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3.

Im Sorbendorf.

Auf der Sorbenfahrt hielten die Reiter Abendrast, die Pferde standen in festem Gehege, Ingram und Gottfried lagen unter einem Baum und Wolfram der Knecht bereitete am großen Feuer die Nachtkost. Er trug eine Lederflasche, die einem Schlauch ähnlich war, herzu. „Das Bier ist am Quellwasser gekühlt, wohl möge es euch munden." Da Gottfried die Flasche dankend von sich wies, sprach Ingram gutherzig: „Als ein wackerer Reisegesell hast du dich seither erwiesen, verschmähe nicht unsere Kost, wenn wir auch nicht von deinem Glauben sind. Denn ich merke, in Vielem hadern die Menschen miteinander, aber Speise und Trank ehren sie alle."

„Zürne nicht, mein Genosse, ungewohnt ist mir der starke Trank und das Fleisch der springenden Thiere. Doch weil es dir lieb ist, will ich dein Mal theilen," und er legte seinen Brotkuchen bei Seite, aß ein wenig von dem Fleisch und trank von dem Bier.

„Sage mir, wenn es dir nicht lästig dünkt," fuhr Ingram fort, „bist du auch von denen, welche für unrecht halten ein Weib zu umhalsen?"

„Es ist so, wie du sagst," antwortete Gottfried erröthend.

„Bei meinem Schwert, wunderliche Bräuche habt ihr," spottete Ingram. „Zwei Sklavinnen halte ich, und wenn mir's gefällt, umschlingen sie mich mit ihren Armen, aber beide gebe ich hin und jedes andere Weib der Erde, wenn ich die Iungfrau gewinne, um derenwillen wir reiten. Gern erfreut sich der Mann seines Lebens; wir anderen sind wie die Vögel, welche lustig singen und ihr Nest bauen, du aber bist wie ein grauer Kauz, der im Baumloch sitzt und alle Vögel schreien ihn an."

„Auch meinem Leben fehlt die Freude nicht," versetzte Gottfried lächelnd, „froh bin ich, daß ich mit dir reise, wenn du mich auch gering achtest; denn ich möchte dir helfen bei einem guten Werke."

„Was hast du davon, wenn es uns gelingt die Gefangenen loszukaufen?"

„Ich thue nach dem Gebot Gottes, des allmächtigen Himmelsherrn."

„Ist dein Herr allmächtig wie du sagst und gibt er dir Befehl Gefangene zu lösen, so wundert mich, daß er nicht vielmehr den Andern wehrt Gefangene fortzutreiben."

„Frei hat Gott die Menschen geschaffen, damit diese sich selbst ihr Schicksal bereiten. Aber wie du die Perlen übersiehst, welche an eine Schnur gereiht sind, so übersieht der große Gebieter alle Thaten, ja auch alle Gedanken jedes Erdgebornei,, und darnach schätzt er die Tüchtigkeit des Mannes, ob er ihn in jenem Leben heraufhebt unter seine Bankgenossen oder ob er ihn hinabstößt in das Totenreich des üblen Drachen. Darum thut dem Menschen noth, unablässig zu sorgen, daß er nach dem Gebot seines Gottes thue."

„Wahrlich," rief Ingram, „das ist harter Dienst, und wie Knechte lebt ihr im Zwange, ich aber rühme mir den Mann, der den Ueberirdischen ihre Ehre gibt, aber wo er etwas wagt, vor Allem frägt, ob es ihm selbst Ansehn bringe und Vortheil."

„Ist nicht auch dir eine Ehre, wenn die Frauen deiner Landsleute danken, daß du sie aus den Mühlen der Sorben gelöst hast, und wenn du die unschuldigen Kinder von den Schlägen erledigst, von dem Hunger und von schmachvollem Dienst unter dem schmutzigen Volke?"

Ingram dachte nach, „Es sind die Kinder unserer Nachbarn jenseit der Berge und manches davon habe ich vielleicht auf dem Arm gehalten, dir aber sind sie fremd. Kein Iahr vergeht, wo nicht in allen Ländern Herden von ihnen zu Markte getrieben werden."

„Hätte ich Gold und Silber." rief Gottfried, „alle wollte ich lösen, wäre ich ein großer Held, alle wollte ich retten."

,Mohl erkenne ich, ihr Christen haltet zu einander wie Nachbarn und Freunde."

„Mein Vater hat mir geboten, daß wir auch die Heidenfrauen und ihre Kinder zurückführen, wenn es uns gelingt," versetzte Gottfried.

„Dann werden andere gefangen," warf Ingram ein.

„Dazu sind wir in die Welt gesandt, daß wir die Gebote verkünden des himmlischen Königs, der so voll Erbarmen ist, daß er Iedem Glück und Heil bereiten will auf der Männererde und im Himmel. Wenn erst Alle seinen Geboten folgen, dann wird keiner den andern verhandeln wie ein Kalb oder ein Rind, fondern er wird ihn betrachten sowie geschrieben steht: nach dem Ebenbild Gottes ist der Mensch geschaffen und aufrecht soll er gehen unter den Thieren, welche mit gebeugtem Haupt die Knechtschaft tragen."

