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die Stimmen der Verächter classischer Studien immer lauter und allgemeiner erheben, wo selbst Vertreter des Volkes und der Gemeinden immer mehr den Gymnasien abhold und der Errichtung von sogenannten Realschulen geneigt werden. Nieb. Stimme wird um so weniger ungehört und unbeachtet verschallen, da es nicht einer der Schulmeister ist, welche natürlich ihr Wirken und Streben verfechten zu müssen glauben, sondern ein Mann, der in den höchstan Sphären des bürgerlichen Lebens, in finanziellen und diplomatischen Geschäften,

eben so grosse Achtung und Anerkennung sich erworben

hat als durch seine Wirksamkeit als Schriftsteller und academischer Lehrer glänzenden Ruhm. Daher war es ein guter Gedanke, dass Hr. Prof. Jacob in Pforta einen besondern Abdruck des Briefes herauszugeben unternahm und dadurch dessen weitere Verbreitung beförderte. Wenn er aber denselben vornehmlich in die Hände der deutschen Gymnasial – Jugend bringen wollte, so befürchten wir, dass diese Absicht durch das vorliegende Werk, welches durch die eigenen schätzbaren Zugaben des IIerausgebers zu einem ziemlichen Umfange erwachsen ist, nicht erreicht wird, wohl aber die Lehrer Gelegenheit erhalten durch genaue Bekanntschaft mit Niebuhr's Leben und philologischer Thätigkeit, mit den in dem Briefe niedergelegten Lehren und den an dieselbe sich knüpfenden Erörterungen Hrn. J. Stoff zu gewinnen, dessen Mittheilung an die ihnen anvertraute Jugend die Liebe zu den klassischen Studien befestigen und erhöhen wird. Der Brief selbst, hier S. 127 – 146 abgedruckt, als die erste Veranlassung der Schrift, hätte nach des Rec. Meinung grössere Sorgfalt verdient, als ihm hier zu Theil geworden ist. Denn es zeigt geringe Pietät gegen den Verstorbenen, wenn sein Werk nicht nur in orthographischen und grammatischen Kleinigkeiten vielfach verändert, nicht gerade verbessert ist, sondern wenn sogar Interpolationen und offenbare Unrichtigkeiten vorkommen. Zu den ersteren rechnen wir z. B. S. 127 Schulmann statt Schullehrer (war dieses etwa nicht fein genug?), S. 138. Z. 10. den Zusatz »begabt"; zu diesen gehört, wenn S. 133 steht „einen halben richtigen Begriff“ für „einen halb richtigen Begriff", S. 136 , ein reif durchgearbeiteter Verstand" statt „ein reifer durchgearbeiteter Verstand, endlich wenn S. 144 in den Worten „entwirf dir nie ein Argumentum" durch das zugesetzte nie grade das Gegentheil von dem gesagt wird, was Niebuhr bei

