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Ausser den historischen Einleitungen und Erklärungen sind den einzelnen Liedern auch sprachliche Erläuterungen unter dem Texte beigegeben, und der Herausgeber versucht sich dabei nicht selten in der Etymologie, die indess nicht sein Fach zu seyn scheint. Fast Alles, was er dieser Art beibringt, ist unrichtig. Hier nur wenige Beispiele! das Adjectiv grains S. 6 hängt gewiss nicht mit gravis zusammen; eher mit dem mittelhochdeutschen Adjectiv gram; daher denn auch das Verbum gramoier S. 29. Franchise S. 7 bedeutet nicht 0ctroi, consession, sondern das eines Freien würdige Betragen; ebenso S. 8. Greignour S. 8 kommt nicht von gravior, sondern eher von grandis. Isnielement S. 14 ist das deutsche schnell. Woise = wilde Katze S. 16 wäre ätaF Asyoutvov, während es, wie zwei Zeilen weiter unten = geht, einen ganz guten Sinn giebt; auch sieht man nicht ein, wie aus vero oder putois das Wort voise werden soll. Astelle S. 16 kommt von hasta, und bedeutet wie das spanische astillero Lanzenbrett. AntifS. 16 kommt nicht von altus, sondern von ante und heisst, was schon Roquefort S. V. angiebt, alt. Die Endung– if kommt von einer lateinischen – ivus wie in aestivus, tempestivus u. dgl. Démente S. 32 kommt eher vom lateinischen demens, als dem neufranzösischen démène. Die Formen lamenter und tourmenter, die Hr. Paris anführt, sind ganz anderer Art. Mairelle S. 37 ist nicht = joue on menton, sondern das lateinische marilla. Samit S. 39 kommt nicht von setae mixtus, sondern, wie schon F. H. v. d. Hagen im Wörterbuch zum Tristan (II,409") richtig nachweist, vom mittelgriechischen Fautrog, FaunTog = sechsdrätiger Zeug, wie timit von Ötuutog = Zwillich, tgurog = Drillich. Tant (S. 39) hat al

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Unrichtig erklärt ist die Stelle S. 50 faites fille dempereor, autrus aMastes, si obliastes nos." Es bedeutet nicht: Vous auviez alors dédaigné fille dempereur. Legen wir diese Zeilen Reynj den Mund und verstehen unter der Kaiserstochter die schöne Erembers selbst, so scheint die Schwierigkeit gehoben. – Avoire S. 64 in dem Liede von Flos und Blancflos kommt nie = se contredisent vor und die Verwandtschaft des Wortes mit adversatj möchte kaum nachzuweisen seyn. Diese Strophe ist allerdings sehr dunkel und der neue Erklärungsversuch des Hn. Paris so unstatthaft, als der bei dem frühern Abdruck des Lieds hinter Berte aus grans pies gegebene. Die Stelle scheint corrupt und nur durch Conjectur heilbar, der wir uns aber, da uns die Ansicht des Manuscripts fehlt, enthalten. – Prison ombrage S. 94 durch prison des ombres zu erklären, ist durchaus gegen die altfranzösische Grammatik. Es ist eher = ombres de la prison. Ce m'est vis, eine oft vorkommende Redensart, ist nicht, wie S. 101 geschieht, wörtlich zu übersetzen: hoc mihi visum est, sondern in visuest, da es für ce m'est a vis steht. Vgl. S. 113 und oft.

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S. 22 wäre auf der vorletzten Zeile statt traire vielleicht taire, S. 108 statt j'ai bien o parler: j'ai bien 0i parler zu lesen, wie gleich darauf oi conter. – S. 109 wird die Tochter des Königs von Carthago wirklich sprichwörtlich als eine gute Heirathspartie angeführt. Ich finde dies auch mehrmals im Roman des sept sages (z. B. V. 162), im Roman de la Violette S. 62, im Fabliau von Aucassin und Nicolette (Méon 1, 382. Bülow's Novellenbuch III, 55), in der Geschichte von Crescentia (Haupt’s und Hoffmann's Altdeutsche Blätter 1,300). Sollte dies nicht auf einer Sage beruhen? und auf welcher?

Dr. Adelbert Keller.

