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Abkunft viel zweifelnder gedacht als über Ilias und Odyssee. Bemerke Hr. W. wie so wesentlich anders es sich mit der Kl. Ilias verhält, und beachte dabei, dass der falsche Herodot, der uns von ihr erzählt, sich selbst auf so wenige Gedichte beschränkt. Benutzen wir aber die dort gegebenen Weisungen. Die Erzählung, nach welcher die Kl. Ilias so vor allen andern aus den Troischen Kreise hinzukommt, ist am besten so zu erklären, dass die Homeriden von Chios dieses Gedicht vom Thestorides mitgetheilterhielten, dass sie es adoptirten und für homerisch gaben. Ihr Vorgeben hat sich aber offenbar in Griechenland sehr wenig geltend gemacht; denn wie wir bald weiter besprechen werden, es wurden anderwärts andere und mehrere andere Verfasser genannt, und nicht Honnere. Derselbe falsche Herodot erzählt nichts von der Einnahme Oechalias und einer Gastfreundschaft des Homer mit Kreophylos, nichts von den Kyprien als einem homerischen Gedicht. Also haben ihm seine alten Homeriker von dieseh Nichts berichtet. Oder nehmen wir an, dass er, der falsche Herodot, nur von denjenigen Gedichten, die nach seinem Urtheil für homerisch gelten durften, angegeben habe, wo sie Homer verfasst, dann wird seine Erzählung von den Orten der Erfindung verdächtig, wir haben für keinen der von ihm genannten eine Gewähr, sondern es hat derselbe als echter Pragmatiker für seine Meinung eine Geschichte gemacht. Doch, so oder so, immer geht alle seine Erzählung auf nicht mehr Gedichte als die Thebais und die Kl. Ilias, welche der einige Honer neben der Ilias und Odyssee gedichtet haben soll; die dunkle Phokais noch abgerechnet. Lange ehe die Kl. Ilias vorhanden war, und die besondern Hergänge bei den Homeriden, wie wir aus den herodotischen Leben muthmassen, dieses Gedicht in jenen Gegenden dann in den Ruf eines Homerischen brachten, war – so wollen wir einmal zugehen – auf Samos die Sage entstanden, Kreophylos habe das Gedicht von Oechalias Einnahme von Homer als Gastgeschenk empfangen. Wollen wir aus sämmtlichen den Kreophylos oder seine Nachkommen betreffenden Ueberlieferungen das Annehmliche bilden, so ist Kreophylos ein selbstdichtender Rhapsode gewesen, der die Gedichte Homers vorgetragen und überliefert, aber daneben Oechalias Eroberung gedichtet hat. Sein Name haftet an diesem Gedicht fest und ohne Nebenbuhler, nur dass jene Sage ihn dasselbe vom Homer empfangen lässt. Diese Sage erscheint aber zu Ä als ein Ausdruck des Verhältnisses, in welchem Kreophylos mit seiner eigenen Poesie zu der des Homer ständ, als dass man nicht eine schlichte Metapher darunter verstehn sollte. Wie dem aber auch sey, dieselbe ist immer zu keinem andern Ende erfunden und hatte nie einen andern Sinn, als dass dem Gedicht der Ruhmesschein eines Produkts vom Verfasser der Ilias zu Theil würde. Den Kreophylos selbst als einen ursprünglichen Homer zu denken, dessen appellative Natur später zu dem berühmtern

