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MEINE LITERATUR - zEITUNG

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THEoLoGIE.

sTurroAar , b. Hallberger: C. C. Hennells Untersuchung über den Ursprung des Christenthums – – von Dr. Dav. Fr. Strauss u. s. w.

(Fortsetzung von-Nr. 77.)

on den Dämonischen sagt der Verf.: „Allgemein herrschte damals das Vorurtheil, dass es Krankheiten gebe, welche durch das Eindringen böser, Geister in den menschlichen Leib veranlasst werden, und selbst die aufgeklärtesten Juden glaubten an die Möglichkeit, sie durch gewisse Formeln auszutreiben (folgen in der Note die Stellen aus Josephus). Dieses Wunder war eines der zweideutigsten, indem jeder Wechsel der Symptome als ein Zeichen der Entfernung des Dämon angesehen werden konnte." – „Fälle eines glücklichen Erfolgs (durch plötzliche Kraftanstrengung - des Patienten), welche wahrscheinlich allein in der Erinnerung hafteten, wurden von Mund zu Mund vergrössert, und eifrige Anhänger schmückten die Darstellung derselben bald mit einzelnen Anekdoten von - entschiedenern Wundern aus, z. B. Blindenheilungen und Todtenerweckungen, zumal wenn solche Anekdoten soweit „einen gewissen thatsächlichen Grund hätten, als eine Wirkung dieser Art versucht, oder nur erbeten worden war." Hier haben wir die natu„le Genesis der Sage – nicht des Mythus. Dieser Begriff liegt dem Vf. überhaupt fern. Selbst da, wo er die Glaubwürdigkeit des Berichtes kritisch vernichtet hat, findet er sich genöthigt, „andere Beweismittel zu Hülfe zu nehmen, um sich über das wirklich Factische ins Gewisse zu setzen.” (S. 203.). Auch den abenteuerlichsten Wundern, wie dem am Feigenbaum, muss ein natürliches Factum zu Grunde liegen. Und dafür zeugt ihm besonders die stufenweise Uebertreibung der Wunder bei den verschiedenen ReSferenten, aus welcher Strauss den entgegengesetzten Schluss auf reine Fiction gezogen hat. Der Verf. nimmt nun ferner an, dass Jesus unter dem Himmelreich von Anfang auch die politische Erlösung seiner Nation verstanden, wiewohl er sie durch A. L. Z. 1840. Zweiter Band.

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ein göttliches Wunder erwartet habe; und dies lässt sich nach Stellen, wie Matth. 5, 34. 15, 24. besonders 19, 28., wo er seinen Jüngern das Sitzen „auf zwölf Thronen etc. verspricht" – in der That nicht leugnen, denn eben aus dieser zuversichtlichen Erwartung ging die nachher so wirksame Idee der zweiten Parusie herVOI". - Die Katastrophe in dem Leben Jesu datirt der Vf. von daher, dass die galiläische Wirksamkeit dem Tetrarchen des Landes, Herodes, zu Ohren kam (Matth. 14, 1.), und Jesus vor ihm sich zurückzog. Hier sey es ihm klar geworden, dass er den Charakter eines Propheten nicht länger beibehalten könne, sondern nur die Wahl habe zwischen den zweien: entweder vom Schauplatz der Oeffentlichkeit ganz abzutreten, und, da der Himmel keine Zeichen sandte, auf die Verwirklichung seines Planes zu verzichten; oder als Messias, für den er sich nur insgeheim gegen seine Jünger erklärt hatte, sich offen zu bekennen, und dann auch als Märtyrer zu sterben. „Die Energie seines Charakters, die gespannten Erwartungen seiner Anhänger, und wohl auch die geheime Ueberzeugung, dass er noch immer zum Werkzeug bei Ausführung der Plane des Gottes Israel bestimmt sey, leitete Jesum, den letztern Weg vorzuziehen. Er beschloss mit einmal, nach Jerusalem zu gehen und sich offen für den Messias zu erklären." In einem besondern Cap. (XV.) von nur 3 Seiten bespricht der Verf. die Frage, ob Jesus seinen Tod vorhergesagt habe. Die Sprache Jesu bei den Evangelisten ist in diesem Punkt unleugbar so deutlich, dass man nicht begreifen kann, wie ihn die Jünger missverstehen konnten. Wie die Geschichte vorliegt, müssten sie die Andeutungen Jesu mit einem grenzenlosen Leichtsinn hingenommen haben, wenn diese wörtlich so lauteten. Denn die Erklärung, welche z. B. Lucas (9,45.) von ihrer Gleichgültigkeit giebt, ist weder zureichend noch wahrscheinlich. Ihr ganzes Benehmen bis zur Gefangennehmung Jesu, ihre Flucht mit eingerechnet, beweist, dass sie von einem solchen Ende keine Ahnung hatten. Dass sie noch viel weniger seine Auferstehung erwarteten, ergiebt sich aus den Aeusserungen der nämliB

