Abbildungen der Seite
PDF

„Wohlan, so soll das Frühere ausgeglichen und vergessen sein und ich will dich halten als meinen Gast, dich und deine Begleiter mit Abendkost und Herberge, und ich grüße dich an meinem Herde, dich, Herr Winfried, vor dem die Leute knien und den sie Bonifacins und einen Bischof nennen."

Als die Reisenden am Abend des nächsten Tages ans dem dunklen Fichtenwald ritten, schauten sie von der Berghöhe niedrige Hügel, in der Ferne offenes Land. Vor ihnen lag am Fuße des Berges ein Dorf, grau die Dächer, gran die Balken, rund herum ein Zaun aus Pfahlwerk und ein breiter Graben. Eng gedrängt standen die Häuser in den Dorfgassen, damit die Abwehr eines feindlichen Ueberfalles leichter sei. Außerhalb des Zaunes erhoben sich an der Berglehne zwei einzelne Höfe wenige Bogenschüsse von einander entfernt. Zu jedem führte ein Fußpfad von dem Dorfwege ab. An dieser Wegscheide hielt Ingram und sagte kurz: „In das Land der Thüringe habe ich euch geleitet, dies ist das Dorf, dort ist der Hof des Franken, den sie einen Meier des Grafen nennen, und dort steht er selbst. Vollbracht ist, was ich gelobt, fahret dahin."

Während die Fremden mit geneigtem Haupt ihrem Gott dankten und um Segen für ihren Eintritt flehten, jagte Ingram von dannen und war bereits hinter einem Vorsprung des Holzes verschwunden, als Winfried nach ihm aufsah. Von der andern Seite aber kam der fränkische Verwalter ihnen entgegen, ein Mann mit grauem Haar und ernster Miene. Winfried bot ihm den Christengruß und das Gesicht des Mannes röthete sich vor Freude, als er antwortete: „In aller Ewigkeit." Und als ihm Winfried ein ausgeschnittenes Pergamentblatt hinhielt, das Erkennungszeichen, welches die Herrin dem Meier sandte, da nahm dieser ehrerbietig de n Hut vom Haupte, ergriff selbst die Zügel der Rosse und führte die Fremden nach seinem Hofe.

Ein Christ unter Heiden.

Abwärts vom Dorfe auf die Ebene zu stand ein verfallenes Haus von einem Holzzaun umgeben, an welchem bestäubte Kletten die grauen Blätter breiteten; der Zaun war löcherig und nachlässig geflickt, und die Hühner und Ferkel des Hofes fanden das ganze Iahr mühelosen Durchgang. Hinter dem Thor war aus zwei Stangen ein Holzkreuz errichtet, als einziges Zeichen, daß Meginhard, den sie Memmo nannten, dort wohnte, ein Priester der Christen. Widerwillig hatten die Dorfleute ihm vor Iahren auf die Verwendung des Grafen gestattet in der leeren Hütte zu wohnen. Dennoch fehlte im Innern nicht gänzlich das Behagen. Durch die Ritze der geschlossenen Fensterladen sah man, daß auf dem Herde ein lustiges Feuer brannte. Daneben saß Memmo, ein kleiner rundlicher Mann, vor ihm stand auf schlechtem Holztisch ein Krug mit Bier, auf dem Herde kochte im Topfe ein Huhn und eine kräftige Magd wirthschaftete mit dem Holzlöffel um den Stein. „Lange brodelt das Huhn, Godelind," sprach der kleine Mann und blickte sehnsüchtig nach dem Topfe, „schwinge den Löffel und lege Holz an, denn dies ist das Einzige, was man hier im Lande reichlich hat." Aber Oodelind kümmerte sich wenig um de n Seufzer des Herrn, sie fuhr unwirsch über den Herd und sah zuweilen zornmuthig auf den Priester herab. „Sicherlich hätte mein Herr ein besseres Geschenk von dem kranken Nachbar erwerben können als das Ding da" — sie wies mit dem Löffel in die Ecke der Hütte, wo auf dem Strohbund ein slavisches Mädchen kauerte, das mit gesenktem Haupt vor sich hin starrte. „Durch viele Wochen habt ihr die bösen Geister besprochen, die in dem kranken Bein des Mannes saßen; für große Mühe ist dies ein erbärmlicher Dank, eine Gefangene, ein schwaches elendes Ding, zu gar nichts gut. Warum hat er euch nicht ein Kalb in die Wirtschaft geschenkt? Oft genug habe ich euch gerathen ihm eure Meinung darüber unter den Fuß zu legen. Wir haben kaum genug um zwei Mäuler zu füttern, jetzt kommt das dritte, und dazu eine Wilde mit verworrenem Haar, die kein Wort sprechen mag und die mir neue Sorge schafft zu der, die ich um euch habe."

Memmo blinzle schlau in die Ecke. „Und doch nahm ich sie um deinetwillen, Godelind," sagte er begütigend, „sür die Weide und das Feld, gern will ich dich schonen."

