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THEO LOGIE.

Leipzig, b. Reclam: Einleitung in das Studium der Dogmatik, nach dem Ergebnisse der neuesten teis„senschaftlichen Forschungen – – von F. H. Th. Alihn u. s. w. - " - (Beschluss von Nr. 80.)

W Wenn der Vf. bei einzelnen Wundererzählunen auch zugeben will, dass Dies und Jenes (Zusätze urch Tradition, Vergessen von lichtverbreitenden Umständen, mythischer Character u. s. f.) die einzelnen Wunderfacta als solche schwächt; so meint er doch, es stelle sich die grosse Menge der wunderbaren Thaten Christi, welche sich durch die Zeit

seines ganzen dreijährigen Auftretens hindurch zie

hen, unserm Glauben mit ernster Mahnung entgegen; endlich werde das am meisten historisch gesicherte Factum der Auferstehung, welches auch Männer, die an den andern Wundern zweifeln, annehmen, sich vornehmlich dagegen sträuben, als Täuschung oder als Mythus aufgefasst zu werden, und so wird dann zuletzt auf den Zweck provocirt, um welchen sich alle Erscheinungen (sowohl die Thaten Jesu als die Hindeutungen auf ihn und die Vorgänge mit ihm) vereinigen sollen, nämlich den Zweck, Christum zu verherrlichen und seinem Erlösungswerke den vollsten Nachdruck, als einer göttlichen Veranstaltung zu geben, und hinzugefügt: „Somit ist denn durch die Wunder im Allgemeinen gleichsam (?) das Siegel einer göttlichen Bestätigung der Lehre und den Aussprüchen Christi gegeben und deshalb sind sie von nicht geringer Wichtigkeit, theils den Glau ben erweckend, theils ihn bestätigend." Eben so einräumend, wieder aufhebend und wieder einlenkend behandelt der Vf. die Weissagunen, worauf er dann durch Aeusserungen über den Iaren und besonnenen Geist und die sittliche Vollkommenheit Christi, den Gott durch besondere Mittel zu dieser Vollendung geführt, über inneres Wesen, Wahrheit, Zweck und die Wirkungen des Christenthums den fraglichen Beweis zu vervollständigen

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- . .

der und aller dahin gehörigen Annahmen auseinandergehen. Der Vf. will diese Namen nur in der Dogmengeschichte noch als die allgemeinsten Bezeichnungen gewisser Richtungen gelten lassen und den Rationalismus lieber die historisch- oder philosophisch - kritische Richtung nennen, so wie den Supernaturalismus als dogmatisch-symbolische oder allegorische und nebenbei als speculativ mystische oder auch als pietistisch - sentimentale Richtung bezeichnen.

Dabei wird aber der wahre Gegensatz beider Grundansichten der neueren Theologie völlig verkannt. Rationalismus ist bekanntlich die Denkart, bei welcher man die jüdisch-christliche Offenbarung als eine auf naturgemässem providentialen Wege von Gott bewirkte Erziehungsstufe für die Menschheit betrachtet und dem denkenden Princip im Menschen verstattet, den Inhalt ihrer Darstellungen nach den religiösen und sittlichen Ideen und andern allgemein als wahr einleuchtenden Erkenntnissen zu prüfen; Supernaturalismus dagegen diejenige Denkart, bei welcher jene Offenbarung als eine unmittelbar und wunderhaft, durch Aufhebung des Naturlaufs von Gott bewirkte Veranstaltung zur Versöhnung des gefallenen Menschen mit Gott angesehen wird, die mit Ausschluss jener Prüfung, zu welcher die durch den Sündenfall völlig verderbte geistige Natur des Menschen als unfähig erscheiut, nur gläubige Annahme des Inhalts der Religionsurkunden fordert. Der beiden Denkarten zu Grunde liegende Gegensatz lässt sich durch unwissenschaftliche Declamationen nicht entfernen; und da der Rationalismus im Allgemeinen in dem rein menschlichen freien Gebrauche aller unserer Geisteskräfte besteht, insbesondere der Anwendung einer freien Kritik nach allgemeingültigen Verstandes- und Vernunfterkenntnissen, so ist nicht abzusehen, wie derselbe als Princip der freien Bewegung und des Lebens in aller Wissenschaft, nach dem oft vernommenen Geschwätz von Irrationalisten aller Farben, etwas längst Verschollenes oder gar Ueberwundenes seyn könne. Wenn der Vf. dessen ungeachtet ein gewisses Schwanken zwischen beiden Denkarten für den reinwissenschaftlichen Standpunkt zulässig findet, so muss dies um so mehr befremden nach dem, was er in einzelIlEI! Aeusserungen über den Rationalismus beibringt, den er S. 148 rühmend so charakterisirt: „der Rationalismus hat auch sein positives Christenthum,

