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Angeregt durch den mächtigen Umschwung, der in Deutschland in den letzten Jahrzehenten die Geschichte der griechischen Philosophie so bedeutend gefördert und von einer Entdeckung zur andern getrieben hat, haben unsere praktischeren Nachbaren, die Franzosen und Holländer, sich nicht damit begnügt, das durch fremde oder eigene Forschung auf diesem Gebiete Gewonnene unbefangen hinzunehmen und den weiteren Einfluss dieser Studien auf das Leoben und Denken unserer Zeit der still wirkenden Kraft der Wissenschaft zu überlassen, sondern sogleich wollten sie bei dem gegenwärtigen Geschlechte die Früchte ihrer Arbeiten sehen, und die alte Philosophie, sey es nur in einer ihrer grössten und vollendetsten Gestaltungen, sey es in der Form eines, wenn auch mit modernen Elementen versetzten Eklektizismus in unser Leben wieder einführen. So hat der verdienstvolle, der Wissenschaft und der Welt zu früh entrissene van Heusde, dessen wir auch bei der Anzeige seiner » sokratischen Schule", in diesen BlätLernrühmend gedenken werden *), die besten Kräfte seines Lebens daran gewandt, die sokratisch-platonische Philosophie in Gehalt und Form wieder zur Lehre unsers Jahrhunderts zu machen, wobei die ungeheuren Arbeiten, durch welche seit Bacon der denkende Geist sich eine ganz neue Welt erbaut und in Sphären erhoben hat, die dem Alterthum immer unzugänglich bleiben mussten, entweder ganz ignorirt oder doch nur in sofern anerkannt wurden, als sie vom Platon ausgingen oder auf ihn zurückführten; überhaupt wurde der neueren Zeit als wirklicher und wesentlicher Gewinn doch nur die Fülle des positiven Stoffes, den die geschichtlichen und Naturwissenschaften der denkenden Betrachtung immer von Neuem zuführen, angerechnet, während in der Form Platon

-, *), S. Erg. BI. zum Monat Mai. A. L. Z. 1840. Erster Band.

April 1840.

ein für allemal das Höchste erreicht habe, worüber

hinauszugehen Vermessenheit sey. Auch das gegenwärtig von uns anzuzeigende letzte Werk van Heusdes,

das zu vollenden leider dem trefflichen Manne nicht vergönnt war, ist von gleichem Streben und von gleicher Liebe zu Platon ausgegangen; aber doch schen wir hier einen Fortschritt; nicht mehr Platon allein ist es, der ihn beschäftigt, sondern der

grosse Name, dessen mächtiger Klang jetzt wieder heller und reiner als seit Jahrhunderten durch unsere

Wissenschaft hintönt, der Name des Aristoteles hat

auch ihn ergriffen, er stellt dem Bilde Platons das Bild

des Aristoteles entgegen, dem er freilich nur die oberflächlichste Betrachtung zugewendet und daher von ihm nur die dürftigste, unklarste Anschauung gewonnen hat, und als höchste Aufgabe unserer heutigen Philosophie stellt er nun nicht mehr die Wie

derbelebung des reinen und ungefälschten Platonis

mus auf, sondern dem Platon soll Aristoteles zur

Seite gehen, beide sollen sich mit ihren eigenthümli

chen Kräften und Gaben zu einer mächtigen Gesammtwirkung vereinigen, mit einem Worte, der Vf, strebt einem kritisirenden Eklektizismus zu, wie er jetzt in Frankreich mehr und mehr die Herrschaft gewinnt, und dort wenigstens das Verdienst sich erwerben wird, den öden Materialismus aus der Wissenschaft

und so Gott will auch aus dem Leben zu verdrängen.

Ob dieser Eklektizismus, welchen vorzubereiten der Hauptzweck dieser Schrift ist, der rechten Art, ob er überhaupt, wie der Vf, ihn auffasst, eine recht kräftige und nachhaltige Einwirkung auf Leben und Wissenschaft unserer Zeit auszuüben fähig sey, werden wir nachher sehen; zuvörderst müssen wir einige Worte über den der Schrift zum Grunde gelegten Plan und die Ausführung desselben in den einzelnen Partieen voranschicken. Der Vf. wollte, um das Streben unserer Zeit, den Ertrag der Wissenschaft vergangener Perioden aus den höchsten Gesichtspunkten zu prüfen und das Beste davon als einen noch immer neue Zinsen tragenden Schatz zu behalten, auch seinerseits zu unterstützen, die Charaktere der bedeutendsten Philo

