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sich Leben und Licht, so beruht ja seine Wahrheit jd Kraft auf der Person dessen der es liest, und ist nicht mehr eine göttliche Offenbarung." – Jojes Müller ist dem Vf., ungeachtet so manches löblichen, was er von ihm zu sagen weiss, doch am Ende nur ein historischer Nachtwandler (S. 424). Fichte, den der Vf. weit über Kant stellt, und meint, ersey der Wahrheit um vieles näher gekommen, als irgend einer der andern berühmten Denker Deutschañds, ist ihm ein „verunglückter Sohn Luthers;" aber , wenn schon sein Gehirn verschroben war“, so sass doch das Herz auf dem rechten Flecke” (S. 432). „So wie Kant ein Vernunft-Saten war, welcher Spenern, so Fichte ein Vernunft – Träumer, welcher Zwingli'n verklärte, und ein Verwandter Luthers." (S.433.) Ist es wohl möglich, in solchem Gerede einen vernünftigen Sinn zu finden? – Als „die beiden vornehmsten Geschichtsforscher" unter den Deutschen, gelten dem Vf. (S.435)Schlözer und Heeren, die ich Ästar omnium genannt werden, ohne eines andern nur zu gedenken; entweder ein Beweis von grober Ignoranz, oder von gänzlicher U heilslosigkeit des Vfs. – Göthe's Kunst ist (S. 440) „allen Dingen nach Belieben einen Glanz zu geben;" aber »sein GIanz ist kalt und todt, und er hat mit demselben viel Unreines zu adeln gesucht.” – ,,Mit Vornehmheit sieht Göthe die Geschichte über die Achsel an, indem er sie nicht einmal zu bekämpfen, sondern nur dazu werth achtet, um in ihre Form einen beliebigen Roman zu giessen; –, die Geschichte Yendet sich jedoch mit nicht minder vornehmer Miene von diesem eitlen Künstler weg." (S. 441.) Hier scheint der Vf, sich selbst für die personificirte Geschichte zu halten; denn anders dürfte dieser Ausspruch wohl nicht gelten. Schiller wird zwar, im Gegensatze zu Göthe, gerühmt „in der That aber nicÄtminder auch über ihn das Verwerfungsurtheil ausgesprochen. „Er war ein historischer Schauspieler, so wie Göthe ein geborner Romanenheld." 443.) „Seine Helden sind personificirte Begriffe, Ä er für einen Augenblick zum Scherz sein Leben mitzutheilen sucht, die aber auch leicht consequent todt zu schlagen waren, da er ihr Schöpfer war." (S. 442.) – Noch mehr Proben von des fs. Ahurtheilen über deutsche Philosophie, Poesie, Religion, Politik u. dgl. zu geben, würde jedes billige Maass des Raumes überschreiten; wir können daher nur das allgemeine Resultat wiederholen, dass auch das Wahre, was er über diese Gegenstände mitunter sagt, verdreht und schielend herauskommt, weil er es auf falsche Voraussetzungen baut, und, wie es das Ansehen hat, nicht um der Wahrheit, sondern um der Schmähung willen vorträgt. Aus diesem allen geht nun hervor, dass der deutschen Literatur durch die Uebertragung dieses Buches ein schlechter Dienst geschehen ist, indem es für die Bahn, die dasselbe, nach der Vorrede, brechen soll und will, eines Bahnbrechers um so weniger bedarf, als sie theils gewiss nicht zum Heile führt, theils ohnehin schon betreten genug ist; denn

ERGÄNzUNGs BLÄTTER Num. 24. MÄRz 1838.

