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der Fremde näher und gebot: „Trag die Pfähle herauf, wir rasten am Baum."

„Das geht nimmer an," versetzte der Führer.

„Und warum nicht, wenn ich es will?"

„Soll der Feuerschein auf der Höhe den fremden Spähern dein Lager künden?"

„Die Nacht ist warm, gern entbehren wir die Flamme, auch ein Krieger wie du behilft sich wohl ohne Kochherd."

Ingram stand unbeweglich und sah sinster auf den Fremden.

„Wer du auch sonst bist," fuhr dieser fort, „sür diese Reise hast du dich mir gelobt um guten Sold, und ich bin der Herr unserer Fahrt. Willst du nicht nach meinem Willen thun, so ziehe deinen Weg, ich suche meinen Pfad ohne dich."

„Ungern diene ich dir," antwortete der Führer heftig, „und nur, weil eine, die mir Gutes that, mich geworben hat; und wenn ich frei bin von meinem Wort und du ein Schwert zu führen weißt, fo will ich lieber dein Feind fein als dein Freund, das magst du wissen, Fremder. Ienen Baum aber habe nicht ich zu scheuen, fondern du, denn weit bekannt ist er im Lande und um ihn schweben seit der Urzeit hohe Gewalten, welche dir feind sind und nicht mir."

„Ob sie mir feind sind, will ich dir zeigen, wenn du mir folgst," antwortete der Fremde und schritt dem Baume zu. Er hob seine Axt und rief: „Haben sie Grimm, so mögen sie zürnen, haben sie Macht, so mögen sie mich treffen wie ich diesen Stamm." Und mit starkem Schwunge schlug er die Axt in den Baum. Der Führer trat zurück, griff nach seiner Waffe und starrte nach der Höhe, ob von dort ein Götterzeichen den Frevler treffe; aber Alles blieb still, nur ein trockener Zweig mit Eschensamen siel herab. „Sieh her," rief der Fremde, auf das Samenbündel weisend, „das ist der Zorn deiner Gewaltigen. Der Baum, vor dem du zagst, war einst ein flatterndes Samenkorn wie dieses hier, aus einem winzigen ilern ist er gewachsen. Wo hausten die Gewaltigen, welche du fürchtest, als der Baum noch ein Samenkorn war? Meinst du, der Baum hat gestanden von Anfang der Menschenerde? Merke, unter seinen Wurzeln fand ich diesen Stein, rissig und gesprengt durch die Kraft des Baumes. Betrachte den Stein, es ist ein Mühlstein, wie ihn die Weiber drehen um das Getreide zu mahlen. Bevor die Esche war, hat hier ein Hauswesen lebender Menschen gestanden. Geringe Ehre verdienen die Götter, welche erst dann in der Esche mächtig wurden, als die Menschen gestorben waren, die vor dem Baume hier hausten. Der Herr aber, welchem ich diene, ist der Gott, welcher Himmel und Erde gemacht hat, er allein ist ewig und allmächtig von der Urzeit und wird ewig und allmächtig sein, wenn der letzte Span dieses Baumes aus der Welt geschwunden ist."

Der Führer kauerte zu dem zerbrochenen Stein nieder und sah in die Oeffnung, auf das Wurzelstück und auf Reste vou Holzkohlen, welche an dem Sandstein hafteten. Das Haar hing ihm über das Gesicht und seine Brust hob sich in heftigen Athemzügen. „Stand ein Haus hier, so hat es gebrannt," sprach er endlich leise vor sich hin. „Da ich klein war, sagten sie mir, daß meine Vorfahren auf dem Berge gesiedelt haben. Alte Leute haben einen Sang davon gewußt, der Sänger, den die Wenden erschlugen, war dieses Liedes kundig."

Der Fremde berührte ihm die Schulter. „Die Nacht steigt herauf, im Walde heulen die Wölfe, hole die Pfähle, Ingram."

Der Führer erhob sich. „Hierher führte ich dich," sprach er bitter, „damit ich dir meinen Eid halte und du sicher seiest in der Nähe einer hohen Herrin, die ich mir günstig weiß. Du aber störst der Göttin den Frieden durch deine Axt und du verstörst mich durch schwere Gedanken, die du mir in das Herz senkest. Hast du Macht Vergangenes zu wissen und ohne den Schutz der Ueberirdischen zu dauern, so bereite dir selbst die Nachtrast, wo du magst, ich helfe dir nicht."

Der Fremde ergriff schweigend einen der Pfähle, welche der Iüngling unterdeß herzugetragen hatte, und hob den Schlägel. Wuchtig sielen die Hiebe auf die Pfahlköpfe, Gottfried bot die Hölzer und flocht Zweige zwischen die Stäbe, bis rings um den Baumstamm ein Zaun gerichtet war, der die Rosse und Männer eng einzuschließen vermochte. Gottfried führte die Pferde der beiden Reisenden in den Zaun, der Fremde aber trat, als Alles vollendet war, zum Führer und sprach freundlich: „Auch für dich und dein Thier ist Raum in unserm Frieden."

„Ich und mein Roß begehren deines Schutzes nicht," antwortete Ingram abweisend. Er hob den Mühlstein von seiner Stelle und trug ihn an den Rand des Gipfels weit ab von den Fremden, dann sprang er zum Quell, löste seinem Roß die Beinfessel und führte es zu dem Steine, dort lagerte er neben seinem Thiere, und schob den Stein unter sein Haupt.