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Niebuhr's Brief bietet reichen Stoff zu mancherlei Betrachtungen; aber aus diesem Stoffe hat der Herausgeber mit kluger und lobenswerther Beschränkung nur Einzelnes herausgenommen und in den angehängten Anmerkungen und Zugaben theils ausführlicher theils kürzer behandelt. Der erste Excurs bezieht sich auf das Lateinschreiben, es ist der umfassendste (S. 149–175) und enthält nicht nur eine scharfe Polemik gegen die in neuester Zeit aufgetretenen Gegner (nur der jüngste, IIr. Neumann in Lübben und sein eifriger Vertheidiger in den Halleschen Jahrbüchern konnten noch nicht erwähnt werden), sondern auch eine weitere Ausführung und Begründung der von N. in Bezug auf die Gleichmässigkeit des Ausdrucks, auf die Verbindung des Denkens und Schreibens und auf den Gebrauch der Metaphern gemachten Bemerkungen, wobei der Vf, von ausgebreiteter Belesenheit und mannigfaltigem Wissen ein glänzendes Zeugnissablegt. Der zweite Excurs (S. 176–184) handelt „vom RömischRechtlichen auf Gymnasien“, unter welcher etwas unklaren Aufschrift der Vf. einen Plan mittheilt, die Gymnasiasten bei der Lectüre Ciceronianischer Reden genauer mit den Römischen Rechtsverhältnissen bekannt zu machen, als dies bei dem Geschichtsunterricht oder in besondern Lehrstunden über Antiquitäten zu geschehen pflegt. Der Plan ist wohl überlegt; Rec. aber zweifelt an dem erwarteten Nutzen, weil von den vorgeschlagenen Reden immer nur der geringste Theil öffentlich erklärt, die Mehrzahl den Privatstudien überlassen werden muss, ein Zusammenhang also in jene Kenntnisse doch nicht gebracht werden kann. Auch muss ja dieser Theil der Interpretation bei den Schülern, mit welchen Cicero's Reden gelesen zu werden pflegen, vor der grammatischen zurücktreten. Mögen daher immerhin Themata aus dem Bereiche der Staats- und Rechts – Alterthümer genommen von unsern Gymnasien fern bleiben; an Stoff zu Aufgaben wird es dem erfahrenen Lehrer nie fehlen, selbst wenn die Schirlitze und andere ihre Hülfsbücher, die keine Hülfe gewähren, nicht geschrieben hätten Dahin geht auch Hrn. J. Ansicht, in die wir von Herzen einstimmen.

(Der Beschluss folgt.)

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VERMISCHTE SCHRIFTEN.

LEIPzIG, b. Vogel: Barthold Georg Niebuhr's Brief an einen jungen Philologen. Von Dr. Karl Georg Jacob u. s. w. ( B es c h lus s von Nr. 49.)

De dritte Anmerkung bezieht sich auf die Satiren des Horaz (S. 185 – 188), von denen M. behauptet, dass wer sie zu lesen verstehe, sie mit Wehmuth lese; dass sie nicht wohlthätig wirken könnten wegen der niedrigen Ansicht, zu welcher der Dichter sich herabstimme, wegen der erbärmlichen Moral, die er predige, wegen des mangelnden Sinnes für Tugend. In seinen Gegenbemerkungen begnügt sich Hr. J. die abweichenden Urtheile von Kirchner und von dem trefflichen Jacobs anzuführen, aber er hätte auch erwähnen können, dass NV's. hartes Urtheil in Bezug auf die Moral gradezu auf einem Verkennen des in jenen Gedichten herrschenden Humors und auf einem argen Missverständnisse beruhe. Denn wenn er behauptet, Horazerkläre das Heilsame (um den günstigsten Ausdruck zu wählen) für die Quelle des Begriffs von Recht, so konnte er nur an Sat. I, 3 96 fgg. denken: Quis paria esse fere placuit peccata, laborant, Cumn ventum ad verum est: sensus moresque repugnant Atque ipsa utilitas, iusti prope mater et aequi. Aber abgesehen von dem mildernden prope, so lehrt der Zusammenhang, dass der Dichter um die Stoischen Grundsätze stärker zu verspotten, ihnen die Epikureischen Lehren und die mit denselben übereinstimmenden Römischen Grundsätze gegenüberstellt, nach denen allerdings das positive Recht auf den praktischen Nutzen sich gründet. Aber solche Stellen dürfen nicht zur Beurtheilung der Gesinnung des Dichtersgemissbraucht werden. Darum dürfen wir uns nicht abschrecken lassen, ausgewählte Satiren in den Kreis der Gymnasien zu ziehen, von denen viele zur Beurtheilung des Horazischen Characters und seiner Zeit unschätzbare Beiträge liefern und durch Präcision der Ergänz. Bl, zur A. L. Z. 1840.

