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terbuches und mit Rücksicht auf die Eigenthümlichkeiten des Pali schon jetzt Vieles ohne grosse Schwierigkeit identificiren.

- Eine umfassende Geschichte des Buddhismus dürfte wohl, da in diesem Gebiete wegen des Mangels rein historischer Quellen noch ungeheuere Klüfte gähnen, erst nach Menschenaltern möglich seyn; denn keine bekannte heidnische Religion hat so weit um sich gegriffen, solche Wechsel des Geschickes erlebt, und ist so vielfach den nationalen Vorurtheilen der verschiedensten Völker anbequemt worden, ohne darum ihrer innersten Wesenheit zu entsagen. Was in dem vorliegendem Werke Neues zu Tage gefördert ist, das verdanken die Herausgeber nur allein Chinesischen Quellen, die Eigenthum der Pariser Bibliothek sind, ja man kann einen beträchtlichen Theil des Commentars als eine Sammlung mehr oder weniger frei übersetzten Chines. Texte und Auszüge aus solchen Texten betrachten, wobei denn auch Manches mit unterläuft, was ob seines raffinirt metaphysischen Charakters der reinen Buddha – Lehre, die hauptsächlich Ethik ist und ethische Tendenz hat, minder angemessen scheint. Ausserdem ist Alles benutzt worden, was J. J. Schmidt, Csoma Körösi, Upham u. And. aus Mongolischen, Tibetischen, Singhalesischen u. s. w. Quellen erbeutet haben. Einzelne interessante Notizen hat auch Burnouf d. J., Kenner des Pali und des Singhalesischen, beigesteuert.

Wir schliessen diese Inhaltsanzeige mit einigen zerstreuten Bemerkungen, die wir sehr vermehren könnten, wenn uns nicht die Rücksicht leitete, dass der Gegenstand bis jetzt nur ein kleines Publikum hat. Seite 37 geschieht des Sees Aneuta Erwähnung, welcher als nächster Nachbar des Mamsurowar auf der Tibetischen Hochebene liegt und nach einer mythischen Vorstellung den vier Hauptwassern (Ganges, Indus, Oxus und Sita) ihr Daseyn giebt. Die daselbst angeführte Conjectur Burnoufs d. J., wornach A-neufat Chinesische Umschreibung der Pali – Form anawatatta (im Sanscrit: anawatapta) wäre, d. h. qui n'est pas échauffé (par le soleil), finden wir in dem Tibetischen Namen dieses Sees, Ma dros –pa (ungeheizt), der keine zweifache Erklärung zulässt, schön bestätigt. S. des gelehrten Ungarn Körös Tbetan English Dictionary, unter Ma (nicht) und Dros (erhitzen). Die Königliche Bibliothek zu Berlin

