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daß ein Landfremder auf dem Herrenstuhl der Waldlauben säße. Ia, wenn der Vater selbst dir die Tochter im Ringe der Zeugen angeloben wollte, ich der König dürfte das nimmer leiden und ich müßte meine Knaben reiten lassen und ein Volksheer aufbieten um euch zu hindern."

Ingo sah wild auf den König, so daß dieser die Waffe an sich zog. „Feindliche Worte sagst du dem Gebannten. Vieles Leid habe ich erduldet als Gast auf den Bänken, aber schwer gewöhnt sich der Muth des Mannes, mißachtende Rede zu ertragen, und ich meine, der edle Sinn des Königs sollte dem Stolz eines Unglücklichen nicht wehe thun."

„Besser bin ich dir jetzt gesinnt als je zuvor," versetzte der König lustig. „Doch bleibt dir wohl noch die Hoffnung, den Groll des Vaters zu überwinden."

„Gebunden ist der Fürst durch seinen Eid, und mächtig ist das Geschlecht des Sintram am Walde, auch die Hausfrau des Fürsten ist aus seiner Freundschaft."

Der König schlug auf seinen Weinkrug, wie er pflegte, wenn ihm etwas nach Wunsche war, „Am liebsten wäre mir, die Iungfrau einem meiner Mannen zu vermählen; gar nicht willkommen ist mir, wenn das Geschlecht des Sintram einst die Höfe und den Schatz des Fürsten in seine Gewalt bekommt, denn ich kenne ihren tückischen Sinn. Aber am allerwiderwärtigsten wäre mir, wenn du mit gutem Willen des Vaters sein Eidam würdest. Denn wie der Geruch des Honigs die Bären zum Waldbemm lockt, so würde das Lob der Sänger alle streitlustigen Fäuste in deinen Höfen sammeln, Vandalen und andere schweifende Männer, und du würdest als ein Landherr der Thüringe mir schnell feindlich werden, auch wenn du nicht wolltest. Das bedeuke," schloß der König überredend und füllte mit eigner Hand seinem Gaste den Becher. „Trinke, Held Ingo, und begnüge dich. Wenn die Wölfe auf der Walstatt schmausen, dann rühmen sie die Gastfreundschaft deines Schwertes, welches ihnen reiches Mabl bereitete, aber denke nicht mehr darauf, meine Thüringe in den Waldlauben durch Gastgelage zu bethören."

„So höre auch du, König, den Rath des Fremdlings," rief Ingo zornig, „denke auch du nicht daran, die Iungfrau einem andern Mann zu vermählen, denn solange ich lebend die Arme rege, soll kein Anderer sie heimführen. Schon einmal hat den Theodulf mein Schwert auf die Aue gestreckt, ein Zufall war's, daß er dem Tode entrann, ihm hemme ich den Brautlauf und ebenso jedem Anderen aus deinem Volke."

Ietzt lachte der König so laut, daß er schlitterte. „Ie länger du sprichst, desto lieber höre ich dich, wenn du auch trotzig gegen mich redest. Du denkst nach eines fahrenden Helden Weise und ich vertraue, du wirst dich auch bei der That so erweisen. Bezwinge den Vater, lege de n Theodulf, den stelzbeinigen Narren, auf die blutige Haide und hebe dir das Weib in dein Brautlager. Von ganzem Herzen will ich helfen, daß dir dies alles gelinge."

Ingo prüfte mißtrauisch die Geberde des Königs, der so fröhlich vor ihm saß, ob ihm vielleicht der Wein die Gedanken verstört, und er sprach: „Der Sinn deiner Worte, Herr, ist mir verborgen, du rühmst und schiltst mich um dieselbe Sache. Wie magst du gern hören, was dir unleidlich dünkt, und wie kannst du mir helfen bei einer Werbung, die du selbst hindern willst, auch wenn der Brautvater nicht hinderte?" König Bisino aber entgegnete mit Würde: „Setze dich wieder zu deinem Trinkhorn. Manches, was dem Mann zur Ehre gereicht, ist dir eigen; aber das Schwerste von Allem vermochtest du nicht zu gewinnen, du hast nicht die Königskunst. Deine Gedanken eilen gerade vorwärts, wie der Hund auf der Spur eines Hirsches; ein König aber kann nicht einfältig sein in Gunst und Rache, Vieles muß er bedenken, Niemandem kann er völlig vertrauen und jeden Mann muß er zu gebrauchen wissen in eigenem Nutzen. So gönne auch ich Irmgard, die Iungfrau, lieber dir als manchem Anderen; die Iungfrau, verstehe mich.

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nicht aber ihr Erbe, und nicht nach dem Tode des Vaters den Herrensitz in den Waldlauben."

