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Heilige Schrift in dem Sinne zu nehmen, wie sie nach gewissenhafter Forschung seiner individuellen Auffassung als richtig und wahr erscheint, so fann Niemand für einen Häretiker angesehen werden, als wer Tradis tionen und Meinungen festhält, die nicht in der heiligen Schrift be: gründet sind. Dies thut aber nur der Bapist. Der Bapist also, der alle Andern für Häretiker hält, ist selbst allein ein Häretiker; – und ein Gößendiener bazu.“

Im Verlaufe der Beweisführung, daß Zwang in religiösen Dingen vom Uebel sei, zeigt sich Milton von neuem als einen tiefreligiðsen Mann, dessen Ansichten und Grundsäge aus einer gläubigen, echtchristlichen Seele herfließen, die, wenn sie auch im praktischen Leben uns haltbar oder bedenklich erscheinen mögen, doch immerhin auf edlem Boden gewachsen sind. Er unterscheidet streng das innere Wesen der Religion von der äußern, kirchlichen Form, und während er in der legtern der unbedingtesten Freiheit das Wort redet, kommt es ihm nicht von ferne zu Sinn, den Glauben selbst anzutasten oder irgend einen Zweifel über die christlichen Grundlehren oder die Göttlichkeit der heili: gen Schrift zu äußern. Seine Ansichten über das Evangelium find rein und erhaben und zeugen von einer echtchristlichen Natur. „Glaube und liebe“ sieht er als die Fundamentalsäge evangelischer Religion an, jene bestimme die innere, geistige Verfassung des Menschen, diese die äußere, praktische. Sollen beide rein bleiben, so müssen sie in der

Freiheit wurzeln. Der innere Glaube spotte jeden Zwangs, des Men- schen Herz sei nur Gott offenbar, nicht den Menschen: jeder Religionszwang beschränke sich also auf das äußere Kirchenwesen, wo aber dieses nicht auf die Liebe gegründet sei, da sei es mangelhaft; erzwungene Uniformität erzeuge Heuchler und Maulchristen und sei der wahren Religion mehr schädlich als förderlich. Christi Reich sei nicht von dieser Welt und bedürfe zu seinem Schuße keiner zeitlichen Macht; seine siegreichste Waffe sei die innere Wahrheit und Göttlichkeit; durch diese habe sich die christliche Lehre erhalten und verbreitet unter der Wuth und Verfolgung heidnischer Kaiser. Das alte Geset sei auf steinernen Tafeln geschrieben gewesen und hätte, mit Willen oder mit Widerstreben, nach · dem Wortlaut befolgt werden müssen; aber das Evangelium, der neue Bund, sei in das Herz jedes Gläubigen geschrieben, um im Geiste der Liebe und innern Ueberzeugung erflärt zu werden. Das Evangelium habe uns doch nicht darum von den Banden des Gesetzes befreit und uns aus dem Zustande der Furcht in den der Kindschaft Gottes ges führet, um uns in die Bande eines menschlichen Geseßes zu schlagen und uns das Joch der Menschenfurcht aufzulegen? Christus habe nur ein einzig mal Gewalt geübt, nämlich da wo er die Wechsler und Tempelschänder aus dem heiligen Bezirk getrieben; und eine andere Strafe, als die der Ausschließung, Excommunication, stehe keiner Kirchenbehörde zu; ungesunde Glieder sollten nicht gewaltsam bei der Heerde zurückgehalten werden, was zum Verderben der übrigen gereichen und in ihnen selbst, statt der christlichen Reue, Buße und Besserung, nur Verstocktheit und Heuchelei erzeugen würde, sondern man solle sie' auss schließen und ihrem eigenen Gewissen überlassen. Es sei eine Vermessenheit, die Freiheit, die Gott in seiner Auweisheit den Menschen verliehen, durch Zwangsgeseße zu zerstören. – Durch diese mit Beweisstellen aus der heiligen Schrift unterstüßte Argumentation kommt Milton endlich am Schlusse zu dem Resultate: daß die äußere Religions- und Cultusform jeder einzelnen Kirchengemeinde zu überlassen sei, welche dieselbe mit allen ihr zu Gebote stehenden geistigen Mitteln zu heben und zu verbreiten suchen müsse, daß aber der weltlichen Obrigkeit nichts zustehe, als die Beschüßung jeder kirchlichen Genossens schaft in ben ihr zukommenden Rechten.“