besitzt ein interessantes Werk der Sekte ches Schin-sian-kian (Spiegel der heilig ten) betitelt ist und worin man eine myt schichte Chinas findet. Dieses Werk enthält ( V) auch beiläufig eine kurze Biographie des Sak muni Buddha, in welcher eines Berges Aneuta, dessen südöstlicher Ecke das alte Sche-wei(Sra der vornehmste Schauplatz von Buddha's Leh F legen haben soll, Erwähnung geschieht. Sche-wei war die Hauptstadt von Kosala (dem heutigen Oude); der Berg Aneuta aber, welcher bei Tibetern und Indiern für den höchsten aller Berge gilt (auch Kailas genannt) erhebt sich in der Nachbarschaft des gleichnamigen Sees. Der Vf des Schin–sian-kian hat also, vermöge einer tollkühnen Licenz, das L Oude nach Tibet versetzt, wenn man anders nicht annehmen will, dass auch ein Gipfel der Vorkelte des Himälaya zufällig jenen Namen geführt habe. - S. 81–82 nennt Abel Remusat die vier Dwipa's oder Welttheile, so um den Berg Sumeru herumliegen, mit ihren Indischen und Chinesischen Namen (von denen die letzteren blosse Verstümmelungen der Ersteren sind) und giebt zugleich Erklärungen dieser Namen. Klaproth ergänzt diese Notiz durch Hinzufügung sehr fehlerhaft geschriebener Tibetanischer und Mongolischer Benennungen (aus Georgi und Pallas), deren Uebersetzung er dem Leser überlässt. Die Tibetanischen Namen findet man zusammengestellt bei Körös (a. a. O., S. 24); die Mongolischen aber in den Russischen Anmerkungen zu Kowalewski's Chrestomathie (Th. II, S. 368 u. 495). Wir ersehen aus Beiden, dass Abel– Remusat den Namen des vierten Welttheils (im Norden) falsch verstanden haben, oder vielmehr einer falschen chinesischen Interpretation gefolgt seyn müsse; denn seine Bedeutung ist weder terre des rainqueurs, noch terre qui surpasse (les autres), sondern Welttheil der bösen Stimme im Norden (Uttara kurawa duipa); Tibetisch: Byang sgra mi– sñan; Mongolisch: Dorona maghu daghutu dwip. Kowalewski bemerkt hierbei Folgendes: „Dieser Welttheil heisst so von dem Baume Kalbaris, welcher mit seiner Stimme den Menschen ihren Tod sieben Tage vorher anzeigt." Eine Geisterstimme von Norden her, und zwar aus einem (sonst nicht näher bestimmten ) Baume ist es also, was dem Welttheile seinen Namen gegeben *). – S. 220 ff. Hier werden die Umstände der Geburt Säkyamuni's nach Chinesischen Berichten erzählt. Klaproth bringt in einer supplementarischen Note vier von einander abweichende Angaben hinsichtlich der ersten Worte, die der allerherrlichstVollendete gesprochen haben soll. Wir können mit einer fünften dienen; das Schin-sian-kian (s. oben) lässt ihn nämlich sagen: liängtá tsch7 leidn, töngd'wéi tsün, ich bin das erhabenste Wesen im Himmel und auf Erden (wörtlich: in den beiden Grö– ssen, oder grössten Körpern bin nur Ich der Ehrwürdige *). In demselben Buche werden verschiedene andere Dinge von Buddha erzählt, die, obgleich offenbar nur im Gehirne der Ta0–sse ausgebrütet, interessante Belege von der Kühnheit geben, womit die Lehrer der Urvernunft ihr eignes System zum Centralpunkte aller Uebrigen machen. Der Verf. lässt Säkyämunis Mutter Mahdimäya, nachdem sie schon 22 Jahre schwanger gewesen, nicht eher niederkommen, bis sie durch übernatürliche Einwirkung des Laokiun (d. h. des göttlichen Stifters der Sekte Tao in China) einen Traum gehabt, worin sie einen weissen Elephanten zu verschlucken glaubte. Laokiun spielt also gewissermaassen die Rolle ihres Geburtshelfers. Noch mehr! Säkyämuni unternimmt in seinem reifen Alter die Reise nach China, wo er bei einem heiligen Einsiedler auf einem Berge in Schan-tung das wahre Mittel geistiger Befreiung kennen lernt. Am Rande der Columne steht folgendes Resumé: Fot yuän– läitssé tüngölls, die Lehre des Foi (Buddha) ist ursprünglich von Osten nach Westen gekommen!! W. Sch.

*) In seiner ausführlichen und trefflichen Beschreibung des Landes U-tschang (Udhyäna)
(Foe koue - ki, s 50) gedenkt Abel- Remus.at unter dessen Produkten eines Baumes Kalpadarou
bonheur nennt. Dieser Baum dürfte also wohl Gutes weissag 9

im nordwestlichen Indien

den er arbre du en, im Widerspruche mit dem Kalpa –ris.

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LÄNDER – UND VÖLKER KUNDE.

BERLIN, in Comm. b. Stuhr: Historisch geographische Darstellung Alt und Neu Polens. Mit 2 Karten. Von A. C. A. Friederich, Kön. Preuss. Ober-Telegraphen – Inspector und Hauptmann a. D. 1839. XL u. 688 S. nebst 2 Tabellen. (3 Rthlr. 8 gGr.)

