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Gottfried wechselte m!t ihm einen Blick des Einverständnisses: „Hebe mir einen Zweifel; wenn dir gelingt, dem Unglücklichen die Bande zu lösen, bist du sicher, ob er dir in die Flucht willigen wird? Er selbst hat sich freiwillig der Freiheit entäußert, von einer Schatzung sprach er, die ihn entledigen müsse, und doch sah er aus wie Einer, der an seinem Geschick verzweifelt."

„Mein Wirth hält die Treue, wie wenige im Lande," antwortete Wolfram, „aber wenn er entrinnen kann, wird er nicht säumen. Weißt du denn nicht, und haben die Sorben dir es verborgen? Ein schmachvolles Urtheil haben sie über ihn gefunden, als sie in der Halle Rath hielten. Denn ihr Spruch ist gefallen, daß sie ihn bei ihrem nächsten Hochfest über den Opferstein beugen wollen als Ehrengabe für ihren Gott. Elende Hunde!" rief er zornig, „wer hat je gehört, daß Einer, der sich selber in die Knechtschaft gespielt hat, von dem Messer des Opferers entseelt wird?"

„Greulich ist was du sagst," rief Gottfried entsetzt.

„Du sprichst ganz über sie wie sich's gebührt," lobte Wolfram befriedigt durch den Zorn des Mönches. „Wer sich hingibt, weil er sein Spiel verloren, der kauft sich los von dem Manne, der Gewalt über ihn hat, durch Rinder und Rosse, wenn er sie schaffen kann, und dem Sieger ist es Ehre ihn niedrig zu schatzen. Ist mein Wirth doch kein kriegsgefangener Mann, denn nur solchem gebührt der Schnitt mit dem Opfermesser, wenn die Götter ein Mannopfer heischen."

Als Gottfried sprachlos die Hände rang, fuhr Wolfram begütigend fort: „Sei ruhig, mein Wirth wird ihnen diese Hoffnung verderben, er selbst soll sein Messer zurückerhalten, gegen wen er es gebrauchen will. Und darum, Fremder, kurz gesagt, will ich euch verlassen, denn ich merke, die Späher der Sorben folgen nicht mehr in unserer Spur. Bist du des Weges unkundig, wie ich fürchte, so wird die Treiberin Gertrud dir rathen, sie ist von unserer Seite des Waldes und weiß Bescheid in den Bergen, wenn ich ihr die nächsten Wegstunden deute."

„Sage mir noch eins, Wolfram, wenn du magst. Gute Wache halten die Sorben, Niemand der größer ist als ein Wiesel vermag den Hügel hinaufzuklimmen, ohne daß sie ihn erspähen. Wie gedenkst du allein durch die Verschanzung zu dringen?"

„Du frägst zu Vieles auf einmal," versetzte Wolfram schlau, „forsche bedächtig, damit ich dir antworte. Ohne Helfer biu ich nicht. Wo das Lager des Ratiz liegt, war sonst ein Gehege meines Volkes, welches sie das Dorf des Ebers nennen. Viele Siedler hat der Räuber erschlagen, andere sitzen noch dort in der Knechtschaft' mehr als einem ist's unleidlich, einem Sorbenherrn die Rosse zu striegeln, und ich habe Kundschaft mit ihnen. Du rühmst die Wachen der Sorben, ich fürchte nur ihre Hunde, die struppigen Kläffer; doch ich führe bei mir, was ihnen das Heulen verwehrt."

„Aber Ratiz und feine Krieger auf der Hohe?" Wolfram drängte sein Roß näher an den Mönch: „Hast du nicht gemerkt, was für ein Kind zu sehen war, daß der Sorbe zu neuem Beutezug rüstete? Er hat dir die Gefangenen verkauft, bevor die Händler heranzogen, obwohl diese Witterung haben von einem Raube wie die Geier von der Walstatt. Damit sie nicht umsonst kommen, holt er sich neuen Fang aus den Frankendörfern im Süden, oder wo ihm sonst seine Späher rathen."