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sophen des griechischen Alterthums in Leben und Lehre in scharfen, gedrängten, lebensvollen Umris

sen darstellen. Dabei wollte er, ohne eine strenge Zeitfolge zu beobachten, zuerst die grössten aller Philosophen, Sokrates, Platon, Aristoteles charakterisiren, was in dem vorliegenden Werke geschehen ist, dann zu den Häuptern der vorsokratischen Philosophie zurückgehen und endlich die bedeutendsten Namen der spätern Schulen hinzufügen; doch der plötzliche Hintritt des rüstigen Mannes steckte der vollständigen Ausführung dieser Entwürfe ein allzufrühes Ziel. Es war dies gewiss ein grossartiges und schwieriges Unternehmen, dessen Neuheit der Vf. wol auch durch das neu gebildete Wort characterismi andeuten wollte; schwierig besonders deshalb, weil es so verschiedene, nur selten in demselben Individuum vereinte Gaben verlangte. Denn nicht nur setzt es die gründlichsten, eindringendsten, bis zu einem gewissen Abschluss fortgeführten Studien über Leben und Lehre der einzelnen Philosophen voraus, da es doch nicht selber Untersuchungen enthalten, sondern das Resultat der Untersuchung in kurzer, zusammenfassender, scharf ausgeprägter Darstellung dem Leser vor Augen stellen soll, sondern zur Auffassung und Schilderung des wirklich Charakteristischen gehört auch eine nicht geringe künstlerische Virtuosität. Mit Recht pflegt man ja das Charakteristische überhaupt als den höchsten Triumph der Kunst anzusehen, da in ihm das Individuelle mit dem Idealen völlig zusammenfällt, denn der Mensch, dessen Charakterbild wir entwerfen wollen, muss uns zugleich in seiner innersten, tiefsten Eigenthümlichkeit und in seiner typischen Bedeutung, als Mittelpunkt einer bestimmten Entwickelungsperiode im Leben eines Volkes und der Menschheit, als Vorkämpfer und Organ einer Idee erscheinen; gewiss aber wird es um so schwieriger, ein durchaus getreues Charakterbild des Individuums zu entwerfen, jemehr die Thaten und Werke desselben innere Thaten und Werke des Geistes sind, und das ist doch wol im höchsten Grade bei den Männern der Fall, die an der Spitze einer neuen, alle Lebensgebiete durchdringenden Geistesrichtung standen, deren ganzes Leben allein der Idee und ihrer Durchbildung und Verbreitung gewidmet war. Denn mag auch das äussere Leben des Philosophen noch so bewegt und bedeutend seyn, sein eigenstes Leben wohnt in der Wahrheit, und nur dann wird der Darsteller seines Charakters das Richtige treffen, wenn er klar und treu nachweisen kann, welche Farbe in dem Geiste desselben die

Wahrheit angenommen hat und in welcher Ä ie durch ihn den nachlebenden Geschlechtern überliefer ist; die Verhältnisse und Schicksale des äusseren Lebens treten dagegen bei solchen Individuen mehr in den Hintergrund, und gewinnen eine fast symbolische Bedeutung, da es wol nicht leicht vorkommen wird, dass ein wahrhaft grosser Denker, selbst in den kleinsten Lebensbeziehungen, sich der Idee, als deren geweihetes Organ er sich erkannt hat, auf die Dauer untreu erwiese. Da ist es nun schon ein wesentlicher Mangel der Darstellungen unsers Vfs., dass er eben