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es ist im Grunde nur die Bahn derer, die von der Wahrheit nur gerade so viel Farbe horgen, als nöthig ist, ihren Productionen einen, Unkundige oder minder Nachdenkende täuschenden Anstrich zu geben, und unter einer imponirenden Maske, die Ausgeburten ihrer unlautern, eingebildeten Weisheit in die Welt zu befördern. Dies Verfahren, die verschrobensten Meinungen, als die alleinige und untrügliche Wahrheit auszuposaunen, kann nicht scharf genug gezüchtigt werden, da es leider schon zu viele Liebhaher gefunden, und manche unheilbare Verwirrung angerichtet hat. – Dass bei dem vorliegenden Buche auch der Uebersetzer (und der Vorredner, wenn es wahr ist, dass er, wie der Titel sagt, die Uebersetzung durchgesehen hat) leichtsinnig verfahren sind, zeigt ein lächerlicher Missgriff (S. 104), wo, bei Erwähnung der in der katholischen Kirche als verdienstlich geltenden Ehelosigkeit, gesagt wird: „Zwar pflegt selbst der heilige Pöbel es zu preisen" u. s. w., während, wer auch nur mit halbwachendem Auge die Stelle liest, sehen muss, dass vom heiligen Paulus (im dänischen: Povel) die Rede seyn soll. – Nicht ohne eine gewisse Einseitigkeit hat auch der Vf. von Nr. 2 seine Aufgabe gelöst, doch giebt sie sich bei ihm mehr in der Form als im Inhalte seiner Darstellung zu erkennen. Sie hat nämlich ihren Grund darin, dass der Vf. es darauf absah, mit der Entwickelungsgeschichte der geistigen Richtungen der neueren Zeit, zugleich eine Apotheose der neueren spekulativen Philosophie, die sich bekanntlich ausschliesslich als Wissenschaft ausgiebt, zu verbinden. Diese Absicht blickt nicht nur manchmal ganz zur Unzeit durch, sondern macht auch, wie es nicht anders seyn konnte, den Vf, zuweilen ungerecht gegen einzelne Bestrebungen, die er mit seiner ausschliesslichen Wissenschaftlichkeit eben nicht im Einklange findet, und lässt ihn andere aus einem , für sie gar nicht geeignetem Standpunkte beurtheilen. Rechnet man aber diese Eigenthümlichkeit ab, so ist nicht zu leugnen, dass der Vf. ungeachtet der ihm nicht selten widerstrebenden philosophischen Form, in die er sich kleidet, doch von einem wahrhaft christlichen Geiste durchdrungen erscheint, der ihn zwar nicht vor allen Missgriffen und Verirrungen im Einzelnen bewahren konnte, ihm aber doch im Allgemeinen eine Geistesfreiheit und Milde erhielt, die wir nicht bei allen Wortführern der Schule, zu der er sich bekennt, wahrnehmen, womit er eine reiche und wohlgeordnete Kenntniss verbindet, und daher viel Wahres, Treffendes und Beachtenswerthes sagt, bei dem es um so mehr zu bedauern ist, dass es der Vf, theils durch die, seiner Schulphilosophie eigenthümliche Kunstsprache, theils durch den Gebrauch gewisser Kraftausdrücke, und überhaupt einen etwas vornehmen, absprechenden Ton, wie er dem jungen Manne (wofür sich der Vf. selbst ausgieht) gerade nicht wohl ansteht, für manchen weniger geniessbar macht. (Die Fortsetzung folgt.)

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GESCHICHTE.

I) NÜRNBERG, in d. Raw. Buchh.: Grundtvig's Uebersicht der Welt - Chronik vornehmlich des lutherischen Zeitraums – – von Dr. A. G. Rudelbach u. s. w.

2) OsNABRÜck, b. Rackhorst: Geschichtliche Entwickelung der geistigen Richtungen in Staat, Kirche, Kunst und Wissenschaft seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts –– von Geo. Ludw. Wilh. Funke u. s. w.

