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kenlager gebannt, musste sie sehen und hören, wie Alles um sie her des Lebens sich freute, und das Daseyn heiter genoss, während sie litt. Mit sinnig edelm Gemüthe, grossem Geiste und der herrlichsten Schönheit des Körpers ausgestattet, hätte sie beglückend und beglückt leben können, doch das Schicksal gab ihr statt dessen Schmerzen. Ja selbst den Trost, welchen ihr die Ausübung des Gesanges gewährte, raubte ihr die Vorschrift des Arztes, und so blieb ihr zuletzt nur die Poesie und Wissenschaft als alleinige Lebensfreude, C Die Fortsetzung folgt.)

PHILosoPHIE.

AMsTERDAM, b. Müller: Characterismi principum

philosophorum veterum, Socratis, Platonis, Ari

stätelis, ad criticam philosophand rationem commendandam scripsit Ph. Guil. van Heusde etc.

" . C Beschluss von Nr. 72. ) Das höchste Streben beider, des Platon und des Aristoteles, war doch darauf gerichtet, das Band zu finden, welches die Wirklichkeit an die Idee, die Natur an den Geist knüpft, und beide haben für alle Zeiten den Weg gebahnt, auf welchem allein dies Räthsel gelöst werden kann, nur dass Platon in seiner Ideenlehre zwischen dem Allgemeinen der Idee und dem Einzelnen der Wirklichkeit noch immer eine Kluft bestehen ess, die Aristoteles durch die Begriffe der Energie nd Entelechie auszufüllen und nachzuweisen suchte, wie erst in dem Einzelnen das Allgemeine zu seiner wahrhaften Bethätigung und Verwirklichung gelange; so hat also wirklich Aristoteles die wahrhafte Erkenntniss um ein Bedeutendes gefördert, und weit, entfernt, die Tiefe der platonischen Anschauung in die Breite des Wissens verflacht zu haben, hat er die Wahrheit des Platonismus nur noch tiefer ausgebildet und noch einen reineren Ausdruck dafür gefunden. Verzichten wir daher darauf, aus beiden Lehren durch willkürliche Auswahl ein sogenanntes Ganzes zusammenflicken zu wollen, sondern erfreuen wir uns s Glückes, jetzt auf einem Standpunkte zu stehen, on dem wir in beiden Systemen eine resolute, volle, getheilte, in sich einige, wenn auch durch die verschiedene Individualität verschieden gefärbte Anschauung der Welt und des Geistes erkennen, an beiden in gleicher Weise uns erheben können. – Durch diese Untersuchungen glaubt nun der Vf. sich den Weg gebahnt zu haben zu dem Resultate, welches er in einer Zugabe, die er quaestiones criticae benannt hat, als höchstes Ziel der Philosophie unse

bauen können.

rer Zeit aufstellt, nämlich zu einem aus Platon und Aristoteles zusammengesetzten Eklektizismus. Allerdings will er keinen Synkretismus und Indifferentismus; dem Eklektizismus soll der Kritizismus vorausgehen, den der Vf, theils in eine sokratische Prüfung des Geistes und seiner Vermögen, theils in die genaueste Erforschung der bedeutendsten philosophischen Systeme alter und neuer Zeit setzt, um aus allen das Beste mit fühlendem Urtheil auszuwählen; diese seine Methode unterscheidet er dann sehr bestimmt von der Kritik Kant's, der zwar von der richtigen Idee der Selbstprüfung ausgegangen sey, in der Anwendung aber doch einen falschen Weg eingeschlagen habe, weil er nicht in echt sokratischem Geiste die Totalität des geistigen Lebens erfasst und geprüft, sondern sich sogleich in transcendentale Irrgänge verloren habe; aber wir Deutschen wissen wohl, dass grade in diesem Transcendentalen Kant's

eigenthümliche Grösse lag, denn die Kräfte und Thä

tigkeiten des Geistes und das niedere Erkennen überhaupt war schon von seinen Vorgängern Locke und