ubt auch an Offenbarung, denn er ist nicht gleichÄ mit dem früheren Naturalismus, welcher Äes Positive verwarf, von Offenbarung gar nichts jsen wollte und eine anmassende wissenschaftliche Flachheit früherer Zeit war - die sogar Ä den Majus anstreifte; nur fasst er die Olsenbarung allgemeiner, als einen besondern Ausdruck der auf die religiös – sittliche Erziehung des Menschengejhlecht hinwirkenden göttlichen Vorsehung. Das Christenthum, als höchste Stufe sittlich-religiöser Bildung, ist nach ihm eine durch besondere Leitung der göttlichen Vorsehung geschehene Auetooisirog gewisser Vernunft wahrheiten" – und S150: „der Äationalist hält Christum für das moralische Ideal des Menschen, der uns durch sein Beispiel gelehrt hat, wie weit wir mit Hülfe der Vorsehung durch Religiosität und sittliches Streben kommen können: verwirft die Erbsündhaftigkeit (sic), ohne gerade auf den sittlichen Zustand des Menschen stolz zu seyn; sondern erkennt seine grosse Unvollkommenheit an. Er betrachtet den Tod Christi als Aufopferung für seine Mitmenschen und für die Wahrheit" u. 8. W. Nach S. 197 ist der Vf. selbst ausdrücklich der Meinung, es müsse das Ziel fester Haltpunkte sobald als möglich zu erreichen gesucht werden. Rec. giaubt sein Urtheil hinlänglich belegt zu haben und bemerkt, um nicht zu ausführlich zu werden, nur noch, dass es zweckmässig geweso,,Wenn hin und wieder auf die Geschichte mehr Rücksicht genommen worden wäre. So hätte, z. B. bei der Digression über die Lehre von der Willensfreiheit des Menschen, die, als dem Rationalismus eigenthümlich, dargestellt wird, gezeigt werden können, dass die christlichen Lehrer vor Augustin, sowohl Griechen als Lateiner, derselben bereits gehuldiget haben.

Der Druck des Werks ist nicht correct. Es kommen mehrere, oft sinnentstellende Druckfehler vor. Der S. 35 citirte Dogmatiker heisst nicht Eckerlein, sondern Eckermann, der S. 37 angeführte nicht Staudel, sondern Steudel, S. 63. Z. 13 ist statt einst zu lesen nicht. S. 81 in der Note I. Vorsehung statt Versöhnung. S. 77 findet sich ein Pollwerk menschlicher Meinungen; S. 95 Clairvoyence statt Clairvoyance. Das Wort ungeräumt statt ungereimt kommt öfter vor. S. 211 fehlt dem Satze: jWer behauptet" – offenbar ein nicht. Dergleichen Fehler hätten in einer Einleitungsschrift um so sorgfältiger vermieden werden sollen.

JURISPRUDENZ.

ERLANGEN, b. Palm: Das Gewohnheitsrecht. Von Dr. Georg Friedrich Puchta, k. Hofrath und ordentlichem Professor der Rechte an der Universität zu Leipzig. Zweiter Theil. 1837. VI u. 292 S. 8. (1 Rthlr. 8 gGr.)

