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ALLGEMEINE LITERATUR - zEITUNG

Februar

f 840.

“ scHöNE LITERATUR.

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Herr Friedrich Halm, der noch immer vorzieht pseudonym aufzutreten, besitzt Phantasie und Erfindungskraft, seine Sprache ist rein und edel, seine Dichtungen tragen einen echt deutschen, sittlichen Charakter, dem sich jene Treuherzigkeit, wie wir sie bei den österreichischen Dichtern nicht selten wahrnehmen, auf eine sehr wohlthuende Weise beimischt. Demnach haben seine Dramen aufmerksame Leser und Hörer gefunden, vor allen seine Griseldis, weniger vielleicht auf dem Theater die beiden vorliegenden Stücke. So sagen wenigstens öffentliche Nachrich- ten, wenn schon beide Stücke nur erst auf wenigen Theatern zur Aufführung gekommen sind. Auch möchten wir den Grund nicht sowohl in der Mangelhaftigkeit der Stücke als in dem Mangel an Empfänglichkeit für Trauerspiele bei dem heutigen Theater – Publikum suchen. Denn Cam0ens hat in der weisen Beschränkung, welche sich der Dichter auferlegt hat, doch eben so viel dramatisches Leben als die einactiTrauerspiele von Müllner und Houwald, die zu Ä Zeit gern und viel gesehen worden sind, und überdies weit mehr Adel der Gesinnung und poetisches Leben als die des erstern und eine ungleich mehr dichterische Sprache als die des letztern. Cumoens

Worte zu dem Kaufmann Quebedo:

- sprich du von Lorbeerblättern,
doch Lorbeerkränze lasse unberührt

sprechen den so trefflich durchgeführten Gegensatz zwischen der Poesie des echten Dichters und dem Krämer – und IIandwerksgeiste aus, und so ist das Ganze ein beredter Lobspruch auf die wahre Poesie geworden, wie er wiederum nur dem Herzen des echten Dichters entquillen konnte. Denn als solchen betrachten wir Hn. Friedrich Halm, wenn wir auch seine Missgriffe nicht verkennen, und glauben, dass sein Comoens gar nicht unwürdig der Teck'schen Novelle

A. L. Z. 1840. Erster Band.

z, der Tod des Dichters," die bekanntlich denselben Gegenstand hat, zur Seite steht.

Im Adept werden die Reminiscenzen-Jäger unter den heutigen Kritikern unstreitig die Aehnlichkeit der Hauptperson, des Meisters Werner Holm zu Köln, mit dem Goethe'schen Faust tadelnd bemerken. Eine solche Aehnlichkeit ist allerdings vorhanden, obschon die Erwähnung der Stadt Köln eben so wohl auf den hochberühmten Albertus Magnus führen könnte, von dem die Sagen jener Stadt gar Manches Wunderbare melden. Abgesehen hievon, möchten wir dem Dichter dies eben so wenig zum Vorwurfe machen, als dem berühmten Walter Scott es zum Plagiat angerechnet werden kann, wenn einzelne Stellen oder Figuren seiner Romane an Schiller und Goethe erinnern. Ueberdies liegt auch die Aehnlichkeit im Faust und im Werner Holm eigentlich nur darin, dass beide geheime Künste treiben, die übrige Ausstattung des letztern ist eine ganz andere. Sein Weib Agnes, und sein Famulus Heinrich Hartneid, endlich die ganze Anlage des Stücks, vornehmlich in den beiden letzten Acten, ist durchaus anders und die moralische Tendenz des

Stücks, wenn man eine solche annehmen will, dass

Gold nicht glücklich macht, dürfte von den vielen Erklärern des Goetheschen Faust doch noch nicht als die Tendenz desselben aufgestellt worden seyn. Betrachten wir nur noch mit einigen Worten das Einzelne der Halm'schen Tragödie, so erscheint im ersten Acte die echt dichterische Behandlung des chemischen Prozesses, um das Gold zu gewinnen, und die endliche Auffindung desselben als sehr gelungen, nicht minder die Scene mit der treuen Gattin Agnes, die sich von dem blos auf das Gold erpichten Gatten ganz vernachlässigt sieht. Mit reicher Farbenpracht ist im zweiten und dritten Acte die Villa des neureichen Holm bei Benevent geschildert. Er schwelgt in Liebe und Lust, er verschwendet unmenschliche Summen, sein Sinn ist auf das Höchste gerichtet, und doch fühlt er sich bewundert, gepriesen und, wie er glaubt, von Lucretia’s Liebe beglückt, unzufrieden. Was lockt und reizt, im Kleinen wie im Grossen, Vom Schlamm bis zum Gedicht hab' ich genossen?

