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wer den längsten Halm zieht, hat die erste Wache." Sie zogen, Godes setzte sich mit dem Rücken gegen einen Baumstamm, legte die Keule neben sich, Wolfram streckte sich der Länge nach in das Moos. „Trägt mich ein Bär fort, so zahle ihm den Trägerlohn," sagte er schläfrig und war nach wenig Augenblicken entschlafen.

Durch die Nacht rang Ingram bergauf, verstört war sein Sinn, wild der Flug seiner Gedanken, und rings um ihn die Schwärze des Todes. Mit der Hand griff er vorwärts in die Finsterniß, er tastete an den Stämmen und sank zu Boden zwischen Steinen und knorrigen Wurzeln, aber immer wieder erhob er sich und drang höher und immer sah er vor seinen heißen Augen das lodernde Dorf und die feurigen Zungen, welche über die Strohdächer des Ratiz flackerten. Er dachte an die Rache der Sorben, neuer Mordbrand würde in den Grenzdörfern seiner Heimat aufsteigen, und auf ihn würde die Schuld fallen. Und zwischen solchen Angstgedanken hörte er die leisen Worte des Mönches: „Rächet euch nicht, denn die Rache ist mein." Thörichte Worte für das Ohr eines Kriegers! Wie kann ein solcher thatlos seinem Gott die Sorge überlassen, den Feind zu verderben. Die Götter hatten ja auch ihn selbst nicht vor der Kunst und vor der Tücke des Ratiz bewahrt. Durch das Grauen des Waldes wand er sich dahin als ein entlaufener Knecht. Sein Angesicht wurde glühend heiß und seine Faust ballte sich, er stürmte fort und schlug mit seinem Leib an Baumstamm und Felsen, bis er keuchend zur Höhe kam, wo der Sturmwind alte Stämme gefällt hatte und der graue Nachthimmel über ihm sichtbar war. Er kletterte mühselig auf das Gewirr von Aesten und Wurzeln und suchte einen Ausblick auf die Höhen und auf das Thal davor, ob ein Feuerfunke blinke durch die Schwärze oder der Laut einer Stimme hörbar fei. Er wußte, daß es ein kindisches Hoffen war.

Alles um ihn war sinstere, öde, menschenfeindliche Wildniß. Nur die Ueberirdischen sprachen hier, wenn die Wipfel rauschten, und unten in der Tiefe heulten die Krieger des Waldes, die wilden Thiere. Hier waren die Götter sogar dem wehrhaften Manne feindlich, würden sie Erbarmen üben gegen den Haufen, der mit dem Kreuz des Fremden dahinzog, und würden sie die Frauen retten vor Barenklaue und Wolfsbiß, vor dem jähen Abgrund und dem fallenden Baum? Keiner konnte sagen ob die Götter mächtig waren und von gutem Willen, sie selbst waren geworden und hatten das Geschlecht der Männererde gezeugt, und sie sollten alt werden und grämlich, wie die Weisen verkündeten, und die Götter und die Geschlechter der Menschen sollten zuletzt untergehen in bitterem Todeskampfe vor dem Weltbrand? Der Christengott aber war, wie der Fremde rühmte, ewig. Und er sollte ewig regieren hier auf der Erde und im Himmelssaal. Daher war auch der Christenmann so fest, denn er vertraute auf die Dauer und auf die Sorgfalt seines Gottes. — Sie hatte sich das Antlitz zerrissen, weil sie den Feind des Lebens nicht töten wollte. Lieber als das Wohlgefallen der Menschen war ihr das Gebot ihres Gottes. Ihr Gott hatte sie fest gemacht, weil sie ihm treu war.

