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Graf Gerold trat auf die Schwelle. „Ich rufe dich, Ingram," redete er den Auffahrenden an, „du magst dein Haupt wieder frei tragen im Volke. Unter den Linden haben sie dir den Frieden zurückgegeben, wenn du die Buße bezahlst in Viehhäuptern oder in Land, und die Schatzung war mäßig. Weißt du es noch nicht, so vernimm auch dies: auf dem Rennwege hinter dem Hügel des Donnerers haben deine Landgenossen den flüchtigen Haufen der Räuber erreicht, nur wenige Sorben sind entronnen; diese Kunde soll dir tröstlich sein. Ich aber komme selbst, dich zum Kriegsgesellen zu werben. Zu Rosse, Held, in wenigen Tagen reiten wir über die Saale." Mit kurzem Gruß verließ er die Hütte.

Als Ingram hinter ihm ins Freie trat und das Haupt zum Sonnenlicht hob, fühlte er sich leise angefaßt. „Ietzt bist du ganz mein," rief Walburg in seiner Umarmung. Da berührten ihre Finger das Lederband, welches er am Halse trug, sie trat ängstlich zurück: „Ingram, du trägst noch bei dir, was von den Unholden kommt."

„Die Gabe meiner Ahnen meinst du," versetzte der Mann betroffen, „wie darf ich sie verachten!"

„Bedenke, Geliebter, vieles Unheil hat dir der Zauber gebracht, wer weiß, wie sehr er dir noch den Sinn verwandelt, wenn du ihn bewahrst."

„So wie du, warnte einst ein Anderer," erwiederte Ingram, „und ich fürchte, ich habe zu viel auf das Erbstück getraut. Ich will es abthun, du aber magst es verwahren."

„Nicht ich und kein Anderer," rief Walburg, „nur Einer soll darüber entscheiden, und das ist Herr Winfried selbst."

„Willst du mich vor die Augen des Bischofs führen?" frug Ingram unruhig.

„Merke wohl, Ingram," mahnte Walburg, „wie das Zauberstück dich von dem Bischof fern halten will."

Er löste den Riemen und bot ihr die Tasche; sie warf ein Tuch über das Bündel, segnete sich und griff darnach. „Und jetzt fort von hier zu ihm. Beuge dich, Ingram," bat sie den Zögernden, „denn um Gnade sollst du werben bei Einem, der stärker ist als du." Voll Mitleid und Zärtlichkeit sah sie ihn an, vergaß einen Augenblick das Teufelswerk in ihrer Hand und küßte ihn, dann zog sie ihn hastig mit sich fort.

In seiner Kammer saß der Bischof allein, als Walburg eintrat, den Geliebten nach sich ziehend. „Kommst du endlich, Ingram," sprach Winfried aufsehend, „lange habe ich dich erwartet und theuren Preis haben wir beide gezahlt, bis du den Weg zu mir fandest."

„Ein Zauber, den die heidnische Schicksalsfrau gebunden, liegt in dem Erbe feiner Ahnen und erbittert ihm seinen redlichen Sinn," klagte Walburg. „Löse du ihn von der Macht der Unholden."

,,Die Gnade des Himmelsherrn soll dich befreien, Ingram, und der Kampf, den du selbst durchkämpfest, solange du auf der Erde weilst. Wo ist der Zauber, der euch ängstigt?"

„Hier liegt das Grauwerk unter weißem Tuch," fagte Walburg und legte das Bündel scheu auf den Holzstoß am Herde. Winfried wandte sich und sprach sein Gebet, dann faßte er nach dem geweihten Wasser, das im Becken bei der Stubenthür stand, besprengte das Tuch und seinen Tisch und zog das Erbstück des Teufels hervor. Es war eine kleine Tasche aus abgestoßenem wolligem Fell von vielen verknoteten Fäden umschlungen. Winfried öffnete weit den Fensterladen und die Thür, dann machte er über fein Messer das heilige Zeichen, schnitt kräftig durch Faden und Leder und suchte den Inhalt. Staub und vertrocknete Kräuter sielen ihm in die Hand, dazwischen ein neues Bündel von rother Farbe; er rollte es auseinander und trat zurück. Vor ihm lag von Seidenstoff, dicht wie Filz gewirkt, mit Goldfäden gestickt ein Bild gleich dem Haupt des Wurms, den man Drachen nennt. Von hellem Gold glänzten die Augen, um den aufgesperrten Rachen standen die goldenen Zähne, aus ihm ragte wie ein Pfeil die rothe Zunge.

„Schwerlich vermag menschliche Kunst solch teuflisches Vild zu schaffen," rief Winfried erstaunt und hielt das Holzkrenz über den Drachenkopf. „Wirf Holz auf die Herdkohlen, Iungfrau, in der Flamme des Christenherdes bergen wir das Heideubild; verschwinden soll es aus dem Angesicht der Menschen, denn wie lebendig glänzt das Auge und leckt die Zunge."

Das Herdholz knisterte, die Flamme hob sich hoch über den Kohlen, Winfried trug vorsichtig die Tasche, die zerfallenden Kräuter, zuletzt das Drachenhaupt zu dem Feuer und stieß sie mit dem Eisen kräftig hinein. Ein dicker Rauch, gelblich und weiß, wirbelte auf, er stieg hoch bis zum Herdloch der Decke und wand sich um die Dachbalken. Ingram lag an der Thür auf den Knien. „Bitter ist mir von meinen Ahnen zu scheiden," seufzte er. Aber über seinem Haupt hielt Walburg die Hände gefaltet und sah verklärt auf Winfried, der vor dem Herde stand, das Kreuz hoch hebend, bis die letzten Wirbel des Dampfes durch das Dach entschwebt waren. Darauf trat er zu Ingram: „Bereite deine Seele, damit du ein treuer Mann des Christengottes werdest und deinen Sitz gewinnest in der Hochburg des Himmels. Als eine Gabe, welche der Himmelsherr dir durch mich bietet, empfange dies geweihte Gewand, das du tragen sollst, wenn du zum Taufstein trittst und dich gelobst dem ewigen Gotte."

