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weil du tollkühn diese zum Ungehorsam aufrufst. Wenig liegt mir am Herzen Blut der Bauern zu vergießen, wenn sie auch eigenmächtig außerhalb der Mark sich gelagert haben. Laß das Horn ertönen, Theodulf, und schrei in den Ring. Die Landleute sollen freie Ausfahrt haben, nicht nur die Weiber und Kinder, sondern auch die Männer, und waffenlos aus dem Wall ziehen, ohne Schaden an Leib und Gut durch Gnade der Königin." Wieder klang aus den Haufen frohes Beifallsgeschrei. In langgezogenen Tönen mahnte das Horn vom Streite abzustehen. Theodulf trat bis in Wurfweite vom Thor und schrie mit mächtiger Stimme die Gnade der Königin in die Burg.

Drinnen erhob sich ungestüme Bewegung. Das Thor blieb verschlossen, aber am Walle und an den Schanzpfählen rissen in Verzweiflung wilde Gestalten, sie warfen Pfähle und Balken nach der Tiefe und rollten dem Holzwerk nach. Ein flüchtiger Haufe quoll hier und da aus der Verschanzung, mit Weibern und Kindern in angstvollem Gedränge die Rosse und Rinder. Auch einzelne Männer sprangen herab, denen die Schwurhand noch vom Opferblute roth war, durch die Noth gescheucht und ermüdet vom hoffnungslosen Kampf. Doch die Mehrzahl der Bauern stand auf der Höhe zusammengedrängt, die Schilde am Fuß, unsicher schauten sie den Frauen nach und dem herabstürzenden Herdenvieh. Nur der Eid hielt sie und die Scham.

Da trat Ingo zu ihnen und rief mit lauter Stimme: „Freiwillig seid ihr gekommen, frei mögt ihr auch gehen, da eure Landgenossen euch rufen. Quere Blicke und widerwilligen Dienst begehre ich nicht. Wenig Ehre bringt mir der Krieger, der sich nach Weib und Kind sehnt während des Kampfes. Willig löse ich euch von eurem Eide; gedenkt, wenn ihr wollt, der eigenen Rettung."

Da legten Mehre still die Schilde an das Bollwerk und sprangen abwärts ohne sich umzusehen. Berthar aber rief in den Haufen der Bleibenden: „Nicht durch einen Wurf fällt auf der Tenne die Spreu aus dem Walzen. Noch manchen sehe ich, den der Wind über den Zaun wegblasen mag. Versucht es noch einmal, ihr stolzen Gesellen. Gern entbehren wir die Genossenschaft der Waldleute."

Wieder sielen Schilde zum Boden und die Träger entschwanden mit sinsteren Mienen.

„Was weilt mein König, ihren Iammer zu schauen? Besser schwingen sie sich, wenn die Scham ihnen nicht die Beine klemmt. Euer ist die Wahl; der eine Weg führt aufwärts zum Saal des Königs, der andere thalab zu eurem Dung." Er folgte feinem Herrn, der zur Halle eilte. Die Zurückgebliebenen standen noch einige Augenblicke beisammen; da sie sich allein sahen, schwand ihnen der Kriegerzorn. Nur Wenige eilten dem Könige nach, die Anderen suchten waffenlos das Freie. Unter den Letzten, welche den Ring verließen, waren Baldhard und Bruno.

Aus der Tiefe sprangen die Haufen der Königin jauchzend empor. Die den Ausgang suchten, hatten ihnen den Zugang geebnet; die Anstürmenden zerhieben die Sperren des Thores, ihr Schwarm drang heftig gegen den offenen Raum vor dem Saale. Aber schnell wichen sie zurück; denn aus der Schleuder, die Berthar auf die Treppe des Eingangs gestellt hatte, flogen die spitzen Baumpfeile in ihre Reihen. Sie suchten Schutz längs dem Bollwerk, und wieder flogen Speere hin und wieder, und aus der Tiefe fuhren die Brandpfeile gegen das Dach.

Längs dem Dachbalken der Halle wirbelte weißer Rauch und durch den Dampf klang der Ruf: „Wasser herauf!" Auf der Leiter klomm ein Mann und rief von der Höhe: „Es Inistert im Dach, die Rindshaut schwelt; ein Burgunderpfeil trieb das Feuer an den Vorsprung des Daches, es glimmt und flackert, geleert sind die Eimer."

„An unserem Brunnen kühlt sich die Königin," rief Berthar hinauf, „sehlt dir Wasser, so gieße dem Feuer unser Bier auf die Zungen." Der Wind fuhr heulend über das Dach und trieb eine Rauchwolke und feurige Lohe in die Höhe. Ein Iubelschrei der Feinde folgte dem Windstoß, die Flamme brach züngelnd hier und da durch die deckenden Häute. „Komm herab, Wolf," rief Berthar dem Helden in der Höhe zu, der nnt versengtem Haar und schwarzen Händen sich mühsam an der Leiter festhielt, „dir selbst rinnt aus dem Leibe der Quell, roth trieft's von der Leiter."

„Es war nicht genug, das Feuer zu löscheu," antwortete Wolf; er fuhr herab, schüttelte seine blutende Hand und griff nach Schild und Speer.

„Oeffnet die Thüren, ihr Blutgenossen," befahl Berthar, „damit der Luftzug unsrer Herrin den Rauch vertreibe, Soll der König allein die Schildwacht halten? Werft die Speere rings um den Bau; soweit sie fliegen, reicht jetzt das Königreich der Vandalen."

Ingo stand auf der Treppe des Saals, vom Schilde gedeckt, über ihm fuhren dicke Rauchwolken vom Wettersturm getrieben an die Schaareu der Feinde und umhüllten ihnen Rüstung und Gesicht.

