Abbildungen der Seite
PDF
EPUB

IV.

John Milton und die englische Revolutionszeit, nach dessen Prosaschriften über Kirche, Staat und öffentliches Leben

dargestellt.*)

1. Einleitung.

Wir beabsichtigen in den folgenden Blättern die Ansichten und geistigen Kämpfe eines Mannes darzustellen, der in einer tiefbewegten Zeit, da alles Bestehende in Frage gesegt und erschüttert wurde, durch Shrift und Rede bedeutend auf die Dinge in Kirche und Staat ein: gewirkt hat, der die große Katastrophe, wodurch England zu einem republikanischen Gemeinwesen umgeschaffen wurde, billigte, förderte und rechtfertigte, und der sich nach dem blutigen Schlag aus innerster Ueberzeugung an der Verwaltung des englischen Freistaats betheiligte. Da man bei Milton's Namen zunächst an den Dichter des „Verlorenen Paradieses" denkt, so wollen wir gleich hier bemerken, daß wir nicht gemeint sind, die poetische Seite des Mannes zu betrachten, sondern seine nicht minder wichtige politische und publicistische Wirksamkeit zur Anschauung zu bringen. Seine sämmtlichen Prosawerke, die uns dabei als Halt- und Ausgangspunkt dienen, wurden im Jahre 1848 in crei

mo

[ocr errors]

*) Aus Raumer's Histor. Taschenbuch. Dritte Folge dritter und vierter Jahrgang. Leipzig, F. A. Brodhaus. 1852. 1853.

starken Octavbänden von 3. A. St. John mit Einleitungen und erklärenden Anmerkungen herausgegeben, und unsere Absicht ist, ben merkwürdigen Mann in seiner eigensten Gestalt, wie er sich in seinen mannichfachen Schriften kundgibt, und soviel als möglich mit seinen eigenen Worten dem Leser vorzuführen.

Milton hat mit Cromwell und den andern Führern der revolutionären Erhebung Englands im siebenzehnten Jahrhundert lange das loos getheilt, von der Nation mit vorurtheilsvoller Abneigung behandelt zu werden. Die Höfische Bildung, die unter dem Einflusse Ludwigs XIV. und seines glanzvollen Hofes in Versailles während der Regierungszeit der beiden letzten Stuarts in England aufkam und sich während des ganzen achtzehnten Jahrhunderts in ungestörter Herrschaft erhielt, war der kirchlichen und politischen Anschauungsweise der Cromwell'schen Zeit entschieden feindselig. Der religiöse Ernst und die trüben Lebensansichten der Buritaner waren den gebildeten, von französischer Leichtfertigkeit und religiösem Indifferentismus erfüllten Areisen, denen die englischen Schriftsteller sämmtlich angehörten, gänzlich zuwider. Der Haß dieser calvinistischen Eiferer gegen Theater, Tanz und andere Lebensfreuden, ihre sittenrichterliche Strenge gegen jede heitere Geselligkeit, ihre Mißachtung aller Münste, mit einem Worte, ihre finstere Moral und morose Lebensanschauung standen mit der socialen Bildung und mit dem ganzen, auf feinen Lebensgenuß hinstrebenden Zeitgeiste in zu grellem Widerspruch, als baß sie, ich will nicht sagen Sympathie, sondern nur eine gerechte Beurtheilung gefunden hätten. Ebenso verdammte der entschieden monarchische Sinn der Engländer und der Stolz auf ihre »happy constitutiona die politische Richtung der Cromwell'schen Beriode als eine Verirrung und die fühle, auf den gewohnten Kirchenbesuch beschränkte Religiosität der vornehmen Episcopalen hatte kein Ver: ständniß für den frommen Eifer und die Glaubenswärme der Puritaner und Independenten. Sie vergaßen, daß sie ohne die maßlose Energie jener Eiferer nie zum ruhigen Besitz ihrer bürgerlichen und religiösen Freiheit gelangt, sondern wie die Franzosen in die Versumpfung des politischen Absolutismus und in die Drangsale der religiösen Verfolgung gerathen wären.

Zu diesem ungerechten Urtheil trug der geistreiche, freibenkende, aber in den Vorurtheilen seiner Zeit tief befangene Geschichtschreiber Hume nicht wenig bei. Wie er gegen Cromwell und seine Partei vers fuhr, so Johnson, der Repräsentant der selbstgefälligen Mittelmäßigkeit und bas Orakel der vornehmen Preise, gegen Milton. Ohne Vers ständniß des idealen Strebens und der großartigen Natur des poesiereichen Mannes hat Johnson in besjen Lebensbeschreibung ein so caris kirtes Bild von ihm entworfen, daß mehrere Verehrer bes Dichters, selbst solche, die mit seinen religiösen und politischen Ansichten nicht übereinstimmten, ihn gegen die Beschuldigungen des Kritikers rechtfertigen zu müssen glaubten. Erst unserm Jahrhundert war es vorbes halten, gegen jene gewaltigen Männer gerecht zu sein und die dunkeln Flecken, die Vorurtheil und einseitige Befangenheit auf ihr Andenken geheftet, zu tilgen. Die neuern englischen Geschichtscheiber, namentlich Macaulay, stellten sich bei Beurtheilung vergangener Zeiten und entschwundener Geschlechter auf einen höhern Standpunkt: sie bildeten ihr Urtheil über die hervorragenden Persönlichkeiten und deren Meinung und Thun im Geiste jener Zeit ohne Rüdsicht auf die Ansichten der Nachgeborenen und ohne die Zustände und die öffentliche Meinung der Gegenwart als Maßstab anzulegen; sie betrachteten die historischen Erscheinungen im Spiegel der geschichtlichen Vergangenheit und sprachen nicht in befangener Engherzigkeit über die Männer einer großen, geistig bewegten Zeit darum die Berdammung aus, weil sie nicht dachten und handelten wie ihre sich Flüger dünkenden Enkel. Sie lernten sogar ihre Fehler und Irrthümer achten, sofern sie aus edeln Beweggründen hers vorgingen und ein reines, von Eigenliebe und Selbstfucht freies Streben zu Grunde lag.