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Dem Uebermaasse folgt der Ueberdruss!
Ich fühl' es wohl, es konnt nicht anders kommen;
Aus meinem Leben ist der Wunsch genommen,
Die Furcht, die Sorge, des Begehrens Drang,
Und ich bin arm, weil Alles ich errrang.

Heinrich Hartneid's Erscheinung zerstört alle Illusion. Dieser verlangt die Theilung seiner Schätze mit ihm, sonst will er Holm's Geheimniss verrathen und ihn seinen Feinden überliefern. Holm, auf das Aeusserste getrieben, stösst ihm den Dolch in die Brust und entflieht den ihn bedrohenden Schaaren. Im vierten und fünften Acte finden wir ihn in der Schweiz. Es ist Hn. Halm gelungen, die stille Lieblichkeit dieser friedlichen Thäler auf das Glücklichste darzustellen, der Leser athmet gleichsam nach der Schwüle der vorigen Scene freier auf. Die Gegensätze des zuerst so treuen Schweizers Ruodi, den aber bald der Glanz des Goldes besticht und ihn die Hand zum Verrathe Holm's bieten lässt, und seine unschuldige Schwester Aenneli, vor allen aber die Scenen zwischen Holm und seinem hier wiedergefundenen Weibe Agnes, die ihm die reinste Anhänglichkeit beweist und in ruhiger Milde und Heiterkeit, obschon an der Schwelle des Todes, dem Verirrten verzeiht, sind von der ergreifendsten Wirkung und werden ihres Einflusses auf edle, unverdorbene Gemüther nirgends verfehlen. Agnes stirbt gleich nach dem Wiedersehen, Werner erträgt ihren Tod in männlicher Fassung, er sieht auch seinen Tod vor Augen, vorher aber will er noch sein fluchvolles Geheimniss in ewige Nacht begraben. Mit den Worten: Vergessenheit, verschling mein furchtbar Wissen

streut er den Inhalt der goldnen Kapsel, das gefundene Mittel, Gold zu machen, in den See. Schnell nahen seine Verfolger, die ihn als Mörder Hartneid's verhaften, eigentlich aber sein Geheimniss besitzen wollen, da durchsticht er sich mit einem Dolche und als die Feinde ihn durchsuchen, finden sie nur die leere Kapsel.

VERMISCHTE SCHRIFTEN.

HAMBURG, b. Perthes: Lebensnachrichten über B. G. Niebuhr, aus Briefen desselben und aus Erinnerungen einiger seiner nächsten Freunde U. S. W. C Beschluss von Nr. 35.) Dem Könige, der die Convention in allen Punkten erfüllt sehen wollte, wurde ein Finanzplan übergeben, nach welchem man die ganze Contribution und alle Staatsschulden glaubte tilgen zu können. Dieser Plan schien W. theils unausführbar, theils verderblich für das Land. Hierbei mitzuwirken fand er

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seiner Ueberzeugung treu; H. gab nach, und M'. wurde, unter Vorbehalt seines Rathes beim Finanzministerium, zum Historiographen an Joh. v. Müllers Stelle ernannt. Anfangs blieb er noch mit H. in Geschäftsverhältnissen; dieses hörte aber ganz auf, als IV. gegen einen von H. gebilligten Finanzplan direkt bei dem Könige eingekommen war. Ein (im Texte mitgetheilter) Brief an seinen Vater vom 18. Aug. 1810 giebt die edlen und ganz uneigennützigen Motive seiner selbstgewählten Amtsvertauschung an. – Er konnte jetzt wieder mit ungetheilter Kraft den Wissenschaften leben; ein neuer Abschnitt seines Lebens begann; seine geistigen Fähigkeiten standen damals auf ihrer Höhe, ausserordentliches Gedächtniss, lebendige Phantasie und poetische Auffassungsgabe, ungemeine Schärfe des Verstandes und der Wahrnehmung verbunden mit feinem Takte, Richtigkeit und Schnelle des Urtheils, und ein seltenes Vermögen der Uebersicht und allseitiger Combination. Sein Charakter war in seiner ganzen Selbstständigkeit ausgebildet. Rechtschaffenheit, Wahrheits– Liebe, eine Offenheit, die sich oft mit zu grosser Schärfe aussprach, führten darin den Vorsitz. Seine Arbeitslust und Plane zu litterarischen Unternehmungen waren kolossal, wie viele noch vorhandene unausgeführte aber wohldurchdachte Entwürfe bezeugen. Neun und sechzig Briefe sind diesem Abschnitte angehängt; keiner ist ohne Interesse, und die meisten werfen auf die gleichzeitige Geschichte, besonders auf die Verhältnisse Preussens zu Frankreich, nicht wenig Licht, wenn auch nur in allgemeinen Andeutungen, da die Verhältnisse Vorsicht im Schreiben ge

