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sprach traurig: „Gleich diesem Kinde wuchs ich fröhlich auf unter der Königskrone, schuldlos wie dein Sohn war ich, da ich aus der Heimat gescheucht wurde. Deuke daran, König, daß sich schnell die Geschicke der Männer wandeln, auch du weißt nicht, welches Schicksal deinem Knaben einst bereitet ist. Wie auch die Götter uns die Loose werfen, von uns fordern sie, daß wir treu sind unserm Wort. Sorge auch du, o Herr, damit sie nicht den Eid, den du dem armen Ingo geschworen, einst an dem Haupte deines Sohnes rächen."

„An den Sohn denke ich, daß ich ihm die Herrschaft sichere, wenn ich mich des Eides gegen dich entledige," versetzte der König.

„So löse den gastlichen Eid, ohne daß die Götter dir zürnen," fuhr Ingo flehend fort, „entlaß mich mit meinem Gesinde ungekrankt aus deiner Burg und ans deinem Lande. Mehr fordert dein Volk nicht, und begehrt der Römer Aergeres von dir, so kränkt er deine Ehre. Hilf mir, Knabe, und bitte bei deinem Vater für mich."

Hermin kniete nieder und umschlang das Knie des Königs: „Thu dem Vetter kein Leid, mein Vater!"

Der König sah lange auf den Knaben, über welchen Ingo die bewehrte Hand hielt. „Du weißt nicht, was du bittest, Kind," sagte er endlich. Und mitleidiger zu Ingo aufsehend fuhr er fort: „Willst du, Ingo, mir mit hohem Eide geloben, niemals diefe Nacht zu rächen, niemals schädlich zu sein mir und meinem Sohne, und niemals Freundschaft zu suchen im Herrensitz am Walde, so will ich dich entlassen aus meiner Burg, aus meinem Land."

„Den Eid nehme ich auf mein Leben," sprach Ingo leise, „wenn auch der König mir geloben will bei dem Haupt dieses Knaben, der Worte zu gedenken, die er vor Kurzem zu mir sprach und das Königsauge zu schließen gegen mein Thun, wenn nicht das Volksgeschrei übermächtig zwingt."

Der König lächelte sinster. „Ich will, wenn d« mir Etwas von deinen Gedanken vertraust." Ingo neigte beistimmend das Hanpt. „Wohlan den«, setze dich zu mir wie einst und künde leise dein Geheimniß." Die Könige sprachen heimlich und der Knabe saß zwischen ihnen und umfaßte mit den Händen Beider Knie.

Auf de n Stufen lagen getrennt die Vandalen und die Königsknaben hinter ihren Schilden. Ueber ihnen saßen auf den Schemeln die beiden Schwerthalter Berthar und Hadubald gegeneinander. Da begann Hadubald: „Frieden bereitet, wie ich merke, das Gespräch im Saale unseren Schwurherren. Gefallt dir's, Held, so tilgen wir den Groll durch einen Trunk, den einer meiner Genossen schnell zu schaffen weiß, denn kühl weht die Nachtluft."

„Mordbrenner!" versetzte Berthar grimmig.

„Thöricht handelst du, den Diener zu schelten, der gethan hat, was seinem Herrn nützt."

„Nachtschächer!" brummte Berthar wieder, „deine Treue brachst du für des Königs Bier, seitdem ist der Trunk verdorben, den du bietest."

„Wer hochmüthig verschmäht, beim Zapfen Bescheid zu thun, der wahre sich, daß nicht sein Blut gezapft wird auf grüner Haide."

„Auf grüner Haide und im sinstern Wald, wie hier in der Herberge bist du blutiger Schläge sicher, sobald dich nicht der Königsfrieden schützt; damit begnüge dich, Held!"

Lange währte die Zwiesprache der Herren, endlich rief der König: „Bringe den Becher, Schenk, Minne zu trinken, bevor Held Ingo scheidet." Willig regte n sich die Mannen auf den Stufen, der Schenk lief und trug einen großen Becher Meth herzu, die Könige thate u über dem Becher und auf dem Haupt des Knaben einander das Gelöbniß. „Und jetzt scheiden wir, Ingo," sagte der König, „leid thut mir's, daß du ein fahrender Held und nicht von meinem Geschlecht bist, und doch, wärst du von meinem Stamme, du wärst mir vielleicht weniger vertraulich."

„Denke mein im Guten, o Herr," dankte Ingo und fröhlich rief er dem Alten zu: „Rüste den Aufbruch, wir reiten."

„Bei Sonnenlicht kamen wir," versetzte Berthar, „mein Herr und seine Helden entweichen nicht wie Nachtdiebe. Will der Häuptling, daß wir aufbrechen bevor der Hahn singt, so flehe ich, König Bisino, daß deine Knaben uns mit den Fackeln leuchten, die sie am Abend sorglich um dieses Haus getragen haben, damit wir bei unserer Abfahrt den hellen Schein nicht missen."

