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barg scheu das Haupt in seinem Pfühl, selbst die Hofhunde lagen winselnd in den Hütten und unter der Treppe. Im Gemach der Iungfrau flackerte das Licht der Lampe in der scharfen Zugluft, die durch Thür und Wände drang. Irmgard saß an ihrem Lager, vor ihr kniete auf dem Boden Frida, hielt mit ihre n Armen den Leib der Gespielin umfaßt und horchte ängstlich auf das Geheul der Nachtgeister.

„Die Windsbraut fährt dahin über die Höfe," klagte Irmgard, „gejagt von den Riesen; wer es wagt, sein Messer in den Wirbel zu werfen, der verwundet, so sagen sie, das flüchtige Weib. Auch mich hat der Vater mit dem Messer bedroht, weil ich auf meinen Knieen flehte, mir morgen das Gelübde an den argen Mann zu erlassen. Dahin fahren will ich wie die Riesenbraut, bevor ich dem Verhaßten die heiligen Worte sage."

„Sprich nicht so furchtbar," bat Frida« „daß nicht die Uebermenschlichen draußen es hören und dich an deine Rede mahnen." Und wieder hob sie ihr Haupt und lauschte.

„Nicht lange währte die Seligkeit, die mir die Götter sandten, als er in den Hof trat," begann Irmgard wieder. „Damals war ich sorglos, als die Nachtsängerin mir Gutes sang und die schwarzen Beeren am Fruchtbaum hingen, stolz meinte ich im Federkleid über die Männererde zu schweben, wenn er zu mir sprach. Ietzt starre ich allein in die Finsterniß. Hassen muß ich mich," fuhr sie auf, „daß ich über die eigene Noth klage. Ingo, Geliebter, bitter ist die Sorge, die ich um mich selbst fühle, aber größer das Leid um dein Geschick, denn du bist dahingeschwunden im Nachtwind, Keiner bringt mir Kunde von dir und ich weiß nicht, denkst du mein oder hast du mich vergessen, athmest du noch in der Fremde, bedrängt wie ich, oder soll ich dir den Purpur tragen unter die Erdscholle." Sie sprang auf und rief: „An meinem Herzen berge ich dein Geheimniß, gebunden bin ich an dein Leben und leben muß ich, bis ich weiß, wo das Haupt meines Königs ruht. Sieh zu, ob der Morgen naht, vor dem ich bebe," rief sie der Gespielin zu. Frida sprang an die Fensteröffnung und schob einen Zipfel der Decke zurück, gellend brach ein Windstoß herein, warf einen Strahl Himmelswasser in das Gemach und traf die Wange der Frauen mit kalten Schlägen. „Keinen grauen Schein sehe ich am Himmel und keinen Klang höre ich als das Stöhnen in der Luft," versetzte Frida und verschloß wieder die Oeffnung mit Laden und Decke.

„Sei bedankt," sprach Irmgard, „jetzt ist noch Zeit fröhlich zu sein. Wenn aber der Morgen kommt, dann werden sich die Hochzeitsgäste sammeln, im Festkleid nahen sie und der Ring wird geschlossen, sie ziehen das Weib hinein, sie sprechen ihr die Worte vor und höhnen sie durch die Frage, ob sie geloben will. Nein," schrie sie. „Dann sehe ich erschreckte Gesichter und zornroth eines. Er faßt nach dem Messer. Stoß zu!" Und das Antlitz in den Händen bergend klagte sie: „Armer Vater, auch dir wird es traurig sein dein Kind zu verlieren. Denn auf einsamem Pfade fahre ich dahin, über leere Haide gleite ich, durch Eisströme wate ich, still ist der Weg und kalt ist die Nacht zum Thor der Todesgöttin und um mich herum regen sich lautlos die schwarzen Schatten."

Die Hausthür erdröhnte und sprang auf, eine Schattengestalt drang herein, eine zweite, ein ganzer Haus, riesig die Leiber, schwarz die Häupter und schwarz das Gewand. Entsetzen faßte die Frauen, als sie das Nachtgreuel sahen. Aber aus dem Ring der schweigenden und gleitenden Unholde sprang einer heran. Nur ein Laut, ob ein Schrei, ob ein Seufzer, kam von Irmgards Lippen, dann sank eine dunkle Kappe über ihr Haupt, mit Riesenstärke ward sie gefaßt und hinausgetragen in die Sturmnacht. Hinter ihr warf ein anderer der Nachtgesellen die Hülle über Frida's Haupt und wollte sie heben. Sie aber sträubte sich heftig und obgleich ihr schauderte, rief sie doch: „Freiwillig will ich gehen auf eignem Fuße auch unter Nachtgespenstern; hinter der Bärenkappe merke ich eine rothliche Locke, die ich kenne." Im nächsten Augenblick war das Gemach leer, die Thür von außen geschlossen, durch eine große Lücke der Hofmauer, welche die Nachtgesellen gebrochen, sprangen sie ins Freie. Unter Sturm und Regen schnaubten wilde Rosse und fuhren Reiter dahin. Und wieder schrien die Geister des Sturmes gellenden Racheruf und schleuderten das Wolkenwasser gegen die Dächer des Hofes, aus dem das Herrenkind geschwunden war.