Darstellung und sorgfältige Wahl des Ausdrucks vor manchen andern seiner spätern Werke sich auszeichnen. Die vierte Zugabe (S. 189–208) trägt die Aufschrift „Demosthenes und Cicero" und giebt zunächst eine Zusammenstellung der in Niebuhrs Schriften über Demosthenes sich findenden Urtheile mit steter Berücksichtigung der öffentlichen Verhältnisse im Jahre 1806, welche ihn zur Uebersetzung der ersten Philippischen Rede veranlassten, und dann eine ähnliche Arbeit in Bezug auf Cicero. Es ist nämlich in jüngster Zeit Mode geworden, Cicero's Vortrefflichkeit als Bürger, Staatsmann und Sti– list herabzusetzen; Hr. J. unternimmt eine Apologie des grossen Römers nach jenen drei Richtungen hin mit dem besten Erfolge. Th. Mundt's unreifes Urtheil wird kein Philolog berücksichtigen wollen; eher hätten wir gewünscht, der Vf, wäre ausführlicher auf eine Beurtheilung der Ansicht von Bale eingegangen, der mit treffender Beziehung auf die in dem Tacitinischen Dialogus de oratoribus über die Reden sich findendenUrtheile und mit genauer Berücksichtigung der Geschichte Römischer Beredtsamkeit die hohe Bewunderung herabzustimmen bemüht ist, welche man gewöhnlich den Reden schenkt, ohne dabei die Vollendung der Form in den dialogisirten Schriften oder den Briefen zu verkennen. Darin steht auch Bake mit seinem besonnenen Urtheile nicht allein; man nehme nur das Urtheil eines der competentesten Richter in dieser Sache hinzu, Madvigs nämlich, der Opusc. Acad. p. 192 sagt: Qui si totum Ciceronis scribendi genus libere considerassent, nossent, multa Romanis oratoria visa esse, quae nobis declamatoria videantur, flumen ornatorum verborum, si logicorum severitas adhibcatur, turbidum saepe reperiri, argumenta multa et enthymemata ct valde infirma poni et eadem allis atque aliis verbis repeti u. s. w. Was den Character Ciceros betrifft, so ist bekanntlich Drumann als scharfer, aber auch

wohl harter und unbilliger Beurtheiler aufgetreten, ohD dd

schon eine eigentliche Biographie Cicero'svon ihm noch nicht erschienen ist. Gegen ihn sind bereits Stimmen laut geworden, auch Hr. J. hatte seine abweichende Meinung in einer Beurtheilung des Drumannschen Werkes niedergelegt. Das dort Gesagte ist hier wiederholt und hauptsächlich drei Punkte besprochen; der unselige Brief an Luccejus (über den auf Schneider's Programm zu verweisen war), die überall hervortretende Eitelkeit und Ruhmredigkeit, endlich die „unsittliche" Freude über Caesars Ermordung und das Benehmen gegen Antonius. Der Brief wird gerechtfertigt durch die Lage, in welcher sich Cicero befand; jedoch ist hier nicht genug hervorgehoben, dass Cicero kurz vorher aus dem Exil zurückgerufen war und in seiner übermässigen Freude über die unerwartete Errettung wohl die rechte Besinnung verloren haben mochte; denn dass der Brief nicht zur Veröffentlichung bestimmt gewesen sey, rechtfertigt noch nicht die an Luccejus gestellte Forderung. Besser ist die Apologie der Ruhmredigkeit gelungen, aber auch da sind einzelne Momente zur Beurtheilung dieser Frage vernachlässigt. Cicero's Begriff von gloria musste erläutert, seine schwierige Stellung unter vielen, die durch kriegerischen Ruhm hervorleuchteten, berücksichtigt und vorzüglich auch bedacht werden, dass jene Worte ursprünglich gesprochen und zu verschiedenen Zeiten vor einer Volksmenge gesprochen waren, welche unter der Masse immer neuer und wichtiger Ereignisse des frü– heren Verdienstes leicht vergessen konnte. Selbst das eigene, offenherzige Geständniss über diese Schwäche Epist. ad. Attic. II, 17, 2. ist unbeachtet geblieben. Erwünscht ist endlich auch die fünfte Zugabe, die memoria Niebuhrii, welche der würdige AWitzsch im Namen der Kieler Universität geschrieben, die aber das allgemeine Loos so vieler akademischen Gelegenheitsschriften, nur wenig bekannt geworden zu seyn, bisher get heilt hat. Hiemit gelangen wir zu der Abhandlung, in welcher Hr. Jac. mit treuer Benutzung der vorhandenen Materialien Niebuhr in seiner philologischen Wirksamkeit geschildert hat. Zwar ist dieselbe vor dem Erscheinen des dritten Theiles der Lebensnachrichten geschrieben; die dort sich findenden Briefe gerade aus der Zeit, in welcher jene Wirksamkeit am grössten war, die Beiträge der Freunde, namentlich Savigny's sind nicht benutzt worden; jedoch ist nur Unwesentliches von Hrn. J. unberücksichtigt geblieben, nichts Wichtiges übersehen, was zur Characteristik MW's. des Philologen dienen kann. Seine Erziehung