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chen Personen, die ihn nach der Auferstehung gesehen haben wollten, und wird von dem jüngsten Zeugen (Joh. 20,9.) noch bestätigt. Auch ist es auffallend, dass Jesus nach der Auferstehung sich nie auf seine eigene Vorherverkündigung, sondern nur auf die Propheten des A. T. beruft. Der Verf. leitet nun die angeblichen Vorhersagungen sehr geschickt aus der Idee des Propheten ab, welche die Jünger von Jesu hatten, und wodurch der Wechsel seines Geschicks und sein Tod nur als Momente der Erfüllung seiner eigenen Weissagungen erschien. Gleichwohl setzt er voraus, dass den Angaben der Evangelisten „auch etwas Wahres beigemischt" sey, wie die Einsetzung des Mahles mit Beziehung auf seinen nahen Tod, die Aeusserung über das Abbrechen des Tempels in ihrer einfachsten Gestalt (nur wird man sie in dieser nicht auf den Tod beziehen dürfen, sondern entweder eigentlich oder vom sittlichen Wiederaufbau verstehen müssen). Die bestimmte Andeutung seines nahen Leidens habe Jesus erst während der letzten Tage in Jerusalem aussprechen können, und diese sey von der Sage in den Aufenthalt in Galiläa zurück verlegt worden, so wie auch die Vergleichung mit dem Propheten Jonas erst durch sie hinzugekommen sey; denn Matth. 12,40. enthalte einen Irrthum, der einem inspirirten Propheten nicht hätte begegnen können. Wir hätten also auch hier eine historische Grundlage in der Vorahnung Jesu von seinem Tode, welche erst, nachdem die Sagen von seiner Auferstehung sich gebildet hatten, zu entschiedenen Prophezeihungen erweitert wurden. Dass nun Jesus mit dem Entschluss zum

Märterthum anfangen musste, der messianischen Er

wartung eine veränderte Richtung zu geben, und die Lehre von einem erst leidenden Messias vorzutragen, ist eine nothwendige Folge aus dem Bisherigen; dass er aber damit nicht die Vorherverkündigung seiner Auferstehung, sondern die Weissagung einer zweiten Parusie im Danielischen Sinne verband, diess, scheint mir, geht aus unzweideutigen Worten der Evangelisten selbst hervor (wie schon das „Zur Herrlichkeit eingehen" beweist), und ist der Grundton der N. Test. Lehre. Man muss wünschen, dass der Verf. diess beachtet und ausgeführt hätte. -

Als dasjenige Factum, welches die letzte Entscheidung herbeiführte, betrachtet der Verf. die gewaltsame Austreibung der Wechsler aus dem Tempel. „Gerade die Kühnheit dieses Beginnens verbürgte eine Zeitlang seine Sicherheit. Denn das Volk, seine Unerschrockenheit bewundernd, und entzückt über seine Reden, welche die Laster ihrer Obern hart rügten,

bildete seine Schutzwehr. Die jüdischen Priester und Vornehmen waren den Römern gegenüber in Ä misslichen Lage. Der geringste Tumult köñnts Aläss zu einer Empörung werden und ihnen den Rest ihrer Vorrechte rauben. Da sie noch viel zu verlieren hatten, ging ihre stehende Politik nur darauf, den status quo zu erhalten, und jede Tendenz zum Aufstand so still als möglich zu unterdrücken (Jos. bell. jud. 2, 16.4, 5.)." „Jesus hatte noch keine Handlung des Hochverraths begangen, um deren willen sie ihn vor dem römischen Statthalter anklagen konnten.” So beschlossen sie dann, sich seiner Person, wenn er sich einmal von dem Volke zurückgezogen haben würde, zu bemächtigen, zu welchem Zwecke einer seiner missvergnügten (?) Schüler seine Dienste an bot." Im Folgenden begeht nun der Verf. eine kleine ... Inconsequenz. Er setzt voraus, dass einer der Jünger (also Joh.) mit dem Hohenpriester bekannt war. Diess kann man nur annehmen, unter der Voraussetzung, dass das 4. Evang. echt sey. Im andern Fall wird mit dem Verf. desselben auch diese seine angebliche Beziehung zu dem Hohenpriester aufgegeben. Diese Voraussetzung macht hier der Verf aus dem Grunde, weil er das Vorherwissen des Verraths dadurch erklären will. Dazu war aber auch das Verhältniss Jesu zu Joseph von Arimathia hinreichend; und es ist sonderbar, diese Vorhersagung natürlich erklären zu wollen, wenn man die wichtigeren aufgegeben hat. Indessen kann man es auch als lobenswerthe Unpärteilichkeit betrachten, dass der Vf, so viel als möglich von der evangel. Geschichte festzu halten sucht.