(Fortsetzung von Nr. 24.)

der Einleitung erklärt Hr. F., „dass alle Kämpfe der neuen Zeit nichts Anderes seyen, als ein Kampf der alten griechisch-römischen Welt mit der neuen germanischen. Das vermittelnde Princip ist das Christenthum, aber eben weil dies nicht tief genug eingedrungen ist, hat bis dahin keine völlige Versöhnung vermittelt werden können." Dieser Kampf zieht sich, nach dem Vf., durch das ganze Ä alter, wo „ auf der einen Seite das romanische Princip, mechauisch alle Lebensverhältnisse zu construiren, auf der andern die germanische spröde Persönlichkeit" stand, jedoch „die wahre Freiheit weder von Rom, welches die Kirche, noch von den Germanen, welche den Staat repräsentirten, erkannt wurde." (S. 3.) Wenn der Vf. (ebd.) meint, das Haus der Hohenstaufen habe in Italien das germanische Lebenselement zur Herrschaft bringen wollen, und deshalb dort den Untergang gefunden, so ist dies eine von den unhaltbaren Behauptungen, zu welchen man durch eine vorgefasste, einseitige Geschichtsansicht verleitet wird, indem leicht zu erweisen wäre, dass das Streben der Hohenstaufen, namentlich Friedrich II., weit mehr von antik-römischen, als von wahrhaften germanischen Lebenselementen in sich trug, ja den letzteren zum Theil geradezu widerstrebte. Die Geschichte selbst theilt der Vf, in zwei Abschnitte, die man am kürzesten als die zerstörende und neuaufrichtende Periode bezeichnen kann, und die auch der Vf., obgleich unter anderer Benennung als solche auffasst. Erster Abschnitt. Sieg der subjektiven Ansicht über die objektiv-sittlichen Mächte. Erstes Kapitel. Entwickelung der subjektiven Ansicht in Frankreich. Der Vf. erklärt zuerst im Allgemeinen, warum die, Ergänz. Bl, zur A. L Z. 1838.

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aller historischen Entwickelung widersprechende Abstraktion sich gerade in Frankreich am vollständigsten ausbildete und von hier aus am meisten wirkte; spricht dann von Montesquieu und dessen Betrachtungen über die Staatslehre, über welche geurtheilt wird, dass, ungeachtet in Montesquieus Betrachtungsweise viel Wahres enthalten, sie doch zu durchaus verschrobenen Ansichten vom Wesen des Staates geführt hat, weil er den Staat nicht als etwas Organisch - Erwachsenes, sondern als etwas Willkürlich – Gebildetes betrachtete; doch heisst es (S. 21): ,, Montesquieu trat eigentlich nicht gegen das Positive auf, sondern wollte es nur mit der subjektiven Ansicht vereinen; allein bei Voltaire herrschte letztere ganz und gar vor, weshalb jede objective Macht ihre Geltung verlor;" und nun werden Voltaire, Rousseau und die Encyklopädisten vorgeführt, als diejenigen, welche den gänzlichen Umsturz des historisch Bestehenden bewirkten. Zweites Kapitel. Entwickelung der subjektiven Ansicht in Deutschland, und deren Gegenrichtungen. Der Vf. bezeichnet (S. 26) als Aufklärerei das, seit der Zeitperiode der merkantilen Politik, sich durch ganz Europa regende Streben, atomistisch-mechanisch das Leben zu construiren, welches, dem Volkscharakter gemäss, in Frankreich sich mehr gegen die äusseren Lebensverhältnisse, also den Staat, in Deutschland mehr gegen die innern, also die Kirche und die Wissenschaft, gewandt habe. Freilich haben die Franzosen ohne Religion zu leben versucht, aber sie sind nicht, wie die Deutschen, auf wissenschaftlichem Wege zum Unglauben gelangt, und hierauf scheint der Vf. ein grosses Gewicht zu legen, obgleich andere wohl meinen möchten, dass dies am Ende keinen wesentlichen Unterschied ausmache. Ganz gewiss aber geht der Vf. von einem falschen Grunde aus, wenn er das, was er das völlige Obsiegen der Subjektivität über die Objektivität nennt, von der deutschen Reformation ableitet, weil durch diese der Mensch erst zur Freiheit des Denkens gelangt sey, und diese Selbstständigkeit des Denkens