Hume hinlänglich geprüft worden, sein unsterbliches

Werk aber war es, den denkenden Geist aus den unerquicklichen Flächen des Empirismus und den Haiden und Sümpfen des Materialismus auf die reinen Höhen der ewigen Vernunftideen zurückzuführen, und diese, die doch wol auch zur Totalität des Geistes gehören, in ihrer ganzen Reinheit und Selbstständigkeit, ganz abgetrennt von sinnlicher Beimischung, zu erkennen. Der Vf, gehört übrigens nicht zu denen, die sich mit der Hoffnung eines ewigen Friedens in der Philosophie herumtragen, er sieht wol ein, dass ein solcher Friede nur die Ruhe des Kirchhofes seyn würde, aber das verlangt er, dass die Philosophen wenigstens in den Grundprinzipien übereinstimmen. Indessen da liegt eben der Knoten; die verschiedensten Anfangspunkte führen wol oft zu gleichen Resultaten, aber über die Prinzipien des . Wissens und Denkens wird Streit seyn, so lange noch denkende Wesen die Erde bewohnen. Aber doch müssen wir dem Vf. darin Recht geben, dass dieser Streit, wenn auch immer von neuem anhebend, doch immer wieder zur Verständigung zurückführen müsse, und dass diese Verständigung nicht sicherer erreicht werden könne, als durch die Geschichte der Philosophie, die gleichsam den neutralen Boden bildet, auf welchem die Anhänger der einander feindlichsten Systeme friedlich neben einander sich anAls höchstes Ziel der Philosophie unserer Tage wird dann zuletzt die Universalität und

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Humanität, nach, welcher überhaupt das Zeitalter hinstrebe, bezeichnet, und wer wollte hier nicht der Bemerkung des Vfs. freudig beistimmen, dass, um dieses Ziel zu erreichen, die Philosophie sich nicht isoliren dürfe, sondern concret werden und den ganzen Reichthum der Wissenschaft und Kunst in sich aufnehmen müsse. Aber – über den Eklektizismus kommt der Vf, doch zuletzt nicht hinaus, und da scy es uns denn erlaubt, zum Schluss unserer Anzeige

zur Verständigung über diesen Punkt noch ein paar

Bemerkungen hinzuzufügen. Zuerst nämlich brauchen wir gar nicht mehr so ängstlich nach einer Ver

mittlung verschiedener Systeme zu suchen, wie etwa

die spätere griechische Philosophie Platon und Aristoteles zu verschmelzen bemüht war; über allem Streit der Prinzipien und Systeme steht uns ja im Christenthum die höhere, unverlierbare Einheit fest, diese ewig wirksame Lebenswurzel, aus welcher alle Philosophie der mittleren und neueren Zeit ihr bestes Mark gesogen hat; denn mag auch diese oder jene Philosophie von sich versichern, sie habe sich ganz unabhängig vom Christenthum zu erhalten gesucht, wir glauben es ihr nicht, weil es unmöglich ist, eben so unmöglich, als dass ein Mensch, so lange er lebt, von der ihn umgebenden Lebenslust unabhängig wer

den kann; wir kennen überhaupt in der neueren Zeit

nur zwei entschieden unchristliche Geistesrichtungen, den übrigens so bewundernswerthen Spinozismus, der ja auch nicht auf christlichem Boden erwachsen ist, und den neufranzösischen Materialismus, der wol selbst in Frankreich heutigen Tages nicht mehr für Philosophie gilt. Ferner aber hat das Denken in unserer Zeit schon längst aufgehört, sich um die Namen des Platon und Aristoteles zu bewegen. Auf immer werden uns die Schriften dieser Männer eine reiche Fundgrube der reinsten und erhabensten Gedanken bleiben, und nie wird das Gepräge, das ihr Geist der Wissenschaft und der Sprache der Wissenschaft für alle Zeiten aufgedrückt hat, sich verwischen; aber ganz andere Probleme sind es, welche das Leben der