Auf der Brandstätte des Hofes, in welchem einst die Raben gekrächzt hatten, erhob sich eine Kirche und vom Thurmgerüst klang die Glocke der Christen. Wenige Wegstunden davon, nahe dem großen Markt der Thüringe, stand der neue Hof Ingrams und die Halle, welche er gebaut hatte. Bald wuchs um den Hof ein ansehnliches Dorf, welches noch in späten Geschlechtern das Erbgut des Ingram genannt wurde. Im ganzen Lande rühmten die Leute sein Glück und seine Hausfrau, welche ihm den Hof mit einer Schaar blondlockiger Kinder füllte, die gastliche Halle und daneben auch die Zucht seiner Kriegsrosse, der Rabenkinder. Er war als Kriegsheld gefeiert bis weit im Osten der Saale, in den Grenzkriegen ein Schrecken der Feinde, eine starke Hilfe der fränkischen Grafen. Mehr als einmal wurde er zu dem Hofe der großen Frankenherren gesandt, dort fand er immer Gunst und er merkte wohl, daß er dort seinen stillen Fürsprech hatte. Als endlich König Pippin, der Sohn des erlauchten Herrn Karl, selbst nach Thüringen kam, um ein Heer gegen Sachsen und Wenden zu führen, da ritt Ingram in seinem Gefolge und der König ehrte sein tapferes Schwert durch Lob und Begabung. So oft Winfried von seinem erzbischöflichen Sitze zu Mainz nach Thüringen fuhr, zog Ingram bis an die Landesgrenze, den großen Kirchenfürsten zu begrüßen, alle seine Knaben taufte der Erzbischof selbst und empsing jedes Iahr von der Hausfrau Weben der feinsten Leinwand, die auf den Webstühlen des Hofes gefertigt wurde. Stets war der Bischof mild gegen Ingram und freundlicher als gegen Andere, und er war bemüht vor den Leuten zu erweisen, wie hoch er den Helden achte. Nur betrat er nie die Schwelle des Treuen, um gastlich darin auszuruhen, obwohl Frau Walburg zuweilen mit Thränen darum flehte; aber ihre Knaben liebkoste er und nie vergaß er bei seiner Ankunft im Lande ihr selbst eine Spende zu bringen.

Dreißig Iahre waren vergangen seit der ersten Fahrt, die Winfried in das Land der Thüringe gewagt hatte. Neben Ingram standen drei Söhne und drei Töchter in blühender Iugend; der älteste Sohn, das Ebenbild des Vaters, war bereits ein erprobter Krieger, der in gesondertem Hofe herrschte, auch der zweite bändigte die wildesten Rosse und harrte ungeduldig seiner ersten Kriegsreise; der jüngste, Gottfried, war nach dem Willen der Eltern der Kirche bestimmt und fröhlich fang seine Kinderstimme die lateinischen Hymnen, welche ihn fromme Väter als Gäste der Eltern gelehrt hatten. Und Wolfram, der Meister des Hofes, welcher die Hintersassen seines Herrn wohlmeinend regierte, sprach zu Gertrud, seiner Frau: „Sehr mächtig ist der Zauber, welcher in den neuen Christeunamen wirkt," dabei schlug er mit Anstrengung sein Kreuz, „unser Gott fordert den jüngsten Herrensohn für seinen Dienst und es nützt nichts, ihm zu widerstreben. Vergebens habe ich dem Knaben Wolfshaare in die Iacke genäht und drei Rabenfedern in seinen Pfühl gesteckt, vergebens lehrte ich ihn auch mit dem Bogen schießen und die Keule weifen, der unkriegerische Name Gottfried zwingt ihn übermächtig. Ich hoffe, er wird wenigstens ein Bischof, der doch den Andern, welche geschorenes Haar tragen, gebietet und den Ehrensitz an der Tafel erhält."

Mehre Iahre war der große Erzbischof nicht nach Thüringen gekommen und seine Treuen vernahmen aus Mainz die Kunde, daß er zuweile n die Beschwerden des Alters fühle und daß ihre Augen ihn wohl nimmermehr schauen würden, da bat Walburg den Gemahl, daß er bei seiner nächsten Fahrt zum Königshofe sie und die Söhne nach Mainz geleiten möge, damit sie alle noch einmal den Segen des Heiligen empsingen und der junge Gottfried durch ihn für die Kirche geweiht würde.

Gerade damals waren die Heiden an der Nordgrenze in die Christenheit eingebrochen, hatten dreißig Kirchen zerstört, die Männer erschlagen, Weiber und Kinder fortgetrieben. Da war der greise Erzbischof selbst zu der Grenze geeilt, er hatte mitgenommen, was der Schatz seines Bisthums gewähren konnte, um die Gefangenen loszukaufen und die zerstörten Gotteshäuser aufzubauen. Ein halbes Iahr war er von Mainz abwesend gewesen, den Schaden zu bessern und die Grenzleute in Glauben und Eintracht zu stärken.

Ietzt war er zurückgekehrt. Während sein Gefolge im Hofe sich der Heimat freute, betrat Bischof Lullus, ein vertrauter Schüler, das Gemach des Erzbischofs; leise schob er den Vor» hang der Thür zurück und trat mit frommem Gruße ein. Winfried saß im Lehnstuhl, in seinem Schoße lagen aufgerollte Briefe, er aber blickte starr durch den Fensterbogen in das

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