Individuum, welches durch Ilias und Odyssee hervorglänzte, umgedichtet worden sey, wäre ein unstatthaftes Wagniss, so wie auch Niemand bei den homerischen Gedichten, welche Lykurg von Kreophylos oder dessen Nachkommen erhalten haben soll, etwa nur oder zunächst auf die Heraklee des Kreophylos selbst rathen darf. Dergleichen Vermuthungen , deren freilich auch der Vf. sich enthalten hat, würden durchaus willkiirlich heissen müssen. EndI ch aber kann auch aus dem Worte des Straho, „ Einige sagen Kreophylos sey der Lehrer des Homer gewesen, Andere aber nicht er, sondern Aristeas von Prokonnesos, gewiss kein appellativer Homer mit einiger Sicherheit gewonnen werden. Soll eine Deutung der Angabe versucht werden, so meinen wir, beide konnten freilich eher Schüler als Lehrer des Homer heissen, und zwar Aristeas, indem er von fernen Wundern nach dem Vorgangc Homers erzählt, auch kommt man auf die Vermuthung, Strabo habe statt des Hoiner den Pythagoras setzen wollen; aber das Sicherste ist anzunehmen, dass der Geograph uns hier aus einer kuriosen Schrift einen Satz beibringt, worin Homers hohe Weisheit zweifelnd von Kreophylos, dem Stammvater der Schule die den Pythagoras erzog, oder von dem magischen Aristeas hergeleitet wurde, und beide Angaben demselben sehr jungen Pragmatismus angehören. – Wir gehn zu den Kyprien über. Wie ron der Kl. Ilias so werden auch von diesem Gedicht ausser Homer noch mehrere bestimmte Verfasser genannt. So lange nun Hr. W. den appellativen Gebrauch des Namens Homeros nicht genauer nachweist, halten wir fest daran, dass wer den Stasinos oder einen andern jener übrigen angab, das Gedicht nicht homerisch nannte. Doch es lag sehr nahe, die Ky

rien wegen ihres Verhältnisses zur Ilias demselben

erfasser beizulegen. Durch allerlei Combination entsteht uns nun die Sage, Homer habe seine Tochter einem Kyprischen Manne und das Gedicht zur Mitgift gegeben. Rec. hält diese Combination für unsicher, aber wenn und wo die Sage vorhanden War, so erscheint sie als ein Versuch - das sriler einem Kyprischen Verfasser ohne Weiteres beigelegte Gedicht auf den Homer zu b ngen. Von dieser verschieden ist wieder die Sage, wenn man in Salainis auf Kypros einen besondern Vater und eine Mutter und einen Anlass angab, wobei der dort geborne Homer seinen Namen als Geisel erhalten habe. Wie sollen wir in Hrn. IVs. Sinne diese Sage deuten? Bezog sie sich auf einen vor Stasinos oder Hegesias dort lebenden appellativen Homer, der die Kyprien gedichtet? oder soll Stasinos selbst auch Homer genannt worden seyn, und auf diesen die Sage eigentlich gelautet haben? Keines von beiden nehmen wir an, sondern die Betrachtung des langen Zeitraums, in welchem von Homer immer Neues gefabelt wurde, lässt uns vielmehr erkennen, dass die Salaminier endlich so weit gingen, den Dichter selbst sich anzueignen. Auch will uns bedünken, dass wie ihre Sage von Homers Eltern so auch ihre ganze Meinung von den Kyprien, als einem homerischen Gedichte, immer nur partiellen Glauhen fand. Für Herodot war das Votum eines einzigen gelesenen Schriftstellers hinreichend, um zu einer Einrede bewogen zu werden. Endlich kann es der Annahme einer appellativen Bedeutung des Homernamens nicht günstig erscheinen, wenn Hr. W. selbst darzuthun sich bemüht, dass nicht blos Kreophylos, sondern auch Hegesinos, Hagias alles Apellative für Rhapsoden seyen. Da sollen wir glauen, diese seyen von der Kunstform der Gedichte Homere, und von andern Umständen als Rhapsoden Kreophy le oder Hegesiä genannt worden. Auch diese Appellativen sind nicht hinlänglich glaublich gemacht, aber zweierlei nebeneinander lassen sich noch weniger gut denken. Um endlich über die KyÄ nach bester Wahrscheinlichkeit abzuschliesen, so werden wir uns vorstellen, dass zur bereits längst gefeierten Ilias ein Kyprischer Dichter die Kyprien dichtete, aber zuerst auf der Insel selbst bald neben dem wahren Verfasser ein anderer Rhapsode als Dichter dessen, was er vorgetragen ins Gerücht kam, dann in Halikarnass wieder ein anderer. Später aber, als dergleichen mehr geschehn war, mochten die Kyprier lieber ein Gedicht von Homer selbst und endlich gar den Dichter besitzen. Eine andere Stätte, wo fleissiges Rhapsodenthum Sagen vom Aufenthalte Homers erzeugte, und wo homerisch genannte Gedichte ihre Heimath wirklich oder angeblich hatten, ist Kolophon. Den Verfasser der Nosten, welche für eine Ausführung der schon in der Odyssee gegebenen Beschreibung der Riickfahrt gelten konnten, und welche Kolophonische Sagen enthielten, nennt Eustath. ohne Eigennamen den Kolophonier. Nun müssen wir es sehr glaublich finden, dass dieses Gedicht dort viel vorgetragen wurde, ja es könnte der Gedanke entstehn, eben ein Kolophonischer Rhapsode habe jene Partie erst den Gedichte einverleibt. Aber ausfallend ist es, dass in den vielfältigen Ueberlieferungen von Homers Aufenthalte in Kolophon durchaus nur der Margites als dortiges Produkt vorkommt, die Nosten nur bei Suidas als homerisch aufgezählt werden, und zwar in einer Folge, die wie ein besonderer Troischer Cyklus aussieht. Hiermit sind alle Data gegeben, aus denen sich für oder wider die Vermuthung argumentiren lässt, dass in älterer Zeit in gewissen Gegenden oder bei einer Anzahl der Griechen sich die Annahme gefunden, die Nosten seyen ein homerisches Gedicht. Ganz entschieden aber ist es, dass diese Annahme eben so wenig allgemein oder sehr verbreitet war, wie bei der KI. Ilias und den Kyprien. Denn Hagias von Trözene wird ja im Cyklus