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HISTOR I K.

LEIpzIG, b. Engelmann: Grundzüge der Historik, von G. G. Gervinus. 1837. 95 S. 8. (12 gGr.)

Der kleine Schrift enthält manche sehr gute und treffende Gedanken, welche den Geist und die Gelehrsamkeit des Vfs. von Neuem bekunden, aber auch manche unhaltbare Behauptungen, die grösstentheils daher rühren, dass der Glanz, in dem die Resultate des trennenden Scharfsinns wie des verknüpfenden Witzes erscheinen: den Vf. öfters über die einfache Wahrheit getäuscht hat, und dass die Betrachtung der Historiographie in ihrer geschichtlichen Entwickelung der Construction derselben von innen heraus untergeordnet wird, und aus dieser gleichsam hervorwachsen soll, während beide sorgfältig von einander getrennt werden müssen. Die Construction aus der Teje wird über die verschiedenen Formen der Geschichtschreibung an sich wichtige Aufschlüsse geben, und die Methode: „Denkweise, Sinnesart einzelner Historiker gründlich beleuchten, um aber den in ganzen Nationen und Zeitaltern herrschenden Geist zu erkennen, muss man sich an die reale Entwickelung, wie sie sich in der Aufeinanderfolge der Productionen kund giebt, halten. Der Form nach besteht das hier Mitgetheilte zwar nur aus den Paragraphen, welche, laut der Vorrede, den Vorträgen des Vfs. zum Grunde liegen, aber sie reichen hin, um seinen Gedanken ganz und seine Schlussfolgen vollständig kennen zu lernen, und was wir auf der einen Seite durch die mangelnde weitere Ausführung einbüssen, gewinnen wir auf der andern durch den Vortheil, die frappanten Momente des Systems in der gedrängten Darstellung schnell zu übersehen. Zuerst sucht Hr. G. die Frage, warum über Geschichte und Geschichtschreibung, über das Geschäft und Verfahren des Historikers verhältnissmässig so Weniges, an sich so Unbedeutendes geschrieben ist, zu beantworten; dann geht er zu dem Satze über, dass, wie uns die Dinge entweder nach ihrer Wirklichkeit, oder nach ihrer Möglichkeit, oder nach ihrer Nothwendigkeit erscheinen, so das Geschäft ihrer Darstellung im letztern Falle dem speculativen Philosophen, im mittlern dem Dichter, im ersten dem Historiker anheim fällt. Aber keiner von diesen drei Zuständen ist jemals in unserer Seele ungemischt denkbar, ja wir setzen die Leistungen in jedem der drei Fächer am höchsten, an welchen A. L. Z. 1838. Erster Band.

auch die beiden andern Thätigkeiten einen verhältnissmässigen Antheil haben, und verwerfen die in der entschiedenen Umgrenzung ihres Kreises beharrenden als einseitig. Im Gebiete der Historie trifft dieser Tadel den gewöhnlichen geistlosen Factensammler, den Chronisten, dessen Thun, weil er die mögliche und die nothwendige Welt ignorirt, mangelhaft und armselig ist, und der uns eben darum als verächtlich erscheint. Dies wäre nun die eine Art der Geschichtschreibung, wie sie der Vf. in der angegebenen Weise theoretisch, nach ihren innern Bedingungen construirt. Nun aber heisst es weiter: „Nicht j mal die Chronik bildet die allererste Stife der Geschichtsüberlieferung , sondern die Genealogie." Dies ist ein ganz unmotivirter, ja unlogischer Schwung vom Wege der theoretischén Betrachtung auf den der geschichtlichen Entwickelung. Stils schweigend und ohne alle Beweisführung, setzt der Yf voraus, dass das Einseitige auch das in der Zeit Erste ist, und das, „nicht einmal" schwebt ganz in der Luft. Will man sich auf den geschichtlichen Standpunkt stellen, wohin indess ein ganz anderer Weg führt, als der bisher eingeschlagene; so ist freilich die Chronik nicht die älteste Form der Ueberlieferung, aber die Genealogie ist es wahrlich eben so wenig, sondern die wahre Wiege der Historie ist die poetische Sagengeschichte. Diese ignorirt Hr. G. an diesem Orte ganz; später erwähnt er sie zwar, aber an einer Stelle, wo man es gar nicht erwartet. Dort versichert er, praktisch erühre diese Gattung die Frage nach der echten historischen Kunstgattung nicht, weil sich aus der Sagengeschichte kein echter historischer Zweig entwickelt habe. Es hätte aber Hr. G. für seinen eignen, ganz richtigen, doch einer tieferen Begründung bedürftigen Satz, dass in die echte geschichtlich, Darstellung ein poetisches Element hineinspielen müsse: eine schöne Bestätigung gefunden durch die Einsicht, dass die Verbindung von Geschichte und Poesie in der Sage nichts Zufälliges ist. Daneben nimmt er sich jedoch der poetischen Sagen, die er ganz aus dem Gebiete der Geschichte verwiesen zu haben scheint, auch wieder an, indem er sagt, der Geschichtschreiber müsse sich hüten, diese Sagen zu zerstören, woraus sich allerhand antiquarische, philologische und archäologische Geschichten ein Geschäft gemacht hätten, diese könnten aber nur als Zweige der Geschichtsforschung angesehen werden, nie. Geschichte eines Ohne Zweifel ein