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sere Zeit strebt zwar für den Augenblick dahin, den Glanz mächtiger Individualitäten durch verflachende

Reflexion zu zerstören und von ihnen nur das hohle

Spiegelbild eines sogenannten Allgemeinen stehen zu lassen; aber gewiss wird auch ferner; wie bisher; aller wahre Fortschritt in der Wissenschaft, wie in vder Kunst und im gesellschaftlichen Leben, sich an hervorragende Individuen anschliessen, wie unsere neuere deutsche Philosophie sich noch immer auf die gefeierten Namen eines Kant, Fichte, Schelling, Hegel anschliesst, und bei diesen Namen, deren jeder eine volle und in sich geschlossene Geistesrichtung darstellt und die, daher einander nicht zu verdrängen brauchen, sondern sehr wohl neben einander bestehen können, wird das höhere Denken unseres Volkes, ja der Menschheit, so lange stehen bleiben, bis aberinals ein reichbegabtes, geistesgewaltiges Individuum dem Geiste neue Aufgaben stellen oder eine neue Lösung der noch ungelösten wagen wird. Der Eklektizismus aber, wie ihn Cousin und andere jetzt in Frankreich zu verbreiten trachten und dessen relative Bedeutsamkeit wir schon oben anerkannten, kann unmöglich für einen wesentlichen Fortschritt des Geistes gelten, er kann, wie alles Halbe, Zusammengesetzte, wol eine Zeit lang einen alten Bau zusammenhalten, einen neuen Bau aber nach einer neuen Idee auszuführen ist er ui vermögend.

Die Latinität des Vfs. ist meisterhaft und ein in Deutschland noch nicht übertroffenes Muster, wie man,

nach dem grossen Vorbilde des Cicero, über philoso

phische Dinge sich eben so klar und gefällig als scharf und bestimmt ausdrücken könne. Um so mehr sind uns einzelne Mängel aufgefallen, wie der häufige Gebrauch von praesertim für praecipue, (S. 5. 198. 214) sensim sensimque, C103) interius cognoscere, G5) summi quique, (S. 234 vgl. Haase zu Reisigs Vorl. üb. lat. Gr. S. 351) quam plurimi für plurimi, (S. 201) dann das barbarische aderant doctrinae, C. ...157) eminere mit dem Dativ, C207) das unprosaisähe soquaces e0rum, (S. 2190 cultus absolut, für Geistesbildung; (S. 251) auch im Gebrauch der Zeitformen findet sich manches Ungenaue; Statt ca de bat aetas Aristotelis in illa tempora (155) hätte müssen cecidit, statt quod stum male ei cederet, eventus docut, C 1700 cess erit geschrieben werden. In

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A LL Co E MI E INE LITERATUR - ZEITUNG

April 1840.

AEST HETIK.

KöNIGsBERG, b. Unzer: Ueber Göthes Torquato Tasso von Dr. Friedrich Lewitz u. s. w.

( Fortsetzung von Nr. 73.)

Nach andere Leiden als die körperlichen suchten die Prinzessin heim. In der Jugend nahm man sie mit ihrer Schwester ihrer geistreichen grossgesinnten Mutter weg, weil diese ketzerische Ideen hegte, und so ward sie nicht allein der geliebten Mutter beraubt und um das schönste Glück des kindlichen Herzens betrogen, sondern es folgte ihr auch, der religiös gesinnten, der herbe Scrupel durchs Leben nach, ob die Mutter, die ihr gestorben, der Seligkeit theilhaftig geworden, Diese Religiosität, welche fest in ihrem Gemüthe steht, ungeachtet ihrer Geistesbildung, welche ihren Bruder über Staatsgeschäfte mit ihr zu reden veranlasst, und Leonore Sanvitale sie eine Schülerin Plato's nennen lässt, bildet einen vorzüglichen Zug in dem von ihr entworfenen Bilde, denn diese gewährt ihr, die immer und immer entsagen muss, den wahren IIalt für alles Entsagen und verklärt dasselbe. Auch bleibt dadurch ihr Wesen, das ohne diesen Mittelpunkt des Gemüths, durch die grossartige Geistesbildung aus dem Kreise echter Weiblichkeit treten könnte, innerhalb desselben beschlossen. Sie weiss dem Schmerz und der Entsagung so weit entgegen zu treten, dass sie sogar noch gute Seiten daran erblicken kann, wie sie denn, als Tasso sich entfernen soll, sagt: Ich seh es wohl, so wird es besser seyn. Muss ich denn wieder diesen Schmerz als gut Und heilsam preisen? Das war mein Geschick Von Jugend auf; ich bin nun dran gewöhnt; Nur halb ist der Verlust des schönsten Glücks, Wenn wir auf den Besitz nicht sicher zählten.