Von dem Benehmen Jesu vor Gericht sagt er: „Diese Züge scheinen von einem hochherzigen und lautern Enthusiasmus zu zeugen, welcher frei war von jedem Bewusstseyn des Betrugs. Er handelte als Prophet, als Messias, als Sohn Gottes, weil er überzeugt war, es zu seyn."

Für die Wirklichkeit des Todes Jesu bringt der Verf mehrere triftige Gründe bei, worunter der önt

scheidende wohl der ist, dass nachher in den Streik.

tigkeiten der Jünger mit den Juden niemals die ontgegengesetzte Behauptung vorkommt. Uebrigens lässt sich ein Scheintod ohne ein Heer von abenteuçrlichen und widersprechenden Consequenzen gar nicht annehmen. Mit Recht ist kürzlich irgendwo gesagt worden, wenn irgend etwas in der N. Testamentl. Geschichte gewiss sey, so sey es diess, dass Jesus wirklich am Kreuze gestorben sey. -

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" - Die Berichte von der Auferstehung werden im VII. Kapitheils einzeln, theils vergleichend untersucht,

deutschen Kritik keinen Schritt zurück. Besonders interessant ist die Wendung, durch welche er den Beweis aus der paulinischen Berufung auf die Auferstehung Christi entkräftet. Der Verf, zeigt einleuchtend, dass Paulus in der Stelle 1 Cor. 15. nicht aus unwidersprechlichen Zeugnissen argumentire, sondern

aus einem von seinen Lesern anerkannten Lehrsatz, - der Lehre von der Auferstehung der Todten. „Wenn die Todten nicht auferstehen, so ist auch Christus nicht

Sprache eines Mannes lauten, welcher durch Nachforschungen sich von der Wirklichkeit der Erscheinungen Jesu überzeugt hätte. Paulus verlangt keinen historischen, sondern dogmatischen Glauben für die Predigt von der Auferstehung, und gründet ihre Gewissheit daher auch nicht auf Zeugnisse, sondern auf die Schrift, d. h. die Alttest. Weissagungen, auf die er selbst jedoch nicht weiter eingeht; und ausserdem auf eine allgemeine Voraussetzung. Die Erscheinungen Jesu aber, welche die andern Apostel gehabt haben sollen, stellt er in eine Reihe mit seinen eigenen Visionen. Wenn ich nicht irre, hat schon Strauss die nämliche Erklärung von der paulinischen Argumentation gegeben in der Abhandlung über Vergängliches und Bleibendes im Christenthum; wenn er aber in vorliegender Schrift (S. VI.) behauptet, der Vf. behandle „das Schiboleth, woran sich natürliche und mythische Ausfassungsweise am sichersten erkennen und scheiden, die Auferstehung, im Sinne der mythischen;" so ist diess ein, wiewohl verzeihlicher Irrthum. Es ist zwar das einzige Mal der Fall, dass der Vf. Altiestamentl. Typen zu Hülfe nimmt, um vorübergehend auch daraus die Einbildungen der Jünger zu erklären; allein er ist dessen ungeachtet weit entfernt ein rein poetisches Gebilde , einen Mythus anzunehmen; vielmehr ist ihm das Verschwinden des Leichnams Jesu das natürliche Substrat der Fiction, und darum ein historisches Factum. Der Verf, folgt hier besonders dem " Marcus, welcher bis zu seinem echten Schlusse 16,8. „keiner Erscheinung Jesu noch irgend eines an sich wunderbaren Umstands nach dem Begräbnissgedenkt." Miess kann jedoch nicht anders als aus einem Zufall erklärt werden: denn der Evangelist sctzt die Berichte von der Auferstehung, also auch die Erscheinungen voraus, indem er Jesu die Vorherverkündigung derselben in den Mund legt. Ob aber in dem späteren Einwurf von Seiten der Juden, dass die Jünger den