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versteckter Hieb auf Niebuhr, der nach einigen anderen auf ihn gethanen Seitenblicken zu schliessen, überhaupt in des Vfs. Gunst nicht hoch zu stehen scheint. Wer hat aber gegen die bornirte, rationalistische Auflösung der Sagengeschichte mehr geeifert, als Niebuhr? Ausgesondert hat er sie freilich aus der wahren Geschichte mit grosser kritischer Schärfe, zugleich aber die Ehrfurcht, die er vor ihrer Bedeutung hegte, auf das einleuchtendste dadurch gezeigt, dass er verstümmelt auf uns gekommene Theile derselben zu restauriren und dadurch in ihr volles Recht einzusetzen gesucht hat. Wir kehren nun wieder zu des Vfs. Construction der Chronik zurück. Vorher hat er sie, und mit Recht, als eine einseitige Form betrachtet, nun aber wird sie ihm zur Fundamentalform aller Geschichtschreibung, und ferner lehrt er, dass über sie alle Völker von scharfer und strenger Nationalität, die wenig originale Poesie und Philosophie hatten, nicht hinausgekommen seyen. Als Beweise werden Rom, vor seiner griechischen Bildungsepoche, und Venedig, und als Repräsentanten dieser Gattung bei Völkern der erwähnten Art Livius, Zurita und Johann v. Müller angeführt. Zurita möchte noch am ersten dafür gelten können, aber wie kommen Livius und Joh. v. Müller in diese Kategorie ? Der erstere fällt ja selbst der Zeit nach jenseits der Periode, deren Repräsentant er seyn soll, dann treten in ihm – so weit wir ihn kennen – die Begebenheiten selbst gegen das Interesse des Schriftstel1ers für die Form ihrer Ueberlieferung, die Einfachheit der Chronik gegen das rhetorisch-poetische Element ganz zurück. Und Johann v. Müller geht viel zu bewusstvoll und absichtlich zu Werke, will viel zu entschieden grosse Lehren der Politik einschärfen, und ist, je nachdem ihn der Stoff mehr oder weniger erwärmt, viel zu ungleich in der Darstellung, als dass die zum echten Chronisten nothwendige Objectivität und Naivität in ihm vorherrschend seyn könnten. Auch kann ja die Schweiz gar nicht als eine besondere Nationalität bildend betrachtet, nicht von dem Gesammtvolke, dessen Sprache ihr Organ ist, getrennt werden. Ihren Schriftstellern kommen die deutsche Philosophie und Poesie zu Gute, und wenn in die Geschichtschreibung nichts davon übergegangen seyn sollte, so kann die Schuld nur an den Individuen liegen, nicht an den Bedingungen der Nationalität. Der Vf. geht nun über zu einer zweiten Hauptgattung, die man im Mittelalter in Italien Ricordanz, im alten Rom Historie, in neueren Zeiten Memoire nennt. Was er zur Charakteristik dieser Gattung im allgemoinen hinzufügt, ist scharf gefasst und vortrefflich gesagt, aber über das Einzelne können wir wieder nicht zustimmen. Rom, nachdem die griechische Bildung, da eindrang, soll solche Zeiten gehabt haben. Wir wissen Keinen, den der Vf. hier meinen kann, als Cäsar, und dieser ist. doch wahrlich ein sehr unvollkomunnes Beispiel für

