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Gewalt über den König gibt, ohne oder gegen dessen Willen“. Das älteste aller Gesebe, das Gott dem Noah gegeben, laute ohne einer Ausnahme zu erwähnen: „Wer eines Menschen Blut vergießt, dessen Blut sou wieder vergossen werden von Menschen." Ebenso bestimmt und deutlich spreche das mosaische Gesep: „Und ihr sollt keine Vers föhnung nehmen über die Seele des Todtschlägers, denn er ist des Todes schuldig, und er soll des Todes sterben. Denn wer blutschuldigt, der schändet das Land; und das Land kann vom Blute nicht versöhnet werden, das darinnen vergoffen wird, ohne durch das Blut bessen, der es vergossen hat.“ Der König aber ist aufgesteüt nicht blos um das Gesetz vollziehen zu lassen, sondern um es selbst zu vollziehen, „auf daß sein Herz sich nicht erheben möge über seine Brüder“.

„Und wäre das wahr, was jedoch ganz falsch ist, daß alle Mönige Gottes Gesalbte seien, so wäre es doch absurd zu denken, daß die Salbung gleichsam ein Zaubermittel wäre gegen das Gesetz und dem Gesalbten das Vorrecht ertheilte, Andere zu bestrafen, selbst aber straflos zu fündigen.“ Die Kirche selbst, deren Ansehen Karl doch keineswegs zu mindern oder wegzuleugnen gesonnen sein werde, habe in früheren Jahrhunderten häufig die richterliche Gewalt über Könige geübt, wie die englische Geschichte selbst in vielen Beispielen beweise. „Und wenn sogar die römische Kirche in der Zeit ihrer Verfinsterung immer noch so viel von der Wahrheit zu erkennen vermochte, daß sie zu Konstanz und Basel, ja sogar in Trident anerkannte, daß die Kirchenversamm: lung über dem Papst stehe und ihn vor ihren Richterstuhl laben dürfe ohne jedoch seine Würde als Statthalter Christi zu verwerfen, so sollten wir in einer hellern Zeit uns schämen, nicht zu erkennen, daß ein Parlament nach Fug und Recht über dem König stehe und ihn zur Rechenschaft und Strafe ziehen dürfe, da wir doch wissen, wie sehr die Beweisgründe, daß die Königsmacht unmittelbar von Gott herrühre, gesucht und unzureichend sind.“

Nadidem Milton noch aus der Geschichte diese Ansicht begründet und aus Alfred's „Sachsenspiegel" ein Geset angeführt: „daß der König gehalten sein soll, Recht zu erleiben wie die Andern aus dem Volke", kommt er noch einmal auf den von den Unterthanen zu leistenden „Eid ter Treue und Suprematie“ zurück und weist nach, daß dieser nidit der Person, sondern dem mit der königlichen Autorität bekleideten Monarchen geleistet werde, daß aber diese königliche Autorität ihm zuvor vom Volte mit der Bedingung übertragen worden wäre, nach den Geseßen und zu des Landes Wohlfahrt zu regieren, daß sein Eid tem ihrigen vorangegangen, daß der ihrige nur bindend sei, wenn er den seinigen halte, und daß sie ihm nur unter dieser Voraussetung Treue gelobt hätten und zur Treue verpflichtet seien. Beide Eite müßten mit einander stehen und mit einander fallen.“

