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Erkenntniß blühen und gedeihen zu machen, so wird nie der Fall eintreten, daß der Tabel des Halbgelehrten, daß der Neid, die Engherzigkeit oder das Vorurtheil, das die Weisheit und die Entdeckungen Anderer mit dem Maaßstabe der eigenen Fähigkeit mißt, uns die Belehrung nach der eigenen Willfür spendet. Endlich, wenn du nicht fürchtest irgend eine Wahrheit oder Lüge anzuhören, wenn du aber niemals jenen dein Ohr leihest, die ta vermeinen erst dann frei zu sein, wenn die Freiheiten Anderer von ihrer Willkür abhängen und die nichts mit so viel Eifer und Energie betreiben, als Geist und Rörper der Menschen zu fesseln; welche trachten in den Staat die schlimmste aller Tyranneien, die Tyrannei ihrer eigenen schlechten Sitten und verderblichen Meinungen einzuführen, dann wirst du stets theuer sein allen Denen, die da wünschen, daß nicht blos ihre eigene Sekte oder Bartei, sondern daß alle Bürger ohne Unterschied gleiche Rechte und gleiche Geseße genießen. Und wer diese Freiheit nicht für hinreichend hält, der scheint mir mehr erfüllt zu sein von der Begierde nach eigener Herrschaft ober nach Anarchie als von der Liebe zu wahrer wohlgeordneter Freiheit!"22)

Am Schluß der Vertheidigungsschrift richtet Milton folgende ernste Mahnungen an das englische Volt: „Es kommt sehr viel darauf an, Mitbürger! von welchen Grundsägen ihr geleitet werdet sowohl bei Erlangung als bei Behauptung der Freiheit. Wenn nicht jene Freiheit, die von solcher Beschaffenheit ist, daß die Waffen sie weder erwerben noch vernichten können, die allein die Frucht der Frömmigkeit, der Gerechtigkeit, der Mäßigung und der unbefleckten Tugend ist, tiefe Wurzeln in euern Gemüthern und Herzen faßt: so wird der Mann nicht lange aưsbleiben, der euch durch Verrätherei entreißen wird, was ihr mit den Waffen errungen habt. Der Krieg hat schon Viele groß gemacht, die sich im Frieden klein erwiesen. Wenn ihr nach Beendigung der Mühseligkeiten des Kriegs die Künste tes Friedens vernachlässigt, wenn euer Friede und eure Freiheit nur in der Waffenführung bestehen, wenn Krieg .eure einzige Tugend, euer höchster Breis ist, dann werdet ihr bald finden, daß der Friede euern Interessen entgegen sei. Euer Friede wird dann nur ein leidenvoller Krieg sein, und was ihr euch als Weber, Reformationszeit.

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Freiheit dachtet, wird sich als die schlimmste Knechtschaft ausweisen. Wofern ihr nicht durch Frömmigkeit, aber nicht durch jene schaumige und geschwäßige, sondern durch die werkthätige, lautere und aufrichtige Frömmigkeit, den Horizont eures Geistes von jenen Nebeln des Aberglaubens reinigt, die ihren Ursprung in der Unkenntniß der wahren Religion haben, so werden sich immer solche finden, die eure Nacken an das Joch fügen, als ob ihr Zugthiere wäret, die troß aller eurer Siege, euch dem Höchstbietenden überlassen, gleich als wäret ihr nur Ariegsbeute, und die eure Unwissenheit und euern Aberglauben als reiche Quelle des Gewinne benußen werden. Wofern ihr nicht eure Neigung zur Habsucht, zum Ehrgeiz, zur Sinnlichkeit unterdrückt und austreibt allen Hang zum Lurus und Wohlleben aus euch selbst und

