Abbildungen der Seite
PDF
EPUB

späte Zeit gesetzt; selbst von dem Evangelium Johannis wird bei aller sonstigen Unentschiedenheit des Urtheils doch so viel als gewiss angenommen, dass es zu den Begebenheiten in beträchtlicher Ferne des Orts wie der Zeit stehe. In Folge dessen wird dann auch an einer sagenhaften, mythischen Beschaffenheit des Inhalts nicht gezweifelt. Namentlich wird dieser Charakter für die Geschichte der Kindheit und Jugend Jesu in Anspruch genommen, wobei jedoch die Erzählung von seiner ersten Reise nach Jerusalem im 12ten Lebensjahre als historisch stehen bieibt. Ob jene Geschichte überhaupt einen historischen Grund und Boden habe, der nur von der späteren Sage mannichfach überbaut und umgewandelt worden oder ob sie als freie Dichtung aus weitverbreiteten Zeitideen entstanden sey, wird nirgends ausdrücklich gesagt; doch scheint die Meinung des Vfs. sich der letzteren Ansicht zuzuneigen. Vgl. Matth. S. 18. 19. Luc. S. 12. 20. Klarer drückt er sich über die Erzählung von der Versuchung Christi aus, bei welcher er nicht nur die mythische Auffassung für dic natürlichste erklärt, sondern sich auch sogleich noch weiter dahin auslässt, dass er unter Mythus eine freie aus Zcitideen erwachsene Sage wolle verstanden wissen (Matth. S. 42); was nur wieder dadurch einige Ungewissheit gewinnt, dass nach der Schlussbetrachtung zum Johannes S. 220 Sagen nicht leicht aus blossen Ideen zusammengewoben werden, sondern gewöhnlich geschichtliche Veranlassungen haben. Das Verhältniss Johannes des Täufers zu Jesu, die Berufung der Apostel, die Wunder Jesu werden zwar als historisch betrachtet, aber doch so , dass zugleich ein alterirender Einfluss der Sage dabei angenommen wird. Eben so wird die Auferstehung als historisches Factum zugegeben, aber als ein solches, das nach seinen einzelnen Umständen in unauflösliches Dunkel gehüllt sey. Verklärung und Himmelfahrt bleiben als problematisch dahingestellt, erstere jedoch mit Hindeutung auf die Vorzüge einer rein mythischen Erklärung. Die Thatsachen des Leidens und Sterbens Jesu » wie die Darstellung seines sittlichen Charakters werden im Ganzen und Allgemeinen als hin1änglich gesichert angesehen; desgleichen die Reden Jesu, besonders bei den Synoptikern. Auch die vom Johannes überlieferten werden ihrem Kerne nach für echt gehalten, jedoch mit der Annahme, dass bei ih– rer Gestaltung und Ausführung die Subjectivität des Berichterstatter °" merklichen Einfluss geübt habe. Da indessen die Untersuchungen über die Zeit der

Abfassung der Evangelien keinesweges als geschlos-. sen betrachtet werden, vielmehr die Möglichkeit eines andern Ergebnisses der Kritik als des hier vorausgesetzten im Hintergrunde bleibt: so geht auch

- das Urtheil über den Charakter des geschichtlichen.

Inhalts oft nicht weiter, als dass historische und mythische Auffassung neben einander gestellt werden, die Entscheidung aber, welche von beiden allein an-, nehmbar sey, in suspens0 gelassen wird.