„Geöffnet ist die Halle," rief Ingo den Starrenden entgegen, „mit dem Willkomm harrt der Wirth. Was säumen die verzagten Gäste?"

Aus dem Rauch sprang ihm eine Gestalt entgegen, ein schildloser Mann, nnd eine Stimme rief: „Irmgard, mein Kind! Der Vater ruft, rette dich, Unselige!"

Irmgard hörte in der Halle den Schrei, wild fuhr sie auf und legte den Sohn in Frida's Arm. Und wieder rief es von draußen schriller und angstvoller: „Irmgard! verlorenes Kind!"

Ingo setzte den Schild zu Boden und sah über die Achsel zurück: „Der Habicht schreit nach seinem Nestling, gehorche dem Ruf, Fürstin der Thüringe."

Bei dem Gemahl vorüber stürzte das Weib dem Vater zwischen den feindlichen Speeren entgegen. Aus den Haufen der Thüringe brach ein Freudenschrei und Heilruf. Sie umschlang den Vater und rief: „Wohl mir, mein Auge schaut dich und an deiner Brust hältst du mich."

Dem Helden Answald bebte das Herz und er zog sie mit sich. „Die Mutter wartet, liebes Kind."

„Segne mich," rief Irmgard, „heiß ist das Gemach, wo ein armes Kind nach der Mutter schreit, segne mich, Vater," rief sie, ihn krampfhaft festhaltend.

Der Fürst legte den Arm um ihr Haupt, sie beugte sich tief vor seine Kniee, dann erhob sie sich schnell, trat zurück und die Hand gegen ihn ausstreckend rief sie: „Grüße die Mutter!" und wandte sich mit starkem Schwunge rückwärts nach dem brennenden Hause. Ingo hatte unbewegt gestanden, den scharfen Blick gegen die Feinde gerichtet. Als sein Weib aber zu ihm in die Todesnoth zurückkehrte, trat er ihr entgegen und breitete die Arme, sie zu umschließen. Da schwirrte der Eschenspeer aus Theodulfs Faust und traf den König von der Seite unter den Arm. Still sank Ingo nach der Halle zurück aus den Händen der Gemahlin. Berthar sprang vor und deckte mit dem Schild den Wunden, den seine Mannen seufzend auf die erhöhte Herrenbank trugen. Vor ihm kniete Irmgard, aber Berthar rief in den Raum: „Laßt Weiber trauern um des Königs Wunde; schnell heran, ihr Gesellen, dem König zu folgen auf feinem Pfad. Vier sind der Thore in des Königs Halle, aus jedem führt der Weg nach dem Himmelssaal. Sorgt, daß ihr rächt die Königswunde. Walbrand, der letzte warst du an des Herrn Bank, dafür springst du heut als erster, und der letzte sei ich."

Die Vandalen sprangen an die Thore, von da die Stufen hinab, einer nach dem andern, wie der Alte sie rief. Und von Neuem erhob sich um das Haus Kampfgetöse und Getümmel. Wilder fuhr der Sturmwind über das lodernde Dach, hoch oben rollte der Donner, das Dach der Halle krachte, Asche und brennende Schindeln sielen herab. Frida setzte betäubt das Kind auf das Lager des Königs.

„Der Knabe lacht," rief Irmgard und warf sich schluchzend über das Kind, welches fröhlich mit den Beinchen schlug und die Hände nach den Flammenhaufen am Boden ausstreckte. Fest hielt Irmgard ihr Kind umschlossen, es war lautlose Stille im Raum. Dann riß sie die Tasche von Otterfell, die Gabe der Schicksalsfrau, aus ihrem Gewande, hing dem Knaben die Tasche um den kleinen Leib, hüllte ihn in die Decke und das Kind noch einmal küssend rief sie zu Frida: „Rette ihn und singe ihm von seinen Eltern." Frida aber sprang zu Wolf, der als Speerhüter am Lager des Königs stand und flehte: „Komm, am hintern Thor stehen Männer aus unseren Lauben, wir dringen in den Wald."

Da rief der Alte mit heiserer Stimme: „Wo säumt der Vortänzer? Die Springer harren."

„Lebe wohl, Frida," versetzte Wolf, „nicht zu gleicher Thür fahren wir aus dem Feuer, lebe wohl und denke mein." Noch einmal sah er sie mit treuen Augen an, dann brach er mit mächtigem Satz aus der Thür, sprang über die glühenden Holzkloben vor der Treppe und schleuderte seinen Speer einem Knaben der Königin mitten in die Brust, daß dieser zusammenbrach und ein lauter Schrei im Ringe der Männer erscholl. Auf den Helden siogen die Pfeile, er blutete aus mehren Wunden, aber sein Schwert schwingend, warf er sich in den Haufen, vor welchem Theodulf stand, zur Rechten und Linken taumelten die Getroffenen zurück, wild hob er die Waffe gegen den alten Bankgenossen, da brach er selbst sterbend zusammen.

Und wieder rief Theodulfs Stimme gewaltig mahnend: „Die Balken beben, rettet die Frauen!" Und Fürst Answald schrie an das Thor springend: „Irmgard! rettet mein Kind!" Da erhob sich am Thor gegen ihn die zusammengesunkene Gestalt des Alten, mit Asche bedeckt das Haupt, gebrannt der Bart, die Gier nach Rache im Antlitz. Und grimmig rief er: „Wer ist es, der so frech am Schlafgemach des Königs lärmt und Einlaß begehrt? Bist du es, Narr, der einst bereute, daß

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