Nach neun Jahren erscheint der zweite Band des Werkes, von dessen erstem in der A. L. Z. von 1833 Nr. 177 nur die Inhaltsübersicht gegeben, und

dabei bemerkt ward, dass der zweite sich wie ein
Probierstein zum ersten verhälten werde; eine Vor-
aussetzung die sich vollkommen bestätigt findet.
Namentlich ist das dritte in diesem zweiten Bande
enthaltene Buch, das vorzugsweise interessantere;
es handelt vom G. R. in seiner Anwendung. Im ersten
Cap., Einleitung überschrieben, wird die Aufgabe
des 3. Buchs,-uuter Wiederholung der Resultate des
2. festgestellt. Das zweite Capitel handelt von der
Gewohnheit und ihren Erfordernissen; das dritte von
seinen übrigen Erkenntnissmitteln; das vierte vom
Beweise; das fünfte von der Kraft des G. Rs. Das
4. Buch verbreitet sich über die Gewohnheit im öf-
fentlichen und im Kirchenrecht (mithin ist vorauszu-
setzen, dass alles vorangehende namentlich auf das
Privatrecht im Besondern Bezug hat, obwohl der Vf.
es nirgends (vgl. Thl. II. S. 224) direct sagt), und
spricht also, nach einer Einleitung im ersten Capitel
von den staatsrechtlichen, criminalrechtlichen und
processualischen, und von den kirchenrechtlichen
Gewohnheiten in den drei folgenden Capiteln.
Da das dritte Buch eine nochmalige Zusammen-
fassung der Resultate über das Wesen des G. Rs.
giebt, d. h. der des zweiten Buchs, so ist eine äu-
sserlich abgesonderte Beurtheilung dieser letztern
nicht erforderlich, sondern es werden die nöthigen
Rücksichten auf seinen speciellen Inhalt bei der Kri-
tik des 3. Buchs genommen werden. – - Der Griin-
de für diese Recapitulation giebt der Vf. drei an: er-
stens, weil neun Jahre seit dem Erscheinen des 1sten
Bandes verflossen seyen. Hätte der Vf. inzwischen
seine Ansichten geändert, so wäre das allein Grund
genug; aber so gewinnt es den Anschein, als setzte
er voraus, dass die Leser des zweiten Bandes den
ersten nicht wiederlesen, sondern seit 9 Jahren ver-
gessen haben würden. Zweitens, sey die lange Zeit
nicht ohne Frucht für diese Untersuchungen geblie-
ben, und habe namentlich auf eine genauere Bestim-
mung des Verhältnisses zwischen G. R. und Praxis
geführt. Endlich sey die Ansicht von der Entstehung
des Rechts durch Gewohnheit, gegen seinen Ver-
such, sie zu widerlegen, von mehreren Juristen fest-
gehalten worden. – Wahrscheinlich hat der Vf.
erwartet, dass alle Rechtslehrer (diese sind doch
wohl nnr unter den Juristen zu verstehen?) die vom
Vf. nach Vorgang Hofackers und T. H. Böhmers ver-
theidigte Lehre, „das G. R. entstehe nicht durch
Gewohnheit, sondern diese sey vielmehr Folge des
(schon bestehenden) Rechts, "gerade so annehmen
sollen, wie er sie giebt, und sucht, hierin ge-
täuscht – denn soviel Rec. weiss, haben nicht nur
mehrere sich den Abweichungen des Vfs. von bisher
gangbaren Ansichten hierin nicht gefügt, sondern
kein einziger, – sie von neuem dafür zu gewinnen.
Der wahre Grund scheint vom Vf. verschwiegen,
und vielmehr einmal in der Berücksichtigung zu be-
ruhen, welche er den Erinnerungen Hugos (Gött.
Gel. Anz. 1828 S. 1733) und Unterholzners (Tüb.
krit. Ztschrft. Bd. V. S. 375), „das G. R. vom Ju-
ristenrecht nicht so scharf zu trennen," zu widmen

