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gewaltiger als die Stimmen der Ueberirdischen. welche wir ehren. Aber, wenn der Mann allein steht im dunkele« Nebel, am Waldbach, bei der wogenden Halmfrucht, oder auch in der Dämmerung am Herde, dann wird wieder die Verkündigung des Christen schwach und unsere Götter werden mächtig. Zwieträchtig ist, wie ich ahne, die Herrschaft der Götter; der neue Gott der Christen, den sie den dreieinigen nennen, herrscht wie ein Tageskönig, wo sich die Männer zusammengesellen und starke Rede erschallt; jedoch die Götter unseres Landes schweben daneben, sie walten und schaffen, aber ich sorge, sie vermögen ihn nicht zu überwinden. Schreckenvoll ist solche Zeit für jeden treuherzigen Mann. Ob sie einen Kampf der Götter bedeutet und Untergang der Männererde, oder eine neue Herrlichkeit, wer vermag das zu sagen?"

Er senkte traurig das Haupt, auch die Anderen schwiegen, bis Kunibert begann: „Ieder von uns hat schwere Gedanken. Mir aber widersteht der fremde Brauch und die neue Lehre, denn die alten Götter gaben meinem Leben Ehre und Segen, unbedachtsam und frevelhaft wäre ich, wenn ich die Holden verließe. Darum denke ich so, hat sich ein Kampf erhoben zwischen unfern Göttern und dem Christengott, so harren wir ehrfurchtsvoll, welcher der stärkere sei. Deutlich wird das auch für uns Männer; denn wer sich mächtiger erweist als Glücksspender und Siegbringer, dem müssen wir folgen, wenn wir nicht thöricht sind. Ist der Christengott so gewaltig wie du sagst, so mag er demnächst unseren Waffen Sieg geben gegen die Slaven, wenn wir wider sie kämpfen. Das meine ich, wird das große Gottesgericht sein, wo unserem Volk die Loose geworfen werden und zugleich den Göttern selbst."

„Folge du gefügig dem Sieger," fuhr Ingram im Zorne

auf, „ich denke treu zu bleiben den Gewaltigen, denen meine

Väter gelobt haben, und die mir, seit ich ein Kind war, bei

Tag und Nacht ehrwürdig gewesen sind. Längst wissen wir,

daß Kampf ist ans der Männererde, und Kampf im Reiche der Götter. Ieden Winter dringen die sinsteren Todesgewalten gegen die guten Bewahrer unseres Glücks, mühsam ist der Streit zwischen Tageswärme und Nachweis, auch hinter Sonne und Mond rennen, wie die Sage kündet, unablässig die Riesenwölfe, sie zu verschlingen. Ich aber will, bin ich auch nur ein einzelner Mann, in dem Götterstreit bei den guten Geistern meiner Ahnen stehn, ob sie siegen oder unterliegen. Lodert ihre Welt in Flammen, so will ich vergehen mit den Geliebten, denen ich zeither gedient. Denn Haß fühle ich gegen die neue List und die gewundene Rede und das siegesfrohe Lächeln der Priester." Er erhob sich heftig und eilte aus seinem Hof ins Freie. Bruno sah ihm besorgt nach. „Der Sinn ist ihm verstört durch die Sorbenbande und ich fürchte, er denkt auf Gewaltthat."

Das glühende Abendroth wich dunklem Grau, nur ein matter röthlicher Schein lag noch an dem Bergwald und den Höhen, da vernahm man auf dem Thalwege, der von der Saale her zum Dorfe führte, feierlichen Gesang. Aus der Dämmerung bewegte sich ein wallender Zug, der Knabe mit dem Holzkreuz, hinter ihm Gottfried nnd der ganze Haufe der Frauen und Kinder, Walburg auf einem Karren von zwei Rindern gezogen. Freudengeschrei und lauter Zuruf des Volkes empsing die Geretteten, als sie den brennenden Feuern nahten. Erstaunt sahen die Fahrenden auf die Flammen und das Volksgewühl und empsingen die Glückwünsche der andringenden Menge. Der Bischof selbst eilte mit geöffneten Armen dem Zuge entgegen; umringt von dem Volke stattete ihm Gottfried feinen ersten Botenbericht ab, wie die Erledigten ausgezogen und an dem schwarzen Bach und der Wasserrinne aufwärts in den Wald gedrungen waren; dort hatten sie Tag und Nacht die Schrecken der Wildniß empfunden. Aber als sie endlich zu einem einsamen Hofe kamen, hatte der Wirth, obwohl er mehr Heide als Christ war, einen Karren bespannt und aus Furcht vor den Sorbenkriegern seinen Hausrath und die Kranke darauf gesetzt und die Wandernden mit Hausgenossen und Vieh begleitet.