Der Vf, hatte anfangs die Absicht, sämmtliche europäische Staaten und ihre Kolonien so zu bearbeiten, dass man sich eine deutliche Vorstellung von den mit ihnen vorgegangenen Territorialveränderungen sollte machen können. Eine kurze Geschichte sollte die geographische Darstellung begleiten. Indess überzeugte er sich, dass ein Werk von diesem Umfange nicht wohl von einem Einzelnen ausgeführt werden

könnte, und so entschloss er sich, seine Arbeit auf Polen zu beschränken. Mit der so auf engere Grenzen gewiesenen Aufgabe hoffte er weit früher zu Stande zu kommen, aber mancherlei Umstände verzögerten ihre vollständige Lösung 7 Jahre. Der Gedanke des Vfs. ist nicht neu, denn schon früher ist er nicht nur gefasst, sondern auch zur Ausführung gebracht worden (wir erinnern nur an das bekannte Kruse'sche Werk), obgleich nicht mit der Ausführlichkeit, wie hier. Inzwischen thut es dem Werke keinen Eintrag, dass es nicht aus einem ganz neuen Gedanken hervorgegangen ist; seine Anwendung auf Polen ist wenigstens neu. Ob es aber in der Weise, wie es der Vf. abgefasst hat, viele Leser finden wird, das müssen wir bezweifeln. Wenn auch die Schicksale, welche Polen erfahren hat, sein Wachsthum, seine Blüthe und sein Fall, von grossem Interesse für den Historiker und Politiker sind, und wenn ihnen durch den Nachweis seines Länderbestandes zu verschiedenen Zeiten so wie mit der Erzählung der Schicksale derjenigen Landestheile, die allmählich von jenem Reiche abfielen, und in die es sich, an andere Staaten übergehend, auflösete, gedient seyn dürfte; so kann für sie doch eine Topographie der einzelnen Antheile des ehemaligen Polens von keiner Bedeutung seyn. Wer nicht besonderer Zwecke wegen die Beschreibung einzelner Oerter zu lesen verlangt, wie er sie in einem topographischen Wörterbuche findet, dem sind sie, wie die einzelnen Kreise und Landschaften nur Elemente eines grösseren Ganzen, um dessentwillen er sie beachtet. Aber wo ist hier ein Ganzes? Be– standtheile Oestreichs, Russlands und Preussens werden nach einander aufgeführt. Selbst dann, wenn von einer möglichen Wiedervereinigung aller dieser Länder zu einem Reiche die Rede seyn könnte, würde eine Topographic ohne Interesse seyn und nur die Beantwortung mancher statistischer Fragen von Wichtigkeit erscheinen. Wir glauben daher, dass der Vf. der Aufnahme seines Werkes durch diese Erweiterung desselben mehr geschadet als genützt hat. Uebrigens erkennen wir vollkommen den Fleiss an, den er darauf gewendet, und geben gern zu, dass viel Belehrung daraus zu schöpfen ist. Nicht zu den geringsten Verdiensten desselben gehören auch die ihm beigegebenen 2 Karten. Sie stellen das alte Po– len vor 1772 und das neue Polen vor, und unterscheiden sich nur dadurch, dass auf der ersten Karte die

*) Der Himmel ist nämlich y-tá (das erste Grosse), und die Erde, ölt –te (das zweite Grosse). Die Buddhisten haben übrigens auch eine Eintheilung in vier Grössen: 1) Erde. 2) Wasser. 3) Feuer. 4) Luft; und darnach könnte man bei!"9- vielleicht auch an Erde und Gewässer denken, wodurch Buddha's Versicherung ein wenig bescheidner