so bestimmt genannt, und vielleicht legten die Ko

rinthier die Nosten ihrem Eumelus bei. Wir unseres Orts wollen jetzt der Vermuthung Raum geben, dass jener Kolophonier ohne Eigennamen Homer sey, nach dem Glauben jener Stadt. Das zwar im Vergleich, mit der Odyssee viel jüngere Gedicht mag vom Peloponnes oder sonst her zu den Gesängen,

welche die Kolophonischen Rhapsoden früher vortrugen, hinzugebracht worden seyn, und der Rhapsodengebrauch mag hier neben der Odyssee die Nosten wie auf Kypros neben der Ilias die Kyprien, bei den Chiern neben derselben die Kl. Ilias in die vulgäre Bezeichnung als ein homerisches Gedicht gebracht haben; jedenfalls wird dies eine ganz natürliche und sachgemässe Vorstellung geben, bei der es eines appellativen Homer um so weniger bedarf, als die Kolophonier selbst nur soviel behauptet haben, Homer habe sich bei ihnen aufgehalten. Wo man nun einen solchen persönlichen Aufenthalt in der Sage hatte, da war es natürlich, dass man namentlich auch manche kleinere Gedichte früher Zeit und vergessener Verfasser dem Homer als gelegentliche Erzeugnisse und Studien beilegte. Der Margites scheint Kolophon zur Scene gehabt zu haben, und wirklich dort heimisch gewesen zu seyn. Bei andern Griechen bis zu Aristoteles und andern Stimmgebern mag die bewunderungsvolle Idee von Homer als dem Anfänger der hauptsächlichsten Dichtungsarten zusammen mit der genialen Trefflichkeit und dem dunkeln Alter des Margites dahin gewirkt haben, dass sie den Kolophoniern beistimmten. Wie in Kolophon der Margites, so kamen bei den Chiern andere poetische Spielereien, und anderwärts wieder andere kleinere Gedichte auf den Namen Homers, und zwar ganz durch dieselbe Supposition, aber getrennt, bis die Sammlung oder ein Ä niss alles dessen, was in den verschiedenen Orten als Parergon des alten Sängers ging, eine Menge gab, welche die Kritik hervorrufen musste. Indessen ist. Etwas der Art, ist das Hereinziehn mehrerer Gedichte in den homerischen Namen offenbar nur an gewissen Orten geschehn. Die Sache geschah immer besonders durch das Rhapsodenthum. Was die Ithapsoden an gewissen Orten, wo ihr Geschäft alt und lebendig war, an Gedichten im Munde führten, gaben sie selbst, oder erschien mit für homerisch wie ihre Hauptstücke. Diese äussern und speciell wirkenden Umstände erklären die Thatsache hinlänglich. Wenn Hr. W. S. 141 sagt: „Wie man, volksmässig oder weniger genau redend, erst in späterer Zeit darauf gekommen seyn sollte, epische Gedichte, Hymnen, scherzhafte und epigrammatische Gedichte dem Homer beizulegen, wenn dieser volksmässige Gebrauch des Namens nicht gerade ein Ueberbleibsel des alterthümlichen war, wird in der That genügend kaum begreiflich zu machen seyn," so vermissen wir hierin den Begriff des homerischen, den er in seiner Namenerklärung selbst gegeben, und meinen, indem wir ihn auf die eben durchgeführte Ansicht verweisen, dass man neben den Meinungen der Städte und ihrer Rhapsoden nichts weiter bedarf. Wenn aber der Vf. daselbst hinzusetzt: „Dass von den