Auch die Schwester, welche sie als die begabtere ansieht, und mit welcher zu leben ihr der schönste Trost war, wird durch Vermählung von ihr entfernt und schwer vermisst. Doch alles nimmt sie hin mit Sanftmuth, ohne alle Bitterkeit als eine wahrhaft schöne Seele, den Frieden ihrer Brust bewahrend, so weit sie kann, und nicht ringend nach Unerreichbarem. Leiden hatten sie geläutert zur Ausübung der schmerzlichen Lebensansicht, welche Platon in den schönen „1. L. Z. 1840. Erster Band.

Worten: Soll dir das Leben stets gefallen, das nie auf Dauer sich verstand, so lass das Schönste wieder fallen und schliesse nicht zu fest die IIand, empfiehlt. Sie leistet Verzicht auf Glück und vermag es, wohin sie ihr Auge in ihrer sanften Schwermuth (denn natürlich hatte der Tod, welchem sie in der Blüthe des Lebens unter Schmerzen öfters in das Antlitz geschaut, einen tiefen Schatten des Ernstes für immer in ihre Seele geworfen), im Kreise ihrer Familie wen– det, auch in ihrer Familie nicht zu entdecken, weder bei der Schwester, welche kinderlos ist, noch selbst bei dem Bruder. Die zarte Ergebung in ihre Lage und die stille Entsagung, welche aus ihrem Wesen blicken, geben ihr einen Schein, welcher ihre heitere Freundin Leonore Sanvitale veranlassen konnte, in Beziehung auf ihre Neigung zu Tasso, welchen sie der Prinzessin zu entziehen gedachte, zu sagen: Du musst ihn haben, und ihr nimmst du nichts Denn ihre Neigung zu dem werthen Manne Ist ihren andern Leidenschaften gleich. Sie leuchten wie der stille Schein des Monds Dem Wandrer spärlich auf dem Pfad zu Nacht; Sie wärmen nicht, und giessen keine Lust Noch Lebensfreud’ umher. Doch Leonore, die heitere, lebensfrohe, eitele und nicht geistestiefe, zu Intrigue und Schlauheit geneigte, vermochte durch die Verklärung des Wesens ihrer Freundin nicht in das Innere derselben zu blicken, sonst würde sie gesehen haben, dass in dem reinen IIerzen derselben das Feuer der Liebe brannte, freilich fest umschränkt und mit reiner Flammenspitze gegen den IIimmel gewendet, diesem als ein Opfer, da der irdische Raum diesem Feuer versagt war. Ganz vermochte sie Tasso die Liebe, welche sie zu ihm hegte, nicht zu verbergen, doch als ein leiser Ausdruck derselben ihn zu einem begeisterten Ausbruch hinriss, sagt sie: Nicht weiter Tasso! Viele Dinge sind's, Die wir mit Heftigkeit ergreifen sollen; Doch andre können nur durch Mässigung Und durch Entbehren unser eigen werden. So sagt man, sey die Tugend, sey die Liebe, Die ihr verwandt ist. Das bedenke wohl. Der Schmerz, welchen sie Leonoren offenbart, der Schmerz, den sie später, als Tasso in der Zerrüttung