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die Memoireneigenthümlichkeit. Allerdings bildet seine Person den Mittelpunkt der Erzählung, nur von diesem aus schreibt er parteiisch. Aber wiesehr tritt diese Parteilichkeit zurück gegen das reine Interesse an dem Abbilde seiner Kriegsplane und Thaten, an der strategischen Belehrung, wodurch sein Werk wieder einen sehr objectiven Geist und Gehalt gewinnt. Was die Franzosen betrifft, so wird man es dem Vf. gern zugeben, dass ihr grösseres historisches Talent dem Fache der Memoiren angehört, wenn er aber sagt, sie hätten sonst fast gar keine andere Historie gehabt, so muss man ihn fragen, ob de Thou in dem engen durch ein solches „fast” bezeichneten Raum untergebracht werden kann, und wie viele Geschichtschreiber der objectiven Art andere Nationen gehabt, die sich mit ihm messen können. So zersprengen Leben und Wirklichkeit die Fesseln eines solchen Schematismus. Die pragmatische Geschichtschreibung, als deren Muster der Vf. Guicciardini, Davila und Sarpi betrachtet wissen will, soll aus dem Memoire hervorgegangen seyn. Mit diesem theilt sie allerdings den psychologischen Standpunkt, die Zurückführung der Begebenheiten auf individuelle Richtungen, Neigungen, Plane, aber doch nicht die zweite Haupteigenthümlichkeit, die Anreihung der Darstellung an die Persönlichkeit und die Schicksale des Schreibenden. Richtig heisst es, dass der Pragmatiker in der Periode entsteht, wo die Nationalkraft erlahmt ist, wo einzelne Männer von überlegner Seelenkraft die Dinge leiten, mit geistigen Werkzeugen, mit Intriguen, Berechnungen und Diplomatie. Wie konnte Hr. G. aber sagen, dass Sarpi seinen Stoff unglücklich gewählt habe! Allerdings sträubt sich nicht leicht eine Weltbegebenheit so sehr gegen die Behandlung vom Standpunkt der berechnenden Klugheit, wie die Kirchenreformation. Aber diese hat ja auch Sarpi gar nicht schildern wollen, sondern das ihr entgegenstehende Bestreben, welches ihre grossartige und gewaltige Bewegung durch die hergebrachten Mittel fein angelegter Combinationen, durch Schlauheit und Pfiffigkeit dämpfen wollte; und in dieser Aufgabe lagen für Sarpi schon ganz WOIl der Geist und die Form seines GeschichtsWWE I'KS. In heiden bisher betrachteten Gattungen vermisst Hr. G. die Verbindung jener verschiedenen Geisteskräfte, die zur Erzeugung wahrer historischer Compositionen gehört; denn wenn auch im Pragmatiker hier und da ein philosophisches Element sichtbar wird, und im Chronisten eine poetische Ader, so erscheinen doch diese Eigenschaften nur als zufällige Begleitung des Historischen, nicht in inniger Durchdringung mit diesem, nicht der historischen Weisheit dienend. In der Construction, von der Hr. G. ausging, wurde aber die Chronik als die von Poesie und Philosophie entblösste Gattung bezeichnet, und wenn schon die Fortentwickelung derselben (Livius» Zurita, Joh. v. Müller nach

