Abbildungen der Seite
PDF

missen, denn dein Sinn ist fest und was deine Hand berührt, gedeiht. Du bist zur Hälfte geschleiert, vielleicht gibt Gott dir die Gnade, daß du dein ganzes Leben seinem Dienste weihst."

Da erröthete Walburg, aber sie sah dem Bischof offenherzig in das Gesicht als sie antwortete: „Oft kam mir der Gedanke, für mein Leben hier zu bleiben, als ich mit der Wunde faß; denn selig ist der Frieden in deiner Nähe und viel Leidvolles habe ich erfahren. Aber, mein Vater, auch ohne Gelöbniß bin ich gebunden an das Schicksal eines Andern. Zürne nicht, wenn ich dich an den Mann mahne, welcher frevelhaft das Eisen gegen dein Haupt gehoben hat."

Die Stirn des Bischofs umwölkte sich, war es Zorn gegen Ingram oder Unwille, weil Iemand seinem Wunsche widerstand, im nächsten Augenblick sah er wieder gütig auf das Weib, welches flehend die Hände faltete. „Sie haben ihm den Frieden genommen, Walburg, nachdem er ihn vorher selbst verloren hatte."

„Deshalb will ich zu ihm, ehrwürdiger Vater."

„Du, Iungfrau?" frug Winsried erstaunt, „in die Wildniß. in ein fernes Land, zu einem verachteten Haupte?"

„Wo er auch athme, wie er auch lebe, in dem wilden Wald, unter dem Fels, bei Raubthieren und Raubgenossen, ich will zu ihm. Denn, Herr, ich bin's ihm schuldig."

„Deinem Vater im Himmel bist du schuldig nichts zu thun, was gegen seine Gebote ist. Auch Zucht und Sitte sind dem Weibe geboten und waghalsiges Preisgeben des eigenen Lebens ist ihm Unrecht."

„Ich verstehe die Lehre, ehrwürdiger Vater," versetzte Walburg demüthig. „Sonst habe ich mich züchtig gehalten und stolz gegen werbende Knaben, auch gegen ihn. Er aber hat seine Freiheit um mich gewagt und sein Leben. Frevelhaft war das Wagniß, ich weiß es, mein Vater, und allzuhart habe ich es ihm felbst gesagt, das reut mich jetzt. In Noth und Elend ist er um meinetwillen gekommen, ich will gehen ihn zu retten."

„Vermagst du das. Mädchen?"

„Der liebe Gott wird mir gnädig sein," entgegnete Walburg.

„Weißt du schon," frug Winfried prüfend, „ob er sich deine Nähe begehrt? Baust du auf das Verlangen, das er einst hatte dich zu besitzen? Walburg, mein armes Kind, das Angesicht, welches er holdselig fand, hast du verdorben."

Walburg sah vor sich nieder und um ihren Mund zuckte der Schmerz. „Bei Tag und Nacht habe ich daran gedacht, und ich fürchte sehr, mein Antlitz ist ihm verleidet. Aber mein toter Vater war sein Gastfreund und er wird die Tochter als eine gute Bekannte aufnehmen, wenn er sich auch fortan ein anderes Weib begehren sollte."

„Wo birgt sich der Heillose?"

„Oben im Bergwald, sein Diener Wolfram wird mich zu ihm führen."

„Und wenn ich dir verbieten wollte, dein Leben und deine Seele an die Wildniß zu wagen, was würdest du dann thun?"

Walburg sank vor ihm auf die Knie und die gerungenen Hände zu ihm aufhebend, antwortete sie leise: „Ich müßte doch gehen, ehrwürdiger Vater."

„Walburg," rief der Bischof drohend und zornig blitzten seine Augen. Schnell erhob sich Walburg. „Was hat dich getrieben, Herr, als du hierher kamst unter die Heiden? Dein heiliges Haupt gibst du täglich dem Haß und der Bosheit deiner Feinde preis. Sorglos und fröhlichen Herzens reitest du durch die Dörfer der Heide n und fragst nie. ob dich ein Pfeil aus dem Dickicht treffe. So großes Vertrauen bewahrst du auf Gottes gnädigen Schutz, und du zürnst der Magd, die in deiner Nähe lebt, daß auch sie ihr Leben an die Gefahren der Wildniß wagt. Groß ist dein Amt, ehrwürdiger Vater, vielen Tausenden willst du Rettung bringen aus dem Verderben, ich bin ein armes Weib, ich habe nur ein Leben, um das ich bete und weine, aber den Muth habe ich wie du, einen Willen wie du; und solange ich frei auf meinen Füßen wandle, werde ich meine Schritte dorthin richten, wo er sein ruheloses Haupt birgt. Denn ich erkenne, arge Unholde schweben um ihn und bedrängen seine Seele, und darum muß ich eilen ihn zu retten, wenn ich es vermag."