(wobei des persönlichen Einflusses von J. H. Voss mit

Benutzung der Lebensnachrichten I. S. 17. u. 36 gedacht werden musste), sein Aufenthalt in Kiel, die Reise nach England, vor allem aber die mit dem Leben in Berlin beginnende schriftstellerische Thätigkeit und deren Fortsetzung während des Aufenthalts in Italien und auf der Rückreise (Merobaudes), endlich die Vorlesungen an der Bonner Universität, die wiederholten Bearbeitungen der Römischen Geschichte, die Begründung des Rheinischen Museums, die Unternehmung des Corpus scriptorum Byzantinorum bilden die Abschnitte. Auch der persönlichen Beziehungen zu Lehrern, Freunden, Amtsgenossen, so weit dieselben auf W's. philologische Studien Einfluss hatten, ist gedacht worden. Die Urtheile sind meist

fremde und die Auctoritäten überall gewissenhaft an

geführt. Nur einzelne Bemerkungen mögen am Schlusse dieser Anzeige dem Vf. bezeugen, welchc Aufmerksamkeit Rec. seiner Abhandlung geschenkt hat. S. 6. muss es Büsch heissen st. Busch. Die S. 7. aufgestellten Bedenken wegen der von N. in Kiel gehörten juristischen Vorlesungen hat jetzt v. Savig

ny in den L. N. Bd. III. S. 356. gehoben. S. 8 sind die Nachrichten über die Verhältnisse Niebuhrs in

Kopenhagen nicht ganz genau; zunächst hatte N. seine Universitätsstudien noch nicht vollendet, als er die Stelle bei dem Grafen Schimmelmann annahm, vielmehr beklagt er öfter diese Unterbrechung, vgl. L.

N. I. S. 37. Dann verband er mit jenem Amte die

Stelle eines supernumerären Secretairs an der könig

lichen Bibliothek erst im August 1796, und übernahm die letztere allein im Sommer 1797; S. 16. heisst N. Braut Amalie Behrendst. Behrens; S. 17. wird er

zählt, er habe einen Neffen des Grafen Schimmel

mann einige Stunden im Griechischen und Lateinschen gegeben, dagegen erzählen die L. N. I. S. 277. dass er ausser jenem noch zwei andere junge Leute in historischen und philologischen Gegenständen unterrichtet habe. S. 36. konnte erwähnt werden, dass M. im October 1812 auch Vorlesungen über Römische Alterthümer begonnen habe. S. 98. steht fälschlich,