boten; eigentliche Staatsgeheimnisse sind in diesen

und auch in den übrigen Briefen, wie sich versteht, nicht mitgetheilt. Die ersten Briefe Nr. 136–145,

sind theils an seine Eltern, theils an die Hensler, aus Stettin, Danzig und Memel; sie handeln über seine Flucht mit den preussischen Behörden, und verrathen eine sehr niedergedrückte Stimmung, sprechen aber dennoch Muth und Zuversicht aus; hierauffolgen dreizehn Briefe an die in Memel zurückgebliebene Amalie; dann eine Reihe von Schreiben an die Hensler, aus Riga, Landsberg a. d. Warthe, Berlin, Meldorf, Nütschau, Hamburg, Amsterdam, Utrecht und Kö– nigsberg, welche theils zeigen, wie er seine Musse auch in den bewegtesten Epochen seines Lebens zu wissenschaftlichen Zwecken benutzte, theils anziehende Notizen über seine Geschäfte, über Holland, über die Entfernung des Herrn v. Stein aus dem Ministerium, und über den traurigen Zustand von Norddeutschland und Ostpreussen mittheilen konnte. Auch über die Gründe seiner Sehnsucht nach veränderteramtlicher Stellung finden sich hier, so wie in einem jetzt folgenden Briefe an seinen Vater aus Stettin manche Aufschlüsse. Von fast gleichem Inhalte ist der Rest der Briefe, darunter noch zwei an seinen Vater, in deren einem er schon die überraschende Conjektur von der Identität des Niger und des Beninstromes macht. Alle diese letzteren Briefe sind aus Berlin. Im achten Abschnitte lesen wir » Niebuhrs gelehrtes Leben in Berlin, vom Sommer 1810 bis zum Frühling 1813. M.'s erste litterarische Arbeit war jetzt eine Abhandlung über die Amphiktyonen, im Juli 1810. Auf Spaldings Aufforderung und ermuntert durch Nicolovius entschloss er sich, im Herbst nach Eröffnung der Universität über Römische Geschichte zu lesen, und begann die Vorlesung, nach einer angestrengten aber mit grosser Lust unternommenen Vorbereitung Anfangs November, vor einem zahlreichen zum Theil glänzenden Publikum. Diese Zeit, so wie die Ausarbeitung des Heftes für den Druck, was anfänglich sein Plan nicht war, rechnete er zu den glücklichsten Stunden seines Lebens; seine Gemüthsstimmung war die beste. Zugleich erheiterte ihn eine Gesellschaft von Gelehrten, u. a. Spalding, Buttmann, Heindorf und Schleiermacher, die wöchentlich einmal zusammenkam, um einen griechischen Autor zu emendiren, vorläufig Herodot. Auch mit Nicolovius und Savigny hielt er enge Freundschaft; mit letzterem besprach er jeden schwierigen Punkt der Römischen Geschichte. Das Aussprechen seiner Gedanken, die sich stets in reicher Fülle ergossen, war ihm immer grosses Bedürfniss. Im Herbste dieses Jahres erfreute ihn auch die Ankunft seiner Bücher, die seit 1806 in Stettin lagerten. Neben jenen Studien wusste er noch die