diese äussere Seite des Charakters doch fast ganz

übergangen hat, denn nur vom Sokrates theilt er einzelne der bekanntesten, aber keinesweges zu Ä Ganzen verbundenen charakteristischen Züge mit, on dem Leben des Platon und Aristoteles dagegen so gut wie nichts, und doch, wie treu spiegelt sich in dem Leben dieser beiden Heroen ihre Lehre, wie aus einem Guss war beides bei ihnen hervorgegangen! Aber auch in der anderen, wesentlicheren Beziehung, in der Darstellung des Charakteristischen ihrer Lehre, wie viel Irrthümer in der Auffassung, wie viel Mängel in der Form treten uns da nicht in dem übrigens so elegant und mit so vieler Wärme geschriebenen Werke entgegen! denn, während das Bild des Sokrates, dieser so durchaus plastischen bis in die kleinsten Züge scharf ausgeprägten, typisch charakteristischen Figur, uns bei dem Vf. nur wie ein dürftigster Schattenriss erscheint, wird uns selbst die Gestalt des göttlichen Platon, den doch der Vf, vor allen liebte, nur in einer matten, unsichern Beleuchtung vorübergeführt, völlig getrübt aber und bis zur Unkenntlichkeit entstellt ist des Aristoteles Bild. Dazu ist die Methode so breit, so farblos, so sehr den Stoff in Fächer und Rubriken zersplitternd, dass ein lebensvolles Gesammtbild unmöglich daraus hervorgehen kann. So werden beim Sokrates zuerst mühsam

die Urtheile der Zeitgenossen, dann der Nachwelt

über ihn, dann seiner selbst über sich zusammengestellt, hierauf von seiner öffentlichen und philosophi

schen Wirksamkeit gesprochen, und nun erst mit

dem Charakterbilde abgeschlossen, das auf solche Weise wol kaum etwas anderes werden kann, als eine ermüdende Wiederholung des bereits unter den einzelnen Rubriken Abgehandelten; ähnlich folgt den in gleicher Weise auseinander gehenden Darstellun

gen des Platon und Aristoteles ein Urtheil nach,

worin Fehler und Vorzüge ihrer Methode und ihres Systems auf eine fast pedantische Weise gegen ein

ander abgewogen werden, und erst dann wird die zu

sammenfassende Charakteristik hinzugefügt, die aber bei jedem der beiden Philosophen auf einer einzigen Seite abgethan wird. Zur weiteren Begründung unseres Urtheils werden wenige Worte hinreichen. – Der Vf, beginnt mit einer Schilderung des Sokrates; man konnte hier wol von seinem klaren und milden Geiste und von seinem durch vieljährige Beschäftigung mit Platon gereiften Urtheil erwarten, dass er durch so manches unklare und verworrene Gerede, wodurch man in neuerer Zeit jene erhabene Gestalt ihres Glanzes zu entkleiden oder doch in ein falsches und getrübtes Licht zu stellen versucht hat, hindurch ein ruhiges, parteiloses, tiefes Wort würde erschallen lassen, um dadurch eine richtigere Würdigung eines so ungeheuern, an Gegensätzen so reichen Charakters wenigstens vorzubereiten. Das aber ist ihm nicht gelungen. Um eine welthistorische Persönlichkeit, wie Sokrates, darzustellen, ist es mit einzelnen Notizen und Charakterzügen nicht abgemacht; vielmehr muss die Schilderung sich zum freiesten Ueberblick aller Beziehungen des griechischen und namentlich des athenischen Lebens jener Zeit erheben, und vor allen Dingen recht scharf den gewal

tigen Wendepunkt ins Auge fassen, der damals in .

Sitte und Bildung der Griechen eingetreten war; wir werden dann in dem Sokrates den höchsten Reprä– sentanten jener Zeit, zugleich aber auch den lebendigen Vermittler zweier völlig verschiedenen Bil– dungsperioden sehen, wir werden die meisten jener grossen Gegensätze, die damals das griechische Leben bewegten, in dem Charakter des Sokrates wiederfinden, aber wir werden auch den gewaltigen Geist bewundern, der diese verschiedenen Elemente in Leben und Lehre zu schöner Einheit und Harmonie vereinigte und in den Tiefen seiner sittlichen Natur den Frieden fand, von welchem damals das öffentliche wie das geistige Leben Athens so fern war. Von diesem Punkt wird eine wahrhafte und würdige Charakterschilderung des Sokrates allezeit ausgehen müssen. Nun aber ist es, als träte noch jetzt So– krates mit seiner wohl bekannten Ironie zu so vielen heran, die da meinen, ihn und endlich ganz wie er war, erfasst zu haben, und spräche zu ihnen: wie weit seyd ihr doch entfernt, mich zu verstehen, und wie ganz unähnlich bin ich doch dem Bilde, das ihr euch von mir zu machen liebt. Unser Vf, ist an dies Bild mit Begeisterung und Wärme herangetreten, aber es treu und lebendig wiederzugeben, dazu fehlte es ihm an Frische der Farben und vor allen Dingen an der tieferen Erkenntniss der Fülle und des Reich