ältesten Zeiten das Ansehn Homers auf Ilias und Odyssee gegründet und beschränkt gewesen sey, lässt sich nach der Geschichte nicht beurtheilen, so geben wir mit unserer Modification gern zu, dass der Ruhm Homers auch durch andere Gedichte, deren eines ihm hier, das andere da noch ausser jenen beigelegt wurden, gewachsen seyn möge; erklären aber auch, dass wir wie die Ilias und Odyssee für älter als alle übrigen gelten müssen, so bei Kreophylos, bei Arktinos, dem Verfasser der Kyprien u. s. w., die Bekanntschaft mit ihnen voraussetzen, und in Chios so wie allenthalben, wo das Rhapsodenthum geblüht hat, den Fleiss der Rhapsoden mit denselben zunächst beschäftigt denken. Sie die ältesten und immer fort gefeiertsten erfüllen allein den Kunstnamen Homeros, dem sich haltbarer kaum die Thebais anschliesst. Es giebt kein solches Seltsame, wie es Hr. W. darstellen will, als wenn nach einer dunkeln Nebelzeit, in welcher eine Reihe Epopöen immer zum homerischen Namen hinzugeschossen, endlich eins nach dem andern durch die genauere Vergleichung von homerischen Stocke gelöst worden, bis nur Ilias und Odyssee übrig geblieben. Statt eines appellativen Homer haben wir auch in dem kleinern Kreise je einmal und irgendwo für homerisch gehaltener Gedichte immer nur Grund gefunden, auf den Verfasser der Ilias und Odyssee zurückz «ohn. Und auch die Homeriden von Chios haben ihren Namen leicht nirgends anders her, als davon, dass sie sich mit dem Vortrag der eigentlich homerischen Gedichte, beschäftigt haben. Des Kunstnamen Homeros bedurfte es nicht, um sie zur Annahme der patronymischen Bezeichnung ihrer Beschäftigung zu veranlassen. Wenn eine Sippschaft, anfangs eine wirkliche Familie sich dem Rhapsodengeschäft hingab, wenn sie in frühester Zeit nur Ilias und Odyssee, nachmals vielleicht auch Anderes vortrug, aber nie ohne es für homerisch zu geben, so war die Benennung der geschlossenen Familie nach dem Dichter natiir1ich, da ja dieser auch hauptsächlich als Rhapsode gedacht wurde. Das Geschäft kann nachher an Andere, der Name blieb den Nachkommen der frühern Rhapsoden, wenn ihn gleich jene sich jetzt ebenfalls zueigneten, das gab den Chiern das streitige Recht den Dichter ihren Bürger zu nennen. Ob gewisse Sagen von Chios, von Ios, aus Aeolis auf Sänger zurückgehn, die vor Homer lebten, oder mit ihm; ob auf ihn also Manches aus der ersten Periode der kleinern epischen Lieder übertragen ist; ob im Dunkel der Sagen das, was einem besondern Verfasser der Iliade angehört, zusammengelaufen ist mit den Ueberlieferungen, die einen zweiten Homer angehn, der die Odyssee dichtete, das können wir nicht unterscheiden; die Wahrscheinlichkeit selbst muss in einem andern Untersuchungsgänge ermittelt werden. Die richtige Vorstellung von dem allmäligen Wachsen des Troischen Liederkreises führt nothwendig auf die Annahme, dass Homer der Bildner der Ilias unter vielen Sängern lebte; der der Odyssee wenigstens kannte schon Sänger alter Nosten und einer ältesten Persis, wohl auch einer Orestee, wie Hr W.

