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durch die Thüringe seinem Feinde zu, indem er mit Ruf und Handbewegung seine Landsleute zwischen den Häuptling und die Sorbenschaar trieb. Ratiz sah das glühende Auge und das flatternde Haar des grimmigen Gegners vor sich, in seiner Hand die geschwungene Keule und er hörte über sich die dröhnende Stimme des Christengottes, da stieß er einen Fluch aus und sprengte in den Wald, Ingram folgte ihm. Bald jagte dieser allein hinter dem Häuptling über Baumwurzeln, Wasserrinnen und Steinblöcke den schmalen Grund hinauf, der zum Rennweg führte. Mehr als einmal versuchte der Sorbe die Wendung, um seinen Gegner mit dem Kmmmschwert anzufallen, aber nirgend bot der Pfad festen Anritt und immer noch tönte über ihm der unheimliche Schlachtgesang in den Lüften. In der wüthenden Iagd zuckte durch die Seele Ingrams wie Wetterschein die Freude, daß der Rabe so trefflich lief, und er merkte erstaunt, daß auch er wieder auf einem guten Roß feines eigenen Stalles saß, welches von dem Raben nicht lassen wollte, obgleich es ihm näher zu kommen nicht vermochte. Er stieß einen scharfen zischenden Ruf aus und der Rabe hielt an und bäumte. Wüthend trieb und peitschte der Sorbe, und stöhnend gehorchte das edle Roß seinem Reiter, aber der Verfolger flog näher heran. Zum zweiten Mal schrie Ingram, zum zweiten Mal bäumte das Roß des Sorben, noch einmal gelang es diesem, das blutende und schäumende Thier vorwärts zu treiben. Als aber zum dritten Mal der Rabe sich steil erhob, feinen Reiter zu weifen, glitt der Sorbe herab und schnell wie der Blitz fuhr sein Stahl in den Leib des Rosses. Laut schrie Ingram und ein höhnendes Lachen antwortete, der Sorbe sprang der steilen Höhe zu. Im nächsten Augenblick flog die Keule und Ratiz sank zu Boden.

Ingram schwang sich vom Rosse, ergriff die Waffe und ein zweiter Schlag traf den Liegenden, der solcher Nachhilfe nicht mehr bedurfte. Der Sieger löste dem Toten das Krummschwert von der Seite und riß die Adlerfedern von der zerschlagenm Helmkappe. Dann warf er sich zu Boden und umsing den Hals des Raben, der ihn sterbend mit treuen Augen ansah. Als Ingram sich erhob, schleuderte er noch einen wilden Blick auf seinen Feind, der obgleich erschlagen doch dalag wie ein Herr der Männererde, die Faust geballt, die Glieder im Sprunge zusammengezogen; und er sah noch einmal über das tote Thier, welches einst die Glieder so edel bewegt hatte, und jetzt nichts war als ein unförmliches Stück Erde. Dann sing er sein Roß und ritt langsam der Heimat zu. Der scharfe Grimm, welcher ihn seither wild umhergetrieben hatte, war plötzlich geschwunden und er gedachte ganz ruhig seiner Fahrt zu den Sorben wie einer alten Sage. Da vernahm er um sich ein leises Tönen und Worte einer sanften Stimme: „Ich bin ein Krieger, du merkst es nur nicht," und vor ihm erschien das Antlitz des Iünglings, wie dieser einst traurig von ihm geschieden war mit den Worten: „Du armer Mann." Immerfort klangen dem Reiter diefe Worte in der Seele und dabei rannen ihm heiße Thränen aus den Augen, immerfort tönte von weitem mahnend und klagend die Glocke des Christengottes. Ietzt wurde ihm, der von der Rachefahrt zurückkehrte, alles Geheimniß des neuen Glaubens in dem leisen Klange offenbart. Als ein Held des Christengottes hatte der Jüngling sein Leben hingegeben für einen, der nicht sein Freund war; und ebenso hatte sich der große Häuptling der Christenheit dem Tode geopfert, um dem friedlosen Volt der Erde ein seliges Leben in der Himmelsburg zu bereiten. Und Ingram hörte aus dem Sang der Glocke die Stimme des Toten, welcher ihn rief: „Komm auch du." Da spornte er sein Roß, denn er merkte, jetzt lud der Gott auch ihn, weil er ihn durch den Tod seines Kriegers geworben hatte. — In der Nähe hallte das Kriegsgeschrei der verfolgenden Thüringe, Ingram aber sah zu dem Morgenlicht auf, welches die Spitzen der Bäume vergoldete, und ritt nach der Stätte, von welcher die Ladung hell und heller in seine Seele schlug.

Auf den Stufen des Altars saß Winfried, das verhüllte Haupt des toten Mönches in seinem Schoß, nur seine Lippen bewegten sich leise. Um ihn knieten die schluchzenden Christenfrauen, dahinter standen mit gesenktem Haupt die Krieger, welche zur Wache des Heiligthums zurückgeblieben waren.