Wir haben gegen diese ganze Verfahrungs-Weise nichts Erhebliches einzuwenden. Doch erscheint es uns als ein sichtbarer Mangel, dass die Begriffe von Mythus und Sage nirgends recht scharf und bestimmt erörtert sind und auch in der Anwendung viel Dunkles und Schwankendes behalten. Wie bereits angeführt, wird Mythus allerdings einmal ausdrücklich, als die aus freien Zeitideen erwachsene Sage definirt. Allein wenn hier der Mythus als eine species der Sage auftritt; so scheinen S. 216 der Schlussbetrachtung in einer Anmerkung beide Begriffe wieder ganz identificirt zu werden. In derselben Anmerkung wird ein wesentlicher Unterschied darin gefunden, ob man sich den Mythus als reine Erdichtung oder als ein durch Idee und Phantasie erweitertes und verherrlichtes Geschichtliches vorstelle. Dennoch wird es weder im Allgemeinen noch in den besondern einzelnen Fällen klar, welcher Vorstellung der Vf, beitreten will. Nach der angeführten Definition ist ihm der Mythus freie Dichtung; nach einer andern auch schon erwähnten Aeusserung dagegen sollen Sagen nicht leicht, also höchstens nur in seltenen Ausnahmen, aus blossen Ideen zusammen gewoben werden. . Was aber die einzelnen Fälle betrifft, wo der Begriff des Mythus zur Anwendung kommt: So ist darüber ebenfalls oben bemerkt, wie wenig sich unterscheiden lässt, ob dieselben nur als Dichtungen oder als verherrlichte Geschichte sollen angesehen werden. Vielleicht lässt sich am ehesten aus der Verwicklung kommen, wenn man von vorne herein gerade Sage und Mythus dergestalt unterscheidet, dass man jene, die Sage, als verherrlichte Geschichte oder genauer als eine Geschichte fasst, die sich im Munde derjenigen, welche sie überliefern und unter den Einflüssen ihrer Subjectivität allmälig in Dichtung verwandelt; den Mythus dagegen als eine dichterische Darstellung übersinnlicher Anschauungen und Ideen, welche im Fortgange der Tradition für gläubige Hörer den Charakter der Geschichte annimmt.

C Der Beschluss folgt.)

[graphic]
[graphic]
[graphic]

E R GÄN ZU N GS B LÄT T ER

ZUR

ALLGEMEINEN LITERATUR - zEITUNG

April 1840.

- BIBLISCHE LITERATUR.

LEIpzig, in d. Weidmann. Buchh.: Kurz gefasstes exegetisches Handbuch zum Neuen Testamente, von Dr. W. M. L. de Wette u. s. w.

( Beschluss von Nr. 29. )

Zur näheren Erörterung diene Folgendes. Jede Geschichtserzählung, sobald sie mehr seyn will als eine chronikartige Aufzählung der Begebenheiten sieht sich genöthigt in das Gebiet der Dichtung, namentlich der epischen und dramatischen Dichtung, überzugreifen. Es wird eine dichterische Thätigkeit erfordert um das Geschehene in lebendiger Gestaltung nach dem Charakter der handelnden Personen, nach Zeit, Ort, Umständen und Veranlassungen wiederzugeben; und dabei wird immer die Subjectivität des Erzählers von nicht geringer Bedeutung seyn. Auch wenn er Augenzeuge des Geschehenen war, wird er doch nur dasjenige mit ganzer Treue wiedergeben, was ihm als das Wesentlichste und Merkwürdigste darin erschien, was daher am tiefsten in seinem Gedächtniss haftet und bei der Reproduction der früheren Anschauung den Mittelpunkt bildet, um welchen sich dieselbe in der Erinnerung herstellt. Die übrigen Einzelnheiten wird er dagegen bald mit mehr bald mit weniger Nachlässigkeit und Freiheit behandeln. Z. B. es ist jemand zugegen gewesen, da von einem Andern ein frappantes Wort gesprochen ward. Dies Wort hat ihn überrascht und sich dadurch seinem Geiste ganz unauslöschlich eingeprägt. So wird er es auch in unverfälschter, ja in unveränderter Gestalt weiter verbreiten. Allein die äussern Umstände, unter denen das Wort gesprochen, der bestimmte Anlass, durch den es hervorgerufen wurde, das Alles hat nur einen untergeordneten Eindruck auf ihn gemacht; es ist ihm nachmals weniger erinnerlich, es erscheint ihm auch zu gleichgültig, als dass er sich Mühe geben sollte, sich genauer darauf zu besinnen. Er giebt es daher nur in allgemeinen Umrissen oder nach Einfall und Ergänz. Bl. zur A. L. Z. 1840.

