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besprochen haben. Dieser harte Ausspruch wäre ein neuer Beweis, . wie fern noch das 17. Jahrhundert dem Begriffe allgemeiner Religionss freiheit stand, und wie jede Kirchenpartei für sich allein den Vorzug ber ausschließlichen Rechtgläubigkeit in Anspruch nahm und in der Verfolgung des Andersgläubigen ein Werk der Frömmigkeit erblicte. Auch Milton dringt zunächst nur auf Duldung des Gleichartigen; das feindlich Widerstrebende will er ausrotten. Und während er für alle die losen Geister, die in der „starken und heilsamen Erschütterung des Reiches“ „aufeinanderplaßen“, einen freien Tummelplaß in Anspruch nimmt und den endlichen Sieg der Wahrheit von Gottes unsichtbarer Waltung mit Zuversicht erwartet, kennt sein Haß gegen den „papistis ichen Aberglauben“ und das „anglicanische Prälatenthum“ keine Grenzen. Von deutschen Humanitätsideen waren diese Buritaner weit entfernt, aber zum siegreichen Kampfe gegen mächtige Widersacher gehört nothwendig eine scharfe Grenzlinie des Für und Wider, des Verwandten und Feindlichen. Milton zog diese Grenzlinie mit sicherm Auge und fester Hand; aber während er mit gründlichem und unversöhnlichem Haß die gegnerische Partei verfolgte, verlangte er, daß man im eigenen Heerlager Denkfreiheit gestatte und eine liberale Fahne aufpflanze. Da sie in dem einen großen Ziel — Bekämpfung des kirchlichen und religiösen Despotismus einig seien, so dürfe man nicht durch engherzigen Geistesdruck und Gewissenszwang ben gemeinsamen Zweck verrücken oder entweihen.

2. Ueber die Stellung der Könige und Obrigkeiten. Als die englische Revolution in ihrem stürmischen Laufe sich der entscheidenden Krisis, der Hinrichtung des Königs und dem Uebergang zur Republit, näherte, wurden die Presbyterianer, die den Rampf gegen das Königthum hauptsächlich eröffnet und bis zum Sturz der Episcopals kirche und zur gänzlichen Dhnmacht des Thrones fortgeführt hatten, unschlüssig und bedenklich. Sie fürchteten die ungestüme Energie der Independenten, die bei dem Heere tas Uebergewicht hatten und ihren Forderungen mit dem Schwerte Nachdruck geben konnten; sie ließen sich

mit dem gedemüthigten und gefallenen König in Unterhandlungen ein und schlossen einen Bund (Covenant) mit ihm ab, worin sie ihm Leben, Freiheit und Krone zusicherten, und als das Verlangen, den König vor einen Gerichtshof zu stellen, immer allgemeiner und lauter wurde, bekämpften sie das Vorhaben aus allen Kräften als eine in einem protestantischen Lande unerhörte und der heiligen Schrift widerstrebende That. Sie machten die Bibel zu einem „Janusbild“, indem sie dies selbe nun ebenso für das Königthum gebrauchten, wie früher gegen baffelbe. Sie hatten das Ziel ihrer Bestrebungen erreicht, nun wollten sie das rollenbe Rad der Revolution in seinem zermalmenden Laufe aufhalten. Wie früher die Kanzeln zu Invectiven und Schmähreben wider ben König und seine Umgebung gebraucht wurden, so ertönten sie ießt von Schmähungen gegen die Independenten und ihre gottlose Wuth, welche die Frommen (Presbyterianer) um die Früchte des ihnen durch Gottes Gnade verliehenen Sieges zu bringen trachteten. Ihre Heftigkeit nahm zu, je näher die Stunde der Krisis heranrückte. Nie war ihre frühere Opposition gegen Königsmacht und Episcopat so aufgeregt und leidenschaftlich gewesen.

Segen diese Erscheinung richtete Milton die vorliegende Schrift, die schon in ihrem Titel den ganzen Zweck anbeutet: „Ueber die Stels lung der Könige und Dörigkeiten, oder Beweis, daß es geseglich ist und durch das ganze Alterthum immer so angesehen wurde, daß Dies jenigen, so in der Macht sind, einen Tyrannen oder gottlosen König zur Rechenschaft ziehen und nach gehöriger Ueberführung abseßen und mit dem Tode bestrafen dürfen, wenn die rechtmäßige Obrigkeit es zu thun versäumte oder verweigerte.“ Sie wurde wahrscheinlich schon vor dem Tode des Königs begonnen, aber erst nach demselben mit einigen Erweiterungen und Zusäßen veröffentlicht (Febr. 1649).