Hn. G.) höher steht, so kann sie doeh diesem Grundcharakter nicht entwachsen. Jetzt aber sehen wir die pragmatische Gattung, die doch den Gegensatz zur Chronik bilden soll, mit demselben Grundund Hauptgebrechen behaftet, welches die Eigenthümlichkeit der letztern bildet. Es war also doch die Chronik nicht die Fundamentalform aller Geschichtschreibung, es muss dies vielmehr in des Vfs. Sinne eine Form gewesen seyn, welche zwar von Philosophie und Poesie nichts hatte, zugleich aber die Keime auf der einen Seite der Chronik, auf der andern des Pragmatismus so in sich trug, dass beide aus ihr hervorwachsen konnten. Dafür war denn

freilich eine bestimmte historische Gattung, die ein

solches Grund- und Urwesen repräsentiren könnte, nicht aufzufinden. Ob hieraus die Unfruchtbarkeit des Ganzen, von Hn. G. aufgestellten Schematismus für die reale Entwickelung der Geschichte erhellt, wollen wir dahin gestellt seyn lassen: Nachdem Hr. G. weiter bemerkt hat, dass dennoch jeder bedeutendste Historiker mehr oder weniger einer jener zwei Hauptformen huldigen muss, geht er zu der Forderung an den Geschichtschreiber über, das Werden und Wachsen der die Begebenheiten Ibegleitenden und gestaltenden Idee zum Faden seines Werkes zu machen. Eine Aufgabe, deren Lösung ohne Zweifel zu dem Höchsten führt, was die Geschichte zu leisten vermag, mit deren Aufstellung im Allgemeinen aber doch noch wenig geschehen ist. Und wozu bedient sich Hr. G. zunächst dieses Satzes von der leitenden Idee? Um uns zu belehren, dass man noch nicht einmal die Periodisirung der Weltgeschichte nach den Forderungen desselben geordnet habe. Wir meinten bisher, die seit geraumer Zeit zwischen Alterthum und Mittelalter angenommene Grenzlinie sey auch aus der Riicksicht auf Ideen gezogen, auf die nämlich, welche durch die Verknüpfung der germanischen Eigenthümlichkeit mit dem Christenthume und den Resten der antiken Welt zur Herrschaft gelangen. Dagegen sagt Hr. G.: „das Aufgeben der allgemeinen Ideen der alten Welt gegen die der neuern ward zum erstenmale sichtbarer im Sokrates, der die Philosophie zuerst auf den inneren Menschen bezog, in Alexander, der die Welt öffnete und die Rangbegriffe zwischen Mensch und Mensch zu brechen anfing, in Aristoteles, der alle Wissenschaft begründete. Von da an bis zur völligen Aufdeckung der Erde und der freigegebenen Aufklärung des Geistes in der Reformationszeit ist nur Eine Uebergangsperiode; diese Uebergangsperiode ist das zwischen alter und neuer Zeit liegende Mittelalter, eine Zeit, über deren Benennung sich ihre neuesten Geschichtschreiber noch nicht einmal Rechenschaft geben konnten.” – Wenn aber die erste Regung von Ideen, die zu einer spätern Durchdringung der Welt bestimmt sind, als Signatur der Zeit gelten sollen, so riickt allmählig die Zukunft ganz an die Stelle der Gegenwart. Wenigstens hätte dann auch der Vf,

