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gib ihm dies von Frida, meiner Schwester, sie befahl mir's ernstlich, es sei für ihn im Herrenhofe gewunden." Und er legte einen Knäuel in die Hand des Andern.

Von der Lagerstatt schritten die Thüringe einem Berge zu, der sein rundes Haupt über die anderen Höhen erhob. Vor dem letzten Anstieg hielt Ingo mit seinem Gefolge zu Roß, die Vandalen sprangen ab, als die Siedler nahten und riefen ihnen frohen Gruß zu. Auch die Thüringe wurden muthig, da sie den Helden vor sich sahen, dem sie einst in ihrer Heimat Gaftrecht gegeben hatten und der ihnen jetzt ein guter Führer in der Gefahr und ein gerechter Richter sein konnte. Ingo führte die Schaaren den Berg hinauf zum Opferstein, wo die Männer des Thales dicht gedrängt standen, vor ihnen Marvalk der Greis, ihr Opfermann. In drei Haufen sonderten sich die Opferer am Stein, dreimal drei Stiere wurden den guten Göttern an den Stein geführt, drei für jedes Volk. Ueber dem Opferkessel banden sich die Männer zu einem Bunde und gelobten den Helden Ingo als Häuptling zu ehren. Darauf wurde im Baumschatten das Opfermahl gerüstet und Allen erschien als ein gutes Angebinde, als der Häuptling sich erhob und seinem Volk verkündete, daß der alte Streit um die Landesmark mit den Burgunden verglichen sei.

Von dem Opfermahl ritt Ingo mit Berthar thalab einer andern Höhe zu, auf welcher die Vandalen ihr Heimwesen schanzten. Auf dem Wege sprach er fröhlich: „So haben wir uns mit zwei Königen vertragen und mögen hier wohl gedeihen, wenn die Götter uns gnädig bleiben. Deinem Kriegszug mit den Burgunden danke ich, daß es mir bei König Gundomar gelang; er grollt jetzt dem Uebermuth der Römer und wird, wie ich hoffe, in der nächsten Zeit Frieden halten."

„Unterdeß bauen wir uns hier fest zwischen den Steinen," lachte Berthar, „und nach wenig Iahren soll es auch einem großen Volkskönig schwer werden, uns die neuen Sitze zu brechen. Sieh dort, mein König, die Stätte deines eigenen Hofes."

Von einer waldbewachsenen Berglaite ragte ein steiler Felsenhügel wie eine Bergnase über das Thal des Idisbaches, von der Höhe dahinter durch eine Einbuchtung geschieden. Der Berg hob sich stolz aus dem grünen Thal, auf seinem Gipfel trug er alte Eichbäume als den einzigen Laubschmuck. Denn an den Seiten des Berges waren die Stämme gefällt und über der halben Höhe mit Felsgestein und Erde zu dichtem Verhau geschichtet, davor ein Graben gezogen, der so weit von dem Gipfel entfernt war, daß keine Wurfwaffe zur Höhe hinaufreichte. Klug hatte der Alte die Rinnsale des Wassers und kleine Schluchten benutzt, um gesicherte Wege von dem Gipfel zum Ringwall zu führen, .damit am Tage des Kampfes die Belagerten auf und ab eilen konnten, ohne daß der Feind aus der Tiefe sie traf; den verschanzten Abhang aber hatte er so geböscht, daß von dem beherrschenden Gipfel Steine und Wurfspeere freie Bahn niederwärts fanden. Da, wo der Burghügel sich an die Berglaite schloß, war der Graben tiefer, der Wall höher. Auf dieser Seite sprang ein starker Quell unter einem Felshaupt hervor, innerhalb des äußeren Walls, nicht sehr weit vom Gipfel des Hügels. Dort hatten die zimmernden Männer den Baumschatten bewahrt, damit der Zugang zum Quell schattig und sicher sei. Aber auch der Gipfel des Hügels war geebnet und längs seinem Rande ein zweiter Wall aus Steinen und Stammholz geschichtet. Er umschloß die Eichen und einen Raum, der groß genug war, um in der Roth Herdenvieh, Weiber und Kinder der Siedler einzufassen. Da wo der steile Reitweg vom Thale durch den Ringwall zur Burg führte, sperrte ein Thor und ein Holzthurm für den Wächter den Zugang. Auf der höchsten Stelle des Gipfels inmitten zwischen den Bäumen zimmerten die Mannen Ingo's aus großen Balken die Halle des Königs; daneben bezeichneten Stäbe im Boden die Stellen, wo die Wohnung der Mannen, der Stall für Rosse und Rinder und die Vorrathsräume erbaut werden sollten. Damit aber dem König in der Bauzeit

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das Gemach nicht fehle, war ihm in dem Wipfel der höchsten Eiche ein Baumhaus errichtet. Zwischen die starken Aeste hatten die Knaben wagrechte Balken gefügt, darüber Dielen genagelt, die inneren Eichenzweige abgehauen oder nach außen gezogen, den freien Raum im Laube mit Bohlen fo umschlagen, daß zwei Stockwerke übereinander im Wipfel standen. Am Stamm lief die schmale Treppe hinauf, jedes der beiden Gemächer war nach unten durch eine Fallthür geschlossen.

Freudig sah Ingo auf die gethane Arbeit. Noch freudiger führte ihn der alte Werkmeister von Stelle zu Stelle. „Vogelfrei kamen wir in dies Land," sprach er lachend, „unter den Vögeln soll mein König hausen, bis Herdsitz und Halle bereitet ist. Und sieh, dort unten am Bach der Schicksalsfrau richten die Knaben der Thüringe bereits die Wagenburg an der Stätte, wo sie ihr Dorf bauen werden. Zu ihnen stellte ich deinen Kämmerer Wolf, denn kundig ist er ihres Landbrauchs. Sieh weiter hinab in den Grund, dort ist ein wonniges Land für Rinderherden und aus dem Walde dahinter schreit der Hirsch und brüllt der wilde Ochs. In der Ferne aber nach Süden, wo der Idisbach in den Main rinnt, schaust du die grauen Wälder der Burgunden und die Hügel, auf denen sie sich ihre Grenzburgen geschichtet haben."