In dieser Schrift sucht Milton darzuthun, daß das Parlament, als die geseßmäßige Vertretung des souveränen Volkes, das Recht habe, einen zum Tyrannen gewordenen önig, der sich am Leben und Gut seiner Unterthanen vergriffen und die Gefeße des Landes übertreten, gleich jedem andern Missethäter zur Strafe zu ziehen; daß eine unvollständige Revolution ihres Zieles verfehle und daß Diejenigen, die den König durch Zwang und Gewalt so weit treiben, daß er die Ehre der Krone und die Macht der Herrschaft ablegt, demselben Urtheile unterliegen wie die mehr entschiedenen Männer, die den König abseßen und ihn der Möglichkeit berauben, Rache zu üben. Die Schrift athmet einen gewaltigen Geist; der Hauch einer stürmischen Freiheit braust mächtig durch die Blätter; man fühlt bei jedem Schritt die Fieberhaft erregte Zeit einer Thronumwälzung und eines Königsmordes. Aber bei aller Leidenschaft zeigt Milton auch hier eine hochherzige Gesinnung und einen edeln, von aller Gemeinheit und Roheit freien Geist. Mit klarem Verstand, wie man bei einem so phantasiereichen Schriftsteller kaum erwarten sollte, durchdringt er die politischen Fragen und zerreißt mit starker Hand die Hüllen der Sophistik, der Heuchelei, des Egoismus. Lauter und aufrichtig, wie jeder echte Enthusiast, ist er ein Todfeind aller Verstellung und allen Scheins und geht, ohne Rücksicht und Nebengebanken, geradezu auf den Kern (os. „Würden die Mens ichen mehr von der Vernunft geleitet“, sagt er in der Einleitung zu dieser Schrift, „als von blinden Leidenschaften und Gewohnheiten, so würden sie leicht einsehen, wie schlimm es sei, einen Tyrannen zu hegen und zu schüten; allein da sie in ihrem Innern Sklaven sind, so wünschen sie auch den Staat nach derselben schmachvollen Art regiert zu sehen. Denn wahrlich! Niemand kann die Freiheit von Herzen lieben als gute Menschen; die andern lieben nicht die Freiheit, sondern die Zuchtlosigkeit, die nie mehr Raum und Nachsicht hat als unter Tyrannen. Daher kommt es, daß Tyrannen selten von schlechten Menschen verlegt werden oder ihnen mißtrauen, da sie alle von Natur servil sind; Diejenigen dagegen, in welchen Tugend und wahrer Werth hervorleuchtet, werden von ihnen ernstlich gefürchtet als ihre rechts mäßigen Herren und Gebieter; auf ihnen ruht ihr ganzer Haß und Argwohn.“