thums jener lebensvollen Gestalt. Namentlich musste er auf eine weniger oberflächliche Weise sich der, wenigstens annähernden, Lösung jener Schwierigkeiten unterziehen, die am meisten von jeher das richtige Verständniss des Sokrates gehindert, und die auch in Deutschland in neuerer Zeit vielfache Besprechung gefunden und manchen Kampf der Meinungen hervorgerufen haben. Hiehin gehört zuerst die so oft schon besprochene, unleugbare Differenz zwischen den platonischen und dem xenophontischen Sokrates, wobei der Vf, sich wenig aufgehalten, sondern seine meisten Farben, so viel Gewicht er auch mit Recht auf Platons Darstellung legt, der Schilderung Xenophons entlehnt hat, da doch erst aus der Vereinigung beider Darstellungen ein wahres, Charakterbild hervorgehen konnte; denn mag Platon die Lehre des Sokrates in einer unendlich reicheren, durch das Medium seines eigenen Geistes hindurchgegangenen Form ihm in den Mund legen, wie er es ja auch dem Parmenides that, aus dem Charakter des Sokrates hat er gewiss eben so wenig ein unwahres Ideal gemacht, wie aus dem des Parmenides, Protagoras und so vieler anderer, sondern ihn in vollster Lebenswahrheit geschildert. Wäre der Vf. nur den platonischen, die xenophontischen an Tiefe wie an Wahrheit so unendlich übertreffenden, Schilderungen mehr gefolgt, er würde das Element jener an Verzückung grenzenden Begeisterung (sympos: p. 174. 175. 220) mehr hervorgehoben haben, was dem klaren, hellen Griechenthum zu jener Zeit so fremd war, und auf eine tief bedeutsame Weise auf eine neue, in die Tiefen des Geistes eindringende Richtung hinweist; er würde auch dem Öau övtov des Sokrates eine richtigere Stelle angewiesen haben; denn weder das Gewissen, noch auch ein Mystisches, Unerklärliches in seinem geistigen Leben wollte Sokrates damit bezeichnen, sondern mit einem, seinen Zeitgenossen freilich völlig unverständlichen, symbolischen Ausdruck wollte er das gottverwandte Element der unendlichen Freiheit des Geistes ausdrücken, das auch in jenen kleineren Lebensbeziehungen sich bei ihm noch wirksam erwies, die den meisten, in Ermangelung eines positiven oder natürlichen Gesetzes, als etwas Gleichgültiges oder dem Zufall Angehöriges gelten. Die zweite, schwierigere Frage, die noch immer nicht befriedigend gelöst ist und sich auch wol einer durchaus genügenden Lösung auf immer entziehen wird, wie sich der wahre Sokrates zu dem Sokrates der Komiker, namentlich des Aristophanes, verhalte, hat der Vf, allerdings nicht unerwogen ge