Als der nächste Tag sich neigte, schwieg der Sturm und die Sonne färbte mit rothem Abendlicht die Eichen der Idisburg. Da sprengte aus dem sinstern Walde, der hinter dem Holzring ragte, eine Schaar Reiter dem Burgwall zu. Berthar, der selbst die Thurmwache hielt, eilte an das Thor und rief die Arme hebend den Kommenden lauten Heilgruß entgegen. Die Rosse stoben in den Hof, zwei verhüllte Frauen wurden herabgehoben. Ingo löste die Kappe der ersten und Irmgards bleiches Antlitz wurde vom Sonnenlicht bestrahlt. Die Vandalen warfen sich vor ihr auf die Knie, sie faßten ihre Hand und den Saum des Gewandes und riefen jubelnd Heil ihrer Königin. Berthar aber nahte der Regungslosen ehrfurchtsvoll, faßte ihre Hand und sprach: „Schließt den Ring. Blutgenossen, fleht, daß die hohen Götter den Bund der Könige segnen." Und er that die heilige Frage der Vermählung an Ingo, Ingberts Sohn, den König der Vandalen. Darauf wandte sich der Alte, der an Vaterstelle stand, zu der Iungfrau und that dieselbe Frage. Da öffneten sich ihre Lippen zum ersten Mal seit der Angstnacht, aber die bebenden Worte klangen: „Ia, ich will." Und die Vandalensrau barg ihr Angesicht an der Brust des Mannes, der ihr lieb war.

Unter den Eichen wurde das Brautmahl gerüstet, die Knaben trugen die Holztafeln und stellten sie auf Kreuzhölzer, die sie gefügt. Auch den Ehrensitz für den Wirth und die Wirthin hatten sie vorsorglich gezimmert und mit einer Armlehne erhöht. „Laß dir, edle Herrin, heut zum Willkommen das wilde Mahl deiner Knaben gefallen," bat der Alte, „Holzschüsseln bieten wir dir statt Silber und zu dem Trunke aus dem Quell und dem Meth, den die Bauern gebraut, das Fleisch eines Ebers aus deinem Walde. Sei gnädig und hold deinem Volke."

Und am Abend sprach Berthar vor der Eiche zu Ingo: „Wie lange ich lebe, oft war ich fröhlich in meinem Sinn, wenn ich auch nur ein schweifender Recke bin; aber fröhlicher als zuvor stehe ich heut vor meinem Herrn. Denn das Nest, das wir hier gebaut wie die Habichte über dem Felsen, das dünkt mich gute Arbeit für dich und für eine Andere. Und methselig will ich das Werk rühmen, die guten Bollwerke, die tiefen Gräben, die schaffenden Fäuste der Männer. Mehrerlei Menschenwerk habe ich geübt und öfter habe ich zerschlagen als gebaut, aber als die trefflichste Arbeit lobe ich neben dem Sprunge in die Schlacht die Arbeit der Art, welche auf herrenlosem Grunde ein Heimwesen schafft. Ruhe, mein König, auf bräutlichem Lager; zum ersten Mal seit du ein Knabe warst, schlummerst du als Herr auf eigenem Grunde und legst den Arm einem Ehegemahl um ihren Hals. Ruhe sorglos, denn deine Knaben wachen ehrfürchtig im Ringe um das grüne Brautgemach ihres Herrn. Selig war der Tag, felig sei die Nacht und Heil bedeute eurem Leben der Einzug in den Hof."

Äm Nnell.

Einmal hatte der Sommer die Eichen auf der Idisburg in das grüne Laubkleid gehüllt und einmal der Winter die Aeste kahl gefegt, aber hell flammte durch das ganze Iahr das Herdfeuer des neuen Hofes unter den Bäumen. Ietzt war wieder Sommer und gute Zeit; in langer Reihe zogen die kleinen Lichtwolken am Himmel und unten um den Fuß der Laubhügel in langer Reihe gemächlich die Schafe und Rinder. Zwischen den Eichen erhob sich jetzt ein mächtiger Holzbau, der Herrensaal. Wer die Stufen hinaufstieg, trat durch das Thor in die weite Halle, er sah hinten den heiligen Herd, über sich das starke Balkendach, an den Seiten die erhöhte Bühne, dahinter die Eingänge zu den Kammern des Herrn und der Hausfrau. In dem Hofraum davor standen vom Bollwerk überragt das niedrige Schlafhaus der Mannen, die Ställe und Vorrathsräume.

Unter der Eiche, welche das Laubhaus trug, saß Irmgard und blickte selig vor sich nieder, denn auf dem Boden lag ihr kleiner Sohn im Lindenschild seines Vaters, und Frida schaukelte ihn. Der Kleine griff mit den Händchen nach einer Biene, die vor ihm summte. „Weiche abwärts, Honigträgerin," scheuchte Irmgard, „und thue dem kleinen Helden kein Leid, er weiß ja noch nicht, daß du eine Waffe unter dem Pelzrock birgst. Fliege zu deinen Gespielen und sei fleißig den süßen Seim zu kochen, damit mein Held im Winter an deiner Arbeit seine Freude habe.

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