sehr glaubhaft macht. Von diesen müssten die Lebensbeschreibungen etwas wissen, wenn sie Ueberlieferungen enthielten. Alles aber was sie von Honners Dichterthätigkeit berichten, lautet auf Produkte der zweiten Periode, auf Thebais, Kl. Ilias, und Vollendung der Ilias und Odyssee. Da nun hier die Kl. Ilias darunter ist, welche wir so viel Grund haben dem Lesches und jedenfalls der Zeit nach Arktinos zuzuschreiben, so können wir gar wenig Vertraun zu dem Alter der Ueberlieferung haben. Schenken wir ihr Glauben, so können doch nur Aussagen und Sagen der Homeriden in Chios aus der Zeit, da sie die so späte Kl. Ilias schon als homerisch vortrugen, die Grundlage seyn. Lassen wir nun auch dabei gelten, dass in Neon Teichos die Thebais, in Phokäa und Erythrä (das den Diodoros doch wohl vielmehr als Vf. nannte) die Kl. Ilias für homerisch vorgetragen worden, und folgen den dortigen Wanderungen des Homer überhaupt genau als den Spuren blühender Rhapsodie, sie führen uns doch keineswegs zu den Stätten homerischer Poesie und Rhapsodie in dem appellativen Sinne, sondern es liegt der ganzen Erzählung eine bestimmte Meinung von einigen wenigen Gedichten zum Grunde, welche Homer ausser der Ilias und Odyssee verfasst habe.

Hat sich der appellative Begriff in Bezug auf die Gedichte, welche den homerischen Namen nach Zeugnissen einmal erhalten, oder die Orte, wo homerische Rhapsodie geblüht, als unnöthig erwiesen, so kommen nun bestimmte Instanzen hinzu, die sein Nichtvorhandenseyn beweisen. Wenn nämlich Homerisch ein Kunstbegriff gewesen wäre, und ein volksmässiger Sinn des Namens überhaupt üblich, dann müsste Milet und die Gedichte seines Arktinos, dann Lesbos mit dem Lesches ihn an sich tragen, und müssten viel mehrere Gedichte wenigstens je zu weilen Homerisch heissen. Es wäre unbegreiflich, wie Städte, die in homerischer Poesie hervorragten, nicht in die Reihe derer gekommen, welche des Hauptdichters Heimath oder Wohnplatz heissen wollten. Freilich ist dem Vf. mit der Beseitigung des Cyclus die eigentliche Grundlage seiner Meinung schon entzogen; aber wir müssen den Griechen ihren Enthusiasmus für den unvergleichbaren Dichter der Ilias und Odyssee auf das Bestimmteste vindiciren, und glauben in der Berücksichtigung des langen Zeitraums, wo nach und nach früher auf den Grund einer blühenden und alten Rhapsodie, später durch blosse Conjectur und Combination der Pragmatiker und Gelehrten mehr und mehr Städte den Dichter der Dichter als Bürger ansprachen, den angemessensten Aufschluss gefunden zu haben für die anscheinend so unlösbare Verwirrung. Weder Honere einzelner Rhapsodien noch appellative geben diese Lösung so gut.