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bis zu wahnsinnigen Phantasieen fortschritt, nicht bergen kann, zeigt wie sie ihn liebt, und diese Liebe lässt sie auch auf eine Vermählung verzichten, denn als Tasso Besorgnisse äussert, der Kreis der Freunde möchte sie durch eine solche verlieren, sagt sie ihrem Gefühl gemäss: Für diesen Augenblick seyd unbesorgt! Fast möcht' ich sagen: unbesorgt für immer. Die Seine konnte sie nicht werden, und die vielgeprüfte und frühe an das Entsagen gewöhnte suchte nicht ungestüm ein Erdenglück, welches sie nur hätte erwerben können durch eine Ueberspringung von Schranken, wobei sie ihre Familie tief verletzt und an Zucht und Sitte gefrevelt hätte, und sie selbst sagt, erlaubt sey nur was sich zieme. Aber in reiner Liebe den Dichter lieben und von ihm geliebt zu werden in edler Geistesgemeinschaft war der tiefe Wunsch ihrer Seele, das Einzige was sie sich für vergönnt hielt. Der Dichter hat uns in der Prinzessin eines seiner edelsten und herrlichsten Frauenbilder gedichtet, und das will viel sagen, da er in dieser Beziehung so reich ist. Dass Tasso bald so wie er sie erblickt hatte, von Liebe zu ihr hingerissen ward,“ ist natürlich und sogar durch das erste Zusammentreffen schön bedingt. Als die Prinzessin eben von schwerer Krankheit genesen war, führte ihre Schwester ihr den Dichter zu, und es musste auf sein weiches empfängliches Herz dies schöne Frauenbild mit dem blassen Antlitz, worauf der sanfte stille Frieden der Genesung lag, nicht gewöhnlichen Eindruck machen, da er ihr zur Freude erschien und sein höchster Werth, seine Poesie, ihr willkommen war, und da er in dem schönen Bilde eine hohe edle Seele fand. Dass auch sie von Liebe zu Tasso ergriffen werden musste, liegt ebenfalls nahe, da ein schöner edler Dichter ihrem Herzen bald nahe treten musste, und sie selbst sagt zu ihm: Du warst der erste, der im neuen Leben Mir neu und unbekannt entgegen trat. Da hofft’ ich viel für dich und mich: Und zu Leonore sagt sie, dieses Augenblicks gedenkend: da ergriff ihn mein Gemüth und wird ihn ewig halten. Sogar der Zug, dass Tasso's ganzes Wesen in diesem Augenblick durch ein glänzendes Turnier, welches er eben geschaut hatte, in grosser Aufregung oder vielmehr berauscht war, gehört zur Motivirung der zwischen ihm und der Prinzessin sich rasch bildenden Liebe. Hr. L. welcher um seine Ansicht, dass in Tasso das Hofleben geschildert sey, zu erhärten, die Charaktere in diesem Sinne deuten musste, sagt von der Prinzessin, weil sie Tasso ihre Liebe nicht streng verbirgt: »Die Hofluft, für welche die