„Als ein geschworener Mann des Himmelskönigs fahre ich über die Haide und durch den Wald," versetzte Winfried ernst, „in meinem Amte wage und dulde ich, du aber, wenn du dich einem Unseligen gesellen willst, folgst der Leidenschaft, welche auf Erden das Weib an den Mann bindet. Nicht meines Amtes ist, dein Thun zu rühmen oder zu verdammen. Wäre ich in Wahrheit dein Vater und stünde mir zu, dir den Gemahl zu wählen, ich würde dich hindern oder dich selbst begleiten. Als dein geistlicher Berather sage ich dir, die Absicht kann ich nicht tadeln, die wilde Fahrt darf ich nicht loben." Er wandte sich von ihr, da er aber die Iungfrau regungslos mit gesenktem Haupt stehen sah, trat er wieder zu ihr und nahm sie gütig bei der Hand. „So muß ich als Bischof sprechen, aber wenn du doch den Unholden Trotz zu bieten wagst, so werde ich darum nicht schlechter von dir denken, während der Fahrt will auch ich in deiner Sache zu dem Herrn beten, ob er mich gnädig erhört, und wenn du zu mir zurückkommst, wie du gegangen bist, so will ich dich empfangen als mein wiedergefundenes Kind." Walburg neigte ihr Haupt und der Bischof betete über ihr.

Winfried kehrte in fein Gemach zurück, und nachdenklich sprach er zu sich selbst: „Mein Geselle Gerold ist der redlichste unter den Franken, die ich kenne. Auch die Magd, welche ihr Leben für einen Verschollenen hingeben will, mag wohl in diesem Lande eine der besten sein, und doch sind beide nicht echte Erben des Gottesreiches. Furchtbar ist es zu denken, wie gering die Zahl Solcher ist, welche das Leben im Erdgarten nur als Vorbereitung betrachten für die Halle der Herrlichkeit," „Komm, mein Sohn," rief er dem eintretenden Gottfried zu, „ich ringe mit schweren Gedanken, und deine Nähe wird mir eine Erquickung. Doch mit Sorge fehe ich, daß dein Antlitz bleich und deine Miene verhärmt ist; was Andere zu wenig üben, das thust du im Uebermaß. Ich lobe nicht dein Entbehren der Speise, nicht dein nächtliches Wachen und nicht die Geißelschläge, die, wie ich durch die Wand höre, deinen Rücken treffen. Grüble nicht über Traume und ängstige dich nicht, daß flatternde Gedanken dir das reine Gewand deiner Seele verderben können. Zu einem arbeitsamen Gehilfen an hartem Werke hat dich der Herr bestimmt, und kraftvoll brauche ich dich, denn viel ist noch zu thun. Krieg steht bevor an der Grenze, aus unserer Friedenssaat ist er aufgegangen; und wir haben zu sorgen, daß die jungen Gemeinden nicht von den Unholden zerschlagen werden. Deinen Reisegenossen Ingram hat das Urtheil getroffen und wir wollen darauf sinnen, wie wir dem Friedlosen die Rückkehr in die Heimat bereiten, denn er gehört zu den Kindern unseres Gebetes. Fortau bete du auch für Walburg, die Iungfrau. Sie hat sich eigenwillig von uns gelöst und geht zu dem Friedlosen in die Wildniß." Gottfried schwieg, aber ein Schauer fuhr ihm über deu Leib und er stützte sich an die Wand, der Bischof fah erschrocken auf die gebrochene Gestalt. „Gottfried, mein Sohn," rief er, „was ist mit dir?" Da ging der Mönch leise an die Truhe, in welcher die heiligen Gewänder lagen, nahm die Stola hervor und that sie dem Bischof mit siehendem Blick um. Winfried fetzte sich in den Stuhl, der Mönch kniete an seiner Seite und faltete die Hände über den Knien des Bischofs; fast unhörbar waren die Worte, welche er sprach, aber dem starken Mann klangen sie wie ein Schlachtruf in das Ohr, und als der Iüngling geendet hatte nnd mit seinem Haupte auf deu Knien des Bischofs lag, faß dieser über ihn gebeugt und hielt die heiße Stirn des Betenden, so voll von Schmerz wie der Iüngling selbst.

Unter den Schallen.

Am nächsten Morgen schritt Walburg mit ihrem Führer dem Walde zu. Hinter ihr rief Gertrud traurig in die Flur: „Neig dich Laub und neig dich Gras, denn eine freie Magd will sich vom Sonnenlicht scheiden."

In dem lichten Gehölz über dem Dorfe weidete die Rinderherde. Die Kühe liefen neugierig aus dem Gebüsch und starrten die Iungfrau an, auch der Hirt trat an den Weg, bot den Gruß und frug, wohin sie im Frühlicht wandle. „In die Berge," antwortete Walburg leise und der Mann schüttelte den Kopf. Ein vorwitziges Kalb trabte hinter ihr her und roch an ihrem Korbe. „Weiche von mir, Braunchen," mahnte sie, „denn der Weg, den ich gehe, wäre dir gefährlich, du hast Frieden bei den Leuten, alle müssen dich beachten, wenn du auch nur ein Iährling bist, und wenn dich ein Fremder schädigt, so muß er es deinem Herrn schwer büßen. Der aber, den ich suche, ist ärmer als du, denn Ieder darf ungestraft seinen heißen Muth an ihm kühlen, und schutzlos schweift er ohne Recht." Sie faßte ihren Handkorb fester und eilte dem Führer nach.

Auf dem Gipfel des Hügels wandte sie sich um und streckte die Hand grüßend nach der fonnigen Ebene aus, sie schaute über die Beute der Ackerflur, auf die grauen Dächer des Dorfes und auf den Meierhof, in dem sie Zuflucht gefunden hatte; sie dachte an die Kinder, wer ihnen das Frühbrot austheilen werde, und sah die Brüder mit heißen Wangen bei ihren Holztafeln in der Schule sitzen, und den kleinen Bezzo, der schreiend durch den Hof lief sie zu suchen. „Wenn er schreit, wird er die

« ZurückWeiter »