Durch die Menge, welche dem Bericht lauschte, brach Ingram. In seliger Freude rief er schon von Weitem den Namen der Iungfrau, vergessen war in diesem Augenblick aller bittere Zorn und in heller Verklärung strahlte sein mannhaftes Antlitz. So erkannte ihn Walburg. Das Schleiertuch vor ihrem Gesicht bewegte sich und ihre Hand streckte sich ihm entgegen. Da trat Gottfried heran, faßte ihre Hand, hob sie mit Hilfe des Führers vom Karren und führte sie zu Winfried. Walburg sank auf die Knie und Ingram wich zurück. Mit schnellen Worten berichtete Gottfried ihren Namen und ihr Geschick und Winfried sprach liebevoll: „Vor einem fernen Grabe habe ich gelobt für dich zu sorgen wie ein Vater, der Himmelsherr hat die erste Bitte erhört, die ich in diesem Lande um eine Seele zu ihm that, ich nehme dich auf als ein Unterpfand, daß der Herr auch ferner meinem Thun gnädig sein wird." Er sah zu dem Meierhofe hin, wo bereits eine Menge geschichteter Stämme zu neuem Bau lag, und rief froh: „An dieser Waldecke soll, wie ich hoffe, eine Herberge erstehen, worin mancher Gebundene aus den Fesseln gelöst wird. Sei bedankt, mein Sohn, für die gute Reise; deine Rückkehr löst auch einen Andern von schwerer Verantwortung."

An Ingrams Händen hingen die kleinen Brüder der Walburg. „Kommt zu mir, ihr Knaben," entgegnete Ingram heftig und zog sie mit sich fort.

Aber Winfried selbst trat ihm in den Weg. „Mein sind die Knaben, und mein ist jedes Haupt dieses Zuges."

„Die Söhne meines Gastfreunds sind's,und die Sorge für ihr Wohl nehme ich auf mich," rief Ingram in aufloderndem Zorn.

„Durch das Gut des Herrn sind die Kinder gelöst, und nicht durch das deine," antwortete der Bischof.

„Krieger sollen sie werden und nicht kniebeugende Christen," grollte Ingram, die Knaben festhaltend.

„Ich aber fürchte, Ingram," versetzte Winfried, „daß ihnen der wilde Haushalt deines Hofes nicht gedeihen wird, und ich habe die Pflicht sie davor zu bewahren, denn meiner Lehre gehören sie. Gib die Hände frei, die du fest hältst."

In hellem Ausbruch der Wuth fuhr Ingram nach feinem Schwert, der Bischof faßte die Hände der Knaben und stand dem Wüthenden mit gehobenem Haupt gegenüber. „Nicht das erste Mal stehe ich vor deiner Waffe," sagte er mahnend.

Der Graf trat schnell vor Ingram und hielt ihm selbst die Schwerthand fest. „Unsinnig bist du, Ingram, daß du dich gegen einen Geschorenen regst. Laß dir Gutes rathen, Mann; hebst du das Schwert, so verlierst du die Hand."

Aber Ingram riß sich los, ihm wirbelte es vor den Augen, blutigroth waren die Gesichter, welche ihn höhnisch anschauten, und ganz außer sich rief er: „Von meinen Göttern scheidet er mich, und die ich liebe, löst er von mir, rächen will ich den Schaden oder nicht leben," und im Sprunge schwang er fein Schwert gegen den Bischof. Da sah er plötzlich vor sich nicht das verhaßte Gesicht des Priesters, sondern ein Frauenantlitz, marmorbleich, voll Schrecken die Augen, auf der Wange eine blutigrothe Wunde, und er fuhr zurück, entsetzt über die Verwandlung.

„Greift den Friedensbrecher!" gebot Herr Gerold. Wildes Geschrei erhob sich und Schwerter blitzten. Ingram aber rannte mit gehobener Waffe der Höhe zu; seine Freunde und Genossen aus der Heidenschaft drängten sich zwischen ihn und die zornige Menge, bis die Rufe der Verfolgenden in der Ferne verklangen und den Gejagten das schützende Dunkel des Waldes umschloß.

0.

Walbnrg.

Nach dreitägiger Lehre und Festfeier waren die Gaugenossen heimgezogen, die Christen mit gehobenem Haupt, die Heiden in Kleinmuth. Aber draußen in dem weiten Land der Thüringe wirkte die Bewegung fort, welche durch den Zauber eines kräftigen Mannes aufgeregt war, der Windstoß aus dem Waldthal wurde zum starken Sturme, er durchfuhr das ganze Land und warf alte Heidenbäume nieder.

Winfried wohnte nicht mehr in der Hütte des Memmo. Auf den Rath des Grafen war ihm beim Meierhof eine Halle errichtet worden, damit er würdiger das Volk empfange. Doch war er selten daheim, von Reisigen und von einem Gefolge ansehnlicher Männer begleitet zog er rastlos durch das Land, und wo er erschien, stritten die Männer über Opfermahle und ihr künftiges Heil in der Himmelsburg. Viele zogen das weiße Gewand der Täuflinge an, noch mehre standen unsicher zur Seite, ohne Waffen gegen das laute Wort aus Menschenbrust und gegen das Wesen des Mannes, der so sicher wie ein Gott Bescheid wußte, wo Andere sich im Zweifel ängstigten. Fand er auch überall bittere Feinde, wider den ersten Andrang seiner Lehre vermochten sie sich nur wenig zu wehren, denn gütig und schonend sprach er zu den Einzelnen und Iedem gab er seine Ehre, er war freundlich zu den Frauen, sein Antlitz wandelte sich in helle Fröhlichkeit, wenn er mit den Kindern sprach, und wo er einen Bedrängten oder Darbenden fand, gab er

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