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als irgend eine andere Lehre diesem schädlichen Wahn entgegen, indem sie jedem Menschen ein Ziel von Vollkommenheit setzt, nach dem er immer zu streben hat, ob er es gleich auf der Erde nicht erreichen wird. Und in Origenes Schriften ist viel acht Mystisches, obgleich mit unachter Mystik vermischt, wozu ihn sein Witz, sein Scharfsinn und seine Gelehrsamkeit verleiteten. Indeß sindet sich bei ihm das Wesentliche der Mystik. „Schon die Philosophen, sagt er, *) haben das höchste Ziel, wornach alle Creatur strebt, darin gesetzt, daß sie Gott so viel möglich ahnlich werde. Sie haben das aus den göttlichen Büchern. Moses sagt: „Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde :c. zum Bild (imilFinein) gleich von Anfang, und zu seiner Ähnlichkeit («imilnuäinem) am Ende der Dinge zukommen." Iohannes sagt auch davon: „Kindlein, wir wissen noch nicht, was wir werden sollen, wenn es aber offenbaret wird, dann werden wir ihm gleich seyn." (1. Ioh. 3, 2.) Hierher gehört auch Ioh. 17. „Es fragen Einige, ob das nicht gegen die Natur Gottes sey, sich mit einem materiellen Wesen, wenn es auch noch so gereinigt und

») In seiner Schrift über die ersten Gründe der Dinge, in dem Capitel von dem Ende der Welt.

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fein wäre zu vereinigen oder es sich ähnlich zu machen? Wenn es heißt: Gott werde seyn Alles in Allem, so ist das nicht auf unvernünftige Thiere, auf Stein u. s. w. zu beziehen, sondern auf die von aller Sünde gereinigten Seelen. Was diese verstehen, empsinden, denken, ist Alles von Gott; alle ihre Bewegung, Maß und Ziel wird Gott seyn. So wird Alles auf den ersten Zustand wieder zurückgeführt werden, in dem die Creatur war, da sie den Baum der Erkenntniß Gutes und Böses nicht bedurfte. Einige aber meinen, dieser Zustand werde alsdann erst dauern, wenn kein körperliches Wesen mehr den Creaturen anhangt, weil dies an der höchsten Herrlichkeit hinderlich sey. Ich denke aber, in den geistigen Leibern können nicht allein heilige Seelen wohnen, sondern auch die Creatur, die vom Dienste des vergänglichen Wesens befreiet ist. „Daß manche geheime (mystische) Vorstellungen in der Schrift seyen, wissen auch die Einfältigen," (oft besser als die Gelehrten). „So ist's nicht nur mit den Propheten, sondern auch im neuen Testament. Was für Geheimnisse schreibt Iohannes? (z. B. nur, im 1. Brief 4; 7, 8.) Und selbst die Briefe der Apostel sind nicht leer davon. Dazu muß denn ein Schlüssel seyn. Ich glaube der Weg ist dieser: Gleichwie der Mensch aus Leib, Seele und Geist besteht, so ist es auch

mit dem Sinn der Schrift. Die Einfältigen, (die nicht tiefer dringen) begnügen sich an dem Leib, d. i. an dem in die Augen fallenden historischen Verstande. (Alle wahre Mystiker haben diesen auch als Grund behandelt, auf den jede höhere Wahrheit gebaut werden muß); die weiter! gekommen sind, wissen sich schon an der Seele der Schrift zu erbauen. Die Vollkommenen dringen bis auf den Geist durch." (Wir werden sehen, nach welchen Grundsätzen verfahren werden muß, um diese Seele zu sinden.)

Genug für heute, und vielleicht schon zu viel! doch, Sie müssen nächstens noch mehr lesen, wenn Sie sich aus der innern Kirchengeschichte überzeugen wollen, wie und wo, durch was Mystiker entstanden sind.

Sechster Brief.

An denselben.

Es soll kein Beweis für die Wahrheit der echten Mystik seyn, aber es ist doch auffallend, daß sie sich durch alle Zeitalter der christlichen Rechnung, in jedem Zustande der Kirche und des Christenthums, unter allen Kirchen und Selten, gegen alle Verfolgungen der herrschenden Kirche und alle Spitzsindigkeiten der Scholastiker erhalten hat.

Im ersten Iahrhundert lebte Irenaus, Iustin der Märtyrer, Barnabas. Ihren Schriften liegt echte Mystik zum Grunde; im zweiten, Dionysius Areopagita. Er hat das Zeugniß der berühmtesten, frömmsten Theologen aus allen Kirchen und vieler Iahrhunderte für sich. Im dritten, Clemens von Alexandrien, Zeno Vereus und Methodius; im vierten, Didymus von Alexandrien, Ephrem der Syrer, Macarius der Aeltere; im fünften, Chrysostomus und Augustinus; im sechsten, Anastasius, Gregor der Große; im siebenten, Marimus und Antiochus; im achten, neunten, zehnten und eilften, Pascha* sius Radbert, Anselmus Bruno; im zwölften, Bernhard, Abt zu Clair-Vaur, von dem Henke sagt: „Ein für Wahrheit und Frömmigkeit so eifriger, und dabei so allgemein verehrter, beinahe gefürchtet« Mann war bei dem überhandnehmenden Modestudium der Theologie sehr nöthig, um zu verhüten, daß die Religionslehren nicht ganzlich zur müssigen Schulunterhaltung, zur Uebung einer spielenden Grübelei und gelehrten Streitlust verwandelt würde;" Hugo und Bernhard de Sancto Victore, Albert der Große oder Groot, von dem wir die herrliche Schrift haben, wie man Gott anhangen solle; im dreizehnten und vierzehnten, Gertrudis und Mechtildis, Katharina von Siena, Iohann Tauler, von dem Luther sagt, er sey ein Lehrer, wie man seit den Zeiten der Apostel keinen gehabt habe; im fun zehnten, Iohannes Gerson, Thomas ü Kempis, mehr als 1800 Mal herausgegeben, in alle Sprachen übersetzt, zu allen Zeiten und von allen christlichen Confessio« nen und Seiten verehrt, und der Verfasser der deutschen Theologie. Der gewiß keiner Vorliebe für Mystik und Gefühl-Christenthum verdächtige

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