dass sich M., nachdem er seinen Aufenthalt in Bonn

genommen, den öffentlichen Angelegenheiten ganz

entzogen habe; aber er nahm im Winter 182/25 an den Sitzungen des Staatsrathes mit dem lebendigsten Interesse, obgleich nicht zu seiner Zufriedenheit, Antheil. S. 99. musste unter den in Bonn gehaltenen Vorlesungen die über die Geschichte der Griechen seit der Schlacht bei Chäronea bis zur Zerstörung Korinths erwähnt werden. S. 100. die Preisaufgabe über das Leben des Perizonius wurde nicht 1828, sondern 1826 gegeben, in jenem Jahre jedoch die Preisschrift Kramers gedruckt. S. 114. werden jetzt noch andere Motive zur Bearbeitung der Byzantiner aus den Briefen des 3. Bdes. , besonders S. 188. nachgetragen werden können. S. 129. kann bei Charisius auf einen andern jetzt in Lindemanns Vorrede gedruckten Brief M's. verwiesen werden. Jedermann wird hieraus erkennen, dass nichts Wesentliches an dieser Darstellung vermisst wird; es bleibt ihr das unbestrittene Verdienst der Genauigkeit und Sorgfalt. Weniger können wir diese von der Correctur rühmen, und wie schon bisher mancher Tadel auf Rechnung des Correctors kommt, so treffen diesen allein noch viele andere Fehler, von denen Rec. nur einige anführt. S. 19. Z. 12. wachsende st. wachsender (vgl. S. 189. u. L. N. I. S. 281.) S. 27. Z. 17. er statt ich u. Z. 19. ich statt er, S. 36. Z. 17. ist ausgefallen ,, der Völker des Alterthums", S. 70. Becker st. BekJer, S. 81. seiner st. seine S. 85. Tulio st. Tullio, S. 119. Herren st. Heroen, auch dürfte wohl S. 28. u. 62. der berühmte Jurist richtiger Bluhme als Blume geschrieben werden. Der Druck ist gross und deutlich, das Papier etwas grau. F. A. E.

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HEchINGEN, b. Ribler: Carl Gustav Jochmann's, von Pernau, Reliquien. Aus seinen nachgelassenen Papieren. Gesammelt von Heinrich Zscholle. Erster Band. 1836. VI u. 338 S. Zweiter Band. 1837.327 S. 8. (2 Rthlr. 8 gGr.)

War auch bisher Jochmann's Name dem deutschen

Lesepublikum nur wenig bekannt, so sind doch schon

früher mehrere seiner Geisteserzeugnisse demselben mittelst Druckes übergeben worden. H. Zschokke macht deren einige namhaft, bei deren Herausgabe jedoch, wie er bemerkt, ein hoher Grad von Bescheidenheit den Vf. bewogen habe, die strengste Anonymität zu bewahren. Nunmehr aber ist der Mann todt und der Testaments – Erbe seines litterarischen Nach– lasses veröffentlicht, in vorliegenden zwei Bänden, denjenigen Theil davon, der, seines Dafürhaltens, vom allgemeinsten Interesse seyn dürfte. Wir können der von ihm getroffenen Auswahl nur unsern Beifall ertheilen; denn in der That begegneten wir in der gan– zen Sammlung kaum einer längern oder kürzern Abhandlung, oder auch nur einem Fragmente, das uns nicht angesprochen hätte. Bevor wir jedoch mit dem Inhalte dieser Sammlung die Leser dieser Blätter näher bekannt machen, mögen ein paar Worte über Js. per