Die Projaschriften des blinden Dichters, die wir in den folgenden Blättern einzeln aufführen und besprechen werden, wurden in dem wichtigsten und bewegtesten Zeitraume der englischen Geschichte, in den Jahren 1641 – 1660 abgefaßt und tragen nicht wenig zur klaren Erkenntniß jener ereignißvollen Tage bei. Milton stand mitten in der Bewegung und sein kräftiger, freiheitglühender Geist nahm an allen Erscheinungen und Lebensfragen den innigsten Antheil. Darum stehen seine Schriften in naher Beziehung zu den kirchlichen und politischen Vorgängen und Kämpfen des Augenblicks, und er hat dabei stets einen bestimmten praktischen Zweck vor Augen. Dieses höhere Ziel gibt daher auch seinen Worten und Aussprüchen eine besondere Bedeutung; sie sind der Austruck der mit Rühnheit und Selbstvertrauen vorwärts strebens den Partei, die durch Kampf zum Sieg gelangte, die aber, weil sie nach Stealen strebte, welche in der irdischen Menschenwelt auf tausend Hindernisse stoßen, nicht zu Ruhe und Glück kam. Darum zieht sich auch durch die spätern Schriften Milton's ein elegischer Ton durch, der den tiefen Gram und die wehmüthige Stimmung seiner Seele beurkundet, während die frühern Erzeugnisse einen kühnen hoffnungsreichen Geist athmen und durch ihre kecke Bolemik und ihren aggressiven Muth bas mächtige Selbstvertrauen verrathen, von dem die kampflustige Partei der Freiheitsmänner erfüüt war.

Die Schriften zerfallen in drei Hauptgruppen. Solange der Grundsat der Stuarts: „Mein Bischof, kein König !" in voller fraft bestand, stritt Milton mit den Puritanern gegen das Episcopalsystem und somit nur indirect gegen den drohenden Absolutismus der Königsmacht. Seine, sowohl durch gelehrte Beweisführung als durch kräftige und schwungvolle Darstellung ausgezeichneten Schriften polemisch-kirchlichen Inhalts waren von so gewaltiger Wirkung, daß die bischöfliche Partei sich seufzend unter den Schlägen beugte und die Puritaner die Führung ihrer Sache vertrauensvol in seine Hände legten. Milton hatte nach einigen Jahren ben Triumph, die bischöfliche Hierarchie nebst ihrer ganzen halbrömischen Kirchenform zusammenbrechen zu sehen. Aber nur zu bald mißbrauchten seine bisherigen Genossen, die Presbyterianer, den mühsam errungenen Sieg zur Begründung eines neuen Geistesund Gewissenszwanges, der dem bischöflichen Kirchenregiment an Strenge und Intoleranz nichts nachgab. Da trat Milton auch gegen sie als Vorfechter der Freiheit in die Schranken und forderte mit der Partei Weber, Reforinationêjeit.

26

der Independenten für jeden Einzelnen das Recht der kirchlichen Selbstbestimmung, die religiöse Freiheit des Individuums. Und auch diese Partei erreichte auf kurze Zeit das Ziel ihres Strebens. Allein es war ein Kampf im eigenen Heerlager; es war eine ähnliche Erscheinung wie in der französischen Revolution der Sieg der demokratischen Bergpartei über die Gironde, nur baß die Presbyterianer an Edelsinn und Großmuth jenen französischen Republikanern weit nadstanden, die Judependenten dagegen mehr Begeisterung und echtes Freiheitsgefühl in sich trugen, als die französischen Jakobiner. Diese Spaltung schwächte die Revolutionspartei und führte endlich zur Restauration der Königsmacht und des Episcopats, trop der warnenden Stimme Milton's, der noch wenige Wochen vor der Rückkehr Karls II., gleich einem blinden Seher, seinen Kassandraruf fruchtlos erschallen ließ. Ja, er wagte sogar zur Blütezeit der Stuart'schen Reaction, als er schon mit Einem Fuß im Grabe stand, noch einen Nothschrei zu erheben gegen die planmäßige Begünstigung des Papismus.

In diesen polemisch: kirchlichen Schriften gibt sich Milton als einen tief-religiösen Mann von echt-christlicher Gläubigkeit zu erkennen, dem die Worte der heiligen Schrift als der unzweifelhafte Wille Gottes erscheinen, und dem das Evangelium eine wahre Botschaft des Heils, ein Stecken und Stab für die Irrgänge des Lebens ist. Dabei unters scheidet er aber streng zwischen Inhalt und Form, zwischen dem göttlichen Kerne und der menschlichen Schale, zwischen Religion und Mirche. Während er die christliche Lehre als den festen, unwandelbaren Fels und Edstein der menschlichen Glückseligkeit ansieht, wil er die kirchliche Form ausschließlich der individuellen Wahl und dem freien Urtheil übers lassen wissen; und erkennt nur in dem vollständig-burchgeführten Freiwilligkeitsprincip den Sieg der christlichen Freiheit über den antichrists lichen Gesetzeszwang der römisch-katholischen Kirche.

Die zweite Gruppe bilden die Abhandlungen über die Ehe und die Vorschläge zu einer neuen Organisation des öffentlichen Erziehungswesens. In der erstern Schrift sucht Milton nachzuweisen, daß die Einseßung der Ehe nicht blos behufs ber Fortpflanzung, sondern zu

« ZurückWeiter »