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ALLGEMEINE LiteRATUR - zeit UNG

Mai 1840.

KUNST GESCHICHT E.

LEIPzIG, b. Fest: Die Hausmusik in Deutschland in dem 16. 17. und 18ten Jahrhunderte. Materialien zu einer Geschichte derselben nebst einer Reihe Vocal- und Instrumental – Compositionen von H. Isaak, L. Senf, L. Lemlin, W. Heintz, H. L. Hassler, J. H. Schein, H. Albert u. A. zur näheren Erläuterung. Von Karl Ferdinand Becker, Organisten an der Nicolaikirche zu Leipzig. 1840. 4. (2 Rthlr.)

Unter allen Künsten ist die Musik zu allen Zeiten am meisten von der Historiographie vernachlässigt worden. Der Grund davon liegt zuerst in dem Verhältnisse, das der grosse Haufe der Gebildeten und Ungebildeten zur Musik sich giebt. In keiner Kunst wird mehr dilettantirt, weil keine Kunst geselliger, zugänglicher ist als die Musik, weil ein Lied, eine Sonate u. S. w. gleichsam nur eine andere Art der Conversation ist, und weil das Musiciren so einfach scheint, dass jeder, der eine Stimme hat, auch singen zu können meint. Der Dilettant aber will sich divertiren; er kümmert sich nicht um das Wesen, noch weniger um die Geschichte der Kunst; das ernste Studium ist nicht seine Sache; und dieses Dilettantenwesen unterdrückt denn den Ernst auch in tieferen Gemüthern, die mehr als blosses Vergnügen in der Kunst suchen. Allerdings liegen gerade in der Musik das Schaffen und die Darstellung des Geschaffenen sehr weit auseinander, so dass man ein sehr guter Sänger, ohne das Mindeste vom Generalbass zu verstehen, und umgekehrt ein grosser Contrapunktist ein sehr schlechter Sänger seyn kann. So schwierig es daher ist, ein gründlicher Kennfer und Meister der Musik zu seyn, so leicht ist es, ein erträglicher Musikant zu seyn. Eben diess ist zugleich der zweite Grund jener Erscheinung. Die Geschichte der Musik nämlich läuft am Faden der Ausbildung der Harmonie und ihres Verhältnisses zur Melodie ab; diess ist der Ariadnenfaden im Labyrinthe der unendlich – mannichfaltigen musikalischen ErA1. L. Z. 1840. Zweiter Band.

scheinungen, ohne welchen die geschichtlichen Ereignisse, die Kämpfe und Siege auf dem Gebiete der Musik unverständlich, ihre Eigenthümlichkeit, ihre Unterschiede gegen einander unerkennbar sind. Der Historiograph der Musik muss daher ein tüchtiger Kenner, ein Musikverständiger im engern Sinne des Worts seyn; der blosse Dilettantismus reicht nicht aus; er muss vielmehr die musikalische Theorie in ihrem ganzen Umfange studirt haben, die verschiedenen Instrumente in ihrer Eigenthümlichkeit kennen u. S. w. Rechnet man hinzu, dass ausserdem die ganze Masse der eigentlich geschichtlichen Kenntnisse nicht fehlen darf, der mühsame Weg der historischen Forschung, der wiederum in der Musik aus begreiflichen Gründen beschwerlicher als anderswo ist, nicht erlassen werden kann, so wird die ausgesuchte Schwierigkeit, die auf dem Werke des Geschichtschreibers der Musik lastet, von selbst einleuchten. Der Musiker von Profession wird noch immer am geeignetsten dazu seyn, weil ihm wenigstens jene erste Bedingung: Kenntniss des Wesens der Kunst, zu Gebote steht; – vorausgesetzt freilich, dass er zugleich die allgemeinen nothwendigen Fähigkeiten und Kenntmisse eines Historiographen besitzt. Allein letztere scheinen gerade mit dem Talente des Musikers besonders schwer vereinbar zu seyn, sofern die Musik 9 deren Substanz oder Stoff, aus dem sie ihre Gebilde formt, das Gefühl ist, im Musiker eine besondere Fülle und Prävalenz desselben voraussetzt, wogegen meist Verstand und Urtheilskraft, so wie die Ausdauer zum Sammeln und Ordnen von Kenntnissen – die Haupterfordernisse des Geschichtschreibers – in den Hintergrund zurücktreten. Musiker, obwohl ausgczeichnet in ihrem Fache, haben daher oft auffallend wenig Sinn für die Geschichte ihrer Kunst; Historiker und Musiker in Einer Person ist eine äusserst seltene Erscheinung, und ein Werk, wie das des

Georgio Vasari ist leider ein Desideratum auf dem

Gebiete der Geschichte der Musik, obwohl ein solches für sie, insbesondere für die Geschichte des 16ten und 17ten Jahrhunderts fast nothwendiger wäre als für die Geschichte der bildenden Kunst.