„Das Bauer ist gezimmert," antwortete Ingo, dem Treuen die Hand reichend, „aber die Waldsängerin, die ich darin bergen will, klagt jenseit der Berge. Das Größte ist noch zurück. Freudenlos fahre ich umher und die Angst um das Schicksal der Andern drückt nur den Athem."

„Nimm dazu meine Botschaft. Dies sandte Bero's Tochter ans dem Herrenhofe," antwortete Berthar und zog eine Schnur gereihter Haselnüsse hervor. „Merke, mein König, sinnvoll hat das Mädchen dir die Frist gesteckt. Die erste Frucht, halb weiß halb schwarz, meint die Zeit der Nachtgleiche, jede andere einen folgenden Tag, auf jede siebente ist das Bild des wechselnden Mondes geritzt, die letzte Nuß ist schwarz und eine Eiseimadel steckt darin, diese bedeutet, wie ich verstehe, den Tag, welcher zur Vermählung bestimmt ist. Ietzt zähle, Herr. Kurz ist die Frist, die dir bleibt; zum letzten Mal hat der Mond gewechselt."

Da rief Ingo: „Wähle mir, Vater, die Blutgenossen für verwegene That, und rüste nach dem Brauch unserer Heimat die Männer und Rosse für den Vandalenritt in der Schwärze. Du aber flehe mit uns zu den Nachtgeistern um Sturm und Finsterniß."

lieber den Waldlauben zogen die schwarzen Wolken dahin, die Schatten dehnten sich und glitten wieder zusammen, bald fuhr es beim Mond vorüber wie Manneshaupt, bald wie goldschimmernder Fuß eines Rosses. Von den Bergeshäuptern wälzte sich dichter Nebel herab, bleigrau wand er sich um die Höhen, floß in die Thäler und hüllte in greulichen Dämmer, was auf der Erde ragte, Fels und Laub und den schreitenden Mann. Der Wind heulte über die Berge langhallenden Klageruf und schüttelte die Wipfel der Bäume, daß sie ihre Aeste tief gegen das Thal neigten; hier und dort dröhnte es im Walde von schwerem Fall, alte Urstämme, vom Moder gehöhlt, brachen zusammen, Baum stürzte auf Baum und riß die belasteten, welche unter ihm krachten, tief hinunter in das enge Thal. Schreiend fuhr das Volk der Raben auseinander und wirbelte abwärts in die Kluft, wo die gescheuchten mit Schnabel und Fängen sich festklammerten. Unten aber rauschte zornig die Schaumfluth des Baches, sie schwoll gegen die Baumsperre und hob sich von Fels zu Fels, in tollem Wirbel kreisten darin die Aeste und Stämme und der Wasserschwall schlug an die Berge.

Ueber das Waldgebirge breitete sich ein fahler Lichtschein, vielleicht kam er aus dem Boden, vielleicht aus den Wolken des Himmels, undeutlich sah man die Berge über die schwarze Nacht der Thalgründe ragen. Plötzlich flammte ein Blitzstrahl. Und wilder als Brausen des Waldes und Gekrach der Bäume klang der Herrenruf des Donnergottes.

Ingo stand hoch über dem Gießbach, mit der Faust hielt er sich fest an einer Wurzel, die seitwärts aus dem Boden ragte und ehrfurchtsvoll neigte er sein Haupt zu Strahl und Donnerton. „Unter den Nachtgöttern, die ich mir zur Hilfe beschwor, nahst auch du," murmelte er, „starker Gebieter, was kündet dem flehenden Mann die Himmelsflamme. in der du daherfährst? Mahnst du mich hinweg von der Menschenerde in die Lichthallen, und soll ich zerbrechen, wie die Waldwipfel im Sturme, oder willst du mir vergönnen, daß ich der Frucht gleich, die von deinem Baume fällt, festhafte in den Thälern, wo Menschen wohnen? Hast du ein Zeichen für mich, so laß mich vernehmen, ob die That, die ich wagen will, mir zum Heile gelingt." Da fuhr ein Feuerstrahl aus der Wolke in den Felsen unter ihm und aus dem Fels flammte blaues Licht dem Blitzschlag entgegen, der Donner krachte, das Felshaupt löste sich und sank in Sprüngen hinab von der Höhe in das Thal, immer wilder die Sätze und schneller der Sprung, es brach durch den Wald und splitterte den Stein, bis es in den Gießbach schlug, daß der Gischt hoch gegen den Himmel sprühte. Aber dem Schlag und Getöse folgte Stille und aus der Ferne klang mahnend ein Nachtruf von Männerstimmen. Da rief Ingo in wilder Freude: „Die Hochzeitsknaben höre ich, sie laden zum Brautlauf; segne unser Werk, großer Gebieter," und die Waffe schwingend sprang er durch Wetterwolken und Finsterniß dem Thale zu.

Der Mond war hinter den Bergen geschwunden, schwarze Nacht deckte die Waldlauben, mit Getöse fuhren die Sturmriesen um die Häuser des Herrenhofes, sie schlugen den eisigen Regen auf die Dächer, schleuderten die Breter vom First der Halle und stießen brüllend gegen die geschlossenen Thore. Wer von den Männern im Toben der Nachtgewalten wachte, der

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