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„Gedenkst du die Gefahr zu meiden, wenn wir vor dem Abend die Rosse ermüden?" bemerkte der Andere ruhig.

„Ich will sehen," versetzte Ingram kurz und ritt wieder vor.

So ging es eine Stunde vorwärts, durch Buschholz und über Wiesengrund, endlich sahen sie in der Entfernung seitwärts vom Wege einen großen Hof unter Lindenbäumen, das Roß des Führers flog wie ein Pfeil dem Hofe zu, sie erkannten, daß der Führer einigemal anhielt, dann mit weiten Sprüngen hinter den Bäumen verschwand. Langsamer folgten die Reisenden. Da sie heran kamen, fanden sie das Dach zerrissen, die Thür eingeschlagen, die Kohlen eines Feuers vor dem Hause. Der Führer beugte sich über Etwas das im Grase lag. Es war ein toter Mann, das Haupt durch einen Keulenschlag gebrochen. „Dies war der Wirth des Hofes," sprach der Führer mit zuckendem Munde. „Er war von Geschlecht ein Franke, aber ein gastfreier Mann. Und er ist gefallen als ein Krieger. Seht dorthin." Erde war aufgewühlt und zu zwei runden Hügeln geschichtet. „Die Räuber haben ihre Toten begraben." „Wann ist es geschehen?" frug der Fremde traurig.

„Gestern bevor der Tag warm wurde," versetzte der Führer und wies auf den Leib eines Slavenrosses, das durch einen Speerwurf des Hofbesitzers getroffen danebenlag. Der Fremde sprang ab und eilte nach dem Hause: „Komm, daß wir Hilfe bringen, wenn dort noch Iemand athmet."

„Du sorgst vergeblich," entgegnete der Führer. „Seine Tochter Walburg und seine kleinen Knaben sind fortgetrieben. Die Kuh mit der Blässe ist geschlachtet, auf seinem Rosse Goldfeder sitzt ein Slave; die Wenden wissen aufzuräumen, sie lieben nicht halbes Werk."

Der Fremde ergriff einen Spaten und begann ein Grab zu schaufeln. „Rathsam wäre dir von dieser Stätte zu entweichen," rief der Führer unruhig. Der Andere wies auf ein Kreuz, das mit blauem Waid in den nackten Arm des Toten gezeichnet

Fleytag, Weile. VIII. 15

war: „Er ist von meinem Glauben und ich darf nicht gehen, bevor ich seine Hülle vor Wolf und Geier gesichert habe."

Der Führer trat zurück und murmelte: „Mancher Mann, der das Kreuz geschlagen, liegt heut still auf blutigem Grunde." Die Reisenden höhlten das Grab, legten den Toten hinein, knieten zum Gebet, deckten das Grab mit Erde und steckten ein Holzkreuz darauf. Dann winkte der Fremde den Iüngling hinweg und blieb allein vor dem Erdhaufen liegen.

Unterdeß war der Führer vorwärts geeilt auf der Spur der Feinde, wie ein Iagdhund sprang er über den Grasgrund; schon harrten die Fremden seiner, als er mit glühendem Antlitz zurückkehrte. „Ich erkannte die Fährte, die Fußtritte des Weibes und der Kinder; nur eines der Rosse war beschlagen, ich meine, das ist ein Pferd des Ratiz, des Sorbenhäuptlings. Ich treffe ihn wohl in wenig Tagen," rief er drohend. — „Beantworte mir eine Frage, Fremder: Würdest du dich freuen, den Ratiz erschlagen zu sehen mit seinem Haufen?"

„Nein," versetzte der Fremde.

„Er hat Männer deines Glaubens getötet und führt ihre Kinder in elende Knechtschaft."

„Nein, sage ich dir," wiederholte der Fremde.

Der Führer raunte einen Fluch, plötzlich trat er zu dem Roß des Fremden: „Bekenne mir, was führst du in dem Ledersack, den du so sorglich hütest?"

„Nicht ziemt dir solche Frage," entgegnete der Reisende kalt, „und ich weigere dir die Antwort."

„Ich meine du haft Armringe darin und Silber, wie es die fremden Kaufleute in das Land bringen," sprach der Führer und starrte begehrlich quf den Ledersack.

„Vielleicht ist darin, was du nennst," sagte der Fremde, „vielleicht auch uicht, was kümmert's dich. Dein kann es nimmer werden."

Der Führer sah ihn mit feindseligem Blick an, dann fuhr es über sein Gesicht wie ein Krampf, er warf sich auf den Boden und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Der Fremde ergriff seine Axt, stellte sich vor den Liegenden, zog ihm die Hand vom Antlitz und legte die Axt hinein. ,Hier ist die Waffe, mein Sohn, und hier ist das Haupt eines Wehrlosen, willst du treffen, so versuche den Schlag. Willst du lieber horen, so achte auf das Wort eines älteren Mannes." Ingram ließ die Waffe ins Gras fallen, und saß mit geneigtem Haupt auf dem Boden. „Ich weiß, was dich verstört," fuhr der Fremde fort, „die Räuber treiben ein junges Weib in ihre Berge, du denkst daran sie zu entledigen mit den Waffen oder durch Kauf, und du meinst, der fremde Mann foll dir dazu dienen. Spreche ich Wahrheit, so antworte."

„Sie sprach stolz zu mir," erwiederte er leise, „weil ich nach dem Brauch meiner Väter beim Roßopfer unter der Eiche stand, aber mir ist gräulich, daß sie in der Hand des Ratiz bleiben soll, und in meine Seele siel es wie ein Strahl aus den Wolken, daß ich eilen muß sie loszukaufen. Dann führe ich sie als Gefangene heim, sie wird mein eigen, und ich ihr Herr."