sönliche Verhältnisse und Bestrebungen hier noch eine Stelle finden; der Herausgeber giebt uns darüber folgende Auskunft. J., ein geborner Liefländer, bildete sich auf deutschen Hochschulen, – Leipzig, Göttingen und Heidelberg, für seinen künftigen Beruf aus, den er als Rechtsanwalt in Riga antrat. Dort setzten ihn aber, innerhalb acht oder neun Jahren etwa, die Früchte eines angestrengten und glücklichen Fleisses in den Stand, sich seiner Neigung zur Unabhängigkeit hinzugeben; und so verliess er denn, noch vor erreichtem dreissigsten Lebensjahre, – 1819 – sein Vaterland, um nie wieder dahin zurückzukehren. Indessen war ihm eine nicht gar lange irdische Laufbahn beschieden. Er starb nämlich bereits im J. 1830 zu Naumburg, auf der Reise nach Köthen zum Dr. Hahnemann, dessen ärztliche Hülfe er, bei einer schon seit Jahren schwankenden Gesundheit, anzurufen beabsichtigte. Die Zwischenzeit hatte J. grösstentheils im südlichen Deutschland, meistens abwechselnd zu Carlsruh und Baden-Baden, zugebracht. Doch waren ihm auch andere Länder nicht fremd: England hatte er schon 1812 besucht und daselbst ein volles Jahr verweilt; nach Frankreich und der Schweiz aber machte er Reisen von Deutschland aus und verlebte zu Paris im Umgange mit Schlabrendorf, Oelsner, Stapfer und andern zeitgenossischen Notabilitäten herrliche Tage. Mehrere auch für die Geschichte interessante Notizen, welche die Sammlung enthält, verdankt J. den Mittheilungen dieser Männer. Betrat J. Deutschland's Boden, um daselbst sein Leben zu beschliessen, gerade zu der Epoche, wo Kotzebue's Ermordung noch alle Gemüther mit den heftigsten, wiewohl sehr verschiedenartigen, Eindrücken erfüllte; so veranlasst uns dieser Umstand um so mehr, zuerst seine Ansicht über diesen Vorfall zu vernehmen, als sich dabei ganz besonders seine persönliche Sinnesart, wie auch zugleich seine moralischen und politischen Strebnisse kund geben. In einem Schreiben an einen seiner rigischen Freunde nun äussert er sich deshalb unter andern, wie folgt: Keine Frage, erzählt er, sey so oft an ihn gerichtet worden, als die, wie man die Nachricht von jener Katastrophe in Russland aufgenommen; immer aber sey diese Frage mit einem so lauernden, lächelnden Winkegethan worden, als denke man ihm ein recht widerliches Thema mit Posaunenbegleitung vorzuspielen. Es setze aber, fährt er fort, sehr falsche Vorstellungen von seinem Vaterlande und dessen Bewohnern voraus, wenn man glaube, des Kotzebue werde dort nur mit dem tiefsten Schmerze der innigsten Theilnahme, des Sand dagegen mit Abscheu und mit blutdürstiger Rachsucht gedacht, in der unglücklichen That selbst nur der erste Schlag einer ausgebreiteten Verschwörung und, überhaupt, in dem ganzen Vorfalle eine Staatssache erkannt. „Solche Gefühle sind vielmehr nur an den deutschen Höfen und bei den deutschen Miethgelehrten zu Hause..." Aus diesen Aeusserungen schon ergiebt sich J's. mildere Ansicht von der Sache. Nichts desto weniger ist derselbe weit entfernt, dem Gedanken, den, wie er bemerkt, zu jener Epoche wohl Manche hegten, auch nur einen Augenblick Raum zu geben, es sey möglich, Sand's Leben vor dem Richterstuhle zu retten. „Der Richter, sagt er, der (und ich denke, der Gewissenhafte kann nicht anders) keine Stimme hört, als die des Gesetzes; der die That und die Motive des Thäters, das geraubte Menschenleben und nicht den Abscheu, den der Besitzer desselben einflösst, berücksichtigt; ich denke, er kann und darf für Sand kein Urtheil haben, als ein – Todesurtheil." Kotzebue selber steht bei ihm eben nicht sehr hoch. Man muss bekennen, sagt er in dem Betreff, dass der selige Herr Etatsrath sein Lebelang ein Glückskind gewesen ist, das nicht einmal einen schlechten Streich begehen, dem nicht einmal ein übles Ereigniss begegnen konnte, ohne zu seinem Glück, (ich möchte lieber sagen zu seiner Fortüne) beizutragen. In einem Verrathe an dem häuslichen Glücke seines ersten Gönners findet er festen Fuss zu dem ersten Schritte auf einer unerwartet glücklichen Laufbahn. Katharine lässt ihn für ein Pasquill züchtigen und der Unfall macht seinen Namen zuerst, und nicht weniger, als sein „Menschenhass und Reue" bekannt. Er behandelt seine ersten Weiber schlecht, und immer liebenswürdigere fliegen ihm zu, und seine empfindsame schlaffe Moral wirkt auf das ganze zarte Geschlecht, wie der Gifthauch der Schlange auf die kleinen Vögel, indem er sie alle in ihren Rachen zieht. Man lässt ihm eine Spazierfahrt nach Sibirien machen, um ihn mit Auszeichnungen und Reichthum zu überhäufen. Der Hass Mapoleon's vermehrt die Gunst der Grossen und seine Popularität. Endlich, da er alles genossen hat, was Eitelkeit und Sinne zu befriedigen vermag, lässt er es sich einfallen, eine grosse bewegte Zeit mit seinem Hohne abkühlen zu wollen; – und ein unbekannter Jüngling opfert alle Wünsche und Hoffnungen, zerreisst alle Bande, die das jugendliche Herz so mächtig an das Leben fesseln, um ihm die nie erlassene