M

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Um so dankbarer ist es anzuerkennen, wenn tüchtige Musiker von Profession, wie Hr. Organist Becker, dem schwierigen Amte der Geschichtschreibung ihrer Kunst sich unterziehen. Hr. Becker hat sich seit Jahren dazu vorbereitet; er hat seit Jahren die Kunst des 16ten, 17ten und 18ten Jahrhunderts studirt, wie die Ausgaben, die er von vielen Meisterwerken dieser Zeit in Instrumental- und VokalMusik veranstaltet hat, zur Genüge beweisen. In vorliegendem Werke – abgesehen von mehreren Aufsätzen in Zeitschriften – tritt er, so viel wir wissen, zum ersten Male als Historiker von Profession auf. Er hat sich ein Gebiet ersehen, das gerade bisher noch am wenigsten beachtet worden: die Hausmusik. Darunter versteht er, wie der wohlgewählte Name schon andeutet, die Musik, nicht wie sie gleichsam als Staats- und Gemeindeglied in der Kirche und auf dem Markte, auf dem Theater und in den Pallästen der Fürsten und Herrn ihre Rechte geltend macht, und in der freien Luft der Oeffentlichkeit ihre grossartigen Monumente aufführt, sondern die Musik als Hausgenossin und Familienglied, als anmuthige Gesellschafterin im heiteren Freundeskreise, als Gefährtin des einsamen Wanderers, als Vertraute des Liebenden, als Freundin des Freundes, die mit dem Trauernden weint, mit dem Fröhlichen lacht, aber auch als Theilnehmerin an der häuslichen Andacht, welche unsern frommeren Altvordern so nothwendig war als die kirchliche. Demgemäss behandelt der Vf. in acht Abschnitten 1) unter dem Titel: „Tonstücke für den Gesang" die häusliche Vocalmusik, 2) unter dem Titel: „Tonstücke für Tasteninstrumente" die häusliche Instrumentalmusik, sofern sie sich vornehmlich der Tasteninstrumente bediente, Diess Thema wird sodann in den folgenden Kapiteln weiter ausgeführt, indem 3) „die Claviersuite", 4) „ die Claviersonate", 5) „die Tonmalerei", 6) „ die Laute" und deren früher so ausgedehnter Gebrauch, und 7) , die Applicatur auf den Tasteninstrumenten” – einer näheren historischen Betrachtung unterworfen wird. Das 8te Kapitel giebt noch einige Bemerkungen über „das Volkslied und den Choral", und anhangsweise folgt endlich 9) ein „Verzeichniss einiger aus Volksliedern entstandener Choräle." – Die Anordnung des Stoffes dürfte ein naturgemässeres Ansehen gewonnen haben, wenn das Ganze in zwei grosse Hälften: Vokal- und Instrumentalmusik eingetheilt, und demgemäss der Abschnitt über das Volkslied und den Choral nebst dem angehängten Verzeichniss zur ersten Hälfte geschlagen, mit dem