Ingram schwieg eine Weile. „Alles rothe Gold der Zwerge, von dem sie sagen, daß es nicht gemessen werden kann, würde nicht ausreichen zu einer Befreinng aller Gebundenen, und du, der du unkriegerisch bist und von zartem Leibe, willst dich solcher Arbeit unterwinden?"

„Ein Krieger bin ich. du merkst es nur nicht," antwortete Gottfried, „demüthig vor meinem Herrn, aber stärker als du glaubst. Verzeihe mir, Herr, daß ich mich vor ihnen rühme," setzte er hinzu.

Ingram maß ihn mit den Augen, die zarte Iünglingsgestalt und der milde Ausdruck des begeisterten Antlitzes bewegten ihm das Herz und er sprach leise: „Viel geheimes Wissen, so meinte auch Bubbo, der Bärensührer, ist euch zu Theil geworden. Ich fürchte, ihr möchtet es gebrauchen Anderen zum Nutzen oder zum Schaden."

„Iedermann freundlich sein und Niemandem schädlich, ist meines Herrn Gebot," erwiederte Gottfried feierlich.

„Einem lichten Gott mag dieser Befehl wohl anstehen," warf Wolfram ein, der bis dahin am Reh und Bier sein Bestes gethan hatte und sich jetzt zufrieden vor das Feuer streckte. „Aber auf der Männererde ist es schwer, mit solcher Lehre durch den Wald zu reisen. Glaube mir, Fremder, auch hier zu Lande haben wir Uebermenschliche, die ganz denselben Sinn haben, den du an deinem Gotte rühmst. Siehst du an der Berglaite den vorhangenden Stein? Dort," sagte er leise, „wohnt ein Geschlecht von guten Zwergen, freundliche kleine Leute, nie hat man gehört, daß sie Iemandem ein Leid gethan. Aber wer ihnen bei der- Waldfahrt von seinem Reisevorrath hinlegt, der hat Glück auf dem Wege und schon Manchem haben sie zugewinkt und dürre Blätter und Nüsse gebogen; diese wurden in seinem Reisesack bei Nacht zu Golde. Ist der, dem du dienst, ein Zwerg, so mag er wohl von den guten sein, denn es gibt auch arge."

„Viel Ungehöriges mischt deine Rede, Wolfram," entgegnete der Mönch, „der Christengott spendet nicht Blätter und Nüsse, und er gibt kein Angebinde, welches das Glück im Hause des Menschen, erhält."

„Dennoch gibt es solchen Schutz auf Erden," sagte Ingram, „ich kenne einen Mann, dem eine Gabe für sein Geschlecht verliehen wurde von den Schicksalsfrauen; ich kenne die Stelle, wo sie verborgen liegt, und ich weiß, daß sie ihren Segen bewährt hat durch viele Geschlechter."

„O traue nicht auf den Zauber," mahnte Gottfried eifrig. „Täuschend ist jede Gabe der Unholden. Hochmüthig macht sie den Mann und maßlos, bis der Tag kommt, wo sein Hoffen sich ganz eitel erweist und der Herr ihn demüthigt in seinem Stolz."

Ingram lächelte. „Ieder berge, was ihn muthig macht, in stillem Herzen. Beide wollen wir als gute Gefährten nicht forschen, wo der andere seinen Schatz bewahrt. — Der Thau fällt und morgen reiten wir auf wilden Wegen, nimm hier die Decke und verhülle die Glieder, daß sie dir nicht steif werden in der Nachtluft der Berge. Wecke mich, Wolfram, nach Mitternacht."

Am nächsten Nachmittag sahen die Reiter baumloses Land vor sich. Die Stämme waren erst vor Kurzem gefällt und an dem Rand des Waldes als Verhau geschichtet, denn noch standen die Stümpfe auf grünem Boden, jeder von jungem Aufschuß und wilden Stauden umgeben, und überall auf dem Grunde erhoben sich die niedrigen Büsche. Als die Reisenden einer nach dem andern durch eine schmale Lücke des Verhaues gedrungen waren, erkannten sie vor sich mehre Reiter, welche zuerst das Lärmzeichen anbrannten, daß eine hohe Rauchwolke emporstieg, und dann von niedriger Anhöhe schreiend und die Waffen schwenkend auf sie zukamen, Männer in langem Graurock von Hanf gewebt und mit Pelz besetzt, obgleich es Sommerzeit war, eine dicke Pelzkappe auf dem Haupt, mit Keule und Hornbogen bewaffnet; kleine, behende Leiber, breite Gesichter mit großen Schnauzbärtm und braunem schlichten Haar, wild drohten und riefen sie. Wolfram ritt vor und gab in ihrer Sprache Bescheid. „Aus Thüringen sind wir, in Frieden kommen wir, Ingram der Held und ich sein Mann, und der Dritte ist Gottfried, ein Bote des Herrn Winfried."

Die Reiter fuhren untereinander und redeten mit heftigen Geberden, bis einer, der einen Bund Adlerfedern an der Pelzmütze trug, — es war Slavnik, die Nachtigall genannt, weil er bei den Trinkgelagen des Ratiz vorsang, — zu Ingram ritt und diesen in der Sorbensprache höflich begrüßte. Als der Thüring ihm in derselben Weise auf den Gruß antwortete, neigte der Sorbe sich noch freundlicher und redete so hoch und weich wie ein Mädchen; was der Knecht erklärte: er freue

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