nicht imhin gekonnt hat, andererseits der zu seyn, um. eine Gelegenheit zu ergreifen, der eben gedachten Unterholznerschen Kritik zu begegnen. Dieser Gelehrte hat denn auch im vorliegenden Bande zur Erwiederung auf seinen Rath am Schluss seiner Rec. über den schneidenden Ton, worin der Vf. schon im ersten Bande über die Ansichten derer abspricht, welchen er nicht beitreten zu können glaubte, im gegenwärtigen Bandé (s. z. B. S. 6. *) S. 9.3), S. 18,”) Vorr. S. V.) der Beweise genug erhalten, dass die ser Rath nur noch starrern Stolz, und eine verletzendere Vornehmheit hervorgerufen hat (z. B. S. 245 gegen Feuerbach, und S. 254 gegen Grolman, S. 73*) gegen Löhr, S. 78°) gegen Thibaut, – gegen Mühlenbruch tritt er etwas glimpflicher auf, vgl. S. 177*) die zur Ehre der juristischen Literatur sehr vereinzelt dasteht. Diese Eigenthümlichkeit des Vfs. ist äber auch nicht ohne Einfluss auf die Bearbeitung seines Stöffes geblieben, und Rec. muss auch hier die schon vor neun Jahren von Unterholzner (a. a. O., S. 376) ausgesprochene Ueberzeugung bestätigen, dass der Werth seines schätzbaren Werkes höher stehen würde, wenn der Vf. die Neigung weniger hätte vorwalten lassen, seine eigene Ansicht mit der gewöhnlichen in einen recht scharfen Gegensatz zu stellen. . In der Vorrede zum zweiten Bande giebt der Vf. Auskunft darüber, warum er das römische G. R. der Untersuchung über dessen Wesen, also das Geschichtliche dem Philosophischen vorangeschickt habe. ( Das Unterholznern S. V gemachte Compliment trifft übrigens Hugo, der dieselbe Anschauung von der Sache hat, – S. 1732 a. E. – ebenfalls.) Es sey darum geschehen, um zu zeigen, wie sehr das R. R. von den Juristen seit dem Mittelalter missverstanden worden sey, und wie es etwas ganz Anderes enthalte, als was sie erdacht und damit unterstützen zu können geglaubt hätten. Das was aus dem 1. Buche vorzüglich interessirt, ist das Resultat über die Ansichten der römischen Juristen vom G. R., „deren Aeusserungen die Grundlage für die Ansichten der spätern und heutigen Juristen geworden sind, – abgesehen von dem mittelbaren Einfluss, den sie auf die gesammte juristische Bildung der Nachwelt geübt haben. Allein ihre Aeusserungen sind sehr unvollkommen uns überliefert (Th. I S. 57), nur in einzelnen aus dem ehemaligen Zusammenhang gerissenen Sätzen, so dass es ganz unmöglich ist, aus ihnen allein ohne weitere Hülse, deren Gedanken zu entnehmen. Daher ist denn von den Neuern aus jenen Ruinen ein von den Ideen der Römer ganz verschiedenes Gebäude aufgeführt worden. Man müsse aber die historischen Ansichten derselben, d. h. wie sie das G. R. als Rechtsquelle betrachtet, von den praktischen unterscheiden, d. h. welche Grundsätze sie für dessen Geltendmachung aufgestellt hätten." Es wird nothwendig, dem Vf. hier zu folgen, um seine eigene Ansicht darüber, die er aus dem

Wesen des G. Rs. schöpft, damit zu vergleichen,

Das Resultat seiner Untersuchung ist (S. 68), dass bei den römischen Juriste: unsere Anschauung von den Rechtsquellen, wonach diese dreifach erscheinen, nämlich natürliche Uebereinstimmung des Willens Gesetzgebung und Wissenschaft, nicht zu finden sey. „Sie haben die Quellen des Rechts nicht in dieser Abstraction von dem Zufälligen der äussern Erscheinung aufgefasst, sondern sind vielmehr bei dieser stehn geblieben, also bei den Leges, Scka, und Edigta etc. Daher konnten sie auch nicht zu dem eigentlichen Begriff des G. Rs. gelangen, weil sie seine Erscheinung in der Sitte nicht von dem trennten, was eigentlich deren Wesen und Grundlage ausmachte."