ern Kindern, so werdet ihr finden, daß ihr zu Hause einen hartnädigern und unlenksamern Despoten hegt, als der war, den ihr im Felde bekämpftet; und selbst euer eigener Busen wird fort: während ein unerträgliches Geschlecht von Tyrannen nähren. Diesen Feind müßt ihr daher vor allen andern zu überwinden suchen; dieser Feldzug begründet den Frieden; dies sind schwere, aber unblutige und weit ehrenvollere Triumphe als jene, welche durch Raub und Blut: vergießen erkauft werden. Wofern ihr nicht als Sieger besteht in diesem Kriegsdienst, so ist es umsonst, daß ihr über den bespotischen Feind im Feld gesiegt habt. Denn wenn ihr glaubt, es sei eine großartigere, wohlthätigere und weisere Politik, burch raffinirte Mittel die Einkünfte zu mehren, unsere See- und Militärmacht zu vergrößern, bie Diplos maten fremder Staaten an List und Schlauheit zu übertreffen, vor: theilhafte Verträge und Bündnisse zu schließen, als dem Volte lautere Gerechtigkeit zu spenden, den Gekränkten in seinem Recht zu ichirmen, dem Elenden beizustehen und Jebem rasch zu seinem Eigenthum zu verhelfen – dann seid ihr im Nebel tes Irrthums befangen und zu spät werdet ihr wahrnehmen, wenn die Täuschung verschwunden ist, daß ihr durch Vernachlässigung dieser als untergeordnet angesehenen Fragen nur euern eigenen Ruin und euer eignes Verderben begründet habt. Die Treue der Freunde und Verbünteten ist zerbrechlich und vorüber:

gehend, wofern sie nicht durch die Grundfäße der Gerechtigkeit befestigt wird; jene Reichthümer und Ehren, wornach die Meisten jo begierig trachten, wechseln rasch ihre Herren; sie verlassen ben Trägen und wenden sich dahin, wo Tugend, Fleiß und Ausdauer am meisten blühen. So bewirkt eine Nation den Fall der andern; so überwindet der gesundere Theil eines Volts den entarteten; so erlangtet ihr die Obers hand über die Royalisten. Wenn ihr euch aber in die nämliche Verderbniß stürzt, wenn ihr dieselben Ausschweifungen nachahmt und denfelben Eitelkeiten nachrennt, so werdet auch ihr Royalisten werden gleich ihnen und dann ebenfalls in kurzem unterliegen, entweder den nämlichen Feinden, oder andern, die gestüßt auf dieselben religiösen Grundsäge, auf dieselbe Ausdauer, auf dieselbe Rechtschaffenheit und Besonnenheit, durch die auch ihr stark geworden, mit Recht über euch triumphiren werden, da ihr euch in die Schwelgerei, das Wohlleben und die Trägheit der Monarchie versenkt habt. Dann, als ob Gott müde wäre, euch zu beschüßen, wird man sehen, daß ihr euch aus dem Feuer gerettet habt, um durch den Rauc umzukommen, und die Vers achtung, die euch dann treffen wird, wird so groß sein als die Bewunderung, die man euch jegt zout. Man wird aus euern Geschicken nur die weise Lehre ziehen, taß die echte und wahrhafte Tugend und Frömmigkeit unermeßliche Dinge müsse ausführen tönnen, wenn schon die bloße Scheintugend, tas übertünchte Abbilo jener, so Gewaltiges unternehmen und theilweje durchführen konnte. — Und aus dem Abgrund des Verderbens, in den ihr dann gerathen werdet, wird nicht Cromwell, nicht eine ganze Brutusnation euch erretten können oder wollen. Denn wer möchte euch das unbeschränkte Stimm- und Wahlrecht verleihen und schirmen, wenn ihr es nur anwendet, um Creaturen eurer eigenen Partei, seien sie auch noch so unwürdig, oder gar Leute zu wählen, die keine anderen Verdienste haben, als daß sie euch reichliche Feste geben und im Uebermaß trinken lassen? Auf diese Art würde nicht Weisheit und Würdigkeit, sondern Wühlerei und Trunksucht bald die niedrigsten Schufte aus unsern Schenken und Schandhäusern, aus unsern Städten und Dörfern zu dem Rang und der Ehre von Senatoren