In der Umzäunung band Gottfried zwei Holzstäbe zu einem Kreuz zusammen, küßte den Stab und übergab ihn ehrfurchtsvoll dem Fremden, dieser steckte ihn zu der Wurzel des Baumes, welche seinen Schatz bedeckte. Beide knieten nieder und erhoben den lateinischen Abendgesang, mit mächtiger Stimme sang der ältere die feierliche Weise, der Iüngling respondirte. Die melodischen Klänge tönten von der nahen Bergwand zurück und kämpften mit den wilden Stimmen der Nacht, welche kreischend und heulend aus dem Walde schallten. Der Führer erhob sich, da der Gesang begann, aber die vollen Töne der bewegten Menschenstimme bändigten ihm die Hast, er blieb abgewandt sitzen und starrte in den gelben Schein am Rande des Himmels.

Als der Gesang beendigt war, setzte sich der Fremde neben die Wurzel und schob die Tasche seinem Begleiter zu. „Iß," sagte er befehlend auf die abwehrende Bewegung des Iünglings, „du bist der Wanderschaft ungewohnt, der Herr begehrt jetzt auch die Kraft deines Leibes." Gehorsam nahm der Iüngling wenige Bissen, dann legte er sich zu den Füßen des Fremden nieder, der sorglich seinen Mantel über ihn deckte. Es wurde still in dem kleinen Gehege. Das letzte Abendlicht schwand in bleichem Schein, der langsam nach Norden zog, zuweilen rauschte der Nachtwind in den Blättern und die Eule schrie ihren Klageruf über den Wanderern; nur aus dem Walde tönten ferner und naher die Thierstimmen, dann hoben sich die müden Rosse vom Boden und schnoben ängstlich mit den Nüstern. Der Fremde saß unbeweglich, die Hände gefaltet; wenn es im Baum rauschte, sah er wie erwartend in die Aeste und nach dem Himmel, über welchem sich tiefe Finsterniß breitete.

Unterdeß starrte der Führer hinunter in die Tiefe, wo über dem Bach im Dämmerschein der weiße Wasserdampf hinzog. „Ich schaue, wie sie dahinschweben über der Fluth," murmelte er leise, „gehüllt in weiße Gewande schaffen sie um das Wasser, sie sinnen Hilfe und Heil ihrem Getreuen, sie verhüllen seinen Pfad vor dem Verfolger, sie lösen ihn aus den Banden der Feinde; manchmal wenn ich unter der Esche lag, hörte ich ihren Gesang in der Tiefe. Meine Väter sind hierher gewandert in schweren Tagen und haben Hilfe ersieht von den weißen Frauen. Und ich habe vernommen, daß sie die Schutzfrauen meines Geschlechts gewesen sind seit der Urzeit. Ietzt ängstigt mich der Mühlstein, den der fremde Mann mit seinem Zauber heraufgeholt hat unter dem Baume, was mir das Zeichen bedeute. Die Baumwurzel fuhr durch den Stein, uralt ist der Stein, wie der Fremde sagt, und er ist älter als der Götterbaum. Und bevor der Baum war, und die Götter walteten, lebten schon meine Ahnen. Welches war der Gott, der sie damals gnädig beschirmt hat? Längst ist Glück und Sieg von meinem Geschlechte gewichen. Den Großvater erschlugen die braunen Avaren, den Vater tötete ein Wende, da ich noch klein war, und die Mutter starb in Trauer. Ueberall ist jetzt geschwunden die Freude der Erde. Selten nur sinnen die Götter gutes Glück meinem Volke und ein fremder Gott zieht in die Thäler. Das Haus ist verbrannt, das einst ans der Höhe stand, und das Glück meines Geschlechtes ist verbrannt. Und mir wird das Herz kummervoll. Iene dort beten in fremder Weise und sie haben ein starkes Vertrauen zu ihrem Gott. Sind sie Thoren, so mögen unsere Götter ihre Macht an ihnen erweisen." Im Rücken des Betenden zuckte ein Blitz, der Donner rollte, Ingram rief seinen Kriegsruf. .Wohl mir, ich höre das Dröhnen seines Wagens, er kommt, die Frevel der Fremden zu rächen." Er warf sich auf die Erde und verhüllte sein Haupt.

Der Wetterwind schüttelte die Aeste des Baumes und warf Blätter und Zweige auf die Reisenden. Diese aber erhoben noch einmal frommen Gesang und unter Donner und rauschendem Regen klang es durch die Stille der Nacht wie ein Siegeslied über das Toben der Natur. Erst nachdem das Wetter hinter die Berge gezogen war, verstummte der Sang, und wieder ward es still im Gehege, nur die Regentropfen schlugen leise auf die Baumblätter. So verging die Nacht, beim ersten Morgengrau hob sich eine dunkle Gestalt vor dem Zaun und der Führer sah spähend nach dem Fremden.

„Windig war dein Nachtlager unter freiem Himmel," begann der Fremde, „deine Esche gab uns Schutz vor dem Sturm, nicht vor dem Wasser der Wolken. Bist du der Kunst mächtig, ein Feuer auf dem nassen Boden zu entzünden, so würdest du meinem Knaben und dir selbst guten Dienst leisten; wo nicht, so laß uns aufbrechen, damit Wärme in die Glieder meines Gefährten komme."

„Es ist weite Tagfahrt bis in den Bergwald der Thüringe," versetzte der Führer, „und Zeitverlust möchte Unheil schaffen." Er befühlte neugierig den Mantel des Fremden. „Du bist doch naß," setzte er frohlockend hinzu, „auch dich trifft der Regen."

„Wenn Gott will," antwortete der Andere.

Schnell rüsteten die Männer den Aufbruch, der Fremde holte den Ledersack unter der Baumwurzel hervor und lnüpfte

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