Zeit zu einem Entwurf für den Minister Dohna über die Herstellung der Ordnung in den landschaftlichen Angelegenheiten, und zu einer Abhandlung für die Akademie über die Geschichte der Scythen und Sarmaten zu gewinnen. – Gegen Mitte des Juni 1811 war der Druck seiner Römischen Geschichte, die er nun als das Werk seines Lebens zu betrachten anfing und ganz bis zum Mittelalter durchzuführen hoffte, weit genug gefördert, dass er zur Erholung nach vielen Anstrengungen und dem betrübenden Tode Spaldings eine Reise nach Holstein antreten konnte. Im Sept, nach Berlin zurückgekehrt, setzte er im Winter 1811 auf 1812 seine Vorlesungen fort, und bearbeitete den zweiten Band der Röm. Geschichte für den Druck. Auch besuchte er in diesem Winter Schleiermachers Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie. Ungeachtet er an starker Halsentzündung, im Febr. 1812, seine Frau aber schon lange an grosser Schwäche und einem hartnäckigen Husten litt, vollendete er im Mai d. J. neben den störenden Durchzügen der Franzosen den zweiten Band der R. G. für den Druck; die gleichgültigere Aufnahme desselben, die er zu erblicken glaubte, schmerzte ihn; doch blieb er zur Fortsetzung fest entschlossen, und hoffte in fünf Bänden Alles bis Augustus zu umfassen; allein die nun eintretenden grossen Weltbegebenheiten und geänderte Stellung liessen ihn erst in Bonn den Faden wieder aufnehmen. Im Sommer 1812 schrieb er einige Rccensionen, die er aber, so wie seine anderen polemischen Schriften, nicht aufbewahrt wissen wollte; jede Polemik meinte er, müsse nur vorübergehend, und dann beendigt seyn. – Im Winter 1812 auf 1813 las er über römische Alterthümer, und nahm erst jetzt Honorar dafür, welches er zur Unterstützung bedrängter Familien verwandte. Wohlthun war überhaupt ihm wie seiner Frau Bedürfniss; nach Anzeichnungen in seinen Papieren gab er blos im J. 1817 in Rom über 2000 Thlr. für diesen Zweck aus, und erübrigte dafür Manches durch Sparsamkeit und Einfachheit der ganzen Lebensweise. – Beim Abzug der Franzosen aus Berlin im Febr. 1813 theilte er den allgemeinen Jubel; er wünschte jetzt im Kriege thä– tig zu seyn, als Sekretair beim Generalstabe, oder, wenn dies nicht ginge, als Freiwilliger, weswegen er exerciren lernte. Um vorläufig etwas zu wirken, schrieb er eine Zeitung, den Preussischen Correspondenten; bald darauf aber wurde er ins Hauptquartier abgerufen; übernahm sie später noch einige Male auf kurze Zeit; während seiner Abwesenheit waren zu seinem grossen Verdrusse und ohne sein Wissen einige gegen Dänemark feindselige Aufsätze hineinge

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kommen. Sein Gesuch um Eintritt in ein Regiment wurde übrigens nicht gewährt; der König versprach ihm eine seinen Talenten angemessenere Bestimmung. Die Briefe dieses Abschnittes, vorzüglich anziehend für jeden der MW's wissenschaftliches Leben, welches jetzt seine Höhe erreichte, zu verfolgen wünscht, verbreiten sich über seine gelehrten Umgebungen in Berlin, über Wissenschaft und Studien; die letzten sprechen sich auch über die Zeitereignisse, über seine Hoffnungen und seine Begeisterung bei dem entstehenden Freiheitskampfe aus. Sie sind fast alle aus Berlin, und führen uns in den Kreis seiner litterärischen Thätigkeit ein, vorzüglich in den Gang seiner Studien vor und während der Abfassung seines Hauptwerkes, der römischen Geschichte; auch fehlt es nicht an treffenden Bemerkungen über die im Einzelnen mangelhafte Ausführung der grossen Aufgabe, so wie über die verkehrten Beurtheilungen derselben von Seiten anderer Gelehrten, über seine gelehrten Berliner oder auswärtige litterärische Freunde. Die letzten der Briefe W.'s, 235–50, sind in der grossen politischen Aufregung des Herbstes 1812 und des Frühjahres 1813 geschrieben, und enthalten fast nur Politisches, so wie M.'s Freude und jetzt entstehende IIoffnungen. – Im Texte selbst gibt ein darin mitgetheilter Brief an Jacobi Aufschluss über die Art, wie sich sein bisheriger Entwickelungsgang in seinem Geiste abspiegelte; ein anderer, an seinen gelehrten Freund V.. legt seine religiöse Ansicht offen; diese neigen sich ohne festen positiven Glauben, zu einem durch das lutherische Christenthum hervorgerufenen Ideale der Sittlichkeit hin. Im neunten Abschnitte finden wir „ Wiebuhr's er»eute politische Thätigkeit vom April 1813 bis zum Herbst 1814.” Gegen Ende Aprils 1813 traf M., vom Grafen Hardenberg im Namen des Königs aufgefordert, in Dresden ein; die Unterhandlungen mit dem englischen Abgeordneten wegen der Subsidien, woran sich später vielleicht ein Handelsverkehr zwischen England und Preussen knüpfen sollte, bildeten seinen Auftrag. Der Allianz- und Subsidientraktat wurde am 14. Juni unterzeichnet, nachdem er vorher mit dem Hauptquartiere hatte hin und herziehen müssen, auch die Schlacht bei Bautzen in einer Entfernung von nur wenigen Meilen erlebt hatte. Nach Prag mit dem Hauptquartiere gereist, blieb er dort eine Zeitlang krank liegen, und kehrte dann, nach beendigten Geschäften, nach Berlin zurück. Geschäftlos und unfähig, sich für die Studien wieder zu sammeln, erhielt er hier die betrübende Nachricht von der Besetzung und strengen Behandlung Holsteins durch die verbündeten Truppen, man martere, sagte er, Holstein nur, um Dänemark zur Abtretung Norwegens an Schweden zu zwingen. Bald darauf arbeitete er aus höherem Auftrage einen vermuthlich unbenutzt gebliebenen Plan zu einer Verfassung Hollands aus. Im Februar 1814 begab er sich im Auftrage des Königs nach Holland, um dort mit englischen Commisaren „e ferneren Subsidiengeschäfte zu unterhandeln. Die zunehmende Kränklich