Empört rief Gottsried: „Und zugleich begehrt er Frieden mit dem Frankenherrn?"

„Vielleicht meint er, daß der Friede werthvoller wird, wenn er sich furchtbar erweist. Willst du den Kater zwingen, das Mausen zu meiden?" entgegnete Wolfram.

„Du aber," begann Gottfried nach einer Weile, „hast nicht bedacht, was du diesen hier bereitest. Wenn dir das Unglaubliche gelingt, deinen Herrn zu entledigen, dann wird der grimmige Sorbe die Frauen zurückholen; breit ist unsere Spur und langsam der Gang."

„Auch du, der Christenmann, würdest ihnen nicht zu gering sein für ihr Götterfest," antwortete Wolfram nachdenklich und warf einen mitleidigen Blick auf die Kinder. „Sicherlich kann Eile retten; droht euch Gefahr von rückwärts, so ist's nicht bevor die Sonne morgen sinkt." Er fah Gottfried mißtrauisch an. „Unsere Alten sagen, daß die Christenpriester viele geheime Künste verstehen, vielleicht gefällt es dir, den Sorbenrossen die Kraft zu nehmen, oder ein Blendwerk zu erregen, das den Spähern die Spur verwirrt."

„Kein Mensch auf der Männererde vermag das, nur der Christengott allein," sagte Gottfried, „seinem Schutz will ich uns empfehlen."

Wolfram nickte beistimmend. „Immer habe ich geglaubt, daß euer Gott viel vermag; ich gehöre gar nicht zu denen, welche den Christenglauben verachten. Christengebet und Heidengebet mag kräftig sein um das Blut zu stillen, wenn man sich geschnitten hat, oder um Regen vom Himmel zu ziehen, wenn die Saaten verdorren. Ich aber merke, daß die gar nicht im Glück leben, welche am eifrigsten den Unsichtbaren zurufen. Darum vertraue ich am liebsten auf mich selbst. Und hier löse ich mich von euch. Laß nicht die Weiber und Niemand sonst merken, wohin ich von euch schweife. Und höre, damit ich dir meine gute Meinung erweise, lasse ich dies Pferd zurück, möglich, daß ich's bereue, möglich auch, daß ein Thier mich hindert, denn nicht hoch zu Roß gedeuke ich durch die Holzringe der Sorben zu traben. Die Trude trägt ein Handbeil und vermag die Kuh zu schlachten. Fahr wohl, Fremder, sehen wir uns wieder, so ist es, hoffe ich, im Lande der Thüringe."

Der Mann blickte noch einmal auf die flüchtige Schaar, über die Ringellocken der Kinder und die verblichenen Gesichter der Frauen, dann stieg er vom Pferde und wartete, bis die Treiberin der Kuh an ihm vorüberkam. „Höre ein vertrauliches Wort, Trudis," sprach er leise, „ich gehe nach Jagdbeute über die Hügel, das Pferd lasse ich euch zurück; der Braune ist freundlich gegen die Kinder, hänge die Schwachen darauf, so mag er euch nützen, denn Eile ist rathsam. Bin ich zur Nacht nicht zurück, so sorge du um die Wache und schüre das Feuer, damit ihr das Ungeziefer des Waldes abwehrt."

Das Weib sah ihn unwillig an: „Diesen Sprung lehre deine Iungen, sagte der Fuchs, als er zur Häsin sprang und ihr den Kopf abbiß. Du Waldläufer verläßt die Waffenlosen, wie sollen diese sich retten mit dem Stabe in der Hand und den Kindern auf dem Rücken?"

