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ahnungslos lebst du im Walde, während von allen Seiten die Iäger gegen dich ziehen. Der Cäsar begann neue Kriegsfahrt gegen die Alemannen, auch dich sucht seine Rache; den Burgunden hat er Bündniß geboten und Gundomar hat sein Volksheer geladen."

„Den Cäsar nennst du," rief Ingo, „Dank für die gute Botschaft. Königin! Darum klang mein Schwert und dort naht der Kämpfer, den ich mir bei Tag und Nacht ersehne." Seine Augen leuchteten und seine Hand fuhr nach der Waffe.

„Gut sprichst du, Held," rief Gisela selbst ergriffen von seiner Glut, „verlorene Mühe wäre es, dich durch Gefahren zu schrecken. Die Warnung trage ich zu, denn ruhmvollere Genossenschaft weiß ich für dich, als unter den Bauern des Waldes und der Mark. Ingo, mein Vetter, du bist es, dem ich lieber als einem andern Mann den jungen König und mich selbst anvertraue; einen Helden begehre ich, der dem Volksheer vorschreitet in der Schlacht und der meinen Sohn lehrt wie man Ruhm gewinnt. Zu solcher Hoheit habe ich dich erkoren und dich für die Königsburg zu werben, bin ich hier."

Ingo stand überrascht, heftig wirbelten ihm die Gedanken durch das Haupt. Vor sich sah er das schöne Weib in der Königskrone, die Hand hielt sie ihm entgegen, was die Sehnsucht und Glück des stolzesten Helden war, das trug sie ihm bittend zu.

„Du warst ein Knabe," fuhr Frau Gisela in tiefer Bewegung fort, „da legten die Väter meine Hand in die deine, du wurdest ein Held, gerühmt von den Völkern und ich ein unzufriedenes Weib in der Königsburg, da strichst du wieder mit deinem Finger schmeichelnd über meine Hand. Was dich von der Königin trennte ist seitdem auf dem Scheiterhaufen dahin gelodert. Ietzt komme ich und lade mir den erlauchtesten aller Helden in diesen Ländern. Beide flehen wir zu demselben hohen Gott, die Enkel zum Ahnen, denn aus dem Geschlecht der Götter stammen wir beide, hoch dürfen wir das Haupt erheben über alles Volk der Menschenerde, du und ich, wir sind durch die Unsichtbaren selbst geweiht zu Herrschern des Volkes." Als Ingo von den Lippen der Andern dieselben Worte vernahm, die er selbst gesprochen hatte, da sah er wie betäubt auf die Herrin, die einer Göttin gleich über sein Schicksal sann. — Von der Höhe rauschte es, der Mantel der Königin siel herab, in der Ferne verklang das leise Wimmern eines Kindes,

„Dies ist der Schmuck, der geliebtem Helden gebührt," rief die Königin und rührte mit der Hand seine Schulter. Ingo hob das Haupt.

„Eine leise Stimme höre ich in meiner Noth," sagte er vor sich hin, „meinen kleinen Sohn höre ich über mich klagen und wie ein Mann, der aus dem Traume erwacht, stehe ich vor der Königin. An Eine bin ich gebunden, die mir theurer ist als mein Leben. Alles hat sie für mich verlassen, im Ringe der Blutgenossen habe ich ihr gelobt, daß ich um sie sorgen will wie ihr Vater und mit ihr allein das Lager theilen als ihr echter Gemahl. Wie darf ich sie meiden und zur Königsburg ziehen?"

„Nicht weiter, Ingo," rief Frau Gifela und ihr Antlitz flammte, „gedenke, daß du auch mir die Hand gereicht, denke jener Nacht, wo ich das Schwert des toten Königs gehalten. Damals, wo ich dir dein Leben bewahrte, haben die Unsichtbaren mein Schicksal an deines gebunden. Mir gehörst du an, mir allein und theuren Preis habe ich für dich gezahlt."

„Hochherzig und als Heldin hast du dich mir erwiesen," versetzte Ingo, „und dankbar bleibe ich dir, solange ich athme."

„Pfui über den kalten Gruß," rief die Königin außer sich, „und pfui über den Helden, der mit höflichen Worten dankbar ist, daß ein Weib sich für ihn mit dem Fluch der Todesgötter belastet. Verstehst du so wenig, was ich gethan, da ich dem eigenen Eheherrn das Schwert band? Die bösen Gewalten habe ich heraufbeschworen gegeii mein eigenes Leben, Argwohn und deu lauernden Haß; Galle war seitdem mein Trank und der eines Andern, verdächtig jedes Wort lmd ruhelos jede Nacht. Ob ich noch ferner im Licht athmen würde, wenn der Andere fortfuhr mit seinen wilden Knaben zu zechen, das war meine Sorge, herznagende Sorge bei Tag und Nacht,"

„Hast du Todesnoth ertragen um meinetwegen," sprach Ingo bewegt, „so rufe mich, wenn dich Gefahr bedrängt und willig werde ich mit meinem Blut zahlen, was ich von deiner Last zu tragen habe."

Die Königin hörte kaum seine Worte, sie trat nahe zu ihm und flüsterte mit heiserer Stimme: „Bist du so willig, Trauter? wohl möglich, daß der Andere nicht gestorben wäre, hättest du nicht in jener Nacht in meinem Gemach gestanden."

