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daß mir nicht Schmach widerfahre. Müde bin ich, Königin, meines Erdenlooses, verleidet bin ich jedem Gastfreund, elend überall, gleich einem tollen Wolf gehetzt von Hof zu Hof, verächtlich wird mir solches Leben, denn eines bessern Schicksals fühle ich mich werth, und selbst denke ich zu sorgen, daß ich nicht als Lebender durch Römerfesseln gebunden werde. Wenn du aber mein Geschick nicht zu wenden vermagst, dann, flehe ich. rette meine Blutgenossen, den irrenden Schwarm, vor ruhmlosem Tode. Gern werden sie kämpfen gegen wen es auch sei, aber sie fürchten ein Verderben, das sich ihnen unsichtbar nahen mag, denn fest eingehegt stehen wir zwischen Steinmauern."

Lautlos starrte die Königin nach der verborgenen Thür, plötzlich stieß sie einen heiseren Schrei aus, denn der König trat hervor und rief: „Eingehegt bist du selbst zur letzten Wunde." Mit gehobenem Schwert fuhr der König gegen Ingo, aber wie eine Löwin sprang Frau Gisela dem Herrn entgegen und wand ihm den Arm, daß das Schwert klirrend zu Boden siel. Ingo ergriff die Waffe und rief sie schwingend: „Ich halte deinen Tod in der Hand, König Bisino, wenig wird dir deine Rüstung frommen, wenn ich die That übe n wollte, die du mir zugedacht. Danke dem Gotte, dem du vertraust, daß der Gastschwur mir heiliger ist als dir." Und er warf die Waffe dem König vor die Füße. Ein leiser Ton wie das Stöhnen eines Weibes zitterte durch den Raum.

Der König sah wild um sich: „Du sprichst als ein Mann; wohlan, hebe dein Schwert von der Treppe, wir fechten."

„Ich habe dir Friede geschworen," antwortete Ingo unbeweglich.

„Und ich dir," rief der König, „gebrochen ist der Eid, du bist frei, hebe die Waffe."

„Gegen dich kämpfe ich nicht um mein Leben," versetzte Ingo, „ehrwürdig ist mir dein Königshaupt, wenn du mir auch zuweilen Uebleö gedacht hast. Und nimmer will ich helfen, daß der Ruf deines Gemahls entehrt werde durch dein oder mein Blut, das vor ihrem Lager vergossen wird. Muß ich vertilgt werden, dann klage ich nicht, wenn du selbst es thust, dann stoß zu, König, und sei bedankt für das Gastgeschenk."

Der König beugte sich das Schwert zu erheben, da klang von unten Geschrei und Kriegsruf, Ingo schnellte empor. „Fluch mir, vergessen habe ich in der eigenen Noth die Nothgenossen. Den Sang meiner Schwäne höre ich, ich komme. Du wahre dich, König, ich sinde was dich zwingt." Mit Sturmeseile brach er aus der Thür, der König raunte heiser: „Erbarmen kennen die nicht, die unten seiner harren," und er eilte ihm mit geschwungenem Schwerte nach.

Aber Ingo sprang nur wenige Stufen hinab, wo sein Schwert lehnte und unter dem Gemach der Königin der junge Sohn neben dem Helden Valda schlief. Er raffte den Knaben vom Lager, drückte ihn an sich und flüsterte ihm zu: „Hilf mir, Hermin, mir droht das Verderben. Ich thue dir kein Leid, wenn nicht von dem König meinen Genossen ein Uebles geschieht." Der Knabe hing schlaftrunken in seinem Arm und faßte ihn um den Hals. „Gern helfe ich dir, Vetter," sagte er ahnungslos. Bevor der alte Krieger sich vom Lager erhob, trug Ingo den Knaben hinauf an die Thür der Königin, wo der König mit dem Schwerte ihm entgegen sprang. Aber Bisino fuhr entfetzt zurück als er sein Kind unter dem Messer Ingo's erblickte. „Geh voran, König Bisino," rief Ingo befehlend, „bereite mir den Weg, ich halte was dich zwingt. Das Leben deines Knaben sei Bürge für die Häupter der Meinen. Lebe wohl, Frau Gisela, siehe zu den Göttern, daß das Haus des Königs nicht zerbreche in dieser Nacht."

Die Männer eilten die Steintreppe hinab, Frau Gisela lauschte starr nach Getöse und Fall am Fuß der Treppe. Ob sie wünschen sollte, daß er entrann, der den Sohn ihr gepfändet? Ob er selbst zurückkehren würde in ihr Thurmgemach, oder der König oder keiner von beiden, das stürmte ihr durch die Seele; sie fühlte Haß gegen ihn, der ihre Hilfe sich nicht begehrt, und doch auch heiße Angst um sein Leben, und Angst vor der Wiederkehr des Königs, Sie sprang an das Fenster und sah hinaus in die Nacht. Sie hörte fernes Gemurr und helles Geschrei, dann wurde es still, sie sah einen Feuerschein blinken, aber auch er verlosch, die Nacht blieb schwarz und unsicher, wie ihr eigenes Schicksal. — Auf den letzten Stufen vor der Thurmthür hielt Ingo an: „Verjage die Hunde, König, daß ihr Biß nicht deinen Sohn treffe." Der König trat ungern vor, aber er verscheuchte seine Wächter. Ingo sprang an ihm vorüber wie ein flüchtiger Hirsch zu der Herberge seiner Mannen. Nicht vermochte der König ihm zu folgen, so sehr er sich eilte.