Ingram seufzte tief und seinem Stöhnen antwortete aus der Tiefe das Geheul der grauen Wölfe. Er kannte solchen Gesang der Götterhunde, so schrieen sie, wenn sie sich zum Leichenmahle rüsteten auf der Walstatt oder um den Pferch einer Herde. Dort unten strichen sie um ihre Beute. Und er dachte sich die schwachen Pfähle, welche Frauenhand geschlagen hatte, das Weib und die Kinder, und um sie die glühenden Augen und die aufgesperrten Rachen der Wölfe. Schreiend schwang er die Keule und sprang hinab wie ein Rasender, er siel, und er sprang wieder und siel, und als er sich aufraffte, hörte er dicht vor sich einen Stein gleiten und eine Weile darauf in die Tiefe krachen. Er warf sich zurück und sein Haar sträubte sich, er merkte, daß vor ihm ein Abgrund gähnte. Eine Weile lag er so, kraftlos, in kaltem Schweiß gebadet. aber wieder heulten die Raubthiere, sie zankten mit einander und wie heiseres Lachen klang ihr Gebell. Er kletterte rückwärts und fuhr längs der Höhe dahin, bis er einen Quell rieseln hörte, er fühlte sich zu dem Wasser, schöpfte in der hohlen Hand und führte es an den brennenden Mund, dann stieg er vorsichtig in dem Rinnsal bis zur Thaltiefe, in welcher ein Bach der Saale zufloß. In dem Dämmer des ersten Zwielichts sah er jenseit des Baches die grauen Schatten der Wölfe beim gierigen Fraß, die Nasen in dem Blut eines gejagten Wildes, gedrängt wie die Schafe am Brnnnentrog. Tief aufathmend wich er zurück, und lief den Bach abwärts der Saale zu. Es trieb ihn zu der Stelle, die sein Mann zum Lager der Weiber gewählt hatte. Ob sie dort in der Nähe rasteten? Da, wo die Waldhügel zum Saalufer absielen, hielt er an. Vor sich sah er verglimmende Feuer, er hörte stampfende Hufe und sah eine grcmröckige Gestalt neben einem Rosse stehen, den Wächter des Lagers. Die Verfolger waren auf dem Wege. Er warf sich zu Boden und wand sich im Schatten des Gehölzes entlang, angstvoll mit den Augen durch die Dämmerung nach Weibern und Kindern unter den schlafenden Feinden spähend. So lag er und wartete auf das Frühlicht.

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Er, der im Buchenlaub lag mit rothen Augen, und der Sorbe, welcher hundert Schritt von ihm wachte, beide Nachtgänger wußten nicht, wie nahe ihnen die Ruhestätte war, in welcher das Kreuz stand. Auf einer langgestreckten Höhe, etwa eine Wegstunde nach Westen zu, hatte der Mönch seine Schützlinge gelagert. Ganz friedlich war ihre Fahrt gewesen, zwei sonnige Tage zwischen Laub und blühendem Gras, zwei stille Nächte unter dem Sternenlicht. Es hatte sie kein wildes Thier umheult und kein Nachtgespenst der Wälder geschädigt; sie waren an Sorbenhütten vorübergekommen, dort hatten die Sorben Wasser aus dem Brunnen zugetragen und die Wangen der Kinder gestreichelt, eine Slavenfran hatte der Gertrud mitleidig einen Topf geschenkt, als werthvolle Gabe, damit sie den Kindern die Wurzeln und Pilze koche, und kleine Sorbenjungen waren mitgelaufen, den Gesang zu hören, und hatten versucht das Kyrie nachzuschreien. Von dem Feuerschein in ihrem Rücken wußten die Fahrenden nichts und als ein Sorbenmann sie darnach frug, hatten sie das ehrlich gesagt und der Mann hatte ihnen geglaubt und sich über das feurige Zeichen am Himmel sehr gewundert. Erst am letzten Mittag, da sie zum Schwarzwasser gelangten, hatte Walburg, während der Mönch bei ihr vorüberging, den Schleier gehoben und mit Anstrengung zu ihm gesagt: „Raste nicht wo Iugrams Mann geboten, ziehe nicht den Pfad, den er dir gewählt, vergeblich wäre es durch hastige Fahrt die Kinder vor dem Verfolger zu retten. Laß mich absteigen, ich vermag wohl zu gehen, und jage die Rosse ohne uns nordwärts, denn sie ziehen uns die Wölfe und die Sorben nach. Lieber vertraue unser Leben dem Bannwald und den Klippen der Schwarza. Dort birg die Kinder." De n Rath billigte Gertrud, obwohl ihr vor Ungeheuern graute, denn auch sie hatte ihre Gedanken über den Feuerschein und über das Iagdglück des Wolfram. Und als sie über das Schwarzwasser gedrungen waren, rief Gertrud einige Weiber und die Knaben und führte sie mit den Rossen auf weichem Grunde eine Wegstrecke denselben Pfad entlang, welchen Wolfram ihr vorgesungen hatte, bis dahin, wo der Boden hart wurde und die Tritte undeutlich, dann trieb sie die ledigen Rosse mit starken Schlagen nordwärts und lehrte die Kinder die Schritte hinter sich zu setzen und rückwärts zu stapfen bis an die Stelle des Baches, von der sie gekommen waren.