So treffend im folgenden Capitel „über die practischen Ansichten der römischen Juristen,” S. 69 ff. auch bemerkt worden, warum die Quellen quantitativ wenig über diese Materie enthalten und warum die Römer wenig in den Fall gekommen seyen, sich auf G. R. zu berufen; so muss dennoch obiges Resultat offenbar befremden, wenn man vom Vf. (S. 78 ff.) selbst zugegeben findet, dass die römischen Juristen bei der Änwendung und Beurtheilung des in der Form der Consuetudo vorkommenden Rechts nicht verkannt haben, dass ihr etwas Inneres zum Grunde liege, die tacita civium conventio, und diese longa consuetudine comprobata; und warum sie von der Gültigkeit derselben sprechen, und deren Grunde. Denn hier haben wir ja den römischen Begriff von G. Recht, und nicht blos von consuetudo. Wenn ferner der Vf. S. 83 selbst sagt, den Römern sey das Herkommen Erkenntnissquelle des Rechts, weil es die Niederlage der tacita conventio, des unmittelbar in der Volksüberzeugung entstandenen, des G. Rs. ist, so kann Rec. ebenfalls darin nur einen Widerspruch mit jenem Resultate finden, wonach sie Gewohnheit, und G. R. nicht getrennt haben sollen. Ja, worin ist der römische Begriff denn verschieden von dem des Vfs. (S. 79), wenn er ihn darin setzt, dass es aus der natürlichen Uebereinstimmung der Ueberzeugung entsteht, die sich weder auf den äussern Grund des gegebenen Gesetzes (promulgirtes P.), noch auf die innern Gründe wissenschaftlicher Wahrheit (Juristen - R.), sondern auf gemeinsame Sinnesverwandtschaft derer stützt, deren gemeinsame Ueberzeugung das Recht ist, des Ä welche unmittelbar in der Anwendung erscheine, –? -

Auch den vorhandenen Quellenzeugnissen glaubt Rec, andere Resultate abgewinnen zu müssen, als der Vf. S. 72. u. ff. - Fürs erste ist, die Bedeutsamkeit des G. Rs. gegen das übrige für die Römer geltende Recht gehalten, die Dürftigkeit der Quellen mindestens zu diesem in keinem MissverhältnisFerner kann von Dürftigkeit überhaupt nicht die Rede seyn, wenn, wie hier, das Nothdürftige vorhanden ist. Wenn aber der Vf. bemerkt, dass die Mehrzahl der Stellen von particulären G: R. reden, so würde das doch nur beweisen, dass die Hauptbedeutung dieses Rechts seiner Natur nach eine Particuläre ist,