Laune des Augenblicks an. Auf ähnliche Weise wird ein ander Mal die That mit ihren äussern Umständen als vorzüglich wichtig mit aller Treue, das dabei mündlich Verhandelte aber als unwichtig mit grosser Nachlässigkeit überliefert werden. Derselbe Process erneuert sich bei weiterer Fortpflanzung von Mund zu Mund. Jeder Hörer, indem er das Gehörte wieder berichtet, nimmt sich dieselbe Freiheit wie der erste Erzähler, und so wird der historische Kern immer kleiner, die dichterische Hülle immer umfangreicher. - Ja, wenn die Ueberlieferung nur im Interesse müssiger Unterhaltung geschieht oder wenn gar absichtliche Entstellung unterläuft, wie dies bei den gewöhnlichen Tagesgeschichten der Fall zu seyn pflegt, so kann leicht der Kern zuletzt ganz schwinden und nur die Hülle bleiben. Dagegen wo die Ueberlieferung von einem höheren Interesse ausging und in demselben weiter geführt wurde, wo daher fortwährend die Aufmerksamkeit auf das wirklich Bedeutsame in dem Ueberlieferten gerichtet bleibt, da wird dieses auch unter den mannigfaltigsten Formen der Erzählung jederzeit das Hervorstechende bleiben und die dichterische Zuthat sich nur am äussersten Rande ansetzen können. Uebrigens sieht man leicht, wie es auf einem solchen Wege dahin kommen kann, dass zuletzt von einer und derselben Geschichte mehrere Relationen umlaufen, welche alle nur in gewissen Hauptpunkten zusammenstimmen; in den Nebenpartieen aber vielleicht dermassen von einander abweichen, dass man irre wird, ob man in ihnen wirklich nur dieselbe Geschichte oder ganz verschiedene vor sich habe. Andererseits kann sich auch der entgegengesetzte Fall ereignen, dass, wenn zu gleicher Zeit mehrere Erzählungen ähnlichen Inhalts im Umlauf sind, diese unter sich vermischt und verwechselt und so nicht nur die verschiedenen Zeiten im Leben eines und desselben Menschen, sondern auch die Thaten und Schicksale verschiedener Personen, die vielleicht durch lange Jahrhunderte von einander geGg

235

trennt waren, in einander geworfen werden. so jedoch wird sich der ursprüngliche historische Charakter der Sage geltend machen, um so mehr, je mehr sie in wahrem Interesse an ihrem wesentlichen Gehalte fortgeführt wird; denn hierdurch wird alle Willkür in der Aufnahme an sich fremdartiger Bestandtheile ausgeschlossen. Es wird davon alsdann immer nur dasjenige aufgenommen, was wirklich mit den zu überliefernden Begebenheiten in einer Verwandtschaft steht, und wenn es auch eigentlich nicht dazu gehört, doch kein falsches Licht auf dieselben wirft, sondern nur dazu dient, sie noch deutlicher in ihrem wahren Charakter hervortreten zu lassen. Der Mythus dagegen, vornehmlich wie er in den Mythologieen der Völker erscheint, hat ursprünglich gar kein historisches Fundament. Er ist, wie gesagt, freie Dichtung, Bild, Gleichniss, Allegorie, Personification, darin das allgemeine Naturleben, sittliche Zustände und Wirkungen, religiöse Ucberzeugungen und Hoffnungen, Ergebnisse philosophischer Forschung nach der Weise sinnlich wahrnehmbarer Verhältnisse und Ereignisse dargestellt werden. In dieser Gestalt kann er ausgehen von einzelnen geistreichen Köpfen, welche über die Masse hervorragen und dieser die Produkte ihrer Phantasie durch Rede und Schrift mittheilen. Er kann aber auch in der Masse des Volks selbst hie und da zufällig auftauchen, und durch gegenseitigen Austausch der Gedanken erst allmälig Ausbildung und feste Gestalt gewinnen. Dabei mag anfangs immer ein mehr oder weniger deutliches Bewusstseyn von dem Sinne solcher Dichtungen, so wie von dem Unterschied der sinnlichen Vorstellung und der zu Gründe liegenden höheren Wahrheit vorhanden seyn. Aber bald verdunkelt sich dies bei weiterer Verbreitung; um so schneller, je mehr die Empfangenden noch auf der Stufe jenes kindlichen Glaubens stehen, der gleich Alles, was nur den Schein der Geschichte hat, für wirkliche Thatsache, wahres Ereigniss nimmt. Damit fällt dann auch sofort der Mythus dem Gebiet der Sage zu und erfährt in der Ueberlieferung gleiche Verwandlung wie diese. Er wird an sich nach subjectiven Ansichten und Gefühlen umgestaltet; ein Mythus verschmilzt mit dem andern; Mythen weben sich in die historischen Sagen ein, die ihrem Sinne entsprechen oder mit denen sie auch nur eine äussere Aehnlichkeit und Verwandtschaft haben, und was die erste freie Dichtung gewollt, ist hernach vielleicht nur mit grosser Mühe, vielleicht gar nicht, wenigstens nicht mit Sicherheit zu ermittclu. Es lässt sich