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lassen, und besonders müssen wir es an ihm anerkennen, dass er in einer Zugabe unter dem Titel quaestiones Aristophaneae den sittlichen Werth des Aristophanes und seinen, unter dem Scherze verborgenen tiefen Ernst gebührend gewürdigt, ja ihn sogar, mit einem etwas unpassenden Ausdrucke, als Vorläufer des Sokrates und Platon charakterisirt hat. Aber wie kann er doch (S. 29) den Aristophanes für seine verkehrte Auffassung des Sokrates damit entschuldigt zu haben meinen, dass er weniger den gereiften Mann, als den jungen, noch an manchen Fehlern und Gebrechen, nach der Meinung des Vfs., leidenden Sokrates habe darstellen wollen? War denn Sokrates Ol. 89, 1, als die Wolken zuerst aufgeführt wurden, noch ein Jüngling? und hat er wol je in seinem Leben eine Zeit gehabt, wo er, nach Art eines Protagoras und IIippias, gegen reiche Geschenke in verschlossenen Räumen übernatürliche Weisheit vortrug, und gleich einem Thrasymachos Recht in Unrecht zu verkehren lehrte? denn dass seine Naturstudien, die er als Jüngling mag getrieben haben, den Komiker zu seiner Schilderung nicht bewegen konnten, hat bereits Reisig ( praefatio ad nub. p. XIII.) auf das Ueberzeugendste dargethan. Bleiben wir also vorläufig dabei stehen, dass die Komiker nicht minder, als die Tragiker, ihre Personen nicht in geschichtlicher Wirklichkeit sondern in idealer Färbung darstellten, wobei denn manchem bedeutenden Individuum blos darum gewisse Fehler angedichtet wurden, weil der Dichter in ihm den Mittelpunkt einer verderblichen Zeitrichtung zu sehen glaubte; wie viel hat doch auch Euripides sich von ihm müssen gefallen lassen, blos weil er in diesem weniger die einzelne Persönlichkeit, als vielmehr das ganze junge Athen zu treffen meinte; eben so stattete er den Sokrates, dessen in alle Lebensbeziehungen jener Zeit mit ganz anderer Macht, als irgend ein Sophist, eingreifende, alles bewegende und erschütternde Wirksamkeit er klar genug erkannte, mit manchen entschieden unwahren Zügen aus, die alle nicht dem wirklichen, sondern dem idealen, man möchte sagen, dem typisch aufgefassten Sokrates galten, welchen er als Zerstörer uralter Zucht und Sitte, als Begründer einer auf Reflexion gebauten, schwankenden Moral, als Zweifler an allem, was Natur und Gewohnheit geheiligt hatten, besonders aber als Prediger eines unpatriotischen Kosmopolitismus ansah, unfähig, wie er war, die höhere Wahrheit in der Lehre des Sokrates, durch welche dieser allen jenen Verhältnissen vielmehr eine höhere Weihe gab, herauszu

finden. Hiemit hängt dann eine dritte Frage genau zusammen, auf welche der Vf, leider fast gar nicht eingegangen ist, nach dem Verhältniss des Sokrates einerseits zu den Sophisten, andererseits zu seinem Volke und zu seiner ganzen Zeit. Wenn man in früheren Zeiten gewohnt war, die Sophiste Bausch und Bogen zu verdammen und sie dem krates als Repräsentanten alles Nichtigen und Bösen gegenüber zu stellen, so hört man heutzutage wol zuweilen den Sokrates selbst als den grössten aller Sophisten bezeichnen, der, wenn auch, an Gehalt und sittlichem Ernst weit über ihnen stehend, doch in der Methode sich ihnen gleichgestellt und in der That die von ihnen begonnene Umkehrung aller sittlichen und politischen Begriffe nur weiter geführt und auf die Spitze getrieben habe. Hier kann die Wahrheit nur dann gewonnen werden, wenn man, gleichsam in das feindliche Lager eindringend, die sogenannten Sophisten selbst in ihrer ganzen Eigenthümlichkeit und ohne ein vorgefasstes moralisches Urtheil durch gründliche Forschung kennen zu lernen sucht, in der Weise, wie der edle Welcker zuerst unter allen uns das reine und ungetrübte Bild des Prodikos, als eines würdigen Vorläufers des Sokrates, wiederhergestellt hat; wir würden dann sehen, dass nicht alle Sophisten die Vergleichung mit Sokrates scheuen dürfen, zugleich aber würden wir auch erkennen, wie gross

die Kluft war, die ihn von allen, selbst den grössten

und begabtesten Sophisten trennte; denn während

diese doch immer nur sich in den Formen der früheren Philosophieen bewegten, auch wo sie skeptisch und polemisch dagegen auftraten, kam mit Sokrates ein ganz neues Prinzip des Denkens und Lebens in die Welt, mächtig genug, um dem leeren Skeptizismus und der todten Dialektik siegreich die Spitze zu bieten. Was nun aber des Sokrates Weltstellung und sein Verhältniss zu seinem Volke betrifft, so hat sich

hier, seitdem IHegel in seinen Vorlesungen über Ge

schichte der Philosophie den Satz aufstellte, dass

der Staat dem Sokrates gegenüber in seinem Rechte

gewesen sey, und den Prozess des Sokrates höchst

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ALLGEMEINE LITERATUR - zEITUNG

- I April 1840.

PHILosoPHIE.

. AusreadAM, b. Müller: Characterismi principum philosophorum veterum, Socratis, Platonis, Aristotelis, ad criticum philosophundi rationem commendandam scripsit Ph. Guil. van Heusde etc.

C Fortsetzung von Nr. 71.)

