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„Nein," versetzte Gottfried nachdrücklich, „Deine Forderung kennt mein Herr nicht, wie kann er Fürsprech werden? Zu gewähren und zu versagen steht allein bei Herrn Karl, nur daß deine Voten das Ohr des Fürsten erreichen, dazu kann er helfen, und ob er dazu helfen wird, das steht bei dir. Auf seinem Wege sah er brennende Höfe und erschlagene Christen."

„Du bist ein Fremder und unkundig des Grenzbrauches," entgegnete der Sorbe mit querem Blick, „nur Nothwehr üben wir und Vergeltung. Auch unsere Krieger liegen erschlagen und unerträglich sind die Frevel der Franken."

„Du klagst über Unrecht der Franken, ebenso der Franke über das eure, der große Gott im Himmel allein weiß, wer den größeren Frevel gewagt hat. Ietzt aber suchst du das Ohr des Frankenherrn. Wie mag Herr Karl anders urtheilen als sein Volk? Und du suchst die gute Meinung eines Bischofs der Christen, auch der Christ sieht das Unrecht, das den Bekennern seines Glaubens zugefügt ist. Ich kann nicht gehen, Herr, ohne das Weib in der Hütte und ohne meinen Gefährten, den ich schwertlos und gebunden sehe."

„Er war dein Gefährte, jetzt ist er mein eigener Knecht. Sein Wille war's, verspielt hat der Narr sein Roß und sein Schwert und in Banden harrt er des Schicksals, das wir ihm fügen."

Ein leiser Seufzer Ingrams wurde gehört, zitternd schwand der Ton in der Morgenluft, aber aus der Hütte klang ein lauter Schrei der Frau. Ratiz herrschte den Gebundenen an: „Rede, Knecht, damit der Mann, der dich gesandt hat, nicht deinetwegen von unserm Vertrag weiche." Ingram wandte sich ab, aber er senkte bestätigend das Haupt.

„Die Sorge für ihn und das Weib ist mir auf die Seele gelegt," rief Gottfried, „wie foll ich vor das Antlitz dessen treten, der mich zu dir gesandt hat, wenn ich sie nicht mitbringe?"

„Habe ich nicht schon vorher einen Mann deines Bischofs ohne Lösung entlassen?" rief Ratiz zornig dagegen, „und auch du stehst noch unverletzt vor mir. Weißt du nicht, du Thor, wenn ich meine Hand aufhebe, so springen meine Krieger auf dich und schälen mit ihren Messern dein geschorenes Haupt,"

„Mein Schicksal steht nicht in deiner Hand, sondern in der Hand meines Gottes," erwiederte Gottfried muthig. „Thue was du darfst, binde mich, töte mich, wenn dein wilder Sinn dich dazu treibt, aber freiwillig verlasse ich diese Höhe nicht, ohne die Gebundenen."

Ratiz stieß einen Fluch aus und stampfte mit dem Fuß. „So lasse ich dich durch meine Krieger an den Grenzzaun führen und hinüber werfen, du hartnäckiger Thor."

„Laß sie frei und behalte mich zurück als Knecht oder als Opfer, wie du willst."

„Unsinnig wäre der Tausch, ein junges Weib und einen Krieger gegen dich, der nicht Mann und nicht Weib ist."

Gottfried erblich, aber in strenger Zucht gewöhnt sich zu bezwingen, antwortete er: „Verachtest du den Boten, so höre um deiner selbst willen die Botschaft. Mit einem Volksheer zieht der siegreiche Frankenfürst gegen seine Feinde heran, schon lagert er unweit der Werra; einen neuen Grafen hat er in das Land der Thüringe gesandt, die Grenze zu wahren. Suchst du in Wahrheit Versöhnung und Friede mit dem Frankenherrn, so magst du eilen deine Gesandten in sein Lager zu schicken."

Ratiz stand betroffen und sprach heftig zu dem Weißbart, der ängstlich schnelle Fragen des Sorben und die Antworten des Mönches deutete. Als Ratiz zur Seite schritt und leise mit seinen Kriegern verhandelte, trat Gottfried zu Ingram: „Was zürnst du mir, armer Mann, wende dich nicht von mir ab, denn treu ist meine Meinung."

Ingram sah düster auf ihn, aber auch seine Stimme klang weich als er antwortete: „Du haft mir Unglück gebracht, denn du hast meinen Zornmuth erregt. Deine Hilfe begehre ich nicht und fruchtlos ist Alles was du für mich versuchst. Löse das Weib und sage ihr, wenn du willst, daß lieber ich selbst sie gelöst hätte. Nimmer änderst du mein Geschick. Als ein Unsinniger habe ich mich treulosem Volk ergeben, denn Böses weissagt mir der Blick des Sorben und die Freude seines Gesindes. Siehe zu, daß du mir Wolfram, meinen Mann, sendest, denn sie bereiten sich mich zu schatzen; damit ich ihn noch vor eurer Fahrt unterweisen kann, wenn sie redlich an mir handeln. Und werden sie zu Bösewichten an mir, dann sage noch dem Weibe und den Freunden daheim, daß die Weiden der Sorben mich nur binden solange ich will. Bevor sie mich zum Knechtesdienst zwingen, gewinne ich mir ein blutiges Zeichen auf Haupt oder Brust, damit ich aufwärts fahre und meine Ahnen mich erkennen. Du aber weiche von mir und wandle deinen Pfad, ich suche wohl allein den meinen."