Neben dem in der obigen Adresse bekämpften Religionszwang sah Milton besonders in den großen Einkünften der Geistlichkeit das Verberben' der Kirche; und da nun gerade zu derselben Zeit (1659) von dem presbyterianischen Parlament diese Frage verhandelt wurde, um die Stellung der Geistlichen nach der neuen Kirchenordnung durch Ges jege zu regeln, so richtete Milton eine zweite Adresse an dasselbe, mit dem Titel: „Betrachtungen über die leichtesten Mittel, Miethlinge

hirelings) aus der Kirche zu entfernen“. In dieser eigenthümlichen, mit großem Aufwand von theologischer und historischer Gelehrsamkeit bearbeiteten Schrift stellt Milton Ansichten und Vorschläge auf, die von den in der englischen Kirche von jeher herrschenden Grundsägen weit abgehen. Nachdem er nämlich nachgewiesen, daß der Zehnten eine der ursprünglichen Kirche fremde Einrichtung sei, die zum großen Schaden der reinen Christuslehre wider alles Recht von weltlichen Herrichern der christlichen Kirche in spätern Jahrhunderten auferlegt worden, ohne daß das Volk oder die Gemeinden, um deren Gut es sich dabei gehandelt, ihre Zustimmung dazu gegeben hätten oder auch nur gefragt worden wären, stellt er mit Wärme und Beredsamkeit die Ansichten der Independenten über die Art der Unterhaltung der Religionslehrer auf, Ansichten, die damals ihrer Neuheit halber für chimärisch und unausführbar angesehen wurden, die aber heutzutage in den Vereinigten Staaten Nordamerikas in voller Geltung bestehen. Wie die Reber prediger des Mittelalters und insbesondere die Albigenser, auf deren Beispiel er sich wiederholt beruft, sieht auch Milton in dem Reichthum der Kirche die Quelle aller Verderbniß und alles Unheils. Die mit den geistlichen Stellen verbundenen hohen Einfünfte gelten ihm als die Ursache der Hoffahrt, der Habsucht, der Wollust, der Verweltlichung, der unevangelischen Gesinnung und unkirchlichen Lebensweise des Klerus. Um nun diese laster von Grund aus zu entfernen, muthet er der Kirche in unpolitischer Großmuth zu, sich aller Güter und Schäße zu begeben und zur apostolischen Armuth zurückzukehren. Der Zehnten folle dem Volke, dem er widerrechtlicherweise abgezwungen worden, erlassen, das von Schenkungen, Vermächtnissen und frommen Gaben herrührende Kirchenvermögen zur Hebung der Schul- und Bildungsanstalten und zu Zwecken der Mildthätigkeit und Menschenliebe ver: wendet werden; und damit die Geistlichen in keine Abhängigkeit vom Staat zu stehen kämen, sollten sie keine Besoldung von der Regierung erhalten. Um die Kirche wieder möglichst ihrem apostolischen Urbilde nahe zu bringen, sollten die nach freier Wahl zu einer Kirchengemeinde zusammengetretenen Christen ihre Geistlichen selbst wählen und für deren Unterhalt sorgen. Und da diese Geistlichen weder hochgelehrte noch vornehme Männer zu sein brauchten, so wenig als die Apostel selbst Weber, Reformationszeit.

