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die Fahrenden wenig um Waffengefahr auf dem Wege und uicht sehr um Nahrung und Viehfutter. Auch da, wo sie bauen wollten, durften sie freundlichen Gruß hoffen, denn ein kluger Wirth hatte im Voraus sorglich um ihre Reise gehandelt und mit dem Volke, dem sie zuzogen, Vertrag geschlossen. Und doch rüsteten die Wanderlustigen ihre Abfahrt noch heimlicher als sonst Brauch war; denn nicht alle Häupter des Gaues freuten sich der Reise, durch welche die Zahl ihrer jungen Krieger gemindert wurde, nicht Fürst Auswald und nicht das Geschlecht des Sintram, und diese suchten dem Drange zu wehren, soweit ihre Macht reichte. Auch den Eifer des Königs hatten die Fahrenden zu fürchten, denn er mochte ihnen die Besiedelung stören, bevor sie auf dem neuen Grunde festgewurzelt waren. Darum hatten sich die Wanderlustigen in nächtlichem Rathe zusammengeschworen und die Söhne des Bero zu Führern gewählt, in den letzten Monaten hatten sie für die Fahrt gerüstet, Beisteuer in ihrer Freundschaft erbeten, Wagen und Ackergeräth gezimmert und um Vieh gehandelt soweit sie vermochten. Und sie wollten einzeln und mit wenig Geräusch aufbrechen, um sich jenseit der Gaugrenze zu geordnetem Zuge zu sammeln.

Im ersten Morgenlicht standen die Wagen mit Saatkorn und Hausrath bepackt. Ueber dem festen Bohlengefüge spannte sich die Decke von Leder, die gejochten Rinder brüllten, Frauen und Kinder trieben das Herdenvieh hinter dem Wagen zusammen, und große Hunde, die treuen Begleiter der Fahrt, umbellten das Fuhrwerk. Die Geschlechtsgenossen und Nachbarn trugen zum Abschied herzu, was als Reisekost diente oder ein Andenken an die Heimat sein konnte. Durchaus nicht fröhlich war der Abschied, auch dem muthigen Mann bangte heimlich vor der Zukunft. War das neue Land auch nicht endlos weit, fast Allen war es unbekannt, und unsicher war, ob die Götter der Heimat auch dort Schutz gewährten und ob nicht schädliche Würmer und Elbe Vieh und Saat zerstören wollten oder feindliche Männer die Höfe abbrennen. Auch die Kinder fühlten das Grauen, sie saßen still auf den Säcken und die Kleinen weinten, obgleich die Eltern ihnen Haupt und Hals mit heilkräftigem Kraut umkränzt hatten, das den Göttern lieb ist. Mit der aufgehenden Sonne erhoben sich die Fahrenden, der älteste ihres Geschlechts oder eine weise Mutter sprach ihnen den Reisesegen und Alle flehten murmelnd um gutes Glück und bannten durch Zauberspruch die schädlichen Waldthiere und schweifende Räuber. Die anderen Dorfleute aber, welche daheim blieben, blickten scheu auf die Wanderer wie auf verlorene Menschen, unheimlich dünkten ihnen die Frevler, welche sich von dem Segen der Heimat lösten. Denn immer zog es die Landgenossen mächtig nach der Ferne und doch graute ihnen immer vor einem Leben fern von den Heiligthümern, von Sitte und Recht der Heimat.