Die Zuversicht Karls: „daß Gott alle Könige, als die Beschüger von Recht und Gesek, Ordnung und Religion auf Erden in seinen besondern Schuß und seine gnädige Obhut nehmen werde“, gibt Milton Gelegenheit, die Worte der Apokalypse auf seine Zeit anzuwenden. „Was Könige für Beschüßer sind, hat Gott in der heiligen Schrift oft genug ausgesprochen, und die Erde selbst hat zu lange gestöhnt unter der last ihrer Ungerechtigkeit, Unordnung und Frreligiosität. Deshalb „ihre Könige mit Ketten zu binden und ihre Edeln mit eisernen Banden“ ist eine Ehre, die seinen Heiligen zukommt; nicht Babel zu erbauen, wie Nimrod, der erste König, sondern es zu zerstören, namentlich jenes geistige Babel, und zu überwinden jene europäischen Könige, welche ihre Macht nicht von Gott, sondern von dem Thiere empfangen haben und für nichts Besseres gerechnet werden als dessen zehn Hörner. „Diese zehn Hörner werden die Hure hassen und werden doch ihre Reiche dem Thiere geben, das sie trägt; sie werden Hurerei mit ihr begehen, und werden sie doch mit Feuer brennen, und ihr Fleisch essen, und sie werden beweinen den Fall von Babylon, wo sie Hurerei und Muthwillen mit ihr getrieben haben." — So werden sie in der Frre sein, zweifelhaft und verwirrt in allem ihrem Thun, bis sie zulegt, „verbindend ihre Heere mit dem Thiere“, dessen Macht sie zuerst er: hoben, umkommen werden mit ihm durch den „König der Könige" gegen den sie sich empört haben, und „die Vögel werden ihr Fleisch essen“. Das ist ihr Schicksal, wie es in der Apokalypse 17—19 geschildert ist.“ 4. Erste Schußrede für das englische Volf.

Defensio pro populo Anglicano.) Das tragische Ende Karl'8 I. machte in ganz Europa einen gewaltigen, erschütternden Eindruck. Es. war, das erste Beispiel einer nicht durc rohe Gewaltthat, sondern durch ein richterliches Verfahren bewirkten Verlegung und Entweihung der geheiligten Majestät, das erste Beispiel einer blutigen Katastrophe, durch welche die ganze Gestalt eines Reiches umgewandelt und seine politische Vergangenheit abges schlossen wurde. Und wie sehr auch der kaum beendigte dreißigjährige Krieg das Voltsleben in allen Staaten des Festlandes geknickt und die Gemüther abgestumpft hatte, die großartige Erscheinung des weltgeschichtlichen Riesenkampfes, der zu gleicher Zeit auf dem britischen Insellande burchgefochten wurde, war mächtig genug, eine allgemeine Aufregung zu erzeugen und die urtheilsfähige Welt zu einem Widerstreit der Meis nungen herauszufordern. Daß dieser Widerstreit nicht so heftig und gewaltig geworden ist, wie bei dem Tode Ludwig's XVI., mochte theils in den gespaltenen Interessen jener Zeit, theils in der geringern Verbreitung der politischen und staatsrechtlichen Bildung, theils auch in dem Umstand seine Ursache haben, daß damals die europäisde Menschheit noch nicht so sehr zu einem großen Ganzen von gleichartiger geistiger Beschaffenheit verbunden war, wie zur Zeit der französischen Revolution. Daß aber dessenungeachtet in Frankreich, in den Nieders landen, in Deutschland und anderwärts die englische Revolution, und insbesondere die Hinrichtung des Könige, die gebildeten Classen der Bevölkerung aufs tiefste ergriffen habe, beweisen die zahlreichen Schriften aller Art über dieses große Ereigniß. Unter diesen sind besonders zwei bedeutend geworden, weniger durch ihren Werth und ihre Beweisführung, als durch Milton's Gegenschriften, nämlich des Salmasius Schubrede für den König (»Defensio Regia pro Carolo Primo ad Carolum Secundum«), und eine andere unter seiner Mitwirkung oder doch unter seinen Augen entstandene Schmähschrift gegen die englischen Republikaner.