„Und sie muß thun nach deinem Willen," sprach der Fremde kalt, „wie aber, wenn dein Feind Ratiz ebenso denkt?"

Der Führer knirschte mit den Zähnen und warf sich wieder in das Gras.

„Sie sind wie die Bestien," sagte der Fremde in lateinischer Sprache. „Steh auf, Führer," befahl er mit ruhigem Tone, „und vollende vor Allem, was du gelobt hast. Ietzt fordert deine Ehre, daß du uns sicher in deine Heimat bringst, wenn wir dir auch fremd und unwillkommen sind. Bist du erst frei von dieser Pflicht, dann erwäge, welches die nächste sein wird. Aber vergiß nicht, daß das Weib, welches du dir begehrst, unter mächtigem Schutz dahin zieht auf dornigen Pfaden. Denn sie wird geleitet durch die geflügelten Boten meines Gottes, die Engel, damit sie erhalten werde für diese Welt oder hinaufgeführt in den Himmelssaal der Christen. Trägt sie auch Sorbeubande, dennoch ist sie in der Hand eines gütigen Vaters, der Alle hört, die in der Noth ihn anrufen. Will er, daß sie gelöst werden soll durch dich, so wird es geschehen. Du aber thue, was jetzt deines Amtes ist."

Der Führer stand auf, schüttelte sich und sprang stumm in seinen Sattel. So zogen die Wanderer weiter nach Norden, jeder mit sich beschäftigt, der Fremde sprach nur selten einige lateinische Worte zu seinem Begleiter. Als die Sonne sank, betraten sie die sinster« Wälder des Gebirges, welches die Thüringe von den Franken scheidet.

Sie hörten hinter den Bäumen Hundegebell und dazwischen ein tiefes mißtönendes Gebrumm. „Führst du uns in eine Bärenhöhle?" frug der Fremde.

„Hier wohnt Bubbo, der Landfahrer," versetzte der Führer, „er fängt Bären, weiß ihre Wuth zu bändigen und verkauft sie weit südwärts im Lande der Franken, an Herrenhöfe, zuweilen auch an fahrendes Volk. Sein Hof ist im ganzen Lande gefürchtet, er hat Frieden bei Freund und Feind und versteht manche geheime Kunst."

„Er ist von deinem Glauben?" forschte der Fremde.

„Wenige wissen, zu welchen Göttern er fleht," sagte der Führer.

„Dann laß uns den ungastlichen Hof meiden."

„Sieh auf den Himmel, die Nacht bringt Regen, dein Knabe und eure Pferde bedürfen Nachtraft, denn morgen steigen wir über den Wald auf wildem Wege, wo kein Wirth uns aufnimmt."

Der Mann blickte auf den Iüngling an seiner Seite und gab schweigend ein Zeichen der Gewähr. Da sie näher kamen, wurde das Gekläff der Rüden wilder, die grunzenden Stimmen einer Bärenfamilie mischten sich darein, und als Ingram an das Thor schlug, tobte der Lärm so arg, daß der Fremde ein Kreuz schlug. Lange pochte der Führer, endlich klangen Menschentritte und rauher Zuruf an die Thiere; Ingram rief seinen Namen durch das Thor, der Sperrbalken wurde zurückgeschoben, und eine riesige Männergestalt trat in den Thürspalt. Der Führer sprach leise mit dem Wirth. Durch kurze Handbewegung lud dieser zum Eintritt, er faßte die zitternden Pferde am Zügel und zog sie in den Hof, den er hinter ihnen wieder verschloß. Die Reisenden entlasteten ihre Thiere im Dunkel, dann führten Ingram und der Wirth die Rosse nach einem Stall. Als die Männer auf den gestampften Lehmboden der Hausflur traten, hielt der Wirth eine Kienfackel an die züngelnden Kohlen des Holzklotzes, der auf dem Herde lag, und leuchtete mit der rußigen Flamme seinen Gästen in das Gesicht. Da er das Antlitz des Fremden erkannte, trat er zurück, die Fackel entglitt seiner Hand und sprühte auf dem Boden, bis der Führer sie faßte und in den Eisenring am Herde steckte.

„Nimmer hätte ich geglaubt dein Angesicht in meiner Hütte zu sinden. Unhold war der Gruß, den du mir botest, da ich dich das erste Mal sah; mit meinen Bären ließest du mich weghetzen von dem Haus deiner Gastfreunde."

„Und da ich dich zum zweiten Mal fah," antwortete der Fremde ruhig, „löste ich deinen Hals von der Weide, die für dich gedreht war. Und da ich dich zum dritten Mal fah, standest du als Täufling vor mir im weißen Hemd und das heilige Wasser rann über dein Haupt."

„Das Taufhemd ist lange zerrissen, es war das letzte Mal weniger werth als sonst wohl in früheren Iahren, wo ich mich in euer Wasser tauchen ließ; und ungern denkt der Mann an die Stunden der Noth, in denen er ein Haupt vor fremdem Zauber gebeugt hat," versetzte der Wirth scheu. „Du hast mir weh gethan und du hast mir wohl gethan. Dennoch meine ich, du bist ein Mann großer Geheimnisse kundig, und auch mich rühmen die Leute als einen, der Manches weiß. Und wenn ich dir Frieden gebe unter meinem Dach, so magst du zum Dank mich wohl noch manch Geheimniß lehren."

„Ich will dich lehren," sagte der Fremde, „wenn du Ohren hast zu hören."

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