jene Wirkung herbeigeführt habe, wenn er gleich

so billig ist, dies nicht der Reformation zum Vor

wurfe zu machen; denn durch sie habe sich auch der

verjüngende Lebenshauch der germanischen Welt

über das ganze Abendland verbreitet. Bedenkt man,

was der eigentliche Zweck der Reformation war,

nämlich den echten christlichen Glauben, als Grund B b

und Triebfeder des christlichen Lebens, befreit von menschlichen Verdunkelungen und Verfälschungen, in seiner ursprünglichen Reinheit darzustellen, so muss man unabweislich erkennen, dass sie geradezu auf den Sieg der Objektivität hinarbeitete, und dass sie zugleich, indem sie die Freiheit eigner Forschung in den Quellenschriften des Christenthums (keineswegs aber eine unbedingte Freiheit des Gedankens im modernen Sinne), als unerlässliches Mittel für jenen Zweck, in Anspruch nahm, zur Vermittelung der Subjektivität mit der Objektivität (um mit den Kunstwörtern unsers Vfs. zu reden) die richtige Bahn brach. Wo, scheinbar in Folge der Reformation, Erscheinungen der entgegengesetzten, eigentlich revolutionären Art, im Staate oder in der Kirche hervortraten (wenn es nicht blos vorübergehende, aus Missverstand oder persönlicher Leidenschaft entsprungene Regungen waren), da wurden sie doch, genau betrachtet, nicht durch die Reformation verursacht, sondern durch rein weltliche, meistens schon lange vorher begründete Verhältnisse, die sich der reformatorischen Bewegung, mit Verkennung und Verunstaltung ihrer wahren Principien, bemächtigten. Dass man auch da, wo die Reformation anfangs richtig aufgefasst wurde, in der Folge ihrem Geist und Charakter untreu wnrde, kann man, ohne Begriffsverwirrung, nicht als selbst nur mittelbare Wirkung der Reformation, sondern eben erst als Wirkung eines von ihr abweichenden und abwendenden Strebens betrachten. Richtiger schreibt der Vf, dem Jesuitismus die Beförderung jener atomi

stisch-mechanischen Richtung zu; nur hätte er nicht

sagen sollen wiewohl, sondern eben weil sein Streben war, den alten Zustand der Dinge (nämlich nur in der äussern Form) festzuhalten, worüber der innere, objektive Gehalt des Christenthums nothwendig ganz aus dem Bewusstseyn verschwinden musste, wie der Vf. denn auch richtig erkannt, obgleich auf andere Weise deducirt und ausgesprochen hat. Aus der Erstarrung der Theologie, auch mit der evangelischen Kirche, der unvollkommenen Ausgleichung der antiken ausserchristlichen, mit der christlichen Welt, und der einseitigen, rein äusserlichen Richtung, welche die Philosophie, besonders durch Wolf, erhielt, leitet es der Vf. ab, dass die französische Verstandeskultur in Deutschland so willige Aufnahme fand, und die deutschen Aufklärer die französische Einseitigkeit bis zur höchsten Spitze führten. Der Vf, nennt einige der letzteren, ohne besondere Auswahl, fast nur zufällig aufgegriffen; doch befremdet es, unter ihnen einen Namen zu finden, der in diese Reihe gar nicht gehört, nämlich Büsching. – Dieser Aufklärerei (sagt der Vf.) hatte sich das Geschichtlich – Bestehende ohne lebendige Fortentwickelung entgegenstellt. Insbesondere macht er darauf aufmerksam, wie man im Staate einerseits das Bestehende mit seinen Missbräuchen festhielt, während man auf der andern Seite den Staat, mit Verkennung alles historischen Rechts, als etwas Willkürlich gebildetes betrachtete, und