die neuere Zeit, die er mit der Reformation beginnt, mit Arnold von Brescia und dem Kaiser Friedrich II., welche sich so kühn gegen die Hierarchie erhoben, mit Roger Baco, der in den Naturwissenschaften einen neuen Weg zeigte, und mit Mungo Park, welcher den äussern Gesichtskreis so sehr erweiterte, also im zwölften und dreizehnten Jahrhundert, er– öffnen sollen, wofür, wenn man sich einmal in Besonderheiten gefällt, sich sogar mehr sagen liesse, als für den Anfang des Mittelalters mit Sokrates. Diese allgemeine Epochenbestimmung des Hn. G. ist denn auch von dem entschiedensten Einfluss auf seine Würdigung der Geschichtschreibung. Zuerst heisst es, nur Griechen, Italiener und Deutsche haben wirklich grosse Historiker hervorgebracht, und dann ferner: „Thucydides und Machiavelli liegen an den Endpunkten jener Periode, die wir die vermittelnde Uebergangszeit nannten, innerhalb welcher der wahre Kämpf zwischen Natur und Cultur keine wahre Geschichtschreibung zuliess, die entweder Sache des ungetrübten Instinkts oder der ungetrübten Einsicht seyn muss." So wird denn durch diese Construction die Geschichtschreibung räumlich und zeitlich immer mehr in die Enge getrieben, ein Schlund hat sich aufgethan, der zwei volle Jahrtausende verschlingt, und nur an den Grenzpunkten dieser unermesslichen Oede ragen zwei Gestalten in einer schaudervollen Einsamkeit empor. Was das dritte jener Völker, die Deutschen, betrifft, so steht wieder Schlosser in einer ähnlichen Einsamkeit da, denn „das Werk Niebuhrs mit fast allen Anderen ist Product der Literatur und Wissenschaft, Schlossers Werke allein kann man Friichte zugleich des Lebens nennen." Rec. dagegen – ohne einem Schriftsteller so voll Verdienst wie Schlosser, den ihm gebührenden Ruhm im geringsten verkürzen zu wollen – glaubt (und er meint, viele mit ihm) auch von andern deutschen Geschichtschreibern, das Leben habe Antheil an ihren Werken, z. B. – um keinen Lebenden zu nennen – grade von dem, von Hrn. G. unter den Ausgeschlossenen allein angeführten Niebuhr, weil er an die Stelle der, in einseitiger gelehrt - philologischer Abgeschlossenheit starren und unfruchtbaren Behandlungsweise der römischen Geschichte die stete Beleuchtung durch analoge moderne Zustände setzte, deren Kenntniss aus tiefen, echten Lebensanschauungen stammte. Ebenso müssen wir von Griechen und Italienern behaupten, dass, wenn auch Thucydides und Machiavelli an der Spitze ihrer Historiographie stehen (was wir übrigens von dem zweiten so unbedingt nicht zugeben möchten, wie von dem erstern), doch auch Andere Vieles geleistet haben, um zwar grade in Rücksicht auf die geforderte Durchziehung der Geschichte mit Poesie und einer nach der geistigen Grundlage der Erscheinung strebenden Anschauungsweise. Lo weiter, dass auch andere Nationen, besonders Tmer und Engländer in die Reihe der, mit histo“ schem Talent begabten aufgenommen werden." sen. Geben wir aber dem Vf. seine Behauptung zu, so hat auch von den nach seiner Meinung allein befähigten drei Völkern jedes nur Einen Geschichtschreiber hervorzubringen vermocht. Nun kann auf jedem Gebiete der Wissenschaft wie der Kunst nur von einer Reihe, einer Schule von Talenten auf einen Zusammenhang mit der nationalen EigenthümIichkeit, auf einen besondern, aus der Natur des Volkes stammenden Vorzug geschlossen werden, ein einsamer Heros, und wenn es ein Shakspeare wäre, kann für seine Nation nichts beweisen. Wo bleibt alsdann aber die praktische Probe für des Vfs. Sätze, und was lässt sich aus einer Historik für die reale Gestaltung der Historiographie überhaupt lernen?

VERMISCHTE SCHRIFTEN.

HAMBURG, b. Perthes, Besser u. Mauke: Russische Denkmäler. In den Jahren 1828 und 1835 gesammelt vom Domherrn Meyer. Erster Band, Petropolis. 1837. V. und 440 S. gr. 8. Zweiter Band, Moscovia. 390 S. (3 Rthlr. 12 gGr.)

Ein durch Kenntnisse, Geschmack und gute Beobachtungsgabe ausgezeichneter Veteran unter unsern deutschen Reisenden, der Domherr Meyer, ein Mann aus der Zeit Klopstocks, der Stolberge, Klinger's und anderer, bietet uns in diesen zwei Bänjen seine Reiseerinnerungen aus Russland dar. Hr. Meyer hat noch die Sitte gründlicher Reisebeschreibung bewahrt, er ist kein Freund vom Durchfliegen, oder von jenen bald bsprechenden, bald lobpreijenden Reiseberichten, die unter klangreichen Phrasen und gesuchtem pikanten Wesen ihre Leerheit und vor allem ihre ÜÄ mit den zu besprechenden Gegenständen verbergen. Denn aus jenen Reisenovellen, Reisebildern, Umrissen und Skizzen werden unsre Nachkommen dereinst keinen Nutzen ziehen, da sie alle nur gewissen Zwecken ihrer Verfasser dienen sollen. Hn. Meyer wird man nicht vorwerfen, dass er sich zu kurz gefasst habe, im Gegentheil man möchte leicht unbeschadet des Werthes seiner Reisenachrichten hier und da einige Seiten ganz weglassen, andre bedeutend verkürzen können. Auch wird man, – und nicht überall mit Unrecht – daran Anstoss nehmen, dass der Vf. mitunter etwas geschraubt schreibt und sich gar zu häufig in allerhand überschwenglichen Lob- und Preisformeln gefällt; denn Ausdrücke, wie „die Feder und der Pinsel vermögen nicht, diess zu schildern" oder „ der Eindruck diejes Bildes ist mit dem keines ähnlichen plastischen Werkes vergleichbar" und ähnliche stören den Leser, der sich auch durch manche rhetorische Ausschmückungen nicht besonders angesprochen fühlen wird. Wir ehren Hrn. Meyer's Gefühl und Takt, aber sein Styl entbehrt in solchen Fällen der klaren Durchsichtigkeit, wie sie uns schon in Matthisson's