Durch die retrograden Schritte der Presbyterianer waren die öffentlichen Angelegenheiten in einen Zustand der Unentschiedenheit und des Schwankens gerathen. Um den englischen Staat aus dieser Cage der „Thatlosigkeit“ zu retten und das Parlament zu bewegen, auf dem betretenen Wege fortzuschreiten, sucht Milton zuerst die Bedenklichen und Unsichern von der Gerechtigkeit des Verfahrens zu überzeugen. Zu dem Ende weist er zuerst auf natürlichem und geschichtlichem Wege ben Ursprung der Staaten und der Königswürde nach, um dadurch dem legtern die Glorie zu rauben, die ihm durch die vermeintliche Eins segung „von Gottes Gnaden“ zu Theil geworden. „Niemand“, so bes ginnt er, „kann so albern sein, zu leugnen, baß alle Menschen von Natur frei geboren seien; hat sie doch Gott selbst geschaffen nach seinem Bilde und Gleichniß, und sie über alle andere Geschöpfe gesetzt zum Befehlen und nicht zum Gehorchen. Und so haben sie anfangs gelebt, bis sie in Folge des Sündenfalls anfingen, Unrecht und Gewaltthätigkeit untereinander zu begehen. Indem sie nun voraussahen, daß solche Vorgänge nothwendig zu ihrer Auer Verderben gereichen müßten, so kamen sie überein, sich durch einen Bund oder Vertrag vor gegenseitiger Unbil zu schüßen und sich in Gemeinschaft zu vertheidigen gegen Alle, die eine solche Uebereinkunft stören oder sich derselben widerseßen würden. Dadurch entstanden Städte und Staaten; und da keine Art von Treue und Verpflichtung (faith) sich als hinlänglich bindend erwies, so sah man sich genöthigt gewisse Obrigkeiten einzusetzen, um jeden Friedensbruch und jede Rechtsverlegung durch Gewalt und Strafe abzuhalten.“ – „Diese Autorität und Macht der Selbstvertheidigung und Selbsterhaltung, die ursprünglich und natürlich in jedem Einzelnen und vereinigt in Allen ruhte, übertrugen sie dann um der Ruhe und Ordnung willen, und damit nicht Jeder sein eigener parteiischer Richter sei, entweder einem Einzigen, den sie wegen seiner hervorragenden Weisheit und Rechtschaffenheit allen Andern vorzogen, oder Mehreren, die sie als Männer von gleichem Werth unb Verdienst ansahen; der Erstere wurde König genannt, die andern Magistrat (Obrigkeit), nicht damit sie die Herren und Meister der übrigen wären, sondern ihre Bevollmächtigte und Beauftragte, um kraft der ihnen anvertrauten Gewalt jene Gerechtigkeit zu üben, die sonst in Folge des Naturrechts und des ursprünglichen Gesellschaftsvertrags jeder Einzelne für sich und alle unter einander hätten ausüben müssen. Dies ist der einzige vernünftige Grund, warum unter freien Menschen nach bürgerlichem Rechte Ein Mann Autorität und Jurisdiction über Andere haben kann.“ – „Diese regierten eine Zeit lang gut und entschieden mit großer Gerechtigkeit alle Dinge nach ihrem eigenen Gutbünken, bis der Mißbrauch der ihren Händen anvertrauten unbeschränkten Gewalt sie endlich zur Ungerechtigteit und Barteilichkeit verleitete. Da erfanden Diejenigen, die nunmehr aus Erfahrung die Nachtheile und Gefahren erkannten, welche die Uebertragung einer absoluten Machtvollkommenheit an einen Einzigen zur Folge hatte, Geseße, die von der Gesammtheit entweder abgefaßt oder doch bestätigt und angenommen waren und die Autorität des zur Regierung Berufenen bestimmen und begrenzen soíten, sodaß nicht mehr schwache oder lasterhafte Männer, wie sie manche aus Erfahrung kennen gelernt, die Herrschaft über sie führen, sondern Geset und Recht, möglichst unabhängig von persönlichen Fehlern und Irrthümern. Wie nun die Obrigkeit über dem Volte steht, so steht das Gesetz über ter Obrigkeit. — Als auch dies nicht mehr zureichte, sondern das Geset entweder nicht ausgeführt oder übel angewendet wurde, so saben sie sich von der Zeit an zu dem einzigen noch übrigen Rettungsmittel gezwungen - die Könige und Obrigkeiten bei ihrer Einseßung durch Capitulationen und Eidschwüre zur unparteiischen Ausübung der Gerechtigkeit zu verpflichten; und nur auf diese Bedingung hin empfingen sie die Huldigung von dem Volte, d. h. Bund und Vertrag, ihnen bei der Ausführung dieser vom Volke selbst gemachten oder bestätigten Gesege zu gehorsamen; und dies noch häufig mit der ausdrücklichen Clausel, daß, wenn König oder Obrigkeit sich treulos erwiesen, das Volt seines Eides entbunden sei. Sie fügten auch Räthe und Parlamente bei, nicht damit sie sich nach den Winken des Königs richteten, sondern damit sie zu bestimmten Zeiten, oder zu allen Zeiten, wo bem Ges meinwesen Gefahr drohe, mit ihm oder ohne ihn für die öffentliche Wohlfahrt Sorge trügen.“

Nachdem Milton nun nachgewiesen, daß dies die Ansicht des ganzen Alterthums, heidnischen, jüdischen und christlichen gewesen, fährt

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