Abbildungen der Seite
PDF

und Roßfleisch habe ich gesessen, und wenn sie im Mai den Reigen tanzten, forderten sie, daß ich mit Frau" — er bekreuzigte sich wieder. „Sicher ist der Bischof ein heiliger Mann, menschlicher Schwachheit völlig enthoben. Auch du kennst die Regel, mein Bruder, obwohl du jung bist."

Gottfried nickte freundlich.

„Dann weißt du auch, mein Sohn, daß den Getreuen nach der Pönitenz gestattet ist, die heißen Lippen anzufeuchten, ayua «um aesto, durch Wasser mit Essig. Essig fehlt in diesem Lande, aber," fuhr er überredend fort, „dort steht an feiner statt ein Rest Dünnbier, es ist Wasser genug darin, ich bitte dich, reiche mir den Krug."

Gottfried holte bereitwillig den Trunk, der erschöpfte Mann that einen tiefen Zug, hielt darauf den Krug in seinen gefalteten Händen und begann wehmüthig sein Morgeugebet. Gottfried sprach die Worte mit, dann schüttelte er in der Ecke das Stroh zum Lager zurecht, geleitete den Wunden zur Ruhestätte und sprach ihm leise Gebete vor, bis der Vater entschlief.

Als Winfried am späten Morgen zu dem Mönch zurückkehrte, fand er ihn muthiger auf seinem Stuhl sitzen. Gottfried hatte die Zelle gesäubert, einen kleinen Altar aufgerichtet und mit Fichtenzweigen und wohlriechendem Quendel umhangen. Da der Bischof eintrat, machte Memmo einen Versuch sich zu erheben, Winfried aber drückte ihn sanft in den Stuhl zurück.

„Nicht als Arzt komme ich in dieser Stunde, der seinen Kranken zum Heilmittel nöthigt, als dein alter Geselle setze ich mich zu dir, und ist dir's nicht zu beschwerlich, so bitte ich dich, mein Bruder, daß du mir wahrhaft verkündest, was du in diesem Volke Schweres geduldet hast, denn wahrlich nicht leicht war das Amt, das dir befohlen war, und ich sinde dich nicht in fröhlicher Arbeit."

„Gar nichts Günstiges kann ich dir sagen, ehrwürdiger Vater," begann Memmo kleinlaut, „sünf Iahre habe ich hausgehalten unter diesem Geschlecht, wie Daniel in der Löwengrube; verhärtet sind ihre Herzen und trotzig ihr Muth, und der beste unter ihnen hat Stunden, wo er sich geberdet wie der üble Teufel aus der Hölle. Wenige gibt es, die da glauben, und sie glauben nur, wenn ihnen ein Bein verrenkt ist oder der böse Geist des Fiebers sie schüttelt, dann fenden sie zu mir, daß ich vor ihnen bete, und schlagen emsig das Kreuz; den nächsten Tag aber schicken sie zu der Heidenfrau, welche Zauberkünste übt, und machen wieder das Hammerzeichen über ihren Leib. Sie fragen oft, ob unser Gott ihnen Sieg schaffen kann gegen die Slaven und Sachsen, dann möchten sie es wohl mit ihm versuchen. Er soll sich ihnen geloben wie ein Diener, aber sie wollen ihm nicht dasselbe thun."

„Du kennst die Christen dieser Landschaft?" frug Winfried ungeduldig, „denn dazu bist du hergesandt, wie die Schwalben ihre Boten voraussenden."

„Wohl meine ich, daß ich sie kenne, soweit das Land reicht von der Saale bis zur Werra," versetzte Memmo. „Und ich schrieb dir nach deinem Gebot die Namen Einiger, welche Ansehn haben, und noch die treuesten sind. Von Priestern aber bin ich das einzige Lamm unter bellenden Wölfen. Denn andere gibt es noch, die sich Christenpriester nennen, aber sie sind reine Teufelsbraten, sie halten sich mehr als ein Weib, sie sitzen mit den Heiden beim Opferschmause und die Pferdehäupter hängen neben ihren Kreuzen, sie wollen auch nichts wissen von unserm großen Vater in Rom. Vor alter Zeit ist diese Art ins Land gekommen, sie malen mit Farbe Zeichen in ihre Haut."

„Schottische Wildkatzen," rief Winfried zornig.