Aus dem 7. Cap. über Begriff und Gültigkeit der Consuetudo ist, ebenfalls noch im Zusammenhang mit dem Bisherigen, Folgendes zu bemerken. Der Vf. anticipirt aus dem folgenden Buche die schon vorher genannten drei Quellen für Entstehung des Rechts. Von diesen Formen, sagt er, sind zu unterscheiden die Erkenntnissmittel, und diese sind für sie nach der Reihenfolge: 1) die Anwendung des Rs. im Leben, also Sitte, Anwendung in den Gerichten u. s. w.; 2) Urkunden (Promulgationen); 3) das System, d. i. die Gesammtheit der innern. Gründe dér Erkenntniss. Hieraus ergebe sich, warum die römischen Juristen in der practischén Betrachtung des G. Rs. weniger dessen Wesen, die Uebereinstimmung der Ueberzeugung hervorheben, als die Erscheinung, d. i. die Consuetndo. Wenn nun aber der Vf. Stellen citirt (Fr. 32. sq.de lego.), worin es heisst, dass die Consuetudo pro iüre etleye observari solet, so ist doch offenbar darunter nicht die Uebung eines gewissen Grundsatzes, die Gewohnheit zu verstehen, sondern der geübte Grundsatz, die Sitte selbst. Denn wie wäre es möglich, dass die Ausübung der Gewohnheit selbst ein Recht sey? Consuetudo ist also dort in demselben Sinn zu vérstehen, wie wir auch im Deutschen-„Gewohnheit," d. i. Herkommen, fast öfter in der Bj WOIt G. R. finden, als den letztern Ausdruck; auch spricht dafür die Zusammenstellung von consuetudo und per. erp: sim. jd, autoritas. - Unter den in jenem Titel befindlichen Stellen ist nun eine, Fr. 32. Pr'.» welche der Vf. S. 87. nur zu einem andern Behuf erklärt, die ganz klar ausspricht, dass die Römer jene dreifache Entstehungsquelle – wenn sie sie auch nicht direct so bezeichnen, – sehr bestimmt als solche anerkannt haben. Sollte auch die Stelle auf Provinzial- und städtische Verhältnisse zu beziehen seyn, (wie sie jetzt in den Pandecten erscheint, ist sie es wenigstens nicht, und das entscheidet doch; 5. den Vf, selbst Thl. II. S. 204. 4) so wäre dies doch darum gleichgültig, weil die Saché im Wesentlichen ganz dieselbe bleibt. * Im 8. Cap., von den Erfordernissen der Consuetudo, bemerkt der Vf, dass die römischen Juristen keine eigentliche Theorie aufstellen, sondern nur einige sehr allgemeine Anweisungen geben. Das erste ist der Usus, und zwar longaevus. Hier ist S. 96 ff. eine gute Erklärung des Fr. 34. de legg. enthalten, nämlich dass der Richter, wenn schon jinmal früher für die Gewohnheit erkannt worden, darin eine Erkenntnissquelle finden solle; also eine Begünstigung der Gewohnheit, ein guter Rath , darauf Ä allem sein Augenmerk zu Ä nicht ein Erfoderniss ist gemeint. . . . Weniger gelungen ist die Erklärung von Fr. 39 e0d. Das vorgedachte Innere, welches in der j suetudo angewendet wird, setzt der Vf. nach Ansicht der römischen Juristen, wie schon erwähnt. S99 als zweites Erforderniss ausdrücklich in eine gemeinsämé Ueberzeugung (tacitus consensers). Diejedürfe

