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Gehorsam" oder aus den Werken der englischen Buritaner, wie Cartwright, Fenner u. A., eine Menge Säte zur Rechtfertigung der Selbsthülfe eines Volkes gegen gottlose Rönige anzuführen. Die genannten Schriftsteller, die um ihres Glaubens willen Verfolgung, Flucht und Verbannung von einer feindseligen Regierung zu dulden hatten, die von Natur rauh und heftig durch die Leiben des Erils und durch das eifrige Forschen in den Schriften des alten Testaments, die sie auf ihre Zeit und Verhältnisse anwendeten, in ihrer Härte und in ihrem Haß noch bestärkt wurden, gaben ihren verbitterten Gefühlen und den Eingebungen eines leidenschaftlichen Fanatismus rücksichtslos und ungehemmt Austruck. Da sie sich ganz auf den Standpunkt der alttestamentlichen Propheten, gegenüber den abgöttischen Königen, stellten, und in der Vernichtung der von ihnen als gottlos angesehenen Herr: scher das Ziel ihres Lebens und den Sieg ihres Glaubens sahen, jo mußten ihre Schriften natürlich die feindseligste Gesinnung gegen bie bestehende Obrigkeit athmen. Wenn Milton diesen zornsprühenben Aussprüchen eine gewisse Autorität beilegt und Beweisgründe für seine Ansicht daraus herleiten will, so thut er Unrecht; sie stehen auf ebenso revolutionärem Boden wie er selbst und seine Gesinnungsgenossen, und ihre Meinungen können auf keine größere Geltung Anspruch machen als jede andere Privatmeinung. Aber gegen die Presbyterianer leisteten sie ihm vortreffliche Dienste. Sie bewiesen, daß ihre Kirche auch nur vermittelst einer erfolgreich durchgeführten Revolution ins Leben getreten ist und daß ihre termaligen Bekenner ihrer ganzen Vergangenheit entsagen und die Stifter ihrer Religion nebst ihrem Werke verleugnen würden, wenn sie der Nation das Recht absprächen, sich des Königs zu entlebigen und die begonnene Umgestaltung ihres Staats: wesens zu vollenden. In einer sehr scharfen Apostrophe straft er dann die Inconsequenz ihrer Brediger, die gleich den Soltaten bei ihren militärischen Uebungen, bald vorwärts bald rückwärt8 marschirten, allerlei Schwenkungen und Bewegungen machten und die Vorsehung stets als Lärmtrommel gebrauchten.

Bei aller Schärfe und Bitterfeit der Polemik Hat die vorliegende Schrift doch auch ein versöhnendes Moment: sie sucht die Presbyte: rianer von der Nothwendigkeit eines einträchtigen Handelns in der Stunde der Arisis zu überzeugen und ihnen die Gefahren zu Gemüthe zu führen, die aus einer begonnenen und nicht durchgeführten Revolution für sie und die ganze Nation entspringen würden. „Wenn ihr weise seid,“ ruft er ihnen zu, „so fürchtet ihr viel mehr, was ihr schon gethan habt, als was euch noch zu thun übrig bleibt, und laßt euch bei Zeiten warnen, kein Vertrauen auf Fürsten zu setzen, die ihr gereizt habt, damit ihr nicht die Zahl Derer vermehrt, die zu ihrem Unglück die Folgen erprobt haben.“ Die pariser Bartholomäusnacht und der Abfalt der Niederlande dienen ihm unter andern als Beispiele, welche Resultate eine unvollendete und eine vollendete Revolution im Gefolge habe! .