„Manchen Kriegsmann weiß ich, der deine Zunge mehr fürchtet als einen Schwertschlag - versuche sie auch einmal gegen die Bären," versetzte der Mann begütigend und ging in einer Anwandlung von Unsicherheit noch einige Schritt mit. „Denn ich muß scheiden, Gertrud," sagte er endlich vertraulich. „Achte auch auf den Weg, damit ich euch wiedersinde; der euch führt, ist nur ein Fremder. Dies hier ist der Rennweg der Sorben, auf dem sie zum Raube nordwärts reiten, er führt über Berg und Thal, zu beiden Seiten rinnen die Quellen abwärts, ihr braucht auf ihm nicht waten und nicht überbrücken. Wenn ihr eilt, kommt ihr heut im Sonnenlicht zum großen Eichwald an die Saale, da wo der Sorbenbach hineinfällt, der das Grenzwasser des Ratiz gegen uns ist. Durch den Sorbenbach führt eine Furt, seht zu, daß ihr euch vor Abend hindurch windet bis eine Stunde westwärts zu dem Eibengehölz, aus dem ein heiliger Quell springt, dort steht auf der Höhe ein alter Mauerthurm aus Holz und Stein feit der Väter Zeit als eine Grenzwarte, aber die Slaven haben ihn zerrissen; dort, rathe ich, rastet im Gemäuer. Morgen aber lauft ihr neben dem Saalwasser nordwärts, die Strömung zur Rechten, die Wälder zur Linken; über euren Weg rinnen kleine Bäche, sie sind leicht zu durchwaten und der Pfad ist eben, aber es hausen diebische Slaven am Ufer. Gelingt es euch, sie zu meiden, so kommt ihr endlich zu dem großen Bach, den sie das schwarze Wasser nennen, da wo es in die Saale läuft, darüber müßt ihr auf dem Baumstamm flößen, denn das Wasser ist tief. Hinter der Ueberfahrt dürft ihr in keinem Fall längs der Schwarza aufwärts streben, denn dort sind wilde Klippen und unheimlicher Bannwald, der den Nachtgöttern geweiht ist, und Iedermann fürchtet das Thal wegen der Gespenster. Ihr aber wandelt weiter nordwärts an der Saale bis zu dem Hügel mit einem alten Thurmgerüst, in diesen' haltet die zweite Nachtrast. Von da führt der Weg gerade dahin, wo jetzt die Sonne untergeht, zwei Tage lang."

„Wiederhole den Sang, damit ich ihn festhalte," antwortete das Mädchen aufmerksam. Wolfram gab auf's Neue seinen Bericht, legte die Zügel des Pferdes in die Hand einer Frau und sah noch zu, wie drei Kinder jauchzend hinaufstrebten. Dann suchte er eine harte Wegstelle und schwang sich mit weitem Satze in das Gehölz.

In großer Versammlung der Sorben theilte der Oberpriester dem gebundenen Ingram das Schicksal mit, welches ihm beschlossen war. Feierlich waren die Mienen der Sorbenkrieger als der Opfermann sprach und der Weißbart den Spruch deutete, sie spähten in das Antlitz des Gebundenen, wie er die Botschaft aufnehmen würde, und sahen mißvergnügt, daß sein Auge nicht starr wurde, sondern zornig leuchtete, als er dem Ratiz zurief: „Dein Spruch ist tückisch und unehrlich, nicht wie ein Krieger, sondern wie ein altes Weib suchst du blutige Rache an dem Wehrlosen!"

„Dem Gezirp der Grillen gleichen die Schmähworte eines Gebundenen," versetzte Ratiz und schritt stolz an ihm vorüber. „Zäumt mir den Raben, daß ich ihn reite; das Opferthier führt in den Stall." Miros und einige von dem Gesinde führten den Gefangenen in ein leeres Blockhaus auf der Höhe. „Gefällt dir's, Ingram," sagte der Sorbe, „mir zu geloben, daß du aus dem Raume nicht weichst, so lasse ich dir die Füße frei, damit du sie regest."

Ingram dankte ihm mit einem Blick, aber er sprach: „Von

Fieytog, Weile. VIII. 1U

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