gehorchte und sprang von ihr, und als er sich rückwärtsschauend nach ihr wandte, hatte die Lichtumflossene sich vor dem Bäumchen auf die Knie geworfen und hielt die Arme flehend zum Himmelsschem empor.

An demselben Morgen gesellten sich die Edeln und Weisen, Führer der Gemeinden und bewährte Krieger im Hause des Herrn Answald, und saßen nieder auf den Sesseln, die ihnen zu beiden Seiten des Herdes gereiht waren. In der Mitte nahm der Wirth seinen Sitz, hinter seinem Stuhle stand Theodulf. Der Sprecher schloß die Thür und der Fürst sprach zu der Versammlung: „In mein Haus ist gekommen Ingo, König Ingberts Sohn, durch Gastfreundschaft mir verbunden von den Vätern her. Heut begehre ich für ihn das Gastrecht des Volkes, damit er sicher sei nicht allein in meinem Hause, auch in eurem Lande vor Feinden aus der Fremde und im Volke, daß er Recht sinde gegen Missethäter und Schutz durch die Waffen der Nachbarn gegen Ieden, der ihm feindlich trachtet nach Ehre und Leben. Als Bittender steh' ich vor euch für den werthen Mann, bei euch steht es zu geben oder zu weigern." Nach den Worten entstand tiefe Stille; endlich erhob sich Isanbart, lang hing ihm das schneeweiße Haar um das narbige Antlitz, die hohe Gestalt stützte sich auf den Stab, aber kräftig tönte die Stimme des Greises und achtungsvoll lauschten die Männer: „Dir, Fürst, ziemt es zu sprechen, wie du gethan. Wir sind gewöhnt, daß du dem Volke gibst, und wenn du von dem Volke bittest, so sind unsere Herzen bereit zur Gewährung. Ruhmvoll ist der Mann, und daß er selbst es ist, und nicht ein lügender Landfahrer, dafür bürgt das Lied des Sängers, ein gastliches Zeichen, das er mit seinem Wirthe verglichen hat und über dem anderen seine Würde in Antlitz und Gliedern. Aber wir sind zu Wächtern bestellt über das Wohl von Vielen, und zur Vorsicht mahnt die sorgliche Zeit, deshalb ziemt uns ernste Berathung und Ausgleich der Meinungen, welche etwa die Helden des Volks zwiespältig scheiden."

Er setzte sich und die Nachbarn nickten ihm ehrfürchtig zu. Aber heftig erhob sich Rothari, ein Edler aus altem Herrengeschlecht, ein dicker Mann mit rothem Antlitz und rothlichem Haar, ein rühmlicher Zecher, auch wacker im Männerkampf und lustig im Reigen, ihn nannten die Knaben im Spott König Bausback: „Ein Rath am Morgen soll wie ein Frühtrunk sein, kurz und kräftig. Ich meine, hier braucht es nicht lange Erwägung, wir haben ihm neulich beim Weintrunk Heil gerufen, wir werden ihm heute nicht Wasser in seinen Krug schütten, er ist ein Held der zwei gute Bürgen hat, das Lied des Sängers und unser Wohlgefallen, das ist mir genug, ich gebe ihm mit meiner Stimme das Gastrecht."

Die Alten lächelten über den Eifer des Treuen und die Iüngeren riefen ihm Beifall zu, da stand Sintram auf, Theodulfs Oheim, ein Mann ohne Brauen, mit bleichem Auge und hagerem Gesicht, ein harter Wirth, gefährlich seinen Feinden, doch von klugem Rath und angesehen am Hofe des Königs. „Du, o Fürst, bist ihm huldreich gesinnt und er selbst verdient es, so sagt ihr; das gibt auch mir die Richtung für meinen Wunsch und willig würde ich ihn als Gast begrüßen, wie wir zuweilen dem fremden Wanderer thun, dessen Lob nicht der Mund des Sängers verkündet. Doch ein Zweifel bändigt mir den Wunsch in der Brust und ich frage: kommt er als unser Freund aus der Fremde? Nicht alle jungen Krieger des Gaues hausen auf der Heimaterde, ich denke auch derer, die nach Ruhm und Glück auswärts zogen. Wer von unfern Blutgenossen hat mit den Alemannen gefochten? Ich weiß Keinen. Im Heere der Römer aber stehen kühne Schwertträger unserer Verwandtschaft, sind diese dem Fremden feind, wie dürfen wir uns seine Freunde nennen? Sind sie gefallen, so schallt in nnsern Dörfern die Totenklage; wer hat sie gefällt? Vielleicht

