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Art reden alle Mystiker. Auf die tiefste Demuth, auf Vernichtung seines Ich, alles eigenen Willens, auf gänzliches Hingeben an Gott geht Alles bei ihnen. Und wer wahre, tiefe Liebe empfunden hat, dem kann es nicht fremd seyn. Alle gute Schriftsteller von Abälard und Heloise an bis auf Iean Paul haben Liebe so dargestellt. Doch ich breche heute ab. Sie haben viel von Mystikern gelesen. Und nun fragen Sie sich, wenn manche Aussprüche von Iesus, Paulus und Iohannes nicht in der Bibel, sondern in einem andern Buche ständen: ob man die Verfasser nicht für Mystiker erklären würde? Leben Sie wohl!

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Zehnter Brief.

An denselben.

^ch fahre fort, Ihnen die Grundanschauungen der Mystiker etwas genauer zu entwickeln. Eine ihrer Grundanschauungen ist Uebereinstimmung der Naturgesetze, des Naturgangs mit der Führung des Menschen und des Menschengeschlechts nach allen Seiten hin. Lassen Sie uns die Analogien etwas einzeln betrachten.

1) Alles in der Natur hat Physiognomie, d. h. alles Innere hat ein Aeußeres, woran es dem Kenner erkennbar, sichtbar wird. Der Geologe sieht an der Form, dem Zug, der Physiognomie der Berge, an den Pflanzen, die darauf wachsen, kurz an dem Aeußeren, was ihr Inneres enthält, ob sie edles Erz verbergen, oder ob man Nichts dergleichen erwarten kann. Von der Auster an durch alle Stufen der Wesen durch bis zum Menschen herauf wird das Innere des Geschöpfs durch sein Aeußeres, durch seine Form, seinen Bau, seine Augen, durch sein ganzes Gesicht offenbart. Wer wird Goldminen in der Lüneburger Haide suchen? Wer kann bei dem Anblick der Auster denken, daß sie ein freibewegliches, vogelartiges Wesen sey? Wem kann es beim Anblick des Schafs einfallen, daß vielleicht in ihm die Grausamkeit des Tigers wohne? Wer sucht in Voltaire's Kopf einen Apostel, oder in Fenelons Gesicht einen Nero? Das Gesicht eines edlen Menschen ist Abdruck seines^ edlen, wie das Gesicht des gemeinen Menschen Abdruck seines gemeinen Sinnes ist. Sie mißverstehen mich ja nicht, wenn ich sage: der Mensch Iesus ist die Physiognomie Gottes für Menschen. So wie nun das Aeußere des einzelnen Wesens Abdruck seines Innern ist, so ist die sichtbare Natur im Ganzen Abdruck der innern, unsichtbaren. Auch kann es nicht anders seyn. Das Innere muß ins Aeußere treten; das Aeußere muß das Innere offenbaren; Gott muß sich offenbaren im Fleisch, wenn er dem Menschen, der nur durch Fleisch, durch die Sinne Geist und Gott erkennen kann, erkennbar werden soll. Verachtet der Mensch solche Offenbarung; setzt, demonstrirt, schafft er sich einen Gott, so ist er ein Götzendiener und gefährlicher als jeder Andere, weil er noch stolz auf das Product seiner spinnewebenen Schlüsse ist. Denn natürlich kommt es ganz auf Eins heraus, ob die Hand, der Meißel, oder ob der Verstand sich einen Gott schafft, ob dieser Gott von Gold, Silber, Stein ist, oder ob er aus einem Gewebe von sogenannten, auf Nichts gebauten Vernunftschlüssen besteht. Daß die äußere Natur Symbol der innern sey, das war offenbar der Blick Iesus bei seinen Naturparabeln. Man würde wenig in ihren tiefen Sinn eindringen, wenn man Das, was er von Brod, Fleisch, Blut, Wind sagt, blos für populäre, willkürlich gewählte Bilder nehmen wollte. Er würde solchen flachen Erklärern wie seinen Schülern antworten: „Der Geist ist's, der da lebendig macht; das Fleisch ist kein nütze. Die Worte, die ich rede, sind Geist und sind Leben." *)

Eben so, wie die einzelnen Dinge, haben auch die Veränderungen, Evolutionen und Revolutionen im innern Menschen ihre Symbole in der äußern Natur. Erweckung, Zeugung, Schwangerschaft, Wiedergeburt, Vereinigung geht im Innern so vor, wie im Aeußeren. Das Aeußere bezeichnet den Gang und Fortgang, die Entwicke

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lung und den Ausgang des Processes im Innern, im Großen wie im Kleinen. Das Erster« kann dem Naturforscher nicht entgehen, ist ihm auch nicht entgangen. Kennt er das Innere in sich und in Andern, so entgeht ihm auch diese Analogie nicht; daher die Theosophen, die zugleich Mystiker waren, sie sehr gut kannten. Keiner drang von dieser Seite tiefer, als Iacob Böhme. Ich mag Sie aber nicht in seine Tiefen führen, weil er sich als Ungelehrter, Unwissender für seine originellen, tiefen Ansichten eine eigene Sprache oder Poesie schaffen mußte, die die meisten Leser anekelt, die man aber doch studieren muß, wenn man ihn verstehen will.

Noch eine andere Analogie sindet zwischen der innern und äußern Natur Statt. Die Evolutionen und Revolutionen, die Umschwünge und Perioden gehen in der Natur den nämlichen Gang im Großen wie im Kleinen. Die Evolutionen und Revolutionen im Kleinen sind Sachbild von diesen Erscheinungen im Großen. Eben die Naturgesetze, die im Kleinen die Höhe Maklesield zu Herefordshire im westlichen England im Iahre 175t bildeten, und nach denen im Kloverzer See sich 1803 in wenigen Tagen ein Berg mit einer Senkung von 100 Schritten auf jede Seite aus der See, ohne die mindeste Erschütterung, emporhob,

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