und der Vf, bleibt in diesem Punkt hinter der neuesten

auferstanden." . Ganz anders, sagt er, würde die

man abzuwenden suchte.“

Leichnam gestohlen, eine Spur von dem wahren Hergange zu entdecken sey, lassen wir unentschieden. Allein der britische Pragmatismus hat daran lange nicht genug. Wahrhaft curios ist die Art, wie er nun die Wegnahme des Leichnams motivirt (S.40fg. 153fg.): „Joseph bemerkte, dass sein Garten der Hauptanziehungspunct für die Jünger und Weiber geworden; sein Benehmen konnte bei seinen Standesgenossen Argwohn erwecken, und er schien sich zum Beschützer und Haupt der neuen Secte erklärt zu haben. Er beschloss daher, sich aus dieser Stellung loszumachen, und die Anhänger Jesu zu schleuniger Rückkehr in ihre Heimath zu veranlassen, und dabei wurde er wahrscheinlich von Nicodemus, der sich in der gleichen Lage befand, unterstüzt." „Den Jüngern den Garten zu verbieten oder sie geradezu zu verleugnen, konnte eher die Entdeckungen hervorrufen, welche So blieb also den Vorsichtigen nichts andres übrig: die Frauen müssen einen jungen Mann treffen, welcher, wenn er nicht ein Engel war, nur ein von Joseph bestelltes Individuum seyn konnte; und diese Person sagt ihnen, dass Jesus auferstanden und nach Galiläa gegangen sey, wohin ihm seine Jünger folgen sollten. Der Vf, hat keinen andern Grund für seine Voraussetzung, als dass „die (evangelische) Geschichte genau um diese Zeit den Josephus und Nikodemus aus dem Gesichte verliert;" allein dieser Umstand erklärt sich auf anderem Wege leichter, und hat in keinem Fall ein Gewicht gegen das doppelte Bedenken, dass alsdann. die Geschichte der Auferstehung nicht ein Product der dichtenden Einbildungskraft der Christengemeinde, sondern die betrügerische Erfindung eines Juden ist, und dass auf der andern Seite diese Erfindung, sofort geglaubt und in den christlichen Ideenkreis aufgenommen, dennoch ihren Zweck verfehlt, indem die Mystificirten dessen ungeachtet in Jerusalem bleiben und alsbald eine Gemeinde „nach dem Muster der essenischen" -stiften. So sehr kann die Natürlicherklärung auch der Sage sich verirren und mit sich selbst in Widerspruch gerathen, sobald sie über die sichern Data der Geschichte hinausgeht: und es ist kaum begreiflich, wie man sich über den wahren Charakter dieser Erklärungsart täuschen kann. Wie sollte es denn anders gekommen seyn? Der Engländer hat unter seinen Landsleuten einen grossen Schritt vorwärts gemacht und steht sogar schon weiter voran, als die rationale Theologie in Deutschland vor zwanzig Jahren stand; aber „der Begriff des Mythus in Bezug auf die evangelische Geschichte" findet sich bei ihm nicht, in seinen Erklä

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rungen wenigstens nicht. Nachher drückt er sich wohl so aus, dass es den Anschein einer mythischen Betrachtungsweise gewinnt, in Worten, worin seine persönliche Stellung zu dem Resultat seiner Arbeit schön geschildert ist (S. 228); doch ist dies mehr der Aus

druck eines ästhetischen Taktes als eine strenge Be

zeichnung für seine kritischen Ergebnisse. „Die evangelischen Schriften durchkreuzen, sagt er, um ihre schwachen Seiten aufzudecken, und mit der Gleichgültigkeit der blossen Kritik Fictionen zerstören, welche die Auctorität von Jahrhunderten geheiligt hat, ist eine herbe und undankbare Aufgabe; und nur die Ueberzeugung von der Nothwendigkeit des Versuchs, diese Erzählungen in der Meinung der Menschen auf den ihnen gebührenden Grad der Achtung zurückzuführen, kann ein Gemüth, das von Ehrfurcht gegen sie erfüllt ist, bestimmen, sich auf dieses zerstörende Geschäft einzulassen. Das Interesse der fortschreitenden Entwicklung des menschlichen Geistes mag es endlich einmal gebieten, diese Erzählungen von dem Gebiet der Geschichte auf das der Poesie zu verlegen; aber auch dann noch mag sich etc. etc." – Hr. Dr. Lücke hat in Rücksicht auf das Strauss'sche Beginnen „den wehklagenden Jeremias auf den Trümmern der h. Geschichte" vermisst: Hr.