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der schlachtenkühne Mann, der sich ja selbst beim Mahl dessen rühmte. Wie dürfen wir Gastrecht dem Feinde bieten, der feindlich unser Blut vergossen? Nicht weiß ich, ob er's that, doch wenn er es nicht that, so war's ein Zufall, seine Absicht war's, da er für den König Athanarich stritt. Im Römerheer höre ich rühmt man, daß der Cäsar seine Siege allein den Volksgenossen verdankt, welche unsere Sprache reden; wie Riesen stehen die rothwangigen Söhne unseres Landes über den schwarzäugigen Fremden. Der Cäsar lohnt ihnen durch Armringe und Ehren, durch die höchsten Aemter. Fragt nach einem gewaltigen Knegsmann und stolzen Herrn in Rom, dann sagen die römischen Händler mit neidischem Mick: Germanenblut sind sie. Wo soll unsere Iugeud des Krieges Ehre sinden und Liebe bei den Göttern, wenn friedlich im Lande die Waffen rosten? Die Ueberkraft unserer Gaue — wohin soll sie ziehen, damit die Brüder daheim das Erbe genießen, wenn nicht der Cäsar sein Schatzhaus den Wandrern öffnet? Darum sage ich, nützlich ist uns sein Reich, und wer gegen ihn kämpft, steht auch gegen unsern Vortheil. Sehet zu, daß der Fremde unseren Männern nicht den Pfad sperre, welcher hochsinnige Helden zu Goldschatz und Ehre führt."

Finster saßen die Männer, ihnen war zur Trauer, daß er Wahrheit sprach. Doch das Schweigen brach Bero, der Vater Frida's, ein hartknochiger Bauer aus dem freien Moor, die buschigen Brauen zog er mißvergnügt zusammen: „Du sandtest den Bruder ins Heer der Römer," sprach er rauhstimmig und langsam, „du sitzest gemächlich auf seinem Erbe, mich wundert nicht, daß du die fremde Brut lobst. Der Bauer aber freut sich nicht der trotzigen Gesellen, die von ihrer Speerreise aus dem Römerland heimkehren, denn üble Landgenossen werden sie, Verächter unserer Sitte, Prahler und Lungerer. Darum sage ich, ein Unheil sind die Römerfahrten unserem Volke. Ziehen unsere jungen Krieger in den Lagerdienst des fremden Feldherrn, sie thun's auf eigene Gefahr, nicht hat das Volk sie dazu erkoren und geweiht. Ich rühme mir seßhaftes Hauseu daheim, ehrlichen Abschlag und darauf ehrlichen Frieden mit den Nachbarn, welche meine Götter und meine Sprache ehren. Ietzt haben wir Frieden mit Iedermann, kommt heut ein Alemanne an unfern Herd, ein wackerer Gesell, wir lagern ihn am Feuer, kommt morgen ein Römerkrieger, der uns ehrlich dünkt, wir thun vielleicht dasselbe. Beide müssen sie bescheiden leben nach unserem Recht und mögen sie einer dem andern die Luft und des Herdes Flamme nicht gönnen, so laßt sie ihre Schwerter nehmen und außerhalb des Dorfzaunes ihren Streit auskämpfen. Die Schläge sind ihre Sorge, nicht unsere. Darum spreche ich so, hier ist ein heldenhafter Mann, ob Römer, ob Vandale, er fei willkommen an unserer Bank, die Hauswirthe bleiben wir und bändigen ihn, wenn er des Landes Frieden stört."

Er sprach's und setzte sich trotzig auf seinen Schemel, beistimmend murmelten die Alten. Da erhob sich Albwin, ein edler Mann; sie sagten, daß ein Hausgeist im Balkendach seines Hofes wohne feit der Väterzeit und in der Nacht die Kinder des Geschlechtes wiege, und daß diese darum nicht zu dem Himmel wüchsen, wie die anderen Menschen; denn zierlich und klein waren Alle seines Blutes, doch artig von Geberden und guter Worte mächtig. Und er sprach: „Vielleicht vermagst du selbst, o Fürst, die Meinung der Herren und Nachbarn zu versöhnen; sie Alle gönnen das Beste dem Helden, der aus dem Kriege zu deinem Herde kam. Sie sorgen nur, daß er vielleicht einst die Landgenossen durch sein Schicksal beschwere. Denn es ist erlauchtem Mann eigen, nicht träg unterm Dach des Wirthes zu liegen, er fammelt sich Anhang und schafft sich Gegner; je größer eines Mannes Ruf das Land durchdringt, desto gewaltiger zieht er die Genossen in seine Wege. Wir sind nicht so karg, daß wir die Tage zählen, während denen wir einen Wanderer in der Halle bergen, doch kennen wir des Helden Meinung nicht; und darum sei es mir vergönnt, den

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