Ingo setzte sich neben ihn und neigte gehorsam das Haupt weiter zu hören. „Seit ich Konig bin," fuhr der Andere fort, „ist meine Herrschaft unsicher durch den Trotz der Waldleute und die Macht ihres Fürsten, des Herrn Answald. Und lange habe ich eine Gelegenheit gesucht, über sie Herr zu werden. Darum warst auch du mir unerträglich in den Waldlauben, weil du ein Führer sein konntest über ihre Haufen. Und wenn deine Vandalenbrut um den Herrensitz dort lagern wollte, so müßte ich dich austilgen als meinen Feind, wenn ich dir auch wohlgeneigt bin. Das bedenke, Held! Iedoch gewinnst du die Tochter als Feind des Vaters durch Gewaltthat, wie die Helden verüben, wenn die Sehnsucht sie treibt, so schwindet das Erbkind aus dem Hofe, und ich brauche nicht zu sorgen, daß die Herrschaft dort auf ein anderes Herrengeschlecht übergehe. Begreifst du jetzt, was ich meine, stierköpsiger Ingo?"

„Die Iungfrau begehre ich und nicht den Herrensitz in deinem Lande. Aber hart ist es mir, daß mein Weib ihr Geburtsrecht verlieren soll, weil sie sich mir vermählt."

„Dafür laß mich sorgen," versetzte der König kalt. „Willst du das Weib mit dir führen in die Fremde, so bin ich als guter Gesell auf deiner Seite, nur mußt du mich nicht zwingen, daß ich als König gegen dich das Landrecht verfechte. Sieh zu, Held Ingo, wie du dir das Weib gewinnst durch freche That und ich will dich rühmen."

„Gönnst du mir das Weib, o König, so gönne mir auch Burg oder Hof, in dem ich sie vor den Verfolgern berge," rief Ingo und faßte bittend an die Hand des Königs. König Bisino faltete das Gesicht, zuletzt war ehrliches Wohlwollen in seinen Mienen, als er bedächtig antwortete: „Wieder zwingt mich die Königskunst, dir deine Bitte zu weigern. Wie vermag ich in meinem Volke als dein Hehler zu bestehen gegen das Landgeschrei? Kann ich dir insgeheim helfen, so thue ich's gern ans guter Meinung gegen dich und weil es mir nützt. Wie ich dir aber helfen kann mit Rath und stiller That, das erwäge. Nur mein Schatzhaus vermag ich dir nicht zu öffnen, denn Armringe und Römermünzen muß ich für mich selbst bewahren, damit in der Nothzeit Krieger für mich fechten."

„Der große Wirth des Volkes erweist seine Huld, indem er von seinen Schätzen spendet oder den Königschild über dem Bedrängten hält. Wie will der König mir helfen, wenn er beides versagt?" frug Ingo enttäuscht.

König Bisino machte die Augen klein und zwinkerte schlau. „Der König schließt die Augen, wie ich jetzt thue; damit laß dir genügen, Held!" Obwohl unwillig, mußte Ingo lachen über das breite Angesicht des Herrn, während dieser aus den Augenritzen nach ihm schielte. Auch der König freute sich über sein Lachen: „So ist es recht, und jetzt wirf die Sorge von dir, die dich beschwert, und thu mir fröhlich Bescheid, denn lieber trinke ich mit dir als mit Anderen, seit ich weiß, daß der junge Bär kein besseres Schlupfloch hat als meinen Zwinger. Darum will ich heut auch dir Geheimes vertrauen. Der Römer Tertullus hat mir jüngst allerlei zugeraunt und hohes Gebot gethan, wenn ich dich dem Cäsar ausliefere. Und da du hierher kamst, sann ich dir nicht gerade Günstiges. Ietzt aber, da ich dich erkenne wie du bist, will ich dich lieber für mich selbst bewahren."

Vie letzte Nacht.

Um die Thürme der Königsburg tobte der uralte Streit der Winterriesen gegen die guten Götter, welche das Wachsthum auf der Menschenerde schützen. Die harten Gewaltigen hoben ein graues Wolkendach zwischen Himmelslicht und Erde, sie bedrängten auch den Helden Ingo durch sinstere Gedanken und durch Sorge um das Heil derer, die ihm lieb waren. Die Sturmgeister trieben die Schneewehen durch die Ritzen der Herberge bis auf die Schlafdecken der Gäste; selbst der Krieger, welcher einen Bärenpelz trug, merkte den scharfen Zahn des Frostes, drängte sich bei Tage zum Herdfeuer in den Hallen des Wirthes und sang bekümmert: „Schneezeit ist dem fahrenden Helden leid, denn sein bester Freund wird das Tannenscheit." Die unholden Feinde des Lebens schieden auch den Strom durch schwere Eisdecke von der freien Luft, zornig schlug und hämmerte der Nix, welcher in der Tiefe sein Heimwesen führt, von unten gegen die krvstallene Last. Was aber unter der Eisdecke wogte, welche die Gedanken der Königin verbarg, das wußte Keiner; sie allein saß still unter den streitenden Männern, stets gleich war ihre kalte Freundlichkeit gegen die Fremden; nur dem König dünkte, daß Frau Gisela weniger hochfahrend sprach als ehedem. Wenn der Nordwind seine Todeslieder um die Thürme des Königs heulte, dann murrte Bisino zuweilen gegen seine Gäste, aber immer wieder überwand das Wohlgefallen an dem Fremden den Aerger, und so oft ein

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