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es gewesen, so würde ihre Erhaltung die Kräfte der Gemeinde nicht auzu sehr in Anspruch nehmen, auch könnten sie gleich den Aposteln, außer der Predigt und Religionslehre noch ein Geschäft treiben, was ihr Ansehen keineswegs herabseßen würde. In den ärmern und kleinern Landgemeinden könnte die religiöse Belehrung auch von wandernden Predigern in Verbindung mit den Kirchenvorstehern des Drts ertheilt werden. – Daß der Plan ausführbar sei, ist, wie gesagt, jetzt keinem Zweifel mehr unterworfen, sofern nur, was in Milton's Zeit mit Sicherheit vorausgesett werden konnte, bas. Religionsbedürfniß der einzelnen Gemeindeglieder so warm und lebendig blieb, daß diese stets opferbereit waren. Auch über die Folgen einer solchen Einrichtung machte sich Milton keine Juusionen; er sieht ein, daß der geistliche Stand in seiner äußern Stellung und Bedeutung herabsinken und die theologische Wissenschaft Noth leiden würde; das erscheint ihm aber keineswegs als ein Uebel. Je höher der Klerus gestellt sei, desto mehr werde er dem Volke entfremdet und desto geringer sei der Nugen und die Belehrung, die der Arme und Niedrige aus der Seelsorge ziehe; was aber die Cultur angehe, so werde die von der Geistlichkeit sehr wenig gefördert; die scholastische Gottesgelahrtheit könne füglich entbehrt werden, wenn dafür die übrigen Wissenschaften desto eifriger und sorgs samer gepflegt und durch Errichtung von guten Land- und Volksschulen auch in die untern Stände die Keime der Bildung und Gesittung gelegt würden. Durch die Einziehung des Kirchenvermögens erhalte die Regierung die nöthigen Mittel, den öffentlichen Unterricht zu heben und in den Städten wie auf dem Lande Schul- und Volfsbibliotheken mit religiösen und gemeinnütigen Schriften zu errichten, die einen reichs lichen Ersat für den verminderten Religionsunterricht bieten würden. Dann würden die Leute durch eigene Forschung zu einer bessern Er: kenntniß der göttlichen Wahrheit kommen, als durch das Anhören kalter und hohler Bredigten, wie sie von den Geistlichen einer Staatskirche nicht durch innere Berufung, sondern um des Lohnes und Vortheils willen gehalten zu werden pflegten.

5. Schriften über Ehe und Erziehung.

a) Ueber die Gebote der Ehescheidung. Der volle Titel dieser interessanten und merkwürdigen Abhandlung, in tem nach der Sitte der damaligen Zeit zugleich Zweck und Hauptinhalt angedeutet ist, lautet: „Die Doctrin und Disciplin der Ehescheidung, hergestellt zum Besten beider Geschlechter, von den Banden des kanonischen Gesekes und anderer Frrthümer nach der wahren Meinung der heiligen Schrift des alten und neuen Bundes im Vergleich ; worin auch die schlimmen Folgen nachgewiesen sind, wenn Das, was das Gesetz Gottes erlaubt und Christus nicht aufgehoben hat, als Sünde abgeschafft oder verdammt wird.“ Die Schrift ist gerichtet „an das Parlament sammt dem Kirchenrath (Assembly) von England“ und trägt folgende Bibelstellen als Motto: Matth. 13, 52: Ein jeglicher Schriftgelehrter, zum Himmelreich gelehrt, ist gleich einem Hausvater, der aus seinem Schat Neues und Altes hervorträgt; Sprüchw. 18, 13: Wer antwortet, ehe er höret, dem ist es Narrheit und Schande.

Die „Zueignung an das Parlament sammt dem Kirchenrath“ ist, wie die ganze Schrift, ausgezeichnet durch Kraft und Schönheit der Diction, durch Klarheit der Darstellung und durch eine hinreißende Beredjamkeit, die hier und da einen poetischen Schwung annimmt. Sie beginnt mit der richtigen Bemerkung, „daß im kirchlichen und öffents lichen Leben Sitte und Gewohnheit die Lehrer seien, welche die meisten Anhänger und Schüler hätten. Möge sich auch die Tugend noch jo beredt in der Theorie empfehlen, möge bas Gewissen noch so übers zeugend sprechen, dennoch wird meistens, sei es in Folge eines geheimen göttlichen Willens oder unserer angeborenen Blindheit, Sitte und Gewohnheit stillschweigend als der beste Lehrmeister angenommen“. Diese gewohnte Sitte bedürfe zu ihrer körperlichen Gestaltung eines andern Wesens, mit dem sie sich verbinte und dieses finde sie im „Irrthum“. Irrthum und Gewohnheit trügen und unterstüßten sich gegenseitig und suchten aus allen Kräften die Ideen der Wahrheit, die ihren eigenen

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