„Viel habe ich hier erduldet durch Schläge, und durch Hohnreden," fuhr Meginhard fort. „Das Aergste aber geschah mir im letzten Iahr, als die Wenden ins Land sielen. Die Thüringe stellten sich ihnen entgegen unweit der Saale, und sie bedräuten mich und forderten von mir, da ich ihr Gast sei und ihren Frieden genieße, daß ich mit ihnen ziehe und als ein unkriegerischer Mann neben ihrer Schaar auf dem Hügel stehe und Sieg für sie herab bete. Sie zogen mich fort und stellten mich auf, aber die Wenden wurden ihrer mächtig, erschlugen einen Haufen, brachen in die Dörfer, zündeten an und führten die Weiber und Kinder hinweg in Knechtschaft; auch mich singen sie, mit Weiden wurde ich gebunden und sie trieben uns wie eine Herde Schafe ostwärts in die Sklaverei. Iämmerlich war die Reise unter Heidenweiberu und weinenden Kindern, wer niedersank und nicht mehr aufzustehen vermochte, der erhielt einen Keulenschlag und lag am Wege. Spärlich war auch die Reisekost, gleich Ebern bot mcm uns Brei im Troge. Zwei Tage und Nächte wanderten wir so den Angstpfad, bis wir die Dörfer der Wenden erblickten und die Stangen, an denen die Banner ihrer Häuptlinge hingen. Dort theilten sie uns in die Dörfer, ich aber mit einem Haufen wurde dem Sorben Ratiz zu Theil, dem greulichen Manne, der sich diesseit der Saale seine Ringburg geschanzt hat. Die Heiden hielten ein großes Gelage, mich aber bestimmten sie zu jämmerlichem Tode, weil sie mein geschorenes Haupt sahe», und die Teufel spuckten mir auf den Scheitel. Gebunden lag ich und hoffnungslos, da trat Herr Ratiz in den Stall und frug mich durch einen Mann, der ihn begleitete, von welchem Stamm und Männergeschlecht ich sei. Ich aber sagte ihm, daß ich ein Mönch sei und du der ehrwürdige Vater, dem ich mich gelobt habe zur Reise unter die Thüringe. Da erweichte der Herr sein Herz, daß er meine Bande lösen ließ und durch seinen Begleiter mir mit großer Heimlichkeit offenbarte, er wünsche Boten zu senden an den Gebieter der Franken im Westen und er wisse, daß du ein mächtiger und friedfertiger Mann seist und wohl ein Fürsprech werden könnest für sein Begehren. Und der verschlagene Wolf, der satt war von dem Morde in unserm Schafstall, behauptete, daß auch er den Frieden liebe; die Grenzgrafen der Franken aber seien räuberisch und blutdürstig. Und ich mußte ihm geloben diese Botschaft dir zu bringen, so schnell ich könnte. So wurde ich erledigt, gespeist und gekleidet und bis in die Nähe unserer Dörfer geführt. Wie ich dir auch sogleich verkündet habe in meinem Briefe, den Hunibald, der Franke auf seiner Fahrt nach Westen mit sich nahm."

„Was du geschrieben hast, habe ich gelesen," versetzte Winfried. „Unterdeß ist der Wolf wieder hungrig geworden und auf's Neue in das Land der Franken gebrochen. Hast du erkundet, was er vom Herrn Karl, der über die Franken herrscht, für sich begehrt? Denn Frieden halten mögen die Franken und die Slaven so wenig wie zwei Hamster in einer Grube."

„Mich dünkt, er begehrt Geschenke und vielleicht das Land, das er sich geraubt hat."

„Will er bekennen und den Werken des Teufels entsagen?" frug Winfried.

„Eher beißt ein Fuchs in der Falle sich den Schwanz ab; in ihm ist nicht mehr Frömmigkeit als in einer hohlen Nuß."

„Manche, die das Kreuz schlagen, sind ebenso leer," entgegnete Winfried. „Ist er ein kalter Heide, so mögen seine Kinder warme Christen werden. Ietzt aber sprich zu mir von einem andern Mann, du kennst den Ingram, welchen die Heiden Ingraban nennen."

„Nicht viel Gutes habe ich von ihm genossen, er ist einer von den Feinden des Kreuzes; dort oben haust er auf der Stätte, die sie den Rabenhof nennen, denn die schwarzen Heidenvögel nisten iu den Bäumen und krächzen unholde Lieder. Er aber ist voran bei allem Streit und hält die Herzen der Iugend in seiner Hand. Während jener Schlacht sah ich, wie seine Gesellen ihn verwundet aus dem Kampfe trugen; und sie meinen, wäre er im Vorkampf geritten bis zum Ende, dann hätten die Slaven nicht obgesiegt."

Winfried erhob sich und sah prüfend in die Ecken der Hütte. „Das Gesetz besiehlt, daß die Brüder zusammen hausen unter einem Dach, nicht ziemt mir bei Fremden zu herbergen, wo ein Bruder sein Haus hat. Sorge, mir hier ein Lager zu bereiten."

Erschrocken vernahm Memmo diesen Entschluß. „Gering ist die Hütte, ehrwürdiger Vater, und das Dach ist schadhaft, der Regen läuft hinein, übel steht es auch mit der Kost; doch ich meine nicht," verbesserte er sich, „daß dir daran gelegen ist. Und dann, ehrwürdiger Vater, verzeih, die kleinen Vögel, die ich bisher hielt, singen laut und sie schmeißen zuweilen unverschämt. Herr, besiehlst du, daß ich die Vögel fliegen lasse? Im kalten Winter sind sie zu mir geflogen, manche sind im Frühjahr in die Lüfte geflattert, einige haben ihr Nest gebaut zwischen den Sparren, sie haben die zweite Brut ausgebracht und manchmal, wenn ich kleinmüthig war, hat ihr Gezirp mich gefreut, looeavi!" fügte er fast weinend hinzu, „es ist Sünde sein Herz an eine Kreatur zu hängen, aber Vater, sie kommen immer wieder, wenn ich ihnen nicht den Hals umdrehe; vor allen der Stieglitz, er ist der schönste Vogel in diesem Lande."

Winsried hörte sinster den Klagegesang des zuchtlosen Mönches. „Gib deinem Bruder nicht weniger gern die Nachtrast, als deinen Gespielen im Federkleid."

„Fruchtlos war die Arbeit an den Herzen der Menschen," fuhr Memmo traurig fort, „eher noch behielten die Vögel das heilige Wort. Iedes Iahr sing ich junge Raben und Elstern, lehrte sie das Kyrie eleison und ließ sie wieder fliegen. Im lichten Gehölz hier kannst du zuweilen ihre Stimme hören, wenn sie die heiligen Worte singen. Auch an dem Ingram meinte ich manche Unbill zu rächen, die er mir zugefügt, und ich setzte ihm meine jungen Raben auf seine Bäume, damit sie unter den Heidenvögeln den Herrn anrufen sollten, aber die andern Raben fuhren grimmig gegen sie und rauften ihnen die Federn, weil den wilden unser Gesang widerwärtig war. Und sie kamen zu mir zurück. Aber auch diese, die ich ge

« ZurückWeiter »