Salmasius, ein französischer Gelehrter und Philolog, war zur Zeit der englischen Thronumwälzung Professor der alten Literatur und Beredsamkeit in Leyden. Die niederländischen Städte dienten damals den englischen Royalisten und Ausgewanderten in ähnlicher Weise zu Sammelpläßen und Aufenthaltsorten, wie in den neunziger Jahren Koblenz und andere rheinische Städte den französischen Emigranten. Selbst der flüchtige Thronerbe Karl (II.) befand sich dort. Unter den Einflüssen und nach den Angaben dieser der royalistischen Partei der „Cavaliere“ (Junker) angehörenden Ausgewanderten verfaßte Sals masius jene Schußschrift für den König, die, als der erste laute Protest des Auslandes gegen das blutige und gewaltthätige Gebahren der englischen Puritaner und Independenten, eine ähnliche Wirkung und den gleichen Zweck hatte, wie in den neunziger Jahren die heftige Parteischrift Edmund Burke's gegen die französische Revolution, nämlich den Zweck, die auswärtigen Regierungen zum Kampf gegen die Revo(ution, und die Mißvergnügten (hier insbesondere die Irländer) zum Aufstand gegen die republikanische Regierung aufzureizen. Beide Männer hatten auch darin gleiches loos, daß sie früheren Ansichten untreu wurden, daß sie Grundfäße verleugneten und verwarfen, die sie vormals mit Wärme bekannt und verfochten hatten, und daß auf beiden die Makel der Käuflichkeit und schnöber Gewinnsucht lastete. Denn mögen die „hundert Jacobsthaler“, die Salmasius, nach Milton's wieders holten Versicherungen, von dem Kronprätendenten für seine Schrift empfangen hat, auch nur der Lohn für die bestellte Arbeit gewesen sein und mag man daraus auch noch nicht auf eine Unlauterkeit der Gesinnung, auf eine gegen die innere Ueberzeugung unternommene Vertheidigung schließen, dieser Lohn 30g ihm ebenso den Vorwurf zu, daß seine Feber feil gewesen und seine schriftstellerische Thätigkeit in fremdem Dienst gestanden, wie man die reichen Gaben, die später Burke und Genk für ihre publicistische Wirksamkeit erhielten, als naheliegende Motive ihrer Gesinnungsänderung ausgab und zur Verdächtis gung ihrer wandelbaren Natur und Ueberzeugungstreue benugte. Salmasius hatte in jüngern Jahren als ein freisinniger, von den Freiheits

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ideen des Alterthums genährter Mann gegolten; er hatte in einem frühern Buch gegen den Primat des Papstes geeifert, er hatte die Episcopaleinrichtungen verworfen, er hatte sogar gegen die Jesuiten die Ansicht ausgesprochen: „baß bürgerliche Parteikämpfe und aufrühres rische Spaltungen zwischen Adel und Volk viel erträglicher und weniger schlimm seien als das gewisse Elend und Verderben unter der Regierung eines Einzelnen, der sich als Tyrann geberbe“; wenn nun ders selbe Mann einige Jahre später den unbedingten Apologeten des Abso: sutismus machte und die Lehre vom passiven Gehorsam der Völfer unb von der schrankenlosesten Willensfreiheit der Könige bis zu den äußersten Consequenzen verfocht, so ist es begreiflich, wie ein für Freiheit glühender und in seinen Ansichten abgeschlossener Mann, wie Milton, den tiefsten Uns willen empfinden und für einen Schriftsteller, beffen Gesinnungswechsel er aus den niedrigsten Motiven herleitete, die größte Verachtung fühlen mußte.

Diese gründliche Verachtung eines feurigen Republikaners von strenger Natur und starrem puritanischen Troße gegen einen feilen Schriftsteller von servilem Charakter und niederträchtiger Gesinnung macht den heftigen, berben Ton, in welchem Milton seinen Gegner widerlegt und zurechtweist, erklärlich. Man darf Form und Haltung der Vertheidigungsschrift nicht nach den Gefeßen beurtheilen, die heutzutage Sitte und Anstand jedem gebildeten Manne zur Pflicht machen, Nicht nur daß die Zeit eine berbere war und daß in der Polemit des 16. und 17. Jahrhunderts überhaupt jede persönliche Rücksicht, jebe Achtung der gegnerischen Ansicht verbannt blieb, wie wir aus den Streits schriften eines Luther, Hutten, Erasmus u. A., Ober aus den Werken ber schottischen und englischen Reformatoren und ihrer Gegner zur Ger nüge lernen, die Aufregung und Parteiwuth einer politisch und kirchlich tiefbewegten Zeit wirft alle Schranken und Formen nieder. Wenn ein Principienkampf zu solcher Höhe gestiegen ist, daß die Barteien einander mit dem Schwerte gegenüberstehen, so läßt der Parteigeist keine anderen Rücksichten und Verhältnisse mehr gelten als die des Für und Wider. Milton schleudert die ärgsten Schmähungen auf seinen Gegner ; es genügt ihm nicht, dessen Buch Seite für Seite zu widerlegen und

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