(Der Beschluss folgt.)

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Der Vf, hat aber auch selbst seinen Gedanken nicht durchgeführt. Er führt selbst wider Willen dich meistens den Beweis, Smyrna habe den entschoedensten Anspruch auf den Homer, viele der andern Orte hätten selbst nicht dafür gelten wollen, den Dichter hervorgebracht zu haben, sondern nur Gedichte zu besitzen, die man für honierisch ausgeben mochte. Was heisst das anders, als es gab ein hoch hervorragendes Individuum, dessen Ruhm man sich hier und da anzueignen strebte (anderwärts bei gleicher Berechtigung nicht), und dem man in einer gewissen Mittelzeit allmälich einige Gedichte mehr beilegte? Eben so hat der Vf. selbst erkannt, dass das eine Gedicht hier, das andere dort dem Homer hinzugetheilt worden sey. Hätte er diese beiden Sätze genauer verfolgt; hätte er dann den sehr entscheidenden Umstand ins Auge gefasst, dass überhaupt viele der epischen Gedichte, aber auch mehrere von den je zuweilen dem Homer beigelegten ausserdem mehr als einem Verfasser zugetheilt worden sind; hätte er endlich nicht alle Rücksicht auf Chronologie von sich gewiesen, sondern Wechsel und Wachsthum der Sagen beachtet, so würde er zu einem andern Ergebniss gekommen seyn.

Bei Hn. W's. Ansicht blieb jener Umstand, dass von so vielen Epopöen eine Mehrzahl von Verfassern aus den Ä Gegenden genannt werden, ganz unerklärt, und die skeptische Bezeichnung ö 7totoag, öygäpag oder im Plural o ty GroßaÖayygapórag wurde als Bekenntniss der Unwissenheit gedeutet (S. 304). Rec. wird, indem er die von Ö. Müller zuerst gemachte Entdeckung weiter verfolgt, über Beides hinlänglichen Aufschluss geben und damit zugleich ein der Welcker'schen Ansicht vollends entgegenstehendes Argument aufstellen.

Wenn man die vorhandenen Angaben bestimmter Verfasser der verschiedenen epischen Gedichte Ergänz. Bl. zur A. L. Z. 1838.