ist; – anderer Seits erscheint diess Verfahren für

ersten Kapitel in Verbindung gesetzt worden wäre. In den einzelnen Abschnitten hat die Darstellung zu ihrem Faden, an dem sie hinläuft, die chronologische Reihefolge der vornehmsten Musikwerke, welche in dem behandelten Zeitraume und in dem abgesteckten Gebiete der Kunst mit seinen Unterabtheilungen erschienen sind. Diese werden, nach einigen einleitenden Bemerkungen, näher betrachtet, charakterisirt, kritisirt und mit den nöthigen historischen Erläuterungen begleitet. So geht der erste Abschnitt von einer Liedersammlung aus, die unter dem Titel: „Ein Auszug guter alter vnn newer Teutscher Liedlein, einer rechten teutschen art, auffallerlei Instrumenten zu brauchen, auserlesen. Gedruckt zu Nürnberg bei Johann Petrejo" – im Jahre 1539, ein zweiter Theil cbendaselbst 1540 erschienen ist, berührt demnächst noch mehrere andere Sammlungen weltlicher Lieder aus dem 16ten Jahrhundert, erwähnt der Triumphi de Dorothea etc., einer höchst seltenen Sammlung von 32 Compositionen berühmter italienischer Meister (wie Giov. Croce, Giov. Gabrieli, Fel. Anerio, Gastoldi, Luc. Marencio, Hor. Veochi u. A.) aus dem Anfang des 17ten Jahrhunderts (1619), um sodann bei den 8„Theilen der Arien etlicher theils geistlicher, theils weltlicher, zur Andacht, guter Sitten, keuscher Licbe und Ehrenlust dienender Lieder zum Singen und Spielen gesetzet u. s. w. von Heinrich Albert"– eine Sammlung meist einfacher, von H. Albert, 0rganisten am Dom zu Königsberg in Preussen nicht nur componirter sondern zum Theil auch gedichteter Lieder, die einen so ausserordentlichen Beifall fand, dass sie, mehrere Nachdrücke ungerechnet, von 1638 bis 1687 nicht weniger als sechs Auflagen erlebt hat – länger zu verweilen. Den Schluss machen nöch einige andere Liedersammlungen aus dem 17ten Jahrhundert und eine kurze Hinweisung auf die bekannten ausgezeichneten Lieder – Componisten des 18ten Jahrhunderts. Aehnlich verfährt der Vf, in den übrige Abschnitten. Es ist eben nicht schwer, an dieser Form der Darstellung mancherlei auszusetzen: sie scheint sehr äusserlich, mechanisch; das Ganze erhält ein aphoristisches Ansehen; die Geschichte lös sich auf in eine Kritik ihrer Ereignisse. Dennoch kann einer Seits eine Geschichte der Kunst ohne eine solche Kritik durchaus nicht bestehen, falls sie nicht et: wa, völlig äusserlich, in eine Zusammenstellung von Künstlerbiographieen und Aufführung von Kunstwer

ken verfällt d. h. keine Geschichte der Kunst mehr

die Historiographie der Musik, wenn man den derma

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ligen Stand der Dinge näher ins Auge fasst, sehr zweckmässig, ja nothwendig.

- (Der Beschluss folgt.)

LITERÄRGE s CHICHT E.

CAssEL u. Leipzig, b. Krieger: Beiträge zur Griechischen und Römischen Litteraturgeschichte von Dr. Friedrich Osann u. s. w.

(Beschluss von Nr. 87.)

Hr. O. schreibt die angeführte Demonstration nach, und ermittelt sogar noch aus einem Scholium, dass Servius später lebte. Das sind aber lauter Paralogismen, und kaum sollte man ahnen, dass er einen ernsten Blick in seinen Philargyrius geworfen habe. Wer wollte doch dem Schein der Namen sich unbedingt preisgeben, und den Valentinian, der eben in den Wurf kommt, ohne weiteres für einen Kaiser, und obenein für den dritten des Namens ansehen? und meint ein Philolog ernstlich, dass die Dedikation an einen Augustus lauten konnte, Valentiniano Mediolanensi, an Valentinian aus (zu) Mailand? Eben so räthselhaft klingen die Geschichten von Philargyrius dem Vormann des Servius, von seiner allegorischen Interpretation, von der Pariser Epitome. Welche Farbe trägt denn jener Scholiast und wieviel haben die Editoren von ihm mitgetheilt? Wer die Ueberbleibsel dieses Namens durchläuft, findet keine Spur eines früher zusammenhängenden Kommentars, sondern auf langen Strecken hie und da verstreute Noten (wie beim ersten Buche der Georgica immer auffallender wird), und zwar Noten eines durchaus praktischen Gehalts, mit Zugaben alter Gelehrsamkeit, nicht mit wässriger Allegorie er– füllt. Dieses seltsame Gemisch von Zerrissenheit und Erudition erklärt sich leicht: was uns Philargyrius heisst, ist ein eigenthümliches Exemplar und Supplement des Servius; aus einem alten Codex des letzteren in langobardischer Schrift gab ihn Ursinus heraus, aus anderen Codices desselben Servius hat ihn Bur– mann dergestalt recensirt, dass er alles schon bei jenem vorhandene strich (daher das magere Volumen, und der wunderbare Schein, dass ein unbekannter Scholiast spricht und belehrt, wo Servius schweigt); und so kann man sich überzeugen, was Dübner für einen fragmentarischen Auszug des ehemaligen Philargyrius hielt, werde nichts mehr als ein noch wenig zugestutzter Text des Servius seyn. Hiernach bleibt nur die Frage: war Phil. einer der Sammler an der weitschweifigen Masse, woraus der jetzige Servius ausgeschieden worden, oder ein Interpret von Rang?