ERG ÄNZUNGSBLÄTTER ZUR A. L. Z.

Auch

stimmen.

[ocr errors]

allerdings zweifeln, ob es gerathen sey, Mythus und Sage so zu scheiden, wie hier geschicht, da sprachlich beide Wörter so genau in ihrer Bedeutung zusammen-. Aber wenn man auch den bezeichneten Unterschied nicht mit diesen beiden Wörtern charakterisiren möchte; wenn man es vorzöge, andere Namen dafür zu erfinden: der Unterschied selbst besteht und fordert Anerkennung, wenn man sich auf diesem Gebiete vollkommen verständigen und alles verworrenc Reden vermeiden will. Die Behandlung der evangelischen Geschichte wird namentlich an Klarheit gewinnen, wenn man versucht, die Partieen, bei welchen nur cin Einfluss der Sage stattgefunden hat, von denen zu sondern, die man wirklich für mythisch oder mit mythischen Elementen verwebt meint halten zu müssen. Je bestimmter überhaupt der Begriff ist, den man sich von Sage und Mythus macht; je anschaulicher man sich die Genesis beider zu vergegenwärtigen sucht: desto leichter wird es auch werden, die Kriterien aufzufinden, nach welchen sich entscheiden lässt, ob eine Erzählung als sagenhaft oder mythisch anzusehen sey; desto eher wird sich desgleichen bestimmen lassen, wie viel historische Wahrheit sagenhaften oder mythischen Erzählungen zuzuschreiben sey. Uns scheint die Wahrheit der evangelischen Geschichte auch dann noch nicht im Wesentlichen gefährdet, wenn schon in ihr mythische sowohl als sagenhafte Bestandtheile nachgewiesen werden: sobald nur sich dabei zugleich zeigt, eines Theils, dass die Sage keine wesentliche Thatsache dieser Geschichte aufhebt und entstellt, sondern ihren Einfluss nur auf minder erhebliche Neben-Umstände erstreckt; andern Theils, dass der Mythus, der sich an diese Geschichte schmiegt, nicht als eine willkürliche und zufällige Ausschmückung derselben zu betrachten ist, sondern nur daher seine Entstehung hat, dass sich hier wirklich auf eine übersinnliche Weise realisirt hat, was er in sinnlicher Weise auszudrücken und abzubilden sucht. Ja, bei weitem weniger scheint die Wahrheit der evangelischen Geschichte uns bei einer solchen Behandlung gefährdet als bei jener s.g.matürlichen Erklärung, welche mit dem Leben Jesu Christi alle höhere Bedeutsamkeit verbannt und ganz in den Kreis der Alltäglichkeit herunterzieht. Erst wenn man auf dem Wege der historischen Kritik zu dem Resultate kommt, dass die Geschichte Jesu Christi ihrem wesentlichen Inhalte nach durchaus Mythus oder nichts weiter als eine sinnreiche Dichtung sey, darin ganz allgemeine Ideen als in einer bestimmten Zeit verwirklicht vorgestellt werden,