übersieht, so finden sich da besonders zweierlei ei

enthümliche Fälle. Entweder ist auf einen und denselben Dichter eine ganze Masse von Gedichten gehäuft, deren Abfassung oder auch nur eigenen Gebrauch ihm beizulegen unmöglich fällt, oder es werden von einem und demselben Gedicht eine lange Reihe von Verfassern genannt. Mit jenen überreichen Dichtern meinen wir jetzt nicht Homer, Hesiod, Orpheus, die ihren Reichthum im Fortgang der Zeiten durch die gemeine Meinung erhielten, sondern den Eumelos von Korinth und den Kinäthon von Lakedämon. Von ihnen dürfte Folgendes gelten. Da sie, und namentlich Kinäthon gewiss keinen hellenischen Ruhm gehabt haben, noch gelehrte Conjecturen ihnen diess und jenes zugetheilt haben werden, so liegt keine Vermuthung näher, als die, dass ihre Mitbürger ihnen allmälich so Vieles beigemessen. Alles was jene Dorier an epischen Gedichten aufbewahrten, scheinen sie gern ihrem Epiker zugeschrieben zu haben. So darf es uns denn nicht wundern, wenn Eumelos die Nosten, Kinäthon gar die Telegonee verfasst haben sollte, von denen wir wissen oder mit vielem Grunde glauben, dass sie erst lange nach der Zeit jener Dichter verfasst sind. Eben so wenig wird es uns Anstoss geben, dem Kinäthon, den wir zunächst nur als genealogischen Dichter bezeichnet finden, auch eine Oedipodee, Heraklee und die Kl. Ilias zugelegt zu sehen. Ä gens erkennen wir hieraus, dass die Griechen selbst die Gattungen epischer Gedichte in ihren Vorstellungen nicht nach unsern oder Hn. Welckers Unterscheidungen auseinander hielten, und wohl ein genealogischer oder historischer Dichter auch eine KI. Ilias vortrug. Hr. W. spaltet den Kinäthon in zwei Dichter, und findet mittelst possierlicher Erklärung (S. 145), dass der Genealog Asios die Kreophylen verspottet habe... Wir glauben dagegen, dass Thestorides selbst die Gründungssagen Phokäa's in seiner Phokäis besungen, zugleich aber die Kl. Ilias so fleissig vorgetragen habe, dass er in dortiger Gegend für ihren Verfasser gegolten. Die andere besondere Erscheinung ist die, dass so oft von einer und derselben Epopöe oder sonstigem epischen Gedicht so viele Verfasser genannt werden, und zwar Teig aus ganz verschiedenen Gegenden Griechenlands. Eines und das andere Beispiel der Art mag vielleicht noch eine besondere Erklärung zulassen; aber bei der Kl. Ilias und den Kyprien gilt gewiss der von O. Müller sehr glücklich gefundene Gedanke, dass häufig eine Stadt und Umgegend ein, solches Epos demjenigen auch als Verfasser zugeschrieben, dér es daselbst zuerst vorgetragen und in Ruf gebracht, auch wohl zuerst ein Exemplar davon zurückgelassen. Die Kl. Ilias, welche die Lesbier ihrem Lesches mit der Zustimmung nicht bloss des Landsmannes Phanias vindicirten, galt nicht bloss in Sparta für ein Produkt eines einheinischen Dichters, sondern ein Diodorus von Erythrä, und Thestorides von Phokäa hatten sich, wie wir meinen, in andern Bezirken durch ihren Vortrag des Gedichts den Ruhm als Verfasser desselben erworben, während die Homeriden von Chios dasselbe als Homerisch rhapsodirten. Dem Stasinos war im Vortrag der Kyprien auf der Insel selbst ein Hegesias gefolgt, so dass er nun um die Dichterehre mit Jenem stritt, doch ein Halikarnassischer oder Milesischer Schriftsteller Demodamas gab einen Halikarnassier als Verfasser an. Der Kolophonier, der seinen Mitbürgern vielleicht die Nosten bekannt gemacht, und dessen Eigennamen die homerisirende Stadt nachmals mit dem des Homer vertauschte, könnte auch ein solches Beispiel seyn. Hr. 0. Müller zählt auch die Titanomachie in dieser Reihe auf, die zwischen Eumelos und Arktinos streitig ist. Hier findet Rec. aber eine andere Möglichkeit. Es ist nämlich auffallend, dass gerade Milet so oft in dergleichen Streit genannt wird. Ausser jenem Fall auch beim Aegimios, um den der Milesier Kerkops mit Hesiod streitet, und bei den Naupaktien, die, obgleich ihr Name selbst sie einem Naupaktier Kaukinos zu sichern schien, doch gemeinhin einen Milesier zum Verfasser haben sollten (Paus. X, 38 g. E.) Es kann diess von der literärischen Industrie Milets herkommen; man kann jene Gedichte leicht muthmasslich von Dichtern derjenigen Stadt hergeleitet haben, von der aus die Exemplare verbreitet wurden. Doch betrachten wir Hn. Müllers Fund noch weiter. Derselbe ist nach mehreren Seiten hin fruchtbar, und zuerst sehr einleuchtend. Vorgetragen durch Hellas und Argos wurden ja doch gewiss jene Epopöen, und wie natürlich nun, dass man nicht den ursprünglichen Dichter, sondern denjenigen mit dem bekannt gewordenen Gedichte nannte, von dem man es zuerst gehört? Ob diess gerade in einem Agon gewesen, ob mancher unter den mehreren genannten, seinen Autorruhm einem Agonendenkmal verdankt habe, ist nicht zu ermitteln, aber auch gleichgültig. Nun erwächst uns aber hieraus auch das Verständniss jener Bezeichnungen ö noujo«g oder oi notjoavrug. Zuerst sehn wir deutlich, was der Plural sagen will; er deutet die mehreren Verfasser an, da der eine in diesem, der andere in jenem Bezirke ruchbar und geltend geworden war, wie es wegen der oben Genannten beim Schol. des Victor. zu II. n. 57. heisst