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E. ist hier nicht der Ort, auf den wesentlichen und tiefen Irrthum weiter einzugehen, der der angeführten Ansicht über Sokratis Hinrichtung zum Grunde liegt; nur das eine sey uns erlaubt, hier zu bemerken, dass wir hier einmal wieder ein Beispiel jener den Deutschen schon oft vorgeworfenen Unart haben, an dem geistreichen Worte eines grossen Mannes so lange herumzuzerren, bis er selbst es nicht mehr wiedererkennen würde. Gewiss war Sokrates ein tragischer Held, grösser und mächtiger, als je einer über die Bretter der Tragödie gewandelt ist; er aber bleibt doch hier „der Kampf gewaltiger Naturen um ein bedeutend Ziel?" Will man die erbärmlichen Gegner des Sokrates edle und gewaltige Naturen, will man ihren ohnmächtigen Kampf gegen die hoch über den Getreibe der Parteien stehende sittliche Hoheit dieses Mannes eine grossartige Vertheidigung der alten Sitte und Tugend des Vaterlandes nennen, die ja doch nie einen wärmeren Vertheidiger gefunden hatte, als eben Sokrates? war nicht überhaupt damals die moralische Kraft des athenischen Volkes so sehr gebrochen, die Grundsesten des öffentlichen und häuslichen Lebens so gewaltig erschüttert, dass es Aberwitz gewesen wäre, von dem Tode eines Greises, dessen Schule man ja doch ungefährdet fortbestehen liess, Wiederherstellung eines seit vielen Jahrzehenten verschollenen Zustandes zu erwarten? So ist denn auch eine andere herkömmlich gewordene Redensart, dass die sokratische Lehre die innere Auflösung des Staates am meisten gefördert und das Erlöschen alles vaterländischen Sinnes herbeigeführt habe, nichts weiter als ein völlig unhistorischer Irrthum. Man hat dabei zunächst an Platon und Xenophon gedacht, denen es allerdings nicht zu verdenken war, wenn sie A. L. Z. 1840. Erster Band.

sich von dem elenden und unwürdigen Treiben, wie es seit der letzten Hälfte des peloponnesischen Krieges in Athen vorherrschte, bis zum Ekel abgestossen fühlten; wer aber möchte wol verkennen, dass aus der tieferen Sittlichkeit der sokratischen Lehre alles Grosse und Würdige hervorgegangen ist, was überhaupt Athen in der letzten Zeit seiner Freiheit noch aufzuweisen hat? war nicht namentlich Demosthenes (was auch der Vf, anerkennt) durch und durch von dem reinen und edlen Geiste jener Lehre beseelt, und zeigen nicht seine Reden und Thaten uns das vollkommenste Bild eines wahrhaften Sokratikers? So werden wir also vielmehr sagen müssen, dass Athen noch viel schmählicher und unaufhaltsamer seinem Verderben würde entgegengegangen seyn, wenn es keinen Sokrates unter seinen Bürgern gehabt hätte. Aus der Darstellung des Vfs. wird uns nun weder klar, wie aus den vielfach ineinandergreifenden, reichen Bildungselementen jener Zeit ein Sokrates entstehen konnte, und wie doch dieser, bei aller sittlichen Grösse und IIoheit, immer ein Sohn seiner Zeit war, noch auch, wie sein Geist in den verschiedensten Schulen, wie in die verschiedensten Farben gebrochen, doch in Leben, Wissen und Kunst schöpferisch fortwirkte, so lange es noch ein Griechenland gab. Zu weit aber scheint der Vf. uns doch zu gehen, wenn er dem Sokrates eine von vielen Stürmen der Leidenschaft bewegte, ja eine wollüstige und ausschweifende Jugend zuschreibt; (S. 30. 55) das vom Cicero (Tusc. IV, 37) überlieferte, bescheidene Wort desselben zu dem anmaassenden Physiognomiker Zopyrus berechtigt uns zu einer solchen Annahme nicht, und eine andere Tradition über diesen Punkt ist uns unbekannt; das aber dürfen wir wol von ihm sagen, dass seine sittliche Natur immer eine kämpfende, ringende geblieben ist, und dass sein Bild uns nicht jene milde, heitere, in sich zur vollkommensten IIarmonie abgeschlossene Schönheit darstellt, welche wir vor ihm an einem Sophokles, nach ihm an einem Platon bewundern, grade wie auch sein charaktervolles, aber unschöues Aeusseres aus dem gewohnten Typus der atheni

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