Der Mönch trat zurück, die Thränen flossen ihm aus den Augen, als er vor sich hin sagte: „Verzeihe ihm, Herr, und erbarme dich seiner."

Die Berathung der Sorben war zu Ende. Ratiz sprach mit sinsterer Miene zu Gottfried: „Damit dein Herr erkennt, daß meine Krieger hochsinnig denken, so nimm das Weib mit der zerrissenen Wange zu dir auf deinen Weg. Große Ursache hast du, Iüngling, meine gute Gesinnung zu rühmen, ziehe hin mit den Gefangenen und laß den Becher des Bischofs zurück. Sprich kein Wort weiter," fuhr er mit ausbrechendem Zorn fort, „theures Geschenk bezahle ich für deine Reise, fahr' dahin und sage deinem Bischof, gleiche Treue erwarte ich von ihm, wenn meine Boten zu ihm kommen." Er wandte sich mit stolzem Gruß ab und winkte seinem Gefolge. Der Weißbart und Miros blieben zurück, die Anderen traten um Ingram. Ohne sich umzusehen, kehrte dieser der Hütte den Rücken, der Mönch sah ihm nach, bis seine hohe Gestalt zwischen den Sorbenkriegern in der Halle verschwand.

Die Heimkehr.

Auf dem Saumpfad, der dem Waldgebirge zuführte, wallte eine waffenlose Schaar, Voran ging ein schlanker Knabe, das Holzkreuz tragend, welches er aus zwei Stäben zusammengefügt hatte, hinter ihm leitete Gottfried den Haufen der Kinder. Das goldene Haar der Kleinen flatterte in der Morgenluft, barfüßig stapften sie vorwärts, die Bäckchen geröthet und die Augen blau wie der Himmel. Ueber ihnen flogen die Lerchen und zur Seite schwebten die Bienen und Schmetterlinge; alle Wegblumen und Gräser des Thals hoben und neigten sich unablässig grüßend im Winde gegen sie. Hinter den Kindern zogen die Frauen, welche dem Kreuz angehörten, halbentblößte Gestalten, die Häupter gesenkt, die Gesichter vergrämt, manche von ihnen trug auf den Schultern ihr kleines Kind. Mitten darunter faß auf dem Roß des Priesters Walburg, das Antlitz dicht verhüllt. Der Mönch begann eine lateinische Hymne, feierlich zog der Gesang in die wilde Landschaft, die Frauen und Kinder drängten sich näher heran und sangen am Ende jeder Strophe sich tief verneigend das heilige Kyrie eleison, denn mehr vermochten sie nicht; aber aus bewegten Herzen kam der Anruf, und oft rangen sie die gefalteten Hände. Hinter der Christenheit wandelte ungern die Kuh, der Schatz des Haufens, welchen Miros den Abziehenden mitleidig gespendet hatte. Das Rind schied Christenthum und Heidenschaft, denn bei ihm liefen die Heidenfrauen mit ihren Kindern, und eine von ihnen, Gertrud, eine hochgeschürzte Magd, hielt zur linken Seite des Rindes den Strick und schwenkte den Stab. Aber die Heidenkinder blieben nicht auf der Bahn, sondern fuhren wild umher, und suchten nach Wurzeln auf der Wiese, nach Beeren und Pilzen im Gehölz. Als letzter kam Wolfram geritten, der später als die Andern das Lager des Ratiz verlassen hatte, er scheuchte die Säumigen vorwärts und trabte den Zug entlang bis zur Spitze, Ausschau zu halten. „Ich lobe deine Kunst, dies barfüßige Volk zusammenzuhalten," begann er zu dem Mönch, „du wirst sie noch gebrauchen. Drei Tage fahrt ihr mit Kinderschritten durch die Bergwildniß, und wenn du zu den ersten Häusern der Landsleute kommst, magst du kalten Empfang sinden."

„Ich vertraue deiner Hilfe," versetzte Gottfried, in das gutherzige Gesicht blickend.

Wolfram räusperte sich stark. „Einer ist hinten geblieben und mir ist die Haut näher als das Hemd."

„Willst du zu den Sorben zurück und diese im Walde verlassen?" frug Gottfried erschrocken.

Der Mann beantwortete die Frage nicht. „Er war immer jäh und unbedacht," sagte er, „und doch lebt keiner, der ihn beim Methkrug überwindet. Einem Betrüger ist er arglos verfallen, der Becher des Ratiz hat ein Geheimniß, die Sorben erzählten es am Feuer und lachten. Wenn der Gaukler mit dem Finger an den Becher drückt, fo läuft der Meth in eine Höhlung ab, und wenn der Schenk wieder drückt, läuft der verborgene Trank in den Becher zurück. Der eine trank nur die Hälfte, der andere das Ganze. Voll von Listen sind diese schmutzigen Zwerge und durch List haben sie ihn bewältigt. Beim Becher verloren, beim Würfel verloren und mit Weiden gebunden, das ist zu viel für ihn. Manchen Schlag wird er schlagen müssen, bevor er seinen Stolz wiedersindet. Und darum will ich zu ihm, hat er gespielt, so spiele ich auch, ihn zu lösen oder ihm zu folgen; denn bei uns ist ein Spruch: wie der Herr, so der Knecht."

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