oder Volksrepräsentanten erheben. Und sollte die Verwaltung des Staats Leuten anvertraut werden, denen Niemand gern die Leitung seiner eigenen Angelegenheiten anvertrauen würde, sollte der Staatsschatz der Aufsicht solcher Männer übergeben werden, die ihr eigenes Bermögen in schändlicher Verschwendung durchgebracht haben, oder die öffentliche Masse in folche Hände kommen, die sie durch ehrlosen Unterschleif zu ihrer Privattasse umwandeln würten? - Sind Diejenigen geeignet, die Geseggeber einer ganzen Nation zu sein, die selbst nicht wissen, was Geseg und Vernunft, was Recht und Unrecht, was trumm und gerat, was geseglich und ungeseßlich bedeutet? die da meinen, die Macht bestehe in Gewaltthätigkeit, die Amtswürde in ungestrafter Kundgebung der Frechheit? die der unsittlichen Aameraterie oder einer uneteln Rachsucht alle andern Rücksichten zum Dpfer bringen? die ihre Genossen und Creaturen in die Provinzen absenden, um Steuern ein: zutreiben und Güter zu confisciren, großentheils lasterhafte und nieterträchtige Männer, welche felbft ankaufen, was sie vorgeblich zum Ver's tauf ausseßen, und dadurch unermeßliche Reichthümer auf betrügerijde Weise tem Staate entziehen und sich aneignen, die das ganze Land mit Raub heimsuchen und so in kurzem von Dürftigkeit und Elend zu Glanz und Wohlstand zu gelangen? Wer könnte solche diebische Kuechte, folche Schergen ihrer Herren dulden? wer wird die Meister und Führer von Räubern für die geeigneten Wächter der Freiheit halten? oder wer wird glauben, daß er von den Würdeträgern des Staats (mag auc durch dieses Wahlverfahren ihre Zahl sich auf 500 belaufen) um eines Haares Breite mehr Freiheit erlange, wenn unter den Hütern der Freiheit selbst so viele sind, die dieselbe nicht zu genießen wissen, die weber deren Grundbedingungen verstehen, noch deren Besig verdienen.

– Solche Leute werden nach den Gesegen der Natur niemals frei. Denn wie sehr sie sich auch mit ihrer Freiheit brüsten, sie bleiben Sklaven zu Hause wie imn Felte, ohne es zu merken; und wenn sie es wahrnehmen, so pflegen sie wie unbändige Pferde, die den Zaum nicht ertragen können, das Joch abzuschütteln, aber nicht aus Liebe zur edeln Freiheit (bie nur der Gute liebt und zu erringen weiß), sondern

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angetrieben von Stolz und kleinlichen Leidenschaften. Aber wie oft sie es auch versuchen mögen mit den Waffen, sie kommen doch nicht zum Ziele; sie mögen ihre Herren wechseln, allein sie werden nie der Knecht: schaft ledig. Dies widerfuhr den Römern, nachdem sie durch Ausschweifung erschöpft und durch Wollust entnervt waren, und es war noch viel häufiger tas loos der neuern Völker. – Anstatt euch zu ärgern oder Andern die Schuld beizumessen, müßt ihr stets bedenken, daß frei sein so viel heißt als fromm sein, weise sein, besonnen und gerecht sein, mäßig und enthaltsam und vor allem großmüthig und tapfer sein; und daß Solche, die das Gegentheil von alle dem sind, stets Sklaven bleiben. Und es trifft sich gewöhnlich, wie durch die vers geltende Gerechtigkeit Gottes, daß das Volk, das sich selbst nicht zu beherrschen, seine Leidenschaften nicht zu mäßigen vermag, sondern in der Sklaverei seiner Begierden liegt, zu einer unfreiwilligen Knechtschaft gezwungen und der Gewalt Derjenigen überantwortet wird, die es verabscheut. Auch ist es festgeseßt durch die Sagungen der Gerichte wie durch die Einrichtungen der Natur, daß Solche, die durch Blödsinn oder Geisteszerrüttung unfähig sind, sich selbst zu beherr: fchen, gleich Minderjährigen der Leitung eines Andern übergeben werden, und am wenigsten können Solche außersehen werden, die Angelegens heiten Anderer und die Interessen der Staats zu überwachen. Ihr also, die ihr frei zu bleiben wünschet, werbet weise und hört auf Thoren zu sein, wenn ihr Knechtschaft für ein unerträgliches Uebel ansehet, so lernt der Vernunft gehorchen und euch selbst beherrschen und laßt vor allem fahren euern Haber, eure Eifersucht, euern Aberglauben, euern Frevelsinn, eure Raubsucht, eure böjen Begierden. Wofern ihr nicht alle Mühe anwendet, dies zu bewirken, so werdet ihr vor Gott und Menschen als unfähig erscheinen, die Freiheit zu genießen und euer Staatswesen selbst zu verwalten; ihr braucht dann, wie ein Volt in den Jahren der Kindheit, einen thätigen und muthigen Vormund, der die Leitung eurer Angelegenheiten übernimmt. – Was mich selbst betrifft, so glaube ich burch diese meine Bemühungen meinem Vaterland einigen Nußen zu bringen; ich habe sie freudig übernommen und

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