Der Held fuhr zurück, seine Wange erblich, aber kalt war sein Blick als er antwortete: „Meinst du, Königin, daß du meinem Herzen lieber wurdest, wenn du um meinetwilleu schwere That auf dein Leben nahmst?"

„Was starrst du mich an wie von Stein," schrie Frau Gisela, sie faßte seinen Arm und schüttelte ihn: „Nicht dürfen wir zwei, du und ich, nebeneinander noch auf der Männererde dauern, wenn du mir nicht folgst."

Zornig löste sich der Held von ihrer Hand. „Hast du durch heimliches Nachtwerk auch auf mein Haupt den Zorn der Rachegötter gesammelt: ich bin bereit die Buße zu zahlen, aber frei von dir, nicht als Knecht an dein Leben gebunden."

Die Königin sah scharf in sein Angesicht, langsam hob sich ihr Arm und die Hand ballte sich drohend. „Geworfen sind die Stäbe, in welche die Schicksalsfrau deine und meine Zukunft ritzte. Du hast gewählt, Ingo, und das Zeichen, das du gefunden, bedeutet Noth." Sie wandte sich ab, krampsig hob sich der Leib, aber thränenlos blieb das Auge und steinern war ihr Antlitz als sie auf die untergehende Sonne weisend halblaut sagte: „Auf morgen." Eilig schritt sie zu den Rosfen. Ingo schleuderte den Königsmantel mit dem Fuße den Berg hinab und sprang auf dem Wege, den Irmgard gegangen, seinem Hofe zu.

Ver Wetterschlag.

Durch die enge Pforte, welche vom Quell in den Burghof führte, eilte Ingo zum Thor. Er fand das verschlossene mit seinen Mannen besetzt, auf dem Thurmgerüst rief ihm Berthar entgegen: „Sieh abwärts, mein König, dort im Thale reitet die Frau nnt ihren Gesellen der Landmark zu. So flüchtig stiebt Keiner dahin, der sorglosen Muthes ist."

„Sie schied im Zorn, Vater."

Berthar erkannte in der umwölkten Miene des Häuptlings, was dieser nicht aussprach. „Scheucht der Hirt einen männlichen Wolf aus dem Pferch, so meidet der Gehetzte die Wiederkehr drei Tage lang, die hungrige Wölsin aber wagt in der nächsten Nacht neuen Einbruch. Hirt der Marvinge, wann erwartest du den Sprung gegen deine Hürden?"

„Zu morgen," versetzte Ingo.

Der Alte nickte. „Nicht geheuer ist's dort im Norden. Aus der Warte, die wir an deiner Landmark zimmerten, steht Radgais, er ist einer der Klügsten, und ich meine nicht, daß er schläft, denn er hat den Sänger Volkmar angerufen und weiß, daß der Löffel einer Königin den Thüringen neuen Brei einrührt. Dennoch stieg kein Rauch von seiner Höhe, hell ist der Tag und klar die Luft, ich fürchte, Herr, nicht freiwillig schloß er die Augen."

„Die Königin ritt auf Waldwegen, die Warte zu meiden," versetzte Ingo. In dem Augenblick aber, wo er ausspähte, hob sich nordwärts am goldenen Abendhimmel ein weißer Dampf, höher stieg die Rauchsäule und färbte sich schwärzer.

„Wir verstehen die Warnung," rief Berthar, „die Knaben der Konigin brechen über die Grenze. Herzlich wünsche ich. daß ihnen der Wächter entrinnt."

„Schaue auch nach Süden, Berthar, dort hebt sich gegen uns der alte Feind. Zum dritten Mal wirbt der Cäsar um nnsern Leib, diesmal fordert er von den Burgunden, daß sie uns austilgen. Die Königin drohte mit den Waffen ihres Bruders Gundomar."

Wieder sah der Alte in das Angesicht des Häuptlings und merkte an der harten Miene, daß der Andere an schweren Kampf dachte. Da zog er seinen Leibgurt fester und sprach mit wildem Lächeln: „Die Frist ist kurz, für zwei Könige den Hof zu schmücken. Doch behend sind deine Knaben, längst waren wir solcher Ehre gewärtig und wer ungeladen in unserm Ringe schmausen will, der wird wohl selbst ein Schmaus für Rabe und Aar. Besiehl, mein König, deine Knaben sind bereit zu fechten."

„Entzünde das Nothfeuer," gebot Ingo, „sende Späher nach der Südmark und warne in den Dörfern der altsässigen Bauern, daß sie ihr wehrloses Volk und die Herden in ihrem Waldringe bergen und uns von Bewaffneten senden, was sie vermögen."

Da rief Berthar mit mächtiger Stimme den Kriegsgesang der Vandalen über den Hof: „Wohlauf, ihr Schwanensöhne, in die Waffen, tragt das Eisenbecken und entzündet die Harzflamme; ruhmreicheren Tanz beginnt ihr heute Nacht als um brennende Klötze."

Gleich darauf loderte von der Höhe ein mächtiges Feuer und gewappnete Männer jagten zu Roß den Berg hinab.

Irmgard saß in dem hohen Brautgemach, das ihr einst die Vandalen zwischen dem Eichenlaub gezimmert hatten. In der Hand hielt sie das warnende Zeichen der Mutter. Sie

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