3. Ikonoklastes oder der Bildnißzerstörer. „Es wurde bald offenbar, daß jene politischen und religiösen Eiferer, von denen die Hinrichtung des Königs ausging, nicht nur ein Verbrechen, sondern auch einen Fehler begangen hatten. Sie hatten einem Fürsten, der bisher dem Volke hauptsächlich durch seine Vergehen bekannt geworden war, eine Gelegenheit gegeben, auf einem großen Schauplaß vor den Augen aller Völker und Zeiten gewisse Eigenschaften zu entfalten, die unwiderstehlich die Bewunderung und Liebe der Mensch. heit erregen, den hohen Sinn eines ritterlichen Edelmannes, die Geduld und Sanftmuth eines Christen. Ja, fie hatten eine solche Rache ersonnen, daß derselbe Mann, dessen ganzes Leben eine Reihe von Angriffen auf Englands Freiheiten gewesen war, nun als Märtyrer für diese nämlichen Freiheiten zu sterben schien. Kein Demagoge brachte jemals einen solchen Eindruck auf die Gemüther des Volks hervor als der gefangene König, der, indem er auf seinem legten Gang seine ganze königliche Würde bewahrte und dem Tod mit unerschrockenem Muthe in8 Angesidit fah, den Gefühlen seines unterdrückten Volkes Worte gab, der männlich jede Vertheidigung vor einem nach den Gesetzen des Landes unbekannten Gerichtshofe von sich wies, der von der Gewalt des Schwertes an die Grundgeseße der Verfassung appellirte, der die Frage aufwarf, nach welchem Rechte das Haus der Gemeinen seiner achtungswürdigsten Mitglieder beraubt und das Haus der Lorde seiner geseßgebenden Macht entkleidet worden, und der endlich vor den weinenden Zuhörern betheuerte, daß er nicht blos seine eigene, daß er auch ihre Sache verfechte. Seine lange Mißregierung, seine unzähligen Treulosigkeiten waren vergessen. Sein Andenken erschien in den Ges müthern ber meisten seiner Unterthanen mit jenen freien Institutionen verbunden, die er während so vieler Jahre zu zerstören gestrebt hatte ; denn jene freien Institutionen waren mit ihm zu Grunde gegangen und waren während des trauervollen Schweigens 'einer durch Waffengewalt niedergehaltenen Volksmenge allein durch seine Stimme vertheidigt worden. Von der Zeit an begann eine Reaction zu Gunsten der Monarchie und der verwiesenen Parlamentsglieder, eine Reaction, die nicht mehr aufhörte, bis der Thron wieder in seiner ganzen alten Herrlichkeit hergestellt war.“

Diese Darstellung Macaulay’in seiner „Geschichte Englands“ macht und mit der Stimmung des Volkes unmittelbar nach der Hinrichtung des Königs bekannt, eine Stimmung, die der Schrift „Ikon basilike" oder königliches Bildniß ebensowohl die Entstehung gegeben hat, als sie durch dieselbe gesteigert worden ist. Dieses kleine mit dem Bildniß des Königs gezierte Buch erschien in dem Todesjahre Karls, und da es für ein nachgelassenes Werk des unglücklichen Monarchen ausgegeben und gehalten warb, jo fand es eine solche Verbreitung, daß in kurzem 47 Auflagen davon veranstaltet wurden, die sich auf die in jener Zeit unerhörte Zahl von 48,500 Eremplaren beliefen. Um den durch Royalisten und Geistliche genährten Eindruck des Buches zu schwächen, verfaßte Milton im Auftrag der republikanischen Regierung eine englische Gegenschrift, welche den passenden, von den byzantinischen Kaisern entlehnten Titel „Ikonoklastes“ (Bildnißzerschlager) führte. Daß die gegnerische Schrift nicht ein nachgelassenes Werk des Königs sei, sondern das untergeschobene Buch eines Royalisten, der bei der herrschenden Stimmung und Aufregung durch diese Fiction ober Fälschung auf das Volt einen um so größern Eindruck hervorzubringen gedachte, davon scheinen Milton und seine Freunde fest überzeugt gewesen zu sein; ob sie aber den erst in der Folge bekannt gewordenen wahren Verfasser, Bischof Gauden von Exeter, im Verdacht hatten, oder ob sie einen andern für den Autor hielten, kann nicht mit Bes stimmtheit angegeben werden. Milton fühlte das Schwierige seiner Aufgabe, einen Rönig, der von einem großen Theil des Volkes als Märtyrer- und Heiliger verehrt ward, dessen vermeintliches Vermächtniß mit der größten Begierde gelesen und bewundert wurde, und auf dem bie Poesie des Unglücks ruhte, nun in dem Lichte darzustellen, wie er seiner Partei erschien, wie er noch kurz zuvor der Mehrheit der Nation erschienen war, und gerade dieses Vermächtniß als untergeschoben, als unwahr, als verfälscht hinzustellen. Treffend vergleicht er das „Ikon“ mit jenem angeblichen Testamente Cäsar's, durch welches Antonius bei der Beerdigung des Ermordeten das wankelmüthige Volk gegen die Wiederhersteller der republikanischen Freiheit aufgereizt habe. Aber gerade die Bedeutung, welche die Royalisten und die hoch. kirchliche Geistlichkeit dem Buche, das die Thaten und Absichten des Mönigs in das reinste Licht stellte, zu geben suchte, nöthigte die Gegenpartei zu einer klaren und scharfen Widerlegung, wenn sie nicht als Verräther an Gesetz und Königthum, an Land und Volt erscheinen follte. Und diese Widerlegung führte Milton in jo meisterhafter Art, daß sein „Ikonoklaste8“ noch jetzt als Muster polemischer Darstellung gilt. Die Wirkung war, trotz der Ungunst der Verhältnisse, um so größer, als er sich aller Abschweifungen und persönlicher Verunglimpfung enthielt, dem Inhalte der Schrift Schritt vor Schritt folgte, die entstellten Thatsachen in ihr wahres Licht sekte, die aus Lüge, Verdrehung und Sophismen gewobenen nebelhaften Gebilde zerstreute und durch klare Kritik und stichhaltige Gründe Trug und Falscheit vernichtete.