„Es ist eine Kinderlist," sagte sie. „vielleicht hilft sie doch Kluge täuschen." Darauf zogen sie im schwarzen Thal entlang, das Wasser zur Linken, bis ihnen ein Bach, der aus der Richtung ihrer Heimat in die Schwarza rann, den Weg hemmte. An dieser Wasserrinne zogen sie thalauf, endlich erstiegen sie langsam und mit müden Beinen eine Berglaite und gingen auf dem Rücken noch eine Strecke dahin, während der Himmel sich röthete. Da fanden sie ein altes Verhau, das früher einmal Iäger oder flüchtige Thalleute zusammengeworfen hatten, sie drängten sich hinein, suchten den Quell und zündeten im Abendlicht unter den Bäumen ihre Feuer an. Die Frauen bereiteten für Walburg ein Lager von Haidekraut und rüsteten wilde Nachtkost. Die Kinder aber lagerten sich im Kreise um Gottfried, und dieser erzählte ihnen die Geschichte von einem Königsohn aus Morgenland, der Ioseph hieß und den seine Brüder in eine tiefe Grube warfen, die ganze Geschichte bis dahin, wo Ioseph seinen alten Vater wiederfand und küßte. Die Kinder saßen um ihn, die kleinsten drückten sich an seine Arme und hingen sich an seinen Hals, die blauen Kinderaugen blickten ihn so gespannt und so fröhlich an, daß er sich vorkam wie ein Seliger unter den Engeln. Und als er geendet hatte und Alles um ihn her schwieg, rief ein kleiner Heidenknabe, den sie Bezzo nannten, indem er an ihm hinaufkletterte und seinen Hals umsing: „Ich bin Ioseph, und ich will essen." Alle lachten und sahen auf Gertrud, welche mit einem Holzstabe im Topfe rührte. Da hockten die Kinder um das Feuer und die Frauen theilten ihnen auf Tellerlein vom Rinde die Bissen zu, worauf die Frauen auch der eigenen Mahlzeit gedachten. Gottfried aber sang den Kindern das Nachtgebet vor, und ein grauer Waldvogel knarrte zu dem Amen der Gemeinde seinen rauhen Triller, gerade wie einst in der Zelle unter den Brüdern der alte Hunibert, welcher harthörig war. Dann legte Gottfried die Kinder zur Nachtruhe; aneinander geschmiegt, die Köpfe ins Moos gedrückt, schliefen sie ein.

Neben ihm saß eine junge Heidenfrau, verworren hing ihr das Haar um das bleiche Gesicht und ihre Augen starrten ausdruckslos umher. Sie war die zwei Tage schweigend unter den andern hingewankt und mit scheuer Theilnahme hatten die Frauen ihr gedient, wie unglücklich sie auch selbst waren.

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