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als eine solche rechtliche Ueßerzeugung durch keinen Grund zweifelhaft geifacht werden. Das sey aus der genannten Stelle zü entnehmen, quod non ratione introductum, sedefrorepimum etc . Ratió nämlich bedeute Ueberzeugung; mit der Erkennung des Irrthums sey die Consuetudo abgeschnitten. Nach einer anderen bisher gangbaren Erklärung ist darunter die Vernunft zu verstehen. Auch hier muss Rec. dér letztern Ansicht sich anschliessen, und zwar hauptsächlich wegen der Wiedergabe dieser Stelle in den Basiliken, II. I. 47 wo ratio durch AoFotog übersetzt, und dazu in dém Schol. “S. als Beispiel die Ohrfeige angeführt wird, welche der Freigelassene bei der Manumission erhielt. So hat auch Mühlenbruch §. 38”) die ratio hier verständen, der überhaupt zu vergleichen ist. .. Im 9. Cäp. weist der Vfnach, dass bei den römischen Juristen sich keine Spur findé, von einem eigentlichen Beweise, der einer der Parteien zu der gewöhnlichen Wirkung obliege. – Im 10. Cap. endlich zeigt der Vf., dass in den Constitutionen das G. R. oft erwähnt werde, die Theorie aber nirgends geändert worden sey. Es schliesst mit einer Erklärutig der C. 2. Quae sitlonga cons Zum 3. Buche übergehend, welches sich mit der practischen Betrachtung des G. Rs., d. h. seiner äussern Erscheinung als Erkenntnissmittel beschäftigt, gelangt Rec. in § 2 des I. Cup. zu der Eingangs gedachten Recapitulation und hier also zu dem Hauptsatz, den der Vf. für das Wesen des G. Rs. aufstellt. Wenn man nämlich, sagt er, S. 5 des II. Theils, nach dem Grunde fragt, warum das Herkommen, die dauernde Uebung eines Satzes Auctorität für den Richter habe (nicht das G. Recht, denn siehe B. II Cap. 3), so gebe man dadurch schön zu erkennen, dass die Gewohnheit an sich keinen Anspruch darauf habe. Nur insofern sey ihr also solche beizumessen, als sie mit einem Rechtssatz in Verbindung stehe; dieser sey es, der Ansehen für den Richter habe. Dabei lasse sich nun entweden denken, dass die Gewohnheit den Rechtssatz, oder dass dieser jene erzeuge. Im ersten Fall sey die Gewohnheit selbst Quelle des Rechts, im zweiten nur Folge und Ausdruck eines anders woher entstandenen Rechts. Die erstere Ansicht (s. B. II. Cap. 2) sey von den Juristen allgemein angenommen; allein dabei bleibe, das G. R., etwas unerklärliches, denn man müsse ja annehmen, dass die Anwendung des Rechts dem Rechte selbst vorausgehe; und dass ein Rechtssatz durch seine Anwendung erst entstehe, werde kein Verstand begreifen. (Dieser wird hier

nach allen anders Denkenden abgesprochen.) Somit

sey also die zweite Ansicht die allein richtige, die Gewohnheit nur fortdauernde Anwendung eines Rechtssatzes, und ihre Auctorität bestehe darin, dass sie ein unverwerfliches Zeugniss seiner Existeuz. Sey. – z- * * (Die Fortsetzung folgt.)

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JURIs PRUDENZ. ERLANGEN, b. Palm: Das Gewöhnheitsrecht. Dr. Georg Friedrich Puchtau. s. w.

- - - (Fortsetzung vón wr. 319

Von vi

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- E. versteht sich nach dem Vorigen dass diese Alternative nur aufgestellt werden kann, nachdem die anderen Theorieen über den Grund der Gültigkeit des G. Rs., Autonomie und Bestätigung durch den Gesetzgeber, verworfen worden (v. B. II. Cap. 3. Nr. 5). A1lein für die vom Vf. vorgetragene Ansicht wird vorläefig schon eine Frage von grösster Bedeutung, nämlich, wie es möglich sey, dass der in der Gewohnheit geübte, von der gemeinsamen Volksüberzeugung gut eheissene Rechtssatz in diesér ursprünglich entsteÄ da ja die Uebung, die Gewohnheit deren einziges Organ, auch die allererste, schon ein Zeugniss seines Vorhandenseyns seyn würde, und man also entweder sich allemal mit dem Zeugnisseines einzigen Acts beim Beweise begnügen, oder die Lücke mit willkürlichen Vermuthungen früherer Acte füllen müsste? – Es frägt sich ferner, wie, da also ein Rechtssatz schon bestehen müsse, überhaupt noch nothwendig seyn könne, ihn zu befestigen (nicht blos zu beweisen), ja, wie dies möglich seyn könne durch die Anwendung? wie der Vf. Thl. II S. 8 zugiebt. Ist es nicht dieselbe Ursache, dasselbe thätige Agens, welches man auf der einen Seite verleugnet, auf der andern anerkennt? Doch wir kehren zur ersten Frage zurück. Der Vf. sagt S. 17, jener geübt werdende Rechtssatz könne dem geschriebenen wie dem ungeschriebenen Rechte angehören; im letztern Fall sey nun die Gewohnheit von grösster Bedeutung, denn hier gelange man ehen zum G. R., das dem Rechtssinn des Volks allein unmittelbar seine Entstehung verdanke; dessen Organ sey die Gewohnheit. Bei der Betrachtung der Erfordernisse der Gewohnheit, B. III Cap: 2 Nr. 7 äussert der Vf. namentlich in Betreff eines ihr etwa zu Grunde liegenden Irrthums (ein Umstand, worüber viel Schwanken unter den Juristen vorwaltet), „ dass, wenn er ein Hinderniss für die Annahme, dass ein G. R. existire, werden solle, dies nur dadurch geschehen könne, dass er die rechtliche Ueberzeugung, welche die Grundlage der Gewohnheit ist, ausschliesse. Der Handlung, die zur Nachweisung einer Gewohnheit gebraucht werden soll, muss Ergänz. Bl. zur A. L. Z. 1838.