In dem ersten Capitel wird die von dem „Ikon“ aufgesteüte Behauptung, Karl habe das legte (Lange) Parlament aus eigenem Antrieb und freiem Willen einberufen und sei stets den Gefeßen des Landes nachgekommen, als eine offenkundige Unwahrheit hingestellt. Der König habe nicht nur durch die häufigen, auf die muthwilligste Weise und unter den nichtigsten Gründen ausgeführten Auflösungen des Barlaments seine Abneigung gegen parlamentarische Discussion und freie constitutionelle Verfassung beurkundet, sondern seine aus Hofleuten, Günstlingen und Prälaten bestehende Umgebung habe offen ausges sprochen, daß der König kein Parlament mehr einberufen würde, daß es überhaupt mit der parlamentarischen Regierungsweise zu Ende sei. Aus dieser Gesinnung habe Karl selbst so wenig Hehl gemacht, daß er das Verbot erlassen, durch Adressen oder Betitionen die Einberufung eines Parlaments zu begehren, ja auch nur das Gerücht auszusprengen, der König gehe mit einem solchen Gedanken um, oder den Zeitpunkt zu bestimmen, wann dieses Ereigniß wieder eintreten dürfte; und wie wenig ihm an Beobachtung der Reichsgesetze gelegen, beweisen die zahllosen Bedrückungen und Willkürmaßregeln die er sich während der

Jahre, da kein Parlament bestanden, in politischer und kirchlicher Bes ziehung habe zu Schulden kommen lassen, und die Gewaltthätigkeiten und Erpressungen, gegen welche die Wegnahme von Naboth's Weinberg nur ein kleines Vergehen sei. Wenn aber Karl trop seiner Abneigung gegen constitutionelle Regierung und im Widerspruch mit seinen Absichten und Plänen dennoch wieder nach langer Unterbrechung ein Barlament einberufen, jo sei tas wahrlich nicht aus freiem Willen ges schehen, sondern er sei durch die Noth der Zeiten und vor allem durch den unglüdlichen schottischen Krieg bazu genöthigt worden; und er habe bei diesem wie bei allen frühern Parlamenten keine andere Absicht gehabt, als Geldbewilligungen zu erlangen, keineswegs aber die Wünsche des Volks zu erhören und die gegründeten Beschwerden abzustellen. Die Einwendung, daß die Mehrheit des Parlaments sich durch Leidenschaft, Parteieifer und Vorurtheil habe fortreißen lassen und daß die Wahlen durch äußere Einwirkungen im Barteiinteresse geleitet worden, begegnet Milton mit der Frage, ob denn alle Weisheit und Vernunft dem König allein innewohne, dem Volke aber nur (um mich eines currenten Auss drucks zu bedienen) „ein beschränkter Unterthanenverstand“, und ob man

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