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gestattete; aber das Bisherige mag hinreichen, um zu zeigen, dass Hr. Hennell auch unter uns noch eine Stelle neben den bekannten Ansichten von der evangelischen Geschichte findet. Um es kurz zu sagen, er hat Dasjenige geleistet, was ein Anderer unter uns selbst mit einem weit grösseren Aufwande von Gelehrsamkeit vielleicht leisten wollte, aber, wie wir früher nachgewiesen haben, nicht zu leisten vermochte. Denn, wenn wir auch mit dem Anfang und Ausgang der Geschichte Jesu nach des Vf. Erklärung uns nicht befreunden können, so betrifft dieses zuletzt doch nur untergeordnete Punkte, welche unbeschadet der Totalansicht so oder anders können aufgefasst werden, und seine Erklärung derselben ist als die offene Naivetät zu betrachten, wodurch sich die kaufmännische Genauigkeit, die Alles bis ins kleinste Detail verfolgt,

zu verrathen scheint. Der Grundsatz seines Verfahrens aber ist, Geschichte und Sage durchgängig in ein klares Verhältniss und gleichsam ins Ebenmaas zu setzen, und die letztere aus der ersteren zu erklären.

Diess geschieht nun wirklich nicht blos durch willkür

lich angenommene Facta, wie es an einzelnen Punkten scheinen könnte, sondern durch eine umsichtige Entwicklung der in jenem Zeitalter mächtigen Volksvorstellungen. Und wenn Manche in dieser Hinsicht von Strauss nicht befriedigt worden sind, weil sie – man möchte sagen, aus Parteilichkeit für das. Altheidnische – jene Epoche des Judenthums für allzu unpoetisch zur Mythenbildung hielten: so wird die Hennell'sche Ansicht von dieser Seite um so weniger Widerspruch erfahren, je mehr sie die Entstehung der Sage mit der Geschichte in Einklang zu bringen sucht. Alles ist freilich hierin noch nicht gethan, und es muss von der fortgesetzten historischen Forschung erwartet werden, ob sich bestimmte Perioden der Sagenbildung, besonders derjenigen unterscheiden lassen, von welcher in den apostolischen Briefen noch keine Spur zu finden ist, woraus man erst auf ihre nähere Veranlassung wird zurückschliessen können. Es dürfte sich dann leicht zeigen, dass mit der allmählichen Enttäuschung in Bezug auf die zweite Parusie die Ausschmückung der ersten durch Wunder und Zeichen einen steten Zuwachs erhalten hat, indem man Erwartungen, die sich nicht erfüllten, in die Vergangenheit zurücktrug, so dass das Gehoffte zum Erlebten, das Ungewisse zum Gewissen, das Künftige zum Vergangenen, oder, was gleichviel ist, die Idee zur Geschichte wurde. Die Idee der zweiten Parusie Christi, welche die apostolische Zeit belebte und beherrschte, wäre demnach der Schlüssel zu der poetischen Gründanschauung des Urchristenthums. So wie auch in den Zweigen des Wissens und der Kunst das Genie erst dann recht begriffen wird, wenn es, seiner irdischen Persönlichkeit entkleidet, in einer idealen Gestalt in seinen Schöpfungen dasteht, und die Unangemessenheit seiner wirklichen früheren Erscheinung erkannt wird: so ging den Jüngern und ihren Nachfolgern erst nach dem Hingange Jesu das Bewusstseyn dessen auf, was der Inbegriff des messianischen Berufes und der letzte Zweck seines Wirkens gewesen war: sie sahen in ihm, in seinen Reden und Thaten alles Diess ausgedrückt, und weil dieser innern Anschauung die Wirklichkeit nicht entsprochen hatte, so musste er wieder kommen. A - * - ( Der Beschluss folgt.) ; 2:

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GEMEINE LITERATUR - zEITUNG

– Mai 1840.

* - THEoLogIE.

- STUTTGART, b. Hallberger: C. C. Hennells Un- tersuchung über den Ursprung des Christenthums – – von Dr. Dav. Fr. Strauss u. s. w.