nach allgemeinen Gesetzen glaubte regieren zu können. Als Gegenrichtungen gegen dieses atomistischmechanische Streben betrachtet der Vf. in der Wissenschaft die kritische Philosophie, die aber selbst wieder in die Abstraktion hineingerieth; im Gebiete der Kirche den Pietismus, den er, als am Glauben festhaltend, im Ganzen sehr hoch stellt, und im Wesentlichen nur das daran aussetzt, (S. 37) , dass der Glaube, so lange er wissenschaftlich undurchdrungen ist, nicht die Stufe erreicht hat, welche er soll, nämlich die, wo in der gegebenen Offenbarung die Philosophie ihren Gegenstand erkennt und als solchen begreift." Der Pietismus gilt ihm nur für die „Subjektivität einer frommen Glaubigkeit;" Objektivität und Subjektivität sind in ihm noch nicht ausgesöhnt. Auch im Staate blieb noch eine politische Tüchtigkeit übrig, als deren Repräsentant Justus Möser bezeichnet wird. – Drittes Kapitel. Der Uebergang der subjektiven Ansicht in das Staatsleben. Hier wird von Friedrich dem Grossen und seiner Politik ausgegangen, die der Vf. sehr gerecht und ehrend würdigt, ohne zu verkennen, dass Friedrich „das Wesen der Religion missverstand," und auf die religiöse Indifferenz der folgenden Zeit bedeutend einwirkte. „Der Vf, hätte jedoch billig hierbei bemerken sollen, dass Friedrich es durchaus nicht darauf anlegte, Proselyten seiner religiösen Ansichten zu machen, und die Kirche, wie wenig er sich auch in derselben befriedigt fand, in ihrer öffentlichen Autorität herabzusetzen. Hierauf kommt das preussische Landrecht zur Sprache, in dessen Beurtheilung der Vf. sich überwiegend auf die Seite derer neigt, die, sowohl vom historischen als vom spekulativen Standpunkte, vielerlei daran auszusetzen haben, gewiss aber, besonders in der ersteren Beziehung, grösstentheils mit Unrecht. Wenn es unter andern dem Landrecht (S. 47) als ein Mangel angerechnet wird, dass es gewisse Verbrechen „von der Riige des Beleidigten abhängig macht," so ist ja dies eben der Charakter des ältesten deutschen Rechts, in dem bekanntlich der Grundsatz galt: Wo kein Kläger, ist kein Richter. Es folgt Joseph II. und seine Reformationsversuche. Wie diese entstanden, und warum sie misslangen, hat der Vf, kurz, aber ziemlich gut gezeigt. Zu hart und ohne tiefere Sachkunde beurtheilt er indessen das deutsche Reich wenn er (S. 52) unter andern sagt: „Die ganze deutsche Reichsverfassung war eine Carrikatur;" und wenn es weiterhin heisst: „ dass das deutsche Reich durchaus keinen Haltpunkt mehr hatte, sondern eine auseinander gefallene Masse war, . . . dies war durch die Verbindung gegen das Reichsoberhaupt deutlich gezeigt worden;” so ist wenigstens die Folgerung unrichtig; denn Verbindungen der Fürsten unter einander, unter verschiedenen Formen und zu verschiedenen Zwecken, waren ja seit den ältesten Zeiten üblich und verfassungsgemäss; der Fürstenbund aber, von welchem hier die Rede ist, war nicht eigentlich gegen das Reichsoberhaupt, als solches, sondern gegen den Beherrscher des