Die Entscheidung wird man wol von einer kritischen und vervollständigten Ausgabe des Servius, die jetzt mehr als je zum dringenden Bedürfniss geworden, erwarten müssen; Ref.trägt aber seinerseits kein Bedenken, die früher geäusserte Meinung von einer jüngern Abfassung des sogenannten Philargyrius aufzugeben. Was endlich diesen Namen betrifft (sonst schrieb man Philargyrus, und diese Form kehrt auch im Vorwort des P. Diaconus de notis wieder), so vermuthet Hr. O. nach den vorliegenden Andeutungen nicht unwahrscheinlich, dass er richtiger laute Iunilius Philagrius.

Dann vom Adamantius Martyrius, dem Vf, einer epitomirten orthographischen Schrift. Das Resultat geht dahin, dass dieser eigentlich Martyrius hiess, Sein Vater aber Adamantius war.

Interessanter ist M. Claudius Sacerdos, dessen Ars zuerst in den Wiener Analecta erschien. Die Herausgeber hatten dort die Frage aufgeworfen, ob er nicht dem Grammatiker Marius Plotius Sacerdos identisch sey. Hr. O. welcher des letzteren Zeit in die Mitte des dritten Jahrhunderts rückt, legte dieser Vermuthung anfangs einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit bei; aber die sehr triftige Erwägung, dass Sacerdos (unter diesem Namen citirt ihn besonders Cassiodor) völlig auf Probus sich stützt, dessen Catholica er im zweiten Buche zur Richtschnur in Vortrag und Lehre nimmt, hat ihn von jenem Abwege zurückgehalten. Nur ist die daran gereihte Argumentation, welche zwischen Probus und Sacerdos einen beträchtlichen Raum setzt, nicht ausreichend; wenn er z. B. die Theorie vom casus septimus, welche dem Probus mangle, geltend macht, da doch ihr Daseyn bereits in Quintilians Zeiten zurückgeht. Im Gegentheil möchten die Namen M. Claudius, die dem Gepräge fester christlicher Zustände wenig entsprechen, für einen höheren Zeitabschnitt als Beleg dienen; denn das angebliche Christenthum des Grammatikers beruht nur auf ein paar biblischen Namen II, 9, wo schon die Herausgeber den Verdacht einer Interpolation nicht verhehlen.

Es lohnt nicht bei Pompeius und Cledonius, zweien Bearbeitern des Donat, zu Verweilen; ohnehin lässt ihr Zeitalter keine sichere Bestimmung zu. Dass aber der selten genannte Techniker Comminianus zwischen Donat und Servius zu setzen ist, nützt allerdings zur Untersuchung über den weit namhafteren Charisius, welcher sich häufig auf jenen beruft. Das Werk dieSes Sammlers, dessen Werth in schätzbaren Fragmenten, in literarischen und grammatischen Notizen

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jeder Art besteht, hat grossen Verlust erlitten; einer Aussicht auf Ergänzungen (kleine Zuschüsse wie in den Wiener Anal, gramm. abgerechnet) darf man kaum vertrauen, und wer gegenwärtig den von Lindemann beträchtlich gereinigten Text überblickt, zweifelt schwerlich, dass Verderbungen und Interpolationen noch in grosser Zahl zurückgeblieben sind. Das Unternehmen des Charisius (der als Grieche die Theoremen der Lateinischen Grammatiker sich aneignete) verfolgt aber nur den Zweck einer Kompilation; namentlich zieht er den Comminianus (häufig aber unrichtig wird ut ait Comminianus in die Ueberschrift eines ganzen Kapitels gezogen) und C. Iulius Romanus aus, den gelehrten Verfasser von Miscellen, Apooutöv, oder wie wir sagen würden Materialien; denn die Konjektur 'Aqogouóv p. 328 gibt keine passende Bezeichnung, Eine Sichtung des Charisius nach seinen Autoritäten und Gewährsmännern, deren Repertorium er ist, bleibt Ihiernächst den künftigen Forschern überlassen; diese werden auch sein Verhältniss zum Diomedes näher bestimmen. Wer von beiden den anderen so überraschend ausgeschrieben habe lässt sich zweifeln; beide nennt Priscian beisammen; Hr. O. hält sie deshalb zwar für Zeitgenossen, meint indessen aus der Art ihrer Differenzen zu erkennen, dass Charisius auch hier der Kompilator war. Mehr Glauben verdient die Ansicht, dass letzerer in das vierte Jahrhundert gehöre; über Diomedes, dessen Absichten nicht auf eine bunte Sammlung von Denkwürdigkeiten und Lehrsä– tzen gingen, ist es rathsam die Entscheidung zu verschieben. Die Grammatiker mit denen der Schluss dieses Buches sich beschäftigt, nehmen einen untergeordneten Platz ein. Von Consentius wird wahrscheinlich gemacht, dass er ein vornehmer und literarisch thätiger Gallier aus der Gegend von Narbo gewesen, derselbe dem Sidonius Apollinaris einen rühmenden Brief schreibt. Arusianus Messius mag kaum bedeutend älter seyn; es erregt Verwunderung, dass seine Stellensammlung (nach Cassiodor ehemals Quadriga Messii überschrieben), der die Fragmente Cicero's und Sallust's einiges Interesse leihen, früherhin unter Autorität des Fronto sich behauptete. Man könnte daher vermuthen, dass zum Theil alte Excerpte des Rhetors Fronto, der wie man weiss die Floskeln der archaistischen Latinität ängstlich in Kollektaneen eintrug, zu Grunde lagen, und hierauf eine Kombination iber des Messius Zeitalter stützen. Ein Geistesverwandter ist MVonius Marcellus, der ohne mehr Ver