Die Wagen bewegten sich knarrend zu den Bergen, von der Höhe sahen die Wanderer noch einmal nach dem Dorf ihrer Väter zurück und neigten sich grüßend gegen die unsichtbaren Gewalten der Flur; mancher unzufriedene Gesell warf auch einen Fluch zurück wider seine Feinde, die ihm die Heimaterde verleidet hatten. Dann nahm Alle der Bergwald auf. Mühfam war die Fahrt auf steinigen Wegen, in welche das Schneewasser tiefe Furchen gerissen hatte, oft mußten die Männer von den Rossen steigen und mit Haue und Spaten die Bahn fahrbar machen, wild erscholl Ruf und Peitschenschlag der Treiber, die Knaben sprangen hinter den Wagen und hemmten den Rücklauf durch Steine, und doch zerrten die Zugthiere machtlos, bis ein Gespann dem andern half oder Männer und Frauen die starken Schultern an die Räder stemmten. War die Reise wegsamer, dann umritten die Männer spähend den Zug mit gehobener Waffe, bereit zum Kampf gegen Raubthiere oder rechtlose Waldläufer. Als die Wanderer aber nach der ersten Tagfahrt das einsame Waldthal erreichten, welches zur Persammlung bestimmt war, da wurde die Mühe des Tages über der Freude vergessen, Laudsleute in der Wildniß vor sich zu sehen; hell jauchzten die Kommenden von der Höhe und die Lagernden antworteten mit gleichem Ruf, auch solche, die sich sonst wenig gekannt, begrüßten einander wie Arüder. Die Männer traten zu Hauf und Baldhard, ein meßkundiger Mann, bezeichnete den Lagerraum mit Stäben. Dort wurden die Zugthiere abgeschirrt, die Wagen zu einer Burg zusammengestoßen, und im Ringe herum die Nachtfeuer auf zusammengetragene!, Steinen entzündet. Während die Hausthiere weideten, von bewaffneten Iünglingen und von den Hunden gehütet, bereiteten die Frauen die Abendkost; die Männer aber schlugen aus Stangenholz den nächtlichen Pferch für die Herde, vertheilten die Wachen und holten aus den Wagen was sie von kräftigem Trunk mitgebracht hatten; dann lagerten sie und sprachen bedächtig von dem guten Weideland, das sie am Idisbach hofften und von dem endlose n Wald im Süden der Berge, wie steinig der Baugrund, wie steil die Gelände und wie darum dies Bergland spärlich bewohnt sei. Als das Mahl beendet war, wurden die werthvollsten Rosse und Rinder im Wagenringe gesammelt und die schlaftrunkenen Kinder unter dem Lederdach geborgen. Nach ihnen stiegen die Frauen in das enge Gemach, nur die Männer faßen noch eine Weile beim Trinkhorn gesellt, bis auch ihnen die Augen schwer wurden und die kalte Nachtluft ihre Fröhlichkeit hemmte. Da hüllten sie sich in Pelze und Decken und legten sich an die Feuer oder unter die Wagen. Es wurde stiller, nur der Wind blies von den Bergen, die Wächter umschritten den Wagenring und de n Pferch und warfen zuweilen Holzscheite in die lodernden Feuer. Aber unablässig bellten die Hunde, denn aus der Ferne klang heiseres Geheul und um den Flammenring trabten gleich Schatten im aufsteigenden Nebel die begehrlichen Raubthiere. In solcher Weise zogen die Wanderer drei Tage langsam durch den Bergwald, der Regen rann auf sie nieder und der Wind trocknete ihnen die durchnäßten Kleider. Zuweilen hielten sie in den Thälern an Höfen ihrer Landsleute, dort trafen sie entweder wilde Gesellen, die durch den Kampf mit dem Walde gehärtet waren, oder ärmliche Siedler, welche über den rauhen Ackerboden klagten und auch den Reisenden das Herz schwer machten. Am vierten Morgen zogen sie bei dem hölzerneu Thurmgerüst vorüber, welches an der Landesmark der Thüringe gezimmert war; erstaunt sah der Wächter, der im Hofe daneben wohnte und sonst wenig um reisende Haufen zu sorgen hatte, auf die Fahrenden; diese aber riefen ihm laute Grüße zu, denn er war, obgleich nur ein einsamer Waldmann, der Letzte ihres Volkes. Von da durchfuhren sie eine Stunde die Grenzwildniß, unfruchtbare Kieshöhen mit knorrigen Kiefern, wo niemals ein Siedler einen Hof gebaut hatte und feiten der Schlag einer Axt erklungen war, denn unheimlich lag der Strich und schädliche Geister fuhren, wie man sagte, die Grenze entlang, weil sie ausgeschlossen waren von dem Boden, den gute Volksgötter für die seßhaften Männer behüteten. Aber jenseit des Kieferwaldes sahen die Siedler von der Höhe freudig in ein weites Thal, das mit ansehnlichen Hügeln und dichtem Laubwald eingefaßt war. Dort zog sich in gewundenem Lauf der Idisbach durch die Wiesen und am Fuß der Anhöhen lagen Höfe und getheiltes Ackerland. Lustig schien die Sonne über das helle Grün und das sprossende Laub, die Rosse schnoben als sie die frische Thalluft witterten und die Rinder brüllten der Weide entgegen, die Wanderer aber hoben die Arme flehend zu der Göttin auf, welche über dem Thal waltete und die Leben der Männer wohl zu behüten vermochte, wenn sie ihr lieb wurden.