österreichischen Staatsgerichtet, von dem man eben befürchtete, dass er seine Stellung als Reichsoberhaupt zu Eingriffen in die deutsche Reichsverfassung missbrauche. Dass der Fürstenbund an sich auf den Umsturz des deutschen Staatskörpers „ in einem bedeutenden Grade hingewirkt" habe, können wir nicht glauben; hierzu war schon seine Dauer zu schnell vorübergehend, und als die Ereignisse eintraten, welche wirk1ich die deutsche Reichsverfassung zerstörten, war er fast vergessen. – Viertes Kapitel. Der Uebergang der subjektiven Ansicht in das Volksleben. Hier betrachtet der Vf. , nach verschiedenen Verhältnissen und Richtungen, die Untergrabung der Sittlichkeit in Deutschland, die Sentimentalität, und die Erziehung. Wie er über diese Gegenstände urtheilt, 1ässt sich nach dem Vorhergehenden leicht denken, und in der That sind die Beispiele, die er für das Daseyn und die noch nicht erloschene Wirkung einer vom Christenthum abführenden Richtung des häuslichen und geselligen Lebens und der Erziehung anführt, wahr und beweisend genug; nur ist dabei zu wenig beachtet, dass eine ernstere christlich - volksthümliche Richtung dabei im Stillen immer noch kräftig fortwirkte, wenn sie gleich sich nicht so laut machte; auch sind die Männer, die er (S. 67) als Schöpfer der unchristlichen Erziehuugsweise nennt, Basedow, Salzmann, v. Rochow und Campe, unter einander viel zu verschiedenartig, als dass sie so unbedenklich in eine Reihe gestellt werden dürften. Rochows Streben, den niedern Ständen eine, sie zunächst für ihren Beruf bildende, und diesen selbst veredelnde Erziehung zu gewähren, kann man wohl weder unchristlich noch sonst tadelnswerth finden; Salzmann war zwar der eigentlichen Gelehrsamkeit, und in der Theologie insbesondere dem Dogmatismus nicht besonders hold, man kann auch zweifeln, ob er das Christenthum in seiner ganzen Tiefe erfasst hatte, dennoch darf man ihm eine recht christliche Gesinnung nicht absprechen, er suchte, mehr als man vor ihn gewohnt war, im Jugendunterrichte die Bildung für das praktische Leben hervor zu heben, aber er trieb weder das Nützlichkeitsprincip, noch die Verflachung des Religionsunterrichts jemals so weit, wie z. B. Campe; wenn er sich gegen eine für das Herz und das Leben unfruchtbare Schultheologie, gegen Symbolenzwang und Gewissenstyrannei erklärte, so fand er dazu nur allzu viel Ursache in seiner Zeit und seiner Umgebung; und wenn der Vf. an Salzmanns edlen Freund und ZögIing Kaspar Friedrich Lossius gedacht hätte, dessen Erziehungssystem sich ganz auf christliche Religiosität gründete, und dem man es grossentheils zu verdanken hat, dass diese nicht ganz aus der Erziehung verschwand, so würde er gewiss auch jenem eine andere Stellung angewiesen haben. – Fünftes Kapitel. Der Uebergang der subjektiven Ansicht in die ästhetische Bildung. Der Vf. erklärt zuvörderst, warum die subjektive Ansicht in der Kunst nicht völlig obsiegen konnte, (wo er beiläufig – ein Beweis, wie weit allgemeine Principien in zu rück