stand oder Kritik zu besitzen, durch ein reicheres Archiv veralteter Latinität sich grössere Bedeutung erworben hat. Ueber den Titel seines unter seltsamen (von Priscian gekannten) Ueberschriften gegliederten Werkes lässt sich gleichfalls zweifeln; am besten bezeugt ist de compendiosa doctrina. Was seine Zeit betrifft, so findet sich wohl ein schicklicher Anlass um ihn in die Nähe des Ausonius zu rücken; unstreitig geht aber der Vf-sicherer, wenn er auf die Provinzialismen des Nonius und auf Wörter plebejischen Gepräges hinweist, um deren willen man ihn für einen Gallier nehmen dürfte. Doch hat er Recht hierin nur den Anfang einer umfassenden Forschung zu sehen; denn alle vereinzelte Merkmale gewinnen erst dann ihre wahre Geltung und Beziehung, wann die Tendenz des ganzen Nonischen Repertorium festgestellt ist. Endlich Victorinus, dessen Nachlass eine fleissige Monographie p. 352–380 genügend behandelt. Es wird gezeigt, dass die drei ziemlich dürftigen Traktate, welche Lindemann unter dem Namen des Maximus Victorinus vereinigt hat, schlechthin einem Victorinus und Maximinus Vict. zuzutheilen sind und unter einander beträchtliche Differenzen zeigen, dass insbesondere die Schrift des Maximinus, de ratione metrorum, vieles eingebüsst hat und die Ars grössere Stellen dem Diomedes verdankt, dass ferner die Kleinigkeit de carmine heroico, deren Vf, den Lactantius als Zeitgenossen angibt, in die Mitte des 4ten Jahrhunderts fällt. Nicht so schnell wird man der, wenngleich vielfach ausgestatteten, Muthmassung beitreten, dass beide metrische Bücher demselben Rhetor Marius Wictorinus angehörten, den wir als Kommentator Cicero's und wissenschaftlichen Darsteller einer Ars grammatica kennen. Lassen wir vielmehr den Maximinus Victorinus für sich, zumal da noch zuletzt unter dieser Autorität ein Werkchen de finalibus metrorum hinzugekommen ist; zwar existirt dasselbe bereits, wiewohl mit Variationen, als Nachlass des Servius, aber schwerlich entschliesst man sich letzterem zwei in der Sache gleichlautende Kompendien zuzutrauen. Jenen Maximinus dagegen ist

es erlaubt als unselbständigen Sammler oder Ueber

arbeiter zu betrachten. Daran knüpft sich die Veranlassung, mehrere verlorene Schriften des Rhetors Wictorinus, der in profaner und geistlicher Litteraturthätig war, namhaft zu machen. Hiermit ist auch unsere Anzeige dieses gelehrten Buches, dessen Fortsetzung wir im Interesse der philologischen Forschung wünschen müssen, zum Schluss gebracht. G. B.

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ALLGEM E IN E LITERATUR - ZEITUNG

Mai 1840.