[graphic]

während dieselben sich in Wahrheit nie verwirklicht haben oder durch alle Zeiten hindurch verwirklichen:

erst dann ist es gewiss mit der Wahrheit der evange

lischen Geschichte aus, und wir haben an derselben nichts mehr und weiter als etwa unsere heidnischen Vorfahren an ihren Sagen von Thor und Wodan , als Griechen und Römer, Perser und Hindus an den Gesängen ihrer Dichter von Göttern und Helden hatten; schöne Träume vielleicht, deren Schönheit aber nicht für ihre Luftigkeit entschädigen würde, und bei denen es immer ein Räthsel bliebe, woher Christenthum und Christenheit ihren Ursprung genommen haben. Von HIn. Dr. de Wette lässt sich nicht sagen, dass seine Kritik sich auf diesem gefährlichen Wege befinde. Was wir an derselben auszusetzen haben ist allein, dass es ihren Resultaten so oft an hinlänglicher Klarheit und Bestimmtheit fehlt und dass sie, obwohl im Ganzen vorsichtig und behutsam, für manchen gewiss nur allzu behutsam, bei Erwägung einzelner Punkte doch zuweilen zu rasch und vorschnell ist.

Der Auslegung des Evangeliums Johannis ist gleich die der Briefe desselben Apostels beigefügt. Um nicht zu weitläufig zu werden, will Rec. sich hier nur auf einen Punkt näher einlassen, der immer für ihn von besonderm Interesse gewesen ist, nämlich auf die Frage nach dem innern logischen Organismus des ersten Briefs, über den schon so oft und so viel gesprochen ist. Dass Hr. Dr. de Wette denselben auf eine genügende Weise zur Anschauung gebracht habe, möchte sich nicht behaupten lassen. Ihm zufolge ist der Hauptzweck des Apostels, seine Leser im Christenthume zu befestigen und da dieses seinem Wesen nach in Sittlichkeit und Glauben besteht, will derselbe cinestheils die sittlichen Grundsätze des Evangeliums einschärfen, anderntheils den Glauben, namentlich den Glauben an die Geschichtlichkeit der menschlichen Erscheinung Jesu unterstützen und vor den Irrlehrern, welche dieselbe leugnen, warnen. Die Ermahnungen, welche der Apostel zu dem Ende giebt, sollen sich in drei grosse Gruppen sondern (1,5–2, 28. 2, 29–4, 6. 4, 7–5, 21), deren jede der Hauptsache nach den nämlichen Inhalt hat, nur mit dem Unterschiede, dass jedesmal von cinem andern Gedanken ausgegangen wird, zuerst von dem Wesen der christlichen Gemeinschaft, sodann von dem Begriff der Kindschaft Gottes, endlich von dem Princip der Liebe. Statt diese Auffassung einer ins Einzelne gehenden Kritik zu unterwerfen, sey ihr eine andere gegenübergestellt, zu welcher Rec. nach wiederholtem Durch