Um die Herberge standen die Haufen der Königsknaben, gerüstet mit Schild und Speer, manche auch mit Fackeln in der Hand. Auf dem Erdboden vor den Stufen loderte eine rothe Flamme, und warf ein unsicheres Licht in den dunkeln Saal und auf die wilden Gesichter der Vandalen. „Was blinzen die Käuze beim Lichtschein und wenden abwärts den Blick?" rief Berthar von der Treppe, „mich wundert's, daß die Knaben des Königs vor niederträchtigem Werke sich scheuen, sie sind ja, wie ich höre, gewöhnt bei Nacht zu töten. Für ganz schamlos gelten sie im Volke. Hat sie erschreckt, daß mein Schwert ihrem Fackelträger den Brand zerschlug? Tretet näher, ihr bösen Verzagten, damit ihr vor allem Volke verflucht werdet als Friedensbrecher. Heran, auf daß meine Knaben euch die letzte Fahrt rüsten."

„Grobe Worte sind die Münze des heimatlosen Bettlers," rief Hadubald entgegen, „gut verstehst du sie zu zahlen, wenn du an fremden Bänken lungernd durch die Welt fährst. Ganz unnütz seid ihr auf der Männererde und schwerlich ärgert ihr fortan noch fremde Höfe durch euer Geschrei."

So bereiteten sich die Helden durch heftige Rede zum Kampf; da sprang durch den lärmenden Haufen Ingo, den Königsohn

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in, Arme. Er fuhr auf die Stufen und stand unter feinen Getreuen. Ein lauter Heilruf der Vandalen tönte um die Halle; Ingo aber rief befehlend gegen die Knaben des Königs: „Weicht zurück, tapfere Helden der Thüringe, der junge König, den ich halte, gebietet euch Frieden. Wollt ihr, daß sein Haupt unversehrt bleibe, so vermeidet meine Mannen zu kränken. Heil sei dem König in der Herberge," setzte er hinzu da Bisino herankam, „und Frieden bedeute sein Nahen. Betritt, o König, huldvoll das Schlafgemach deiner Gäste, denn nicht durch Waffen, meine ich, enden wir heut die Verstörung. Hilf mir den König geleiten, Hermin, mein Vetter!" Er ließ den Knaben zur Erde und trat, das Messer über ihn haltend, dem König entgegen, das Kind ergriff die Hand des Vaters und stand zwischen beiden Helden. „Entzündet die Fackeln an der Flamme," rief Ingo den Seinen zu. „Iedermann weiche aus dem Raume, ihr Vandalenhelden bewacht auf den Stufen die Berathung der Könige!"

Mürrisch winkte Bisino seinem Gesinde den Zugang zu räumen, dann gebot er Hadubald mit einer gleichen Zahl von Königsmannen die Stufen zu besetzen. Auf die erhöhte Bühne der Halle, wo Ingo's Lager stand, geleitete dieser den Herrn, er selbst saß ihm gegenüber und schlang seinen Arm um den jungen König. Bisino setzte sich zögernd und sah sinster vor sich hin. „Du meinst mich durch das Haupt meines Sohnes zu zwingen, daß ich dich und deine Landstreicher verschone. Aber wild hat der Zorn sich erhoben zwischen dir und mir, und dauerlos wäre, so fürchte ich, die Versöhnung. Entziehst du dich heut meinem Zorn, so trifft er dich doch morgen oder zu anderer Zeit, denn selbst wenn die Bitte dieses Knaben dir meinen Zwinger öffnet, so weißt du doch, daß meine Macht weit reicht und daß des Königs Wille dich umstellt wie ein gehetztes Wild."

„Wohl ehre ich deine Macht, König," versetzte Ingo, „und ich weiß, daß es mir mühselig wäre über die Brücke zu reiten und über die Haide zu traben, wenn dein Zorn feindlich hinter mir fährt. Dennoch meine ich, daß der König edel handelt, wenn er mir die Treue hält, soweit die Eide reichen. Den Zweikampf hat mir der König angetragen; ruhmvoll war das Erbieten und eines Helden würdig, und vermag er mich nicht zu dulden auf der Männererde, so weiß ich wohl, daß es für mich keine bessere Ehre gibt im Gedächtniß der Menschen, als durch die Waffe des Königs zu fallen, oder wenn ich ihn selbst vorauf senden sollte in die Totenhalle, mit meinen Gefährten vertilgt zu werden durch den Grimm der Thüringe. Dennoch ist es mir unleidlich gegen dich zu kämpfen, mein Herr und Wirth, denn freundlich warst du gegen mich, Gutthat genoß ich an deinem Hofe, ehrenwerth ist mir auch dein Gemahl und hier der Knabe, den ich im Arm halte, und Frohes habe ich von deiner Huld für mein Leben gehofft. So kränkt mich's, obgleich ich den Schwertgrimm für rühmlich halte, daß ich um meinen Leib feindlich gegen dich ringen soll."

„Verständig sind deine Worte," verfetzte der König, „auch dein Sinn ist redlich, wie ich vermuthe, und ungern sinne ich auf dein Verderben, aber mich zwingt die Königsnoth, die Keiner versteht, außer wer als Wirth über seinem Volk« waltet. So wisse denn, friedloser Mann, der Cäsar fordert, daß ich dich ausliefere an seine Boten."

„Will der große Volkskönig dem Befehl eines neidvollm Römers gehorchen wie ein Besiegter?"

„Die Katten hat er aufgehetzt, sie sind eilig sich Sklaven und Herden zu holen aus meinem Volke, um deinetwillen sollen die Thüringe den Schlachtgesang singen."

„Stelle mich in deine Heere, o König," unterbrach ihn Ingo, „nimmer kehre ich zurück, wenn nicht als Sieger."

„Meinst du, daß du mir als Sieger willkommener wärest als jetzt, du mit der Erbtochter?" frug der König sinster. „Ueber die Schlachten der Thüringe waltet der König allein!"

Da legte Ingo die Hände auf das Haupt des Knaben und

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