„Habe ich je über die Arbeit geklagt?" schmollte die Gebieterin des Herdes nur wenig besänftigt. „Ietzt soll ich Wache halten um den fremden Unhold." Sie stürzte das gekochte Huhn in eine irdene Schüssel und setzte das heiße Gericht mit einem Löffel ihrem Herrn vor. Ein wohlriechender Rauch stieg in die Höhe, Memmo saß die Kühlung erwartend und klapperte ungeduldig mit dem Holzlöffel am Schüsselrand. Da knarrte es draußen am Zaun und gleich darauf pochte ein Stab an die Thür viermal in kurzen Absätzen. Dem Priester siel der Löffel aus der Hand, er fuhr erschreckt in die Höhe, starrte auf die Thür als ob er einen Geist fürchte und murmelte nach dem dritten Schlage leise halb bewußtlos: „lu nomine 8M-iw8 8lln«li. ll!nen." Der letzte Schlag erklang und gleich darauf flog die Thür von starker Hand gerissen auf, ein Mann trat herein in dunklem Gewande und eine tiefe Stimme sprach auf der Schwelle: „Sei gegrüßt im Namen des Herrn." Stumm stand Memmo, alles Roth aus seinem Gesichte war entwichen; Winfried betrachtete einen Augenblick die Bewohner der Hütte, dann trat er au das Fenster, schlug den Fensterladen auf, nahm Schüssel und Huhn, warf sie hinaus, daß die Scherben krachten, und rief gebietend: „Hinaus mit den Frauen." Godelind hatte die Arme untergestemmt, gar nicht gesonnen, dem Befehl des Fremden zu gehorchen, da sah sie, wie ihr Herr mit heftiger Handbewegung winkte, daß sie weiche, sie merkte, daß der flammende Blick des Fremden sich auf sie richtete, und ihr Muth wurde klein; sie riß die gefangene Slavin mit sich fort und eilte zur Thür. „Suche eine andere Herberge zur Nacht, Weib," rief ihr Winfried nach, „denn die Zelle diefes Mannes betritt dein Fuß schwerlich wieder." Hinter den Frauen schloß er die Thür, schob den Riegel vor und trat zu dem sprachlosen Memmo. „Ins Elend bist du gegangen, mein Genosse," sprach er traurig, „und in übler Gesellschaft sinde ich dich; ich komme, deine Seele zu mahnen. Auf die Knie, Meginhard, mein armer Bruder, und bekenne deine Uebelthat, denn der Tag der Buße ist gekommen, siehe zu, daß du die Gnade des Richters erwirbst."

Betäubt siel der Mönch vor dem Bischof auf die Knie und begann ein lateinisches Gebet zu murmeln. Die Herdflamme loderte lustig weiter und warf die Schatten der Männer hin und her, das Wasser im Kochtopf hob den Deckel und zischte auf dem Herde, aber Niemand kümmerte sich darum, bis die Flamme sich senkte und das Wasser schwieg. Dunkler wurde es im Raum, die verglühenden Kohlen warfen ein schwaches Dämmerlicht und von der andern Seite siel matter Sternenschein durch die Fensteröffnung, aber immer noch lag der Priester am Boden, nur schwere Seufzer und das Summen feierlicher Gebete wurden gehört, dann die scharfen Schläge der Geißel und leises Stöhnen. So ging es fort bis in die Nacht. Und als das Sternenlicht in dem Grau des neuen Tages verging, lag Memmo immer noch mit dem Antlitz am Boden, die Arme in Kreuzesform ausgestreckt und neben ihm kniete der Fremde und die tiefen Töne seiner Stimme klangen feierlich über dem Schluchzen des Liegenden.

Winfried öffnete die Thür, das erste Morgenlicht drang in den dämmrigen Raum, am Zaunthor stand der junge Gottfried und neigte sich schweigend vor dem Lehrer, denn noch war die Tagstunde nicht gekommen, wo ein Bruder sprechen durfte. „Ich meinte dich wohlgeborgen auf dem Lager des Gastfreundes," fagte der Fremde und winkte ihm die Erlaubniß zu reden.

„Verzeih, mein Vater, mich trieb die Sorge um dich hierher."

„Dort drinnen liegt einer, der gefallen ist. Weile bei ihm, damit er dein Angesicht schaue, wenn er sein Haupt erhebt, und stütze seine wankenden Schritte," und leiser fügte er hinzu: „Wie einen Hänfling, der dem Bauer entflogen war, habe ich ihn eingefangen und unruhig wird seine Seele flattern. Hilf ihm, obwohl er älter ist, daß er sich der Zucht wieder gewöhne, und gib ihm nach soweit du darfst. Denn ungeschickt wäre es, dem Verwilderten allen Trost zu nehmen."

Der Fremde schritt dem Dorfe zu, wo sich's in den Häusern rührte, der junge Mönch setzte sich leise neben den Büßenden; nicht lange und dieser schauerte zusammen, hob vorsichtig das Haupt und sah erstaunt statt des furchtbaren Bischofs einen Iüngling neben sich, in dessen hellem Antlitz warmes Mitleid leuchtete. „Visio venit, ein Friedensbote erscheint," murmelte er erschrocken und siel auf das Gesicht zurück, um es nach einer Weile wieder zu erheben. „Ich fühle warmen Athem über meinem Haupt, bist du einer von uns, so sprich."

„Gottfried heiße ich, mein Vater, und bin dein Bruder und Diener."

„Er ist fort," feufzte Memmo sich furchtsam umschauend und fühlte mit der Hand nach seinem wunden Rücken. Mühsam setzte er sich auf und faßte den Kopf mit beiden Händen. „Gänzlich bin ich verwandelt, die Schüssel mit dem Huhn warf er aus dem Fenster und Frau Godelind," — er bekreuzigte sich — „hinweg du Teufel. Schwer bin ich versucht worden, mein Sohn, unter den Heiden, zwischen Pferdeköpfen

« ZurückWeiter »