lesen jenes Briefs sich genöthigt gesehen hat. – Zweck des Apostels ist, die Leser seines Briefes zu crmahnen, dass sie unverrückt an der Gemeinschaft aller echten und wahren Apostel Jesu Christi halten und mit diesen in der Gemeinschaft Gottes und Jesu Christi beharren, darin allein Leben und Freude zu finden ist. Nachdem er diesen Zweck Cap. 1, 1–4 mit ausdrücklichen Worten angezeigt hat, gehet er zunächst daran, die Bedingungen der Gemeinschaft mit Gott und Christo darzustellen. Erste Bedingung ist der Wandel im Lichte. Denn Gott selbst ist Licht und nur wer im Licht d. i. in der Wahrheit und der Reinheit von Sünden wandelt, kann Gemeinschaft mit Gott haben; nur der kann desgleichen in Gemeinschaft mit Christo stehen und an der durch denselben gestifteten Versöhnung Antheil haben. Dabei wird es zugegeben, dass niemand ganz ohne Sünde scy; aber zugleich bemerkt, dass dessen ungeachtet jene Gemeinschaft fortbestehen möge, so einer nur seine Sünde erkenne und sich bemühe, ihrer los zu werden 1, 5 – 2, 2. Derselbe Gedanke wird noch auf eine andere Weise erläutert. Ohne Befolgung der göttlichen Gebote giebt es weder eine rechte Erkenntniss noch eine vollkommene Liebe Gottes; (da aber alle Gemeinschaft mit Gott durch Erkenntniss und Liebe vermittelt wird); so kann nur der sagen, dass er in Gott sey oder Gemeinschaft mit ihm habe, der die Gebote hält, 2, 3–6. Der Apostel fügt hinzu, dies sey keine neue Lehre, sondern nur in neuer Form die alte, dass man die Brüder lieben solle. Denn eben wer die Brüder nicht liebe, der sey in der Finsterniss, 2, 7–11. Er fügt weiter hinzu, dass er dies nicht schreibe in der Meinung, als ob sie, die Leser, noch nicht oder nicht mehr Gemeinschaft hätten mit dem Vater und dem Sohne; sondern im Gegentheil eben deshalb, weil er diese Gemeinschaft bei ihnen voraussetze; und schliesst diesen Theil seiner Rede mit der Ermahnung, die Weltliebe zu fliehen als das Princip aller Sünde, als dasjenige daher, was immer von dem Vater und dem ewigen Leben scheide, 2, 12–17. Zweite Bedingung der Gemeinschaft insbesondere mit dem Vater ist die Gemeinschaft mit dem Sohne im Glauben und Bekennen. Indem der Apostel hierauf kommen will, geht er aus vor der Klage über die Irrlehrer, die sich unter die echten Boten des Evangeliums mischen und Jesum Christum leugnen, damit aber sowohl die Gemeinschaft mit dem Sohne wie die mit dem Vater von Grund aus zerstören. Er ermahnt seine Leser, solchen Menschen gegenüber standhaft zu bleiben bei dem, was sie gelernt haben, und zu bleiben also auch in der Gemeinschaft mit dem Sohne, damit sie Freudigkeit haben auf den Tag seiner Zukunft, 2, 18–28. Diese zweite Bedingung jedoch steht mit der ersten in unzertrennlicher Verbindung. Der Sohn Gottes ist gekommen, die Sünde wegzunehmen; er selbst ist rein von Sünden und gerecht, wie jeder, der von Gott geboren ist. Wer also sagen will, dass er Gemeinschaft mit dem Sohne habe, ja, dass er selbst von Gott geboren, ein Kind Gottes und nicht des Teufels sey, der muss auch gerecht seyn und frei von Sünden wie der Sohn Gottes. Desgleichen muss er die Brüder lieben wie er, der sein Leben für uns gelassen hat. Nur so mag ein Mensch überzeugt seyn, dass er aus der Wahrheit sey und wirklich eine Zuversicht zu Gott habe für den Tag des Gerichts und beim Gebete, 2, 29–3, 52. Abschliessend fasst der Apostel noch einmal das Resultat der ganzen bisherigen Verhandlung kurz zusammen. Glaube an Jesum Christum, Liebe zu den Brüdern, Beobachtung der göttlichen Gebote, das sind die Bedingungen der Gemeinschaft mit Gott, 3, 23. 24. Nun fordert er auf von dieser Einsicht die Anwendung zu machen bei Prüfung der Geister und demgemäss zu unterscheiden, mit welchen Menschen, insonderheit mit welchen Lehrern man in Gemeinschaft treten solle, mit welchen nicht, Cap. 4, 1. Erstes Kennzeichen ist der Glaube. Wer den Glauben an Christum verleugnet, mit dem soll man keine Gemeinschaft haben, sondern nur mit denen, die ihn bekennen wie die echten Apostel des IIerrn, 4, 2–6. Zweites Kennzeichen ist die Liebe; denn die Liebe ist von Gott und Gott selbst ist die Liebe; also auch nur wer in der Liebe bleibet, kann von Gott seyn und Gottes Geist empfangen haben, 4,7–13. Diese Kennzeichen vindicirt der Apostel sich und seinen Mitaposteln. Wir, spricht er, bezeugen eben nichts anderes, als dass Gott seinen Sohn zum Heil der Welt gesandt hat. Wer nun in dies Bekenntniss einstimmt, der steht in der Gemeinschaft mit Gott. Wir haben desgleichen die Liebe Gottes erkannt und können nicht anders als dass auch wir Gott lieben, 4,14–19. Indem er aber dieses ausspricht, ergreift ihn die Fülle des Gegenstandes, dass er den nächsten Zweck der Rede vergessend sich darin weiter vertieft und zeigt 1) wie aus der Liebe zu Gott nothwendig auch die Liebe zu den Nächsten folge, 4, 20–21; 2) wie desgleichen diese Liebe schon von dem Glauben an Christum unzertrennlich sey, 5, 1. 2; 3) wie ferner die Liebe zu Gott die Erfüllung aller seiner Gebote und damit den Sieg über die Welt in sich schliesst, 5, 3. 4; und demnach 4) zuletzt der Glaube an Christum (als die Quelle der Liebe zu Gott; vgl. 4, 9 – 11) die Hauptsoho sey; damit man die Welt besiege (und so zur Gemeinschaft mit Gott und dem ewigen Leben kommo) * *. Diese letzte Behauptung veranlasst ihn, die Zeugnisse, auf denen jener Glaube ruht, in Erinnerung zu bringen, und einzuschärfen, wie nothwendig essey, dass man diese Zeugnisse annehme,