Ein reisiger Mann sprengte den Wanderern entgegen und wirbelte schon von weitem grüßend seinen Speer in der Luft, ihm jauchzten die Ansiedler zu, da sie ihren Landgenossen Wolf erkannten; auch die Frauen drängten sich an fein Roß und die Kinder streckten die kleinen Hände aus den Wagen. „Heil sei euch, liebe Landsleute," rief Wolf, „vollbracht ist die Fahrt. Lagert an den Höfen, denn auf jenem Hügel harren die Weifen des Gaues am Opferstein den Bund fest zu machen, damit ihr rechtlich werdet im Volke und eure Landloose gewinnet." Da rührten sich Alle mit neuem Eifer und zogen auf trocknem Rasenweg zu Thale.

Und Baldhard begann vertraulich zu Wolf, der neben ihm ritt: „Von der Königsburg der Thüringe fuhrt ihr bei Nacht und Nebel an unserm Hofe vorüber wie unmenschliche Gestalten der Finsteruiß. Damals war kaum Zeit dir die Hand zu drücken und die Tage unserer Reise zu bereden. Seitdem haben wir nichts von euch gehört und gesehen, ich hatte große Sorge um euer Geschick und mußte doch vor den Andern meine Zweifel verbergen."

Wolf lachte. „Die Vandalen verstehen die Kunst sich unsichtbar zu machen, und ich meine, vor allen Andern stammt Berthar der Held von dem Geschlecht der Waldelbe, denn er tummelt sich unter dem wilden Farnkraut so heimisch wie wir im Dorfe, auch wenn er als ein Fremder durchreitet. Sogar ihre Rosse legen sich im Waldversteck nieder, wie lauernde Hündlein. Wir sind ganz ungesehen über die Grenze gestoben und in dies Land gedrungen. Hier fanden wir guten Empfang, dein Vater hatte vorsorglich Alles bereitet. Mein Herr Ingo waltet jetzt hier als Häuptling und die Bauern der Marvinge werden, wie ich merke, seiner froh. Die Leute hier aber wirst du als altväterisch und ehrbar erkennen. Sie trinken ihr Bier noch aus dicken Näpfen von Eichenholz, welche wahrhaftig schwer zu heben sind; doch der Trank ist rühmlich. Wir aber haben seither wenig Muße gehabt, ein Theil von uns schanzt mit Hammer und Axt auf den Bergen und Andere sind dem Herrn nach Süden über den Main gefolgt zu den Burgunden. Heut kommt ihr zu guter Stunde, denn der Häuptling, dem ihr euch geloben wollt, ist gerade jetzt zurückgekehrt. Fürst Ingo erwartet euch beim Volksopfer."

..Siehst du den Helden Berthar." verfetzte Baldhard, „fo

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