o röv Kvtglov tounral. Hiernach würden wir nun auch in dem Falle, dass uns in den zerstreuten Notizen, die uns übrig sind, nur Einen Dichter bestimmt genannt finden, aus dem Gebrauche des Plural folgerecht auf noch andere schliessen. Diess kann sicher geschehn, sobald nur im Citat von einer bestimmten Epopöe die Rede ist, wie im Schol. zu Eurip: Phön. 1748. o tv Oöttoöiavygäqovreg, woraus wir also neben dem auf dem Borgiaschen Täfelchen genannten Kinäthon auf noch andere Verfasser geführt werden. Wäre die Bezeichnung der Epopöe im Schol. zu Apoll. Rh. I. 308. in oi rv Gjßätöa ovyygäopavreg (wie Tzetz. zu Lykophr. 511. ö rä Közigta ovyyg«páusvog) oder yoygapórg eben so klar, so würde der Schluss auf einen zweiten und vielleicht dritten bestimmten Verfasser neben dem Homer erlaubt seyn; doch s. den Vf. S. 208. Doch gehn wir weiter zum skeptischen Singular. Es kann ja ein Schriftsteller den Verfasser eines Gedichts, wenn er ihn auch fest im Sinne hat, doch eben nur als solchen citiren, und so wahrscheinlich der Schol. des Pindar Isthm. V., 68. ö tv AGuonióa ygäquor; es kann ferner ein Citirender aus der Zeit seyn, da jede Notiz von wenn auch streitigen Verfasser, schon verloren war, er kann sich eben nur in der skeptisehen Tradition befinden: aber fragen wir nach der eigentlichen ersten Entstehung des skeptischen Singular, so hat er seinen ersten Grund nach unsern Prämissen nicht in dem Vorgange, dass etwa die Rhapsoden namenlose Gedichte vorgetragen, oder man bei den Exemplaren die Verfasser weggelassen hat, und es ist der Citirende auch nicht immer dafür anzusehn, als zweifle er eben nur vermöge eigener Kritik an dem Einen überlieferten Verfasser, oder habe er gar keinen angeben hören; sondern der Singular ist die grammatisch richtigere Ausdrucksweise des Skepticismus, der durch die von verschiedenen Seiten verschieden angegebenen Verfasser hat entstehn müssen. Ein Lesbier der frühern Zeit, da noch wenig gelesen wurde, hörte die Kl. Ilias seines Lesches auf Reisen hier unter Homers, dort unter Thestorides Namen vortragen, und hielt er auch an seinem Lesches fest, so musste doch z. B. der reisende Athehienser auf ein skeptisches oi yoygapórsg oder ö toujoug kommen, wenn er das von einem Chiischen Homeriden vielleicht zuerst als Homerisch gebotene Gedicht anderwärts unter verschiedener anderer Benennung vortragen hörte. Ebenso wer von verschiedenen Orten her Exemplare desselben Gedichts, eine Titanomachie aus dem Milesischen, eine andere aus dem Korinthischen Handel u. s. w. zu sehn bekam dem blieb eben auch nur ein Doppelcitat, oder ö 79jogg übrig. Es mag diese Erklärung in geograÄ Rücksicht eine gewisse Schwierigkeit haen; allein da die vielen Namen nun einmal überliefert sind, giebt es doch schwerlich irgend eine angere. Denn dass ein sonst gar nicht bekannter Podoros und Thestorides als Verfasser der KI. Ilias neben Lesches und Homer genannt werden,

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