keit seiner Frau, eigenes Unwohlseyn, die strenge Kälte beiden von Kaminfeuern schlecht durchwärmten holländischen Zimmern, zahlreiche und lästige Arbeiten und der schlechte Erfolg der Geschäfte, deren Abschlusse der englische Commissair mit nicht englischer Ungeradheit allerlei Schwierigkeiten in den Weg legte, machten ihm diesen Aufenthalt in Amsterdam zu einem sehr traurigen; hierzu kam noch das abermalige Einrücken fremder Truppen in Holstein und die Uebergabe Norwegens an Schweden. Durch eine Excursion nach Brüssel und Antwerpen etwas erholt, ging er hierauf von Amsterdam nach Pyrmont, von da im September nach Holstein, wo er seinen Vater in Folge eines Falles an den Füssen gelähmt fand. Sehr bewegt reiste er mit seiner durch das Pyrmonter Bad nicht gebesserten Frau im Oktober über Hamburg nach Berlin, wo er seinen alten Freund Schönborn vorfand, und sich mit ihm in die Labyrinthe alter Geschichte und Philosophie verlor. Von den 22 Briefen dieses Abschnittes, die alle an die Hensler gerichtet, sind die vier ersten aus Dresden, Neumarkt, Frankenstein und Reichenbach in Schlesien; sie sprechen sich über die ersten Gefechte im Mai 1813, über die Tapferkeit der Verbündeten, und die etwaigen Hoffnungen für die Zukunft aus,

und gewähren auch ein anschauliches Bild der dama

ligen, kriegerischen Aufregung; des Obristen von Grolman wird darin als des fähigsten Mannes zum Oberfeldherrn gedacht. Die zwei folgenden Briefe sind aus Prag; über General Stewart, englischen Ge

sandten um Preussischen Hofe, und andern Feldher

ren und Diplomaten, über die gleichzeitigen Schlach

ten bis zur Mitte Septembers sind darin anziehende

Nachrichten und Urtheile, über den Gang der politi

schen Ereignisse die treffendsten durch den Erfolg bestätigten Combinationen ausgesprochen. Dann folgen 5 Briefe aus Berlin, vom December 1813 bis Februar 1814; das Schicksal Holsteins, die Abtretung Norwegens, die Wahrscheinlichkeit eines nahen Frie