Schuld der Natur schnell und schmerzlos bezahlen zu lassen, ihm alle Schwächen und den Ueberdruss# hinfälligen Alters zu ersparen, ihn der Beschimpfüng eines täglich wachsenden Volkshasses zu entreissen und seiner schriftstellerischen Celebrität eine welthistorische beizufügen." – Stourdza und seine bekannte Schrift kommen fast noch schlimmer weg. Zur Entschuldigung dieser Schrift gab deren Verfasser bekanntlich vor, dem Kaiser Alexander sey in Aachen eine Unzahl gleichartiger Denkschriften deutscher Verfasser überreicht gewesen. Da nun aber diesem Monarchen die Sachen zu wichtig erschienen, um sie den übrigen Fürsten nicht mitzutheilen, so habe er, Stourdza, den Auftrag erhalten, die wichtigsten Behauptungen dieser vielen Eingaben in einer Denkschrift zusammenzustellen. „Wie dem aber auch seyn mag, bemerkt hierzu J., und angenommen, jedes Wort des. Hrn. v. Stourdzu sey buchstäblich wahr, so scheint mir doch die Vertheidigung oder Entschuldigung, die. seine Aeusserungen enthalten sollen, eine der lahmsten zu seyn, die es jemals gegeben hat, und Zweifel zu veranlassen, die unter seinen Voraussetzungen durchaus unauflöslich sind. War er wirklich nur der Zusammensteller, der Referent fremder Meinungen, wie mochte es ihm denn einfallen,... bei Abfassung derselben in jeder Zeile seine Autorität so zudringlich vorzuschieben, als offenbar geschehen ist, fremde Meinungen vollkommen in dem Tone eigner Ueberzeugung vorzutragen, und über das Ganze diese mystisch – devote Salbung auszugiessen, die seine Persönlichkeit so deutlich beurkundet? – Oder, wenn er nun einmal der kleinlichen Eitelkeit, diese Giftblumen auf den eignen Acker zu verpflanzen, nicht Herr werden konnte, geboten nicht, nachdem diese geistige Nachteule, von der Sonne der Publicität überrascht, zum Gespötte Aller geworden war, Pflicht und Klugheit das consequenteste Beharren auf der begonnenen Bahn? Durfte er hoffen, die Eitelkeit, die er sich zuSchulden kommen lassen, durch eine Thorheit wieder gut zu machen, und musste er dic Geheimnisse des Congresses, die Befehle seiner Regierung, aufdecken, um seine eigne werthe Person zu salviren?... Diese alberne Geschichte hat , gleich den Thaten und Meinungen des Hrn. v. Kotzebue, bedeutend zur Verstärkung des Argwohnes beigetragen, den man in Deutschland gegen behauptete Eroberungspläne und gegen alle russische Agenten (insbesondere diejenigen, die durch Abstammung und Muttersprache dem deutschen Volke angehören) hegt...“

(Der Beschluss folgt.)

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