eine rechtliche Ueberzeugung des Handelnden zum Grunde liegen, sonst taugt sie dazu nicht. Trifft dies eine einzelne Handlung, so folgt nur, dass sie zum Beweise des G. Rs. unbrauchbar ist. Ist aber ein Irrthum des Volks vorhanden, d. h. die Nationalmeinung eine irrige, so thut dies gar nichts zur Sache, sondern es bleibt immer eine Ueberzeugung stehen (S. 65 a. E. s.), weil der Begriff Irrthum hier nicht aufkommen kann (er müsste denn gegen höhere Principien verstossen, wo ein G. R. deshalb unmöglich ist, s. S. 74)." Da nun aber doch eine solche Ueberzeugung von einem irrenden Act Einzelner ausgehen muss, der nie Zeugniss für die objective Existenz eines Rechtsatzes seyn kann (nach Fr. 39 delegg.), so entsteht die Frage, wie dessen ungeachtet also er für jene von Bedeutung werden könne? (S. 66–68.) Darauf antwortet der Vf. (S. 68): „dass die Möglichkeit nicht ausgeschlossen sey, dass ein solcher (irrig vom Einzelnen vorausgesetzter) Rechtssatz nachher (?) in die gemeinsame Ueberzeugung aufgenommen werde, und dadurch tenstehe, so dass spätere Acte vielleicht (?) nicht mehr jener Einwand des Irrthums trifft. Dies geschieht nicht (S. 74) durch die fortdauernde Anwendung des Irrthums, sondern dadurch, dass dem Rechtssinn des Volks der fragliche Satz an sich, abgesehen von seiner irrthümlichen Begründung, als recht und gut erscheint. Wäre eine solche Ueberzeugung nicht anzunehmen, so würde die Gewohnheit immer nur auf Irrthum beruhen, und also aller Auctorität entbehren; nur wenn die Volksmeinung ein selbstständigeres Gefühl von der Rechtsmässigkeit verbinde, existire eine Volksmeinung." Wann dies der Fall sey, wie es möglich sey, dass sich das äussern könne, wer hier fühlen solle, wie es möglich sey, dass solche Gefühle sich im practischen Leben äusseren, und welche erkennbare Grenze hier zwischen Irrthum und Gefühl von Rechtmässigkeit sey, mit einem Worte, wann eher der (doch unter Umständen nachzuweisen nöthige) Uebergang von der fortdauernden Anwendusg eines Irrthums in die gemeine Ueberzeugung als von etwas Rechten und Guten eintrete und wie er erkennbar sey, ohne in ein ganz anderes Ereigniss auszuarten, (gesetzliche Sanction einer Gewohnheit), das sind Fragen, die sich Rec. hierbei aufwerfen zu müssen geglaubt hat, um sich jene Gedanken klar zu ma- ehen deren Lösung ihm aber nicht gelungen ist. Er .

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