Der König sah zuerst zornig auf den Kühnen, aber er sprach: „Ich lobe dich, du verstehst für deinen Herrn mit Schlägen und mit Worten zu streiten. Besteigt die Rosse, ihr stolzen Gäste, ihr Mannen aber entzündet die Brände, denn der König selbst gibt das Geleit zum Thor."

Auf der Brücke schied Ingo von dem König und seinem Sohn und Alle erstaunten, als der König nach dem Abschied noch einmal über die Breter zu Ingo eilte, ihn mit den Armen umsing und küßte. Lachend sah Berthar auf die sinstern Mienen der leuchtenden Königsknaben. „Reitet im Schritt," gebot er vor dem Thor den Vandalen. „damit sie nicht wähnen, daß wir ihren Gruß im Rücken fürchten." Und nach einer Weile rief er: „Nimm die Spitze, Wolf, und laß die Rosse springen, frisch bläst die Nachtluft und wohl gelang uns die Reise nach der Königsburg."

Als sich das Thor hinter den Gästen geschlossen hatte, befahl der König seinen Knaben: „Wer etwa morgen oder später von dieser Nacht schwatzt, oder wer noch mit dem Römer beim Trunke raunt wie heut mancher gethan, dem zerschellt die Axt des Königs das Thor seiner Worte."

Darauf nahm er das schlafende Kind in die Arme und trug es zu seiner eigenen Kammer. Als er beim Thurme vorüberkam, blickte er sinster nach dem Gemach der Königin. Dort drinnen lag ein trostloses Weib mit dem Haupt an der Fenstermauer und hörte auf den Schall der Stimmen und auf den Aufschlag, welcher in der Ferne verklang. Der König aber dachte: „Wenn sie nicht so erlaucht wäre von Geschlecht, wäre es besser für mich und sie. Denn gern möchte ich ihr Schläge geben und sie dann wieder lieb haben. Sie aber wollte das Tuch zerschneiden zwischen sich und mir, und sie hat gerungen gegen mein Schwert; ob sie meint, daß ich ihr das vergesse? — Was aber den Römer betrifft, so ist mir's im Herzen lieb, daß ihm nicht sein Wille geschieht, denn nichtswürdig war die Forderung und herrisch war der Bote. Ietzt will auch ich ihm Silber statt dem Gold bieten, das er sich begehrt." Und am andern Morgen lud der König den erstaunten Harietto und sprach: „Um des großen Lasars willen habe ich Alles gethan und ausgeführt, was die Königsehre mir gestattet und nicht mehr. Dem Gebannten habe ich das Gastrecht aufgekündigt und ihn ohne Geleit entlassen, damit er aus meinem Lande weiche. Und er trabt jetzt wohl schon weit von hier über die Haide." Als der König wieder in sein Schatzhaus ging und sein Angesicht in der Schüssel betrachtete, da sprach er seufzend zu sich selbst: „Eine Sorge wich, aber eine größere kam; nur Eines ist mir lieb, es ist ein ehrliches Gesicht, das ich schaue."

Jur Idisburg.

Auch in den jungen Männern der Walddörfer regte sich die Reiselust, als die Reiser der Bäume vom Safte schwollen und das junge Laub aus den Knospen brach. Es war ein heimliches Summen in den Höfen und frische Gesellen hielten im Waldversteck stillen Rath; denn nicht die Alten und Weisen des Gaues hatten den Auszug geboten und nicht die heiligen Opfer des Gaues sollten ihn weihen, nur Unzufriedene lösten sich von der lieben Heimat, willkürlich und auf eigene Gefahr, weil ihnen der Sinn nach besseren Landloosen stand. Anfangs waren nur Wenige entschlossen, ihr Glück in der Fremde zu suchen, vor ihnen Baldhard und Bruno aus Friemar, Söhne des Bero; bald aber ergriff die Sehnsucht auch Andere, jüngere Söhne ehrbarer Wirthe, neben ihnen wilde Gesellen und Waldläufer, die sich lieber rauften als bauten, auch manchen Hausvater, dem seine Nachbarn gehässig waren. Manchen hatte auch ein Mädchen, welches ihm lieb war, heimlich gemahnt, vor der Reise warb er um sie, und wo der Töchter mehre im Hause waren, wagte der Vater sein Kind an die ferne Hoffnung. Diesmal war es kein Zug in unbekannte Ferne, auf dem der Mond und die Sterne führen, der wehende Wind oder der fliegende Rabe; denn die neuen Siedelstätten lagen nur wenige Tagereisen von der Gaugreuze, und die Reise ging durch Wälder und Marken von Landgenossen, die in früheren Geschlechtern denselben Weg gezogen waren. Deshalb sorgten

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