Reisebriefen entgegentritt, um von Goethe gar nicht zu reden. Wir wählen ohne langes Suchen zwei Stellen, die eine auf S. 158 des ersten Theils, wo der Vf. eben bei Gelegenheit des Taurischen Palastes von Potemkin's Hinscheiden gesprochen hat. Er fährt dann fort: ,,so schwindet der Welt Glanz. Wie in Flammenschrift erscheint dieses Document des Schicksals an den dunkelnden Marmor- und Spiegelwänden; vom leisesten Fusstritt wiederhallt es, nicht zu überhören, in dem unermesslichen Umkreis dieser verlassenen Säulengänge; eingegraben steht es an den alternden Marmorwerken, umschwebt die krystallene Krone, die in Blech nachgebildeten, einst silbernen Laub- und Blumengewinde der Säulen und Lichtträger, und tritt aus Allem hervor, was Kunst und Prunk jener Epoche ersonnen, um diese nun öden Räume zu verherrlichen." Eine andre Stelle (II. 263) behandelt mehr einen Gegenstand des gewöhnlichen Lebens, die russische Küche. „Ohne sich zum Reformator der Küchengesetze im Auslande aufzuwerfen, wird der Reisende am Besten fahren, wenn er sich ihren Vorschriften in der Zubereitung der Nationalspeisen willig unterwirft. Dieser banalen (ein Lieblingswort des Vfs.) Reiseregelgetreu, fügten und fühlten wir uns behaglich beim Genuss der Makaroni in Italien, der schweizer Niddelspeisen, der Zwiebelzurichtungen in Frankreich, des oft bizarrsten Gemengsel des „juste milieu" der süddeutschen Küchen: und so behagte uns nicht minder die nationalen russischen Gerichte, bei allen ihren, für den ausländischen Gaumen, oft befremdend seltsamsten Eigenheiten. Nicht gemeint, die russische Kochkunst als die Iliade (?) solcher Künste anzupreisen, mögen der absonderlichen Seltenheit wegen, hier einige ihrer echt nationalen Gerichte zur Schau gestellt werden und –hony soit qui mal y pense." Nach dieser preciösen Einleitung folgt eine recht interessante Beschreibung der russischen Hauptgerichte und wir freuen uns hier sowohl als am Tische des Dampfbotes Nicolaus I. und bei den trefflichen Forellen im Woura-See in Finnland den Vf, als einen Freundedler Tafelfreuden zu finden. Solches ist stets ein gutes Vorurtheil für einen Reisenden und nicht die geringste von den Reisetugenden des Fürsten Pückler. Abgesehen von diesen Ausstellungen gegen die Form des Buches finden wir in demselben eine recht vollständige Beschreibung der Städte Petersburg, Moskau, Nowgorod und eines Theils von Finnland. Hr. Meyer spricht nur von Dingen die er selbst gesehen hat und weiss recht anschaulich zu schildern. Seine Ansichten vom Innern der Stadt Petersburg, grossen Plätzen, Brücken, Kanälen, den verschiedenen Märkten, den Strassen und ihrem Pflaster (wobei des furchtbar schnellen Fahrens mit Bedauern erwähnt wird I. 64) lassen sich gut lesen.

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