C besch luss von Nr. 78. )

An die Wiederkunft Jesu heftete sich zunächst alles Wunderbare, was von dem Messias je erwartet worden war, und die stets davon überschwenglich erfüllte Phantasie bekleidete nun auch die Vergangenheit - der ersten Parusie mit dem Wunderbaren, das uns in der evangelischen Geschichte so eigenthümlich ergreift. In dem Maasse aber, als die Idec des wiederkommenden Messias zur Erwartung des Weltrichters erweitert wurde, wuchs auch Gestalt und Wesen des Dagewesenen zum Unendlichen, zum Gottgleichen an. Diess, scheint es, ist der Ursprung einer Mythologie des Lebens Jesu. Im Allgemeinen werden rationale Theologen über die Grundansicht des Verf. einverstanden seyn, und wenn auch das Widerstreben andererseits noch so gross ist, die Ansicht, die hier gleichsam als Gemeingut der Gebildeten ausgesprochen liegt, vererbt sich unbemerkt und ungefördert auf das kommende Geschlecht, welches vielleicht einst darüber lächeln wird, wie sauer uns diese Einsichten geworden sind. Das offene Aussprechen derselben von Einzelnen hat sie nicht hervorgerufen, sondern es ist nur ein Beweis, dass sie der Zeit angehört und ein Product der fortschreitenden Entwicklung ist. Lassen doch schon halbsupernatu

ralistische Theologen die evangelische Geschichte von

der Sage gefärbt seyn, und geben das Wichtigste, den übernatürlichen Ursprung des Stifters, Preis. Will man dagegen die Wunder, die Auferstehung, die Himmelfahrt buchstäblich als wirkliche Facta festhalten, so hat man fast mit noch mehr Schwierigkeiten zu kämpfen, als wenn man das Ganze unbesehen als Geschichte hinnimmt. Wirft man uns aber vor , dass nach einer solchen Ansicht bedeutende Täuschungen zu dem Ursprung und der Verbreitung des Christenthums mitgewirkt hätten; so können wir fragen: War denn die Hoffnung auf die zweite Parusie keine Täuschung? A. L. Z. 1840. Zweiter Band.

und hat sie nicht mächtig auf die Bezeugung und Aus

breitung des Christenthumsgewirkt? Ja, beweist nicht eben ihre Wirksamkeit und ihr Einfluss, dass die Auferstehung, lein nicht hinreichend war, das Gleiche zu bewirken? Im Uebrigen hat auch diese Ansicht für sich, dass der Ursprung des Christenthums gerade so von der Vorsehung gewollt war, welche ja sonst überall nicht die ausserordentlichsten und erhabensten sondern immer die nächsten und in der Zeit gegebenen Mittel gebraucht, um das Grösste zu bewirken. Oder, was mit andern Worten dasselbe ist, wenn man uns die ausserordentlichen Wirkungen der Predigt von Christo entgegenhält; so wird die ganze Entscheidung von der Frage abhängen: Ob es nothwendiger war, dass die Verkündiger des Christenthums so glaubten, oder dass die Dinge so geschehen sind, wie sie erzählt werden.

Doch man will nun wissen, was dann das substantielle Christenthum sey, das nach dem Abstreifen der überirdischen Glorie übrig bleibe. Der Verf. hat nicht versäumt, dieses bestimmt und klar auseinander zu setzen, indem er uns mit Besonnenheit und feinem Tact ein Bild von dem „Charakter, Plan und Lehre Christi" entwirft. Indessen zeigt sich auch hierin nicht blos die Verschiedenheit von dem Standpunkt

seines theologischen Freundes Strauss, sondern all

gemeiner noch die Verschiedenheit des Engländers von dem Deutschen. Jener, dem es allein um den praktischen Einfluss des Christenthums, als einer sittlichen Macht, zu thun ist, quält sich nicht mit der Frage, wie nun doch der Begriff der „Gottmenschheit" und andere metaphysische Ideen aufrecht erhalten werden (von der Unsterblichkeitslehre nachher); zur Dogmatik hat der Vf, soviel als kein Verhältniss, und zwar als Engländer mit doppeltem Rechte; aber auch uns hat sie (namentlich in ihrer neuesten romantisirenden Richtung) noch kein Heil gebracht. Desto mehr bemüht sich der Vf, die Bedeutung der historischen Person Jesu für die Kirche, als einer sittlich erziehenden Anstalt, festzustellen. Wenn unsere speculative Theologie das Göttliche nicht in Thaten und Wundern, sondern in dem Reinmenschlichen (sey es C

auch wenn sie faktisch wäre, für sich al–

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