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Bestandtheile des alten Polens und die Erwerbungen Oestreichs, Russlands und Preussens in den Jahren 1772, 1793 und 1795 durch die besondere Farbe der Grenzen herausgehoben sind, auf der zweiten aber das jetzige Polen vorzugsweise markirt erscheint. Sollten sich aber nicht füglich beide Zwecke auf einer Karte haben erreichen lassen, und würde dies nicht mit einem grossen Vortheile verbunden gewesen seyn? Das ganze Werk zerfällt in 2 Theile, wovon der erste, das alte Polen überschrieben, eine kurze Uebersicht der Geschichte dieses Reiches, aber vornehmlich der Territorialveränderungen desselben giebt, dann die Schicksale der ehemaligen polnischen Provinzen von der letzten Theilung Polens im J. 1795 bis 1830 erzählt, und mit der Angabe der Eintheilung des Staats zur Zeit der ersten Theilung im J. 1772 und der Geschichte der Territorialveränderungen der einzelnen Provinzen schliesst. Hier lässt sich billig fragen, ob es nicht angemessener gewesen wäre, erst die Geschichte Polens bis zur letzten Theilung des Landes zu erzählen, dann die Darstellung der Eintheilung desselben im J. 1772 und die Erzählung der Territorialveränderungen der einzelnen Provinzen folgen zu lassen und den Schluss mit den Schicksalen dieser Provinzen von 1795 bis 1830 zu machen? – Der Gegenstand lässt sich schon wegen seiner Zerrissenheit nicht recht anschaulich darstellen, und wird offenbar noch mehr verdunkelt, wenn man nicht alles vermeidet, was die natürliche Anordnung seiner Theile verändert. Inzwischen ist die Sorgfalt zu loben, womit die Grösse der einzelnen Landantheile bei der Veränderung des Territoriums immer berechnet sind, und wenn dabei auch manche Unrichtigkeit vorkommt, so hat der Vf. doch ganz recht, wenn er eine durchgehende Richtigkeit nicht nur als sehr schwierig, sondern selbst als unmöglich, und zugleich, sobald sie nicht bedeutend ist, als unwesentlich bezeichnet. Noch grössere Abweichungen von der Wahrheit müssen aber bei der Berechnung der Einwohnerzahl vorkommen. Hier fehlte es an allen sichern Anhaltspunkten. Wir würden daher auch dem Vf, gern diese peinliche Mühe erlassen haben, die doch kein genügendes Resultat giebt. Denn wer kann auf solche Angaben bauen, die nicht einmal, wie die Wahrscheinlichkeitsrechnungen von einem allgemeinen Gesetze ausgehen. - An die angegebenen Darstellungen schliesst sich dann im 2ten Theile die Beschreibung der Länder und Landestheile an, die im J. 1772 zum Polnischen Reiche gehörten. Bei allen folgt auf die Angabe der gewöhnlich vorkommenden statistischen Verhältnisse ihre Topographie. – Dass sehr viele Druckfehler stehen geblieben sind (sie füllen 8 Seiten), mag in den Umständen, die der Vf. anführt, seinen Grund haben, ist aber nichtsdestoweniger sehr zu bedauern. Mehr in das Einzelne einzugehen, dürfte zwecklos seyn. Wir schliessen daher mit dem Wunsche, dass der Vf, für seine grosse Mühe einen Ersatz in dem Beifalle seines Werkes finden möge. ??.

PATRISTIK.

GöTTINGEN, b. Vandenhoeck u. Ruprecht: De Irenaei adversus haereses operis fontibus, indöle, doctrina et dignitate. Commentatio hist. crit in certamine literario civium academiae Georgiae Augustae d. Iv m. Jul. MDCCCXXXVI ab dine theologorum s. ven. praemioregio-orna Scripsit Adolphus Stieren, Semin. reg. homil.n non societ. hist. theol. Götting. sodalis. VIII u. 60 S. gr. 4. (12 gGr.) . . .

Für die wichtige Untersuchung über die Quelle aus denen Irenaeus die gegnerischen Behauptun geschöpft habe, war bisher wenig oder nichts ges hen und mit Recht verweilt daher die vorliegen etwas holprigem Latein abgefasste Abhandlung bei am längsten. Dies ists denn auch, was Arbeit wesentlichen Werth verleiht, während gen der andere Theil derselben S. 37 ff. gänzun deutend ist. Anstatt nämlich eine eigene, gründlich Charakteristik der Polemik des Irenaeus zu versuchen, in seiner Lehre das wesentlich Charakteristische hervorzuheben und den geistigen Zusammenhang derselben nachzuweisen, begnügt sich Hr. St. mit Anführung gewisser, unter bestimmte Rubriken gebrachter, Stellen desselben. Beiläufig wird hier S. 40 dass missverstandene „evertemus per magna capi-tula omnem psorum regulam" praef. in lib. II. richtig erklärt; aber Iren. schrieb gewiss nicht dä T. ue