Natur sie nicht bestimmte, hat diese hohe Seele an

geweht, und mit ihrem Hauche das edle Bild uns einpfindlich verletzt und getrübt. Ist ihre ganze Haltung im Drama wohl der Art, dass wir eine so leidenschaftliche Aufwallung, ein so rücksichtsloses Eingehen auf Tasso's Erklärung erwarten dürften? und wenn es uns entgegentritt, dadurch genügend erklärt oder gar gerechtfertigt fänden? Ich glaube nicht." Aus diesem einen Ausspruche lässt sich zur Genüge erkennen, dass Hr. L. über dieses Drama, ohne in dessen Elemente eingedrungen zu seyn, geschrieben hat. Die Prinzessin würde nur dann mit ihrer leisen, nicht aber leidenschaftlich aufwallenden Andeutung ihrer Liebe, welcher Entbehrung als Schranke gleich bezeichnet wird, arglistig handeln, wenn sie Tasso nicht wahr und tief liebte. Soll aus ihrer Haltung etwas hergeleitet werden um dieses leise Andeuten dessen, was ja beide in der Stille wussten, da zwei Liebende einander erkennen, ungehörig zu finden, so könnte dies nur aus der Art hergeleitet werden, wie sich die Prinzessin ausser dieser Scene in den übrigen in Beziehung auf Tasso benimmt. Betrachten wir diese Haltung, so finden wir den vollen Ausbruch ihrer Leidenschaft in ihrer Unterredung mit Leonoren, als sie um Tasso besorgt wird. Sie sagt ihr, wie sie Tasso für ewig in ihrem Gemüth aufgenommen, und fährt dann fort: Zu fürchten ist das Schöne, das Fürtreffliche, Wie eine Flamme, die so herrlich nützt, So lange sie auf deinem Heerde brennt; So lang' sie dir von einer Fackel leuchtet, Wie hold ! Wer mag, wer kann sie da entbehren? Und frisst sie ungehütet um sich her, Wie elend kann sie machen ! Lass mich nun Ich bin geschwätzig, und verbärge besser Auch selbst vor dir, wie schwach ich bin und krank. Wenn ein so edles resignirtes Herz vor Liebe schwach und krank zu seyn sich bekennt, dann wird man es für grosse Selbstbeherrschung und Gediegenheit halten, dass sie dem Geliebten gegenüber ihrer Liebe nur einmal ein andeutendes Wörtchen, dem die Beschränkung unmittelbar folgt, vergönnt, einen Ausspruch aber, wie den oben angeführten, muss man für eine Unachtsamkeit und Uebereilung nehmen. Doch genug von dem Charakter der Prinzessin, ohne dessen Erkennung dieses Drama nicht richtig gewürdigt werden kann, denn grade die Liebe Tassos und deren Erwiederung bildet bei der Unmöglichkeit nach irdischer Art ans Ziel zu gelangen, den sentimentalen Theil des Stücks, welcher das Herz besonders interessirt, vorzüglich das deutsche sentimentaler Wehmuth besonders geneigte Herz. Ihre Resignation und ihre Haltung dabei ist noch ergreifender als die Resignation Heliodora's in den Abbassiden, wie zart und voll inniger Tiefe auch diese sey. Zwar führt Hr. L. einen mir sonst nicht bekannt gewordenen Ausspruch des Hn. A. W. Schlegel an, es sey nämlich im Tasso keine einzige Person, für deren Wohl oder Wehe man sich interessiren könne; allein was soll ein solches Wort ohne Begründung? Mit der Theilnahme kann es jeder nach seiner Subjectivität halten wie er will, es folgt daraus nichts für das Maass der Theilnahme anderer. Q In Tasso's Stimmungen untersucht Hr. L. die Motive weitläufig aber zweckwidrig, weil diese Dichterseele jedesmal vermittelst der durch das gereizte Gefühl aufgeregten Phantasie in das Maasslose in Freude und Leid geht, so dass es keiner genau bestimmenden Motive für alle Einzelnheiten seiner Anschauungen, sondern nur immer eines zur Stimmung im Ganzen bedarf. Neben der Prinzessin mit ihrem hohen ernsten auf diese Welt zum grossen Theil Verzicht leistenden Wesen steht die heitere, lebensfrohe, glückliche Leonore Sanvitale und dient ihr sehr glücklich als eine Folie. Gleich bei dem Auftreten beider zeichnet der Dichter ihren Unterschied durch eine zu diesem Zweck gewählte Aeusserlichkeit, welche ihre Gesinnungen andeutet. Er lässt die Prinzessin von dem hohen Lorbeer brechen und sie des Heldendichters, Virgil's Haupt bekränzen, wogegen Leonore bunte Blumen um des heiteren Ariosto Stirne windet. Leonorens Wesen, welches freilich nicht schwer zu begreifen ist, hat Hr. L. verständig erfasst und besprochen. Ich wünschte das nämliche von seiner Auffas– sung Antonio's sagen zu können, was aber nicht angeht. Er meint, an jedem Menschen sey zuletzt doch etwas Natürliches und Gutes, und dies komme bei Antonio in der Schlussscene zum Vorschein. An Antonio, man fasse ihn nur richtig, ist durchaus viel, sehr viel Gutes, Tasso steht als Dichter, Antonio als Weltmann da, die andere Seite des menschlichen Wesens darstellend, und so dient er Tasso zur Folie, so wie dieser hinwieder ihm. Beide zu einem Wesen verschmolzen würden nach dem Ausspruch dieses Drama's einen wahrhaft vollkommenen Menschen geben. Tasso's Aeusserungen über Antonio können nicht zur Beurtheilung desselben dienen, da dieser nur nach seiner Empfindung und seinem gereizten Gefühl urtheilt. Antonio erscheint als geschickter, treuer und zuverlässiger Geschäftsmann von feinen Formen