sichtsloser Befolgung führen können –, indem er von dem Untergange der Religion der Schönheit durch die Philosophie spricht, S. 73, einen merkwürdigen Entschuldigungsgrund für den Mord des Sokrates findet: „ Wohl haben die Athener gefühlt, als sie Sokrates den Giftbecher trinken liessen, dass bei so mächtig sich erhebender Subjektivität ihre ganze weltgeschichtliche Existenz zu Grunde gehen würde!" –) und spricht dann im Einzelnen, zuerst von der bildenden und der Tonkunst, dann von der Poesie, wo insbesondere (S. 96 u. f.) die Entwickelung der deutschen Poesie zur Sprache kommt. Der Vf. nimmt für den von ihm behandelten Zeitraum drei Epochen derselben an, die der epischen, lyrischen und dramatischen Poesie. Die erste beginnt er mit den bekannten Streitigkeiten zwischen Godsched und Bodmer; von den zunächst folgenden Dichtern, Hagedorn, Haller, Gellert u. a., sagt der Vf, im allgemeinen, dass sich die Principien, von welchen Godsched und Bodmer ausgingen, bei ihnen neutralisirt hätten. Wir können diese Ansicht, vor welcher die Originalität, die Haller, Uz u. a. unverkennbar zeigen, ganz verschwindet, nur verfehlt nennen, wie denn überhaupt der Vf., von seinen vorgefassten Ansichten ausgehehend, die Dichter dieser Periode insgesammt viel zu niedrig stellt, und auch im Einzelnen zu hart beurtheilt, wenn er z. B. sagt, dass in Ramlers Oden die antike Form ganz und gar karikirt erscheint, Weissens Arbeiten ohne Bedeutung sind, u. dgl. m., was eine gänzliche Verkennung des Werthes und Einflusses dieser und anderer Dichter voraussetzt. Vorzugsweise werden in dieser Periode Klopstock, Wieland und Lessing hervorgehoben, die aber doch auch mehr Tadel als Lob erhalten. Von Klopstock heisst es (S. 90), er habe sich in ein Terrain begeben, welches der weltgeschichtlichen Entwickelung zu fern lag, deshalb sey seine Poesie abstrakt geworden, und habe der modernen Bildung nicht entsprochen; sein Messias habe, gleich der Theologie seiner Zeit, nicht einen konkret-, sondern abstrakt- objektiven Boden, und halte mit keinem einzigen der grossen epischen Werke früherer Zeiten einen Vergleich aus. Später (S. 101) wird erklärt, Klopstock fehle sowohl die Bildung des klassischen Alterthums, als die des romantischen Mittelalters; Christenthum und klassisches Heidenthum seyen deshalb bei ihm nicht vermittelt. Nur gänzliche Unbekanntschaft mit Klopstocks Wesen und Dichtungen, oder Verblendung durch eine im Voraus fertige Ansicht, kann solche Urtheile in die Welt schreiben, deren vollständige Widerlegung uns jedoch hier zu weit führen würde. Auch in Wielands Beurtheilung, obgleich sie nicht so ganz misslungen ist, findet sich doch manches Uebertriebene und Verfehlte. Wie konnte der Vf. unter andern (S. 103) schreiben: durch die französische Bildung habe W. das romantische und orientalische Wesen, so weit es in jene übergegangen, in sich aufgenommen; ohne den hierin liegenden Selbstwiderspruch zu fühlen, da man, nach seinen eignen frühern Aeusserungen, der französischen Literatur gerade die erwähnten Bestandtheile ganz absprechen muss? – Lessings Verdienste werden noch am meisten anerkannt; dennoch wird auch an ihm die Ausstellung gemacht, (S. 105) er habe wohl eine negative, kritische, nicht aber eine produktive, dichterische Kraft besessen, und (S. 106) sey bei seiner negativen Kritik nicht im Stande gewesen, das Wahre anderer Völker und Zeiten sich anzueignen und als ein Neues aus sich hervorgehen zu lassen. Wer Lessings Emilie Galotti und Laokoon mit Bedacht gelesen hat, wird wissen, wie weit dies Urtheil gegründet ist. – Die Epoche der lyrischen Poesie datirt der Vf, von dem Göttinger Dichterbunde, durch welchen die Lyrik zuerst einen objektiven Gehalt gewonnen habe. „In der vorigen Epoche (sagt der Vf., S. 107) war die Reflexion vorherrschend, in dieser überwiegt die Empfindung, und ihren ungesunden Seiten nach in einänder übergehend, wird endlich eine Stimmung hervorgerufen, welche mit dem gegebenen Daseyn in Conflict geräth." Hierin liegt unverkennbar etwas Wahres; aber der Vf. hat dies nicht fest gehalten, und in seine Beurtheilung der einzelnen Dichter und ihrer Werke wieder viel Uebertriebenes, Ungerechtes und Halbwahres einfliessen lassen. Wenn z. B. bei Bürger bedauert wird, dass seiner Poesie häufig eine gemeine Sinnlichkeit beigemischt war, so fragt sich, ob das sinnliche Element nicht bei Voss und Stolberg oft eben so stark hervortritt. Auf der andern Seite ist es doch gewiss sehr übertrieben, wenn bei Matthisson und Salis nur „leere Sentimentalität" seyn soll, und von Friedr. Heinr. Jacob's Romanen behauptet wird, „dass sämmtliche dargestellte schöne Seelen nichts als geistig verkrüppelte Menschen sind, welche mit ihren Gefühlen Unzucht treiben." Nach einigen Andern, wird zum Schluss (S. 111) auch Herder in diese Reihe gesetzt, findet aber ebenfalls weit mehr Tadel als Lob. Als Theolog glaubt sich der Vf. nicht mit ihm verständigen zu können, weil ihm sein Christenthum zu abstrakt, nur als eine erhöhte griechische Humanität erscheint; als nachbildenden Dichter schätzt er ihn zwar, findet aber doch, dass H. das Gebiet der Kunst zu häufig in eine abstrakte Idee aufgehen liess, dass er wohl das Schöne von allen Seiten herbeiholen konnte, aber darum auch nur angeschaut, und nicht in seinem Geiste als ein neues producirt hat u. s. w. Mit diesen und ähnlichen Redensarten ist nur im Grunde weder etwas Wesentliches erklärt noch bewiesen. – In der Epoche der dramatischen Poesie, die mehr schon neben der vorigen hergeht, als eigentlich auf sie folgt, und bei welcher auch die Romanenliteratur zur Sprache kommt, wird, nachdem Iffland, Kotzebue u. a. kurz und trocken abgefertigt worden, vorzüglich Schiller charakterisirt;, denn von Göthe ist hier nur vergleichsweise die Rede, da ihm später ein