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Nachdem der Vf, in der Untersuchung defontibus mit Beziehung auf die damaligen Zeitverhältnisse Lebensumstände des Irenaeus zunächst bemerkt hat, welche Quellen Irenaeus benutzen konnte S. 5, sucht er nachzuweisen, welche derselbe im Einzelnen wirklich benutzt habe. Hier kann man freilich nicht immer beistimmen, Manches konnte kürzer behandelt werden, Anderes war genauer zu erörtern, dennoch bleibt diese ja auch erst aufgenommene Untersuchung sehr dankenswerth. Bei I, 1–8 benutzte Iren. nach Hrn. St. Wort und Schrift ptolemäischer Schüler, bei cap. 11 und 12 Schriften späterer Valentinianer, bei cap. 14 u. 15 eine Schrift des Marcus und einen Häresimachen (??), bei cap. 16–20 den Umgang und wohl auch Schriften der Marcosier und bei cap. 13 u. 21 das Gerücht und auch Augenzeugen. S. 11 ff. wird aus der Verschiedenheit der Lehre der ältern Valentinianerin ihren Fragmenten und bei Irenaeus zu erweisen gesucht, dass dieser die Bücher derselben nicht, vor sich gehabt habe. Dagegen soll er des Justinus M.,. nicht aber des Miltiades Schrift gegen die Valentinianer benutzt haben. Ueber die Quellen bei der Darstellung der übrigen gnostischen Systeme lässt sich wenig sagen; das S. 26 ff. Beigebrachte findet im Ganzen unsern Beifall. Ein Verzeichniss der Schriften und Schriftsteller, welche Irenaeus benutzt oder doch citirthat S. 34–36, macht den Beschluss.

F. T.

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ALLGEMEINE LITERATUR - zEITUNG

April 1840.

LÄNDER – UND VÖLKER KUNDE.

LEIPZIG, b. Brockhaus: Vordamerika's sittliche Zustände. Nach eignen Anschauungen in den wJahren 1834, 1835 u. 1836, von Dr. N. H. Julius. Zwei Bände. 1839. Erster Bd. Boden und Geschichte. Religiöses. Erziehung und Unterricht. Armuth und Mildthätigkeit. Volk und Gesellschaft. XXVIII u. 514 S. Mit einer Karte und zwei Musikbeilagen. – Zweiter Bd. Verbrechen und Strafen. XII u. 502 S. in 8. Mit 13 lithographirten Tafeln. (4 Rthlr. 12 gGr.)

De Auswanderungen aus Deutschland nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika waren wohl zu keiner Epoche zahlreicher, als in den jüngstverwichenen Jahren. Gleichwohl, man kann es nicht in Abrede stellen, liefen gerade während dieser Zeit betrübendere Berichte, als je, über die gesellschaft

Jichen Zustände in jenen Gegenden bei uns ein. Ihnen

zufolge könnte man vermuthen, es gäbe dort weder Gesetze noch Richter; und, was das Seltsamste, jene bekannten Acte der Grausamkeit, die das Volk verübte, wurden nicht etwa im Sturme einer die Leidenschaften aufstachelnden Staatsumwälzung, viel– mehr im tiefsten Frieden begangen. Und eine der Haupttriebfedern dieser Acte war, – man kann es kaum bei einem Volke begreifen, dessen eigentlichstes Lebenselement politische Freiheit, die unbedingteste Demokratie ist – der Fanatismus für Aufrechthaltung der Sclaverei. Schon das Wort, Freigebung der Sclaven, unvorsichtig geäussert, ward zu einem todeswürdigen Verbrechen gestempelt, das zu bestrafen nicht etwa der ordentliche Richter, sondern das Volk sich unmittelbar berufen findet. Eine Nation, welche die freiste des Erdballs zu seyn sich rühmt, lässt sich, um ihre Mitmenschen unter das schmählichste Joch zu beugen, zu IIandlungen hinreissen, die kaum zu entschuldigen wären, bezweckte sie damit die Vertheidigung ihrer heiligsten Rechte und ihrer Unabhängigkeit. – IIr. J., um gleich zu dem vor uns liegenden Werke überzugehen, widmet der Erörterung des hier befragten Gegenstandes viel zu A. L. Z. 1840. Erster Band.

wenig Aufmerksamkeit; auch fertigt er ihn gar zu kurz ab, indem er die Sache auf einigen Seiten abmacht; über die Grundursache des Uebels aber lässt er uns gänzlich im Dunkeln, wenn schon es leicht gewesen wäre, sie, wenn auch nur flüchtig, anzudeuten. Wir wollen diese Lücke auszufüllen versuchen und damit zugleich einschliesslich den Gesichtspunkt feststellen, von dem wir bei Beurtheilung des

Bucks ausgehen. Es liegt jene Ursache, glauben wir,

gerade darin, dass in den amerikanischen Freistaaten die Souverainetät des Volks das oberste Gesetz ist. Es giebt hier keine Obrigkeit, die nicht von ihm gewählt wäre und der geringste Amerikaner darf sagen: Ich gehorche nur mir selber; denn das Gesetz ist der Ausdruck meines Willens; der Richter ist mein Stellvertreter. Somit ist denn in Amerika das Volk Alles; und das Gesetz selber erinnert sich gewissermassen, dass es von ihm ausgegangen und dass die Macht, die ihm beiwohnt, nur ein Reflex der Volksmacht ist. In der Theorie kann allerdings, unter diesen Verhältnissen, durch die Gesetzgebung allen Ursachen der Unordnung und des Aufruhrs, die bei andern Völkern stattfinden, vorgebeugt werden; denn ist das Volk mit seiner Obrigkeit, mit seiner Regierung, mit seinen Gesetzen nicht zufrieden, so braucht es sich nicht dagegen zu empören; es kann sie abändern. Und will 9 beispielsweise, ein Theil des amerikanischen Volks Sclaven haben, so kann ihn Niemand daran hindern und sie wider seinen Willen frei geben. Allein was auch immerhin die Theorie sagen mag, sie wird die

Menschen nicht hindern, Leidenschaften zu haben,

und sie wird diese Leidenschaften nicht abhalten, sich in Amerika, wie anderswo, zu äussern. In natürlicher Folge davon wird es das Volk, einmal aufgeregt, auch als weit einfacher und schneller zum Zieie führend betrachten, wenn es die Leute todtschlägt, welche die Freigebung der Sclaven predigen oder dessen beargwöhnt werden. Dies kann ohne Gesetze und ohne Richter vollbracht werden, oder vielmehr dem Einen und dem Andern zum Trotze; und Alles was sich in einem solchen Falle aus der Verfassung der V. - St. crgiebt, ist, dass die Obrigkeiten ihre Yyy - W

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Gebieter in denjenigen anerkennend, welche die Uni

ordnung anstiften, das Volk gewähren lassen, so strafbar es auch immerhin seyn mag.

Hr. J. nun ist zwar weit entfernt, solchen Aus

brüchen der Volksleidenschaften und Willkür, wovon er selber mehrere Beispiele anführt, das Wort zu reden. Allein die Verfassungsfrage, worin der Grund des Uebels zu suchen, berührt er nur beiläufig; wiewohl es ihn tief betrübt, um uns seiner eignen Worte zu bedienen, „ein so gottesfürchtiges Volk zu erblicken, eine Nation, die, um nur von ihren rein sittlichen Tugenden zu reden, ein so mildes und verträgliches Benehmen im täglichen Leben, solche eheliche Treue und Keuschheit, so viel Wohlthätigkeitssinn, solche, mit Ausnahme einiger grössern Städte, beispiellos durchgängige Heilighaltung fremden Elgeñthums ausübt, wie sie verunziert wird" durch dergleichen Ausbrüche. „Ich rede, fügt er hinzu, von den schon so herkömmlichen Beispielen der Selbsthülfe, der überlegten Rache, welche zum Gewohnheitsrechte geworden, mit frechem Hohne menschlicher und göttlicher Satzungen, sich den Namen des Lynch-Gesetzes angemasst haben und unter demselben gäng und gäbe geworden sind." – Aus der nämlichen Quelle, wie das Lynch – Gesetz, fliessen die oft noch grässlicheren Gewaltthätigkeiten Einzelner gegen einander, die bis zur ausgesuchtesten Grausamkeit getrieben werden und wovon der Vf, einige Beispiele anführt. Endlich auch giebt sich, nach des Vfs. eigenem Eingeständnisse, bei den Amerikanern, eine Duell – und Spielwuth kund, die mit den Tugenden, die derselbe an diesem Volke rühmt, kaum vereinbarlich scheint. Spieler von Handwerk durchziehen in zahlreichen Banden, nach seiner Schilderung, das Land und beuten die Wett- und Waglust der Amerikaner sogar bei den Reisen auf den Dampfboten aus, welche den Ohio, Mississipi und Arkansas beschiffen. Keiner der Geplünderten darf es wagen, erzählt Hr. J., über die von Kopf bis Fuss bewaffneten, eng verbundenen Spieler Klage zu führen, und ein in Louisville gegen sie gestifteter Verein sah sich, aus Furcht vor ihnen, genöthigt, alle Bekanntmachungen, die er erliess, namenlos ausgehen zu lassen, um ihrer Rache zu entgehen. Diese Spielwuth herrscht in den westlichen, wie in den östlichen Staaten und wird z, unter den Augen der gesetzgebenden Versammlungen, vorzüglich in Richmond in Virginien und in Washington, bis an die Pforten des Capitols, ungescheut getrieben." – Unter den vom Vf, ferner ein

chen Baumwiesen, die diesen Spaziergan

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dauerndere und lohnendere Geklingel der Goldstücke weit überschallt." Was aber die Phantasielosigkeit anbelangt, so findet Hr. J. deren Entschuldigung in den noch immer nicht ganz abweislichen Bedürfnissen einer noch so jungen bürgerlichen Gesellschaft Auch mag dieselbe wohl dadurch befördert seyn, 3, dass gerade die beiden, jeden Reiz der Kunst bei der Gottesverehrung als sündlich verschmähenden Secten, die Independenten und die Quäker, die Stifter der einflussreichsten Staaten gewesen sind." – „Und was sind am Ende, fragt der Vf, die höchsten geistigen, wissenschaftlichen und Kunstgenüsse... gegen die Förderung der Gottesfürcht und Tugend, für welche Amerika auch in dem fast allgemeinen, so

verbreiteten als gleichmässig vertheilten Wohlstande

eine der sichersten Bürgschaften findet? Möge es sich diesen noch recht lange bewahren, und nicht, vielleicht Unerreichbarem nachstrebend, das wichtigste und köstlichste seiner Güter dadurch gefährden dder einbüssen..." Allein es geht den Amerikanern nicht blos der Sinn für Kunst, sondern nach dem eignen Eingeständniss ihres beflissenen Lobredners, auch der Sinn für die Schönheit der grossartigen Natur ab, die den Besucher des Landes in Erstaunen setzt. Daherjener auffallende Mangel an Gärten, die allenfalls nur bei Philadelphia, Boston und Baltimore, mit Benutzung der Oertlichkeiten angelegt und geschmückt sind. Daher ferner, – wir schreiben Hn. J. nach, – jener vernachlässigte Zustand der nicht einmal befriedigten Kirchhöfe und der gänzliche Mangel an öffentlichen Spaziergängen, von denen der Vf. nur einen einzigen, das von den Holländern bereits angelegte Hoboken bei New- York, gefunden hat. Doch ist er nicht ohne Besorgniss, dass die herrlig, so wie die Ziegeninsel am Niagarafalle schmücken, „durch die Hand des gewinnsüchtigen Spekulanten oder der ihrem Ziele schon ganz nahen Zeloten, welche einen

Sonntagsspaziergang unter ihrem Laube für sündlich

halten“ – in Kürze dahin sinken dürften.

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