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Indem Recensent es unternimmt, über vorliegende Schrift ein öffentliches Urtheil abzugeben, ist es ihm kaum möglich, sich auf einen bestimmten Standpunkt zu stellen, um von demselben aus zu bezeichnen, was des Vfs. Ideengang ist, und was er zu lehren beabsichtiget. Zuvörderst hat das Buch eine Einrichtung erhalten, welche in ihrer aphoristischen Gestalt nicht gestattet, die etwaigen Grundgedanken nach ihrem innern Entwickelungsfortschritte zu fassen und zu verfolgen; die immanent-logischen also die wahren Motive der Anordnung haben dem Vf. selbst entweder gemangelt, oder er hat sie einem anderweiten Zwecke mehr oder minder zum Opfer gebracht. Das Erste und Allgemeinste, was deshalb Rec. über die Schrift zu bemerken hat, ist dieses, dass sie auf eigentlich spekulative Dialektik im Ganzen wenig Anspruch hat und hiemit auch als eine wissenschaftlich philosophische Arbeit kaum betrachtet werden kann, womit indess keinesweges gesagt werden soll, dass in ihr ein Streben nach Einheit des Gedankens, ein philosophisches Denken überhaupt nicht anzuerkennen sey. Vielmehr hat der Vf, nachdem er in der Einleitung die Resultate seiner Betrachtung anticipirt und dann ein Schema der ganzen Entwickelung vorausgeschickt hat, sich bemühet, die Darstellung von einem allgemeinen Grundgedanken aus konsequent fort zu führen. Allein hiebei ist mehr systematischer Schein, als eben wahre dialektische Innerlichkeit. Es fehlt nämlich dem Denken des Vfs. an gehöriger Selbstorientirung, an Selbstdurchdringung und Sicherheit; es erweiset sich mehr als ein Probiren seiner selbst, denn als ein in seiner Wahrheit und seiner Gründlichkeit sich selbst recht erfassendes Bewusstseyn. Natürliche Folge hievon muss wohl seyn

dass das Wahre mit dem Halbwahren und Falschen sich vermischt, dass es an objektiver Begründung fehlt, wodurch selbst das Wahre nur die Bedeutung

A. L. Z. 1840. Zweiter Band.

des Zufälligen hat, dass überhaupt in einem dogmatisch fortschreitenden Gange oft nicht sowohl Gedanken, als beliebige Behauptungen, mit dem Scheine von Gedanken, vorgeführt werden. Diesem kann dadurch nicht widersprochen werden, dass der Vf, es an - also's" nicht fehlen lässt; denn seine Folgerungen werden zu oft an Voraussetzungen geknüpft, die ohne irgend welchen dialektischen Nachweis erschei– nen, oder doch ohne zutreffende Bedeutung für die Konsequenzen sind, welchen sie als Basis dienen sol– len. Dieses bewährt sich sogleich im Anfange der Schrift und zwar an der Kategorie „Gott und Welt", wo es heisst 1) „kein Theil als solcher lässt sich ohne sein Ganzes denken, der Kreisausschnitt z. B. nicht ohne den Kreis, eine Hand nicht ohne das Ganze des menschlichen Körpers; also auch das Endliche und das Nichtvollkommene nicht ohne das Nicht-Endliche und ohne das Vollkommene." 2) „Da nun ich, der ich die gegenwärtige Untersuchung anstelle, erstens bin (oder wenigstens mir zu scyn scheine), zweitens aber nur unvollkommen bin; so gehört zu dem Seyn (oder Zu – seyn – scheinen) meines unvollkommenen Selbst auch das Seyn eines diese Unvollkommenheit ergän– zenden absolut Vollkommenen, d. h. Gottes.” – Wahrlich, das heisst auf leichte Weise zu Gott gelangen! Man sollte meinen, man höre einen Schüler Christ. Wolfs demonstriren. In der angedeuteten Weise geht es nun weiter fort, Satz an Satz gereihet, und obwohl der Vf, von Untersuchung spricht; so ist doch ein Behaupten solcher Art eher alles Andere, als Untersuchung. Freilich werden jene ersten schematischen Sätze späterhin mehr ausgeführt; allein auch dieser Ausführung fehlt meistens die innere Motivirung. Wie wenig die Schrift nun aber auch von Seiten echt philosophischer Gedankenentwickelung befriedigen mag; so enthält sie doch Ansichten, welche schliessen lassen, dass es dem Vf, für die speculativen Aufgaben weder an Geist noch an Muth der Vertiefung fehlt. Rec. will daher versuchen, durch möglichste Bezeichnung der Hauptsätze ihm in jener Hinsicht sein gebührendes Recht zugeben und diejenigeAnerkennung zu gewähren, welche ein ernstes Streben mit Fug erwarten darf." N

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