Da trabte ein Reiter an den Holzring, eine der Frauen erhob sich aus dem Kreise der Knieenden und schritt zum Eingang. Gleich darauf trat ein Mann in den Raum, schwertlos, die Aufregung des Kampfes im Antlitz. Alle wandten die Blicke von ihm und wichen scheu aus seinem Wege, er aber achtete nicht darauf, schritt zum Altar und setzte sich zu Füßen des Toten auf die Stufen unweit des Bischofs, so daß der Leib des Iünglings zwischen beiden lag. Der Bischof regte sich, als der Mann, der ihm feind war und für den der Iüngling sich dem Tode preisgegeben hatte, in seiner Nähe niedersaß. Ingram aber legte den Helmschmuck des Sorben auf das Gewand des Toten und sprach leise: „Er ist gerächt; der Sorbe Ratiz liegt erschlagen," und er sah prüfend in das Gesicht des Bischofs.

In dem Herrn Winfried wallte das Blut seines Geschlechtes, da er vernahm, daß der Mörder seines Schwestersohns erlegt war, er richtete das Haupt auf und ein düsteres Licht flammte in seinen Augen; aber im nächsten Augenblick bewältigte die heilige Lehre den Grimm, er streifte mit einer Handbewegung den Adlersittig vom Gewande des Mönches, lüftete die Hülle, welche das Haupt bedeckte, und sprach auf die zerbrochene Stirn deutend tonlos: „Der Herr spricht, liebet eure Feinde, thut wohl denen, die euch beleidigen."

Ingram aber rief laut: „Ietzt erkenne ich, daß du in Wahrheit dem Gebot eines großen Gottes folgst, wenu es dir auch bitter und schwer wird. Auch ich glaube an den Gott dieses Iünglings, der aus eigenem Willen für mich gestorben ist, obgleich ich sein Feind war. Denn solche Liebe ist das größte Heldenthum auf Erden."

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Er hob die Hülle vom Antlitz des Toten und küßte ihn auf den Mund. Darauf saß er still neben ihm und verdeckte sein Gesicht in den Händen.

„Die Worte des Friedlosen dürfen nicht hallen, wo Landgenossen weilen," begann mit gedämpfter Stimme Asulf, der hinter Ingram stand. „Ist ein Gebannter hier, so berge er sein Haupt, bis das Volk ihm den Frieden zurückgibt."

„Dort drüben brennt der Hof meiner Väter, Asulf, wenn die Thüringe wollen, können sie den Wolf in die Flammen werfen," antwortete Ingram und beugte sich wieder über den Toten.

„Am Altar des Herrn ist die Freistätte des Friedlosen," sprach Winfried aufsehend, „halte das Kreuz über ihn, Meginhard, und geleite ihn zu deiner Hütte."

„Laß mich hier," bat Ingram, „solange seine Leibeshülle unter uns liegt. Denn spät habe ich meinen Reisegesellen gefunden."

9.

Die Heimfahrt.

Eine Woche später stand Ingram in der Hütte des Priesters an der Holzstufe des Altars, welchen einst Gottfried errichtet hatte. Der eintretende Memmo setzte einen Korb vor ihm nieder und mahnte: „Laß dir das Mahl gefallen, die Frauen vom Meierhofe waren alle dabei beschäftigt."

„Du sorgst freundlich um deinen Gefangenen/' fagte Ingram fchwermüthig, „jede Kost ist bitter für den Eingehegten, welchem die Freiheit fehlt."

„Ich kenne manchen Hausgenossen, der anders denkt," versetzte Memmo und sah zu seinen Vögeln auf. Als Ingram schwieg, fügte er geschwätzig hinzu: „Ich war mit Walburg in der Höhle bei dem Bären Bubbo; er hat den ganzen Trank des Bischofs ausgetrunken und den Einbruch der Heiden verschlafen, der Mann ist übel zugerichtet und sprach durchaus verwirrt, als wenn er Einsiedler werden wollte."

Ingram nickte, aber er schwieg. Und Memmo fuhr bei sich selbst fort: „Nie habe ich so große Veränderung gesehen, als der Glaube in diesem Heiden hervorbringt; wenn ich ihm ein Heubund unter den Kopf rücke, dankt er so zierlich wie ein Mädchen. Das Vaterunser hat er gelernt wie Wenige. Vielleicht wird er sogar ein Mönch, dann müßte ich ihn Latein lehren. Einst wollten seine Raben das Khrie nicht leiden, jetzt zwinge ich ihn selbst zu wens», und lilius," und Memmo lachte auf seinem Schemel über die große Hoffnung.

Vor dem Hause klirrten Waffen, die Thür öffnete sich,

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