und von Allen am Hofe, selbst von der poétisch fühlenden Prinzessin geachtet und geschätzt. Alle erkennen einen Mann in ihm, welcher zwar nicht warm und enthusiastisch entgegen kommt, der aber, wenn man einmal mit ihm in freundliches Verhältniss getreten ist, einem sich als ein gar schätzbarer und zuverlässiger Freund erweist, so dass man ihn nicht mehr missen mag. Hofmann ist er in gutem Sinne des Worts, d. h. er weiss am Hof sich zu bewegen, wie es sich ziemt, aber vom Höfling in der übeln

Bedeutung, welche man mit dieser Benennung zu

verbinden pflegt, zeigt er in diesem Drama keine Spur, wohl aber Spuren des Gegentheils, und zwar sehr handgreifliche. Als Antonio von einer wichtigen glücklich beendigten staatsmännischen Sendung zurückkehrt, findet er den Fürsten und die Frauen auf dem Lande und Tasso mit dem Lorbeer bekränzt. Er, welcher seinem Wesen nach die Poesie nur als einen Schmuck im Leben betrachten konnte, ohne von ihrem göttlichen Wesen entzückt zu werden, wird von Aerger und Neid ergriffen, den Lorbeer von einem, der, wie er meinte, kein nützliches Thun und überhaupt kein thätiges Leben aufzuweisen hatte, vergeben zu sehen und einen solchen so hoch in der Gunst des Fürsten und der Frauen, auf welche er so gerechte Ansprüche zu haben meinte, zu wissen. Ein solcher Aerger und Neid ist zwar nicht schön, aber er gehört zu den leidenschaftlichen Schwächen des Menschen, ist also begreiflich, und wenn einer ihn bezwingt, verzeihlich. Unter allen Regungen des menschlichen Gemüths ist der Neid die am häufigsten vorkommende und den Egoismus überall bekundende, weshalb es nicht höher anzurechnen ist, als es wirklich verdient, wenn einer Neid über die Gunst und den Glanz eines Andern empfindet, falls er selbst durch schätzbare Handlungen gerechtere Ansprüche darauf zu haben glaubt, als der, welchem sie zu Theil geworden sind. Antonio der Welt – und Geschäftsmann, dessen Herz an dem Feuer der Poesie nie wahrhaft erwarmte, ohne dass er jedoch dieselbe verachtete, da er sie wohl für ein schönes Spiel und einen artigen Schmuck des Lebens hielt, durfte meinen, er verdiene, da er reelle Dienste von Wichtigkeit leistete, eher die Gunst des Fürsten und der Frauen als der schwermüthige launenhafte Dichter, dessen wechselnde, aufbrausende Stimmungen oft störend waren und Nachsicht erheischten. Dass er seine ärgerliche Stimmung über Tasso's Glück nicht birgt, ja sich hinreissen lässt einen argen Auftritt mit demselben zu beginnen; gereicht ihm eher zum Lobe als zum Tadel, da er doch

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