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eigenthümlicher, höherer Platz angewiesen wird. Schillers geistige Natur im Allgemeinen hat der Vf. zwar ziemlich richtig aufgefasst; die Beurtheilung seiner einzelnen Dramen (S. 118 u. f.) aber ist schon um deswillen misslungen, weil der Vf. einen ganz falschen Maassstab an sie angelegt hat. Nirgends ist es wohl nöthiger, ein Kunstwerk rein als solches, abgesehen von historischen, moralischen u. a. Beziehungen, zu betrachten, als bei Schillers Tragödien, die, wenn man sie z. B. aus einem streng historischen Gesichtspunkte beurtheilen will, grösstentheils verfehlt erscheinen müssen; denn wer weiss nicht, dass es sich mit Don Carlos, Wallenstein, Piccolomini, Maria Stuart u. a. in der wirklichen Geschichte ganz anders verhält, als in Schilers Dramen? Die Vergleichung mit jener muss uns also nothwendig den Genuss der letzteren sehr verkümmern; sieht man aber davon ganz ab, und betrachtet sie lediglich als Dichterwerke, so werden sie immer einen hohen poetischen Werth behalten. Diese Regel hat aber ünser Vf. hier nicht beobachtet, ungeachtet er sie sonst unter ähnlichen Verhältnissen recht gut gekannt und befolgt hat. Er beurtheilt Schiller nicht nur nach den Forderungen der Geschichte, sondern auch nach denen der spekulatiWEIl Philosophie: von deren Standpunkte aus unter andern an Wallenstein getadelt wird, dass darin eine Versöhnung der kämpfenden Principien nicht vermittelt werde; da doch Schiller gar nicht eine Lösung solcher höherer Fragen, sondern ein blosses Charaktergemälde beabsichtigte, und überdies die Geschichte selbst jene Vermittelung nicht bewirkte. Maria Stuart scheint ihm fast für eine Apologie des Katholicismus zu gelten, da doch der Umstand, dass Maria eben katholisch ist, gewiss nicht als Mittelpunkt der ganzen Tragödie betrachtet werden darf.– Sechstes Kapitel. Der Uebergang der subjektiven Ansicht in die wissenschaftliche Bildung. Der Vf. betrachtet hier: A. Die Wissenschaft des reinen Gedankens (Philosophie); B. die Wissenschaft des im Raum erscheinenden Gedankens (Naturwissenschaft); C. die Wissenschaft in der Zeit erscheinenden Gedankens (Geschichte). Am ausführlichsten ist die erste behandelt, und zwar wird die Kantische, Jacobi'sche und Fichte'sche Philosophie einzeln durchgenommen. Was der Vf, im Geiste des philosophischen Systems, dem er selbst huldigt, über diese früheren Systeme sagt, wird jedem, der sich nicht unbedingt mit ihm zu demselben philosophischen Glaubensbekenntnisse hält, sehr ungerecht und verfehlt erscheinen; und der Verdacht liegt nicht fern, dass der Vf. die Lehren jener Männer gar nicht aus ihren eignen Schriften, sondern nur aus dem, was seine Lehrmeister über und a potiori gegen sie gesagt haben, kennen gelernt habe. (Der Beschluss folgt.)

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