weil man sonst nicht nur Gott zum Lügner mache, sondern sich selbst um das ewige Leben bringe, welches ohne Glauben an den Sohn nicht zu erlangen Ä 5, 6–12. Zum Schluss wiederholt der Apostel noch einmal, was der Zweck seines Schreibens sey, in dem er, was er darüber zu Anfang gesagt, nach dem, jenigen modificirt, was zuletzt über die Wichtigkeit und Nothwendigkeit des Glaubens geredet war. Die Leser seines Briefs sollen wissen, dass sie im Glauben an den Sohn Gottes das ewige Leben haben, 5, 13. Er erwähnt darauf noch einmal der Zuversicht zu Gott, die ihnen dabei zu Theil werde, 5, 14. 15. Er ermuntert, in dieser Zuversicht auch für diejenigen zu beten, die bereits auf dem Wege sind, durch Sünde sich aus der Gemeinschaft Gottes zu verlieren und das ewige Leben zu verscherzen; vorausgesetzt, dass dies nicht bereits geschehen sey, 5, 16. 17. Er schliesst mit der erneuten Versicherung, dass die Sünde von Gott scheide und dem fröhlichen Bewusstseyn, selbst, mitten in der argen Welt, von Gott zu seyn, ihn zu kennen und durch Christum mit ihm, dem allein wahrhaftigen Gott und dem ewigen Leben. in Gemeinschaft zu stehen; so wie mit dem warnenden Zuruf, dass man alle falschen Götter meide, 5, 19–21. – Abgesehen von dem Prolog und Epilog zerfällt demnach der ganze Brief in zwei Theile, deren erster Cap. 1, 5–2, 24 seiner Haupttendenz nach belehrend, die Bedingungen der Gemeinschaft mit Gott erörtert; der zweite dagegen 4, 1–12 von wesentlich paränetischer Natur zur Prüfung der Geister auffordert, wobei aber der Apostel doch unvermerkt auf das Thema des ersten Theils zurückgeführt wird. In diesem zweiten Theile ist es besonders schwierig, zumal 4, 7 – 5, 5, die eigentliche Gedankenrichtung des Apostels zu erkennen und zu verfolgen, weil hier der Gegenstand der Betrachtung seine ganze Macht an ihm auslässt und eine solche Fülle von Gedanken erregt, dass dieselben sich auf die mannichfaltigste Weise durch einander schlingen und verknüpfen. Ueberall lässt sich Fortschritt und Zusammenhang der Rede nur so erkennen, dass man von den einzelnen Sätzen und ihrer Verbindung unter einander absehend, allein auf den hervorstechenden Charakter ganzer grösserer Partieen achtet und was darin Hauptgedanke ist zu entdecken sucht. Ob Rec. das Rechte getroffen habe, bedürfte einer weitläufigeren Untersuchung als hier angestellt werden kann; es sey daher der Prüfung Derer, die sich für die Sache interessiren, anheimgestellt. Schliesslich nur noch die Bemerkung, dass, was im Allgemeinen von der Brauchbarkeit des de Wette'schen Handbuches gesagt ist, auch von der Erklärung der Johanneischen Briefe gilt, und dass man ohne gerade auf besonders überraschende neue Resultate zu treffen, darin genügende Auskunft und ansprechende Belehrung findet. Eine Vergleichung dieser ersten Ausgabe mit der dem Rec. zufällig noch nicht zugekommenen neuen hofft derselbe demnächst nachliefern zu können.

« ZurückWeiter »