dens mit Napoleon werden darin besprochen; das Buch

der Frau v. Staël über Deutschland, welches N. da

mals mit seiner Frau las, erklärt er im Ganzen für genügend, spricht aber Schlegeln die vermeinte Autorschaft ab. Weiter folgt eine Reihe von Briefen aus Amsterdam, bis Ende des Mai 1814; dann einer aus Brüssel, einer aus dem Haag und 3 aus Pyrmont, bis Ende des August 1814. Sie enthalten die Geschichte der Reise nach Holland, und der Rückkehr aus diesem Lande, – wohl zu umfangreich; aber auch viele detaillirte Urtheile über Hollands Zustand, treffende Seitenblicke auf die der übrigen Länder Europas, vorzüglich Frankreichs, sowie über viele berühmte Namen der damaligen Zeit, besonders über die Person und die Fähigkeiten Napoleons. Mit den Bedingungen des Pariser Friedens zeigte sich W. nicht zufrieden; mit Kummer erfüllten ihn die vielen durch die Wiederherstellung der Bourbons gar nicht unterdrückten Gährungsstoffe in Frankreich; richtig bezeichnete er die von dieser Dynastie zu erwartenden Fehler.

CDle Fortsetzung dieser Rec. folgt im nächsten Monat.)

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ALLGEMEINE LITERATUR - zEITUNG

Februar

vERMIs CHTE SCHRIFTEN.

1) BREsLAU, b. Hirt: Franz Passow's Leben und Briefe. Eingeleitet von Dr. Ludwig Wachler. Herausgegeben von Albrecht Wachler. 1839. VIII u. 360 S. gr. 8. (2 Rthlr. 12 gGr.)

2) HIRscHBERG, b. Landolt: De Francisci Passovii in Academia Lipsiensi vita et studiis, vom Director Dr. Carl Linge. 1839. 14 S. in 4.

Bergische Denkmale der Männer, welche in das politische und geistige Leben ganzer Völker und Zeiten mächtig eingegriffen haben, sind in ihrem hohen Werthe allgemein anerkannt; aber auch die Biographieen ausgezeichneter Gelehrten, die als Schriftsteller oder Lehrer, in weiteren und engeren Kreisen, segensreich gewirkt haben, bieten nicht nur interessante Blicke in die Entwickelung und immer mehr fortschreitende Thätigkeit des menschlichen Geistes dar, sondern gewähren namentlich auch der studirenden Jugend eine Grundlage und einen Haltpunkt für ihre eigene Ausbildung. Darum sind die Lebensbeschreibungen eines Hemsterhuys und Ruhnken so oft und dringend empfohlen; darum verdient selbst Körtes Arbeit über F. A. Wolf Beachtung, wenn gleich das philologische Element in derselben etwas zurücktritt. Unter den Philologen nun, wel– che in der neuesten Zeit nach dem Vorgange von J. H. Voss und Fr. Jacobs das classische Alterthum den Gebildeten unseres Volkes näher zu führen und dessen Verständniss zu erleichtern mit glücklichem Erfolge gestrebt haben, unter denen, welche jenes Studium in Verbindung gesetzt haben mit der vaterländischen Poesie und den Zusammenhang deutscher, nationaler Bildung insbesondere mit dem IIellenischen Alterthume scharf erkannt haben, nimmt Fr. Passow einen vorzüglichen Platz ein. Selbst für die griechische Lexicographie haben seine Arbeiten einen solchen Einfluss gewonnen, dass seinem Namen ein ehrenvolles Gedächtniss in der Geschichte „1. L. Z. 1840. Erster Band.

1840.

der Philologie gesichert ist, wenn auch seine kritischen und exegetischen Verdienste geringer sind under keine Disciplin der Alterthumswissenschaft wesentlich gefördert und weiter gebildet hat. Da er aber insbesonde re als academischer Lehrer in Breslau eine grosse Zahl namentlich Schlesischer Gymnasiallehrer gebildet hat und für die dortigen Schulen zu wirken durch seine amt

liche Stellung verpflichtet war, so bietet sich aller

dings reicher Stoff zu einer Biographie dar, die selbst abgesehen von dem innern Leben P., von seiner geistigen Frische und Lebendigkeit, von seiner Characterfestigkeit, von seinem echt deutschen Sinne und andern Vorzügen, welche ihn schmückten, das grösste Interesse darbieten müsste. Eine solche Biographie liefert das hier zu besprechende Werk allerdings nicht; es giebt auf der einen Seite weniger und auf der andern Seite auch mehr; gewährt aber grade durch den bei der Anordnung des Stoffes befolgten Plan einen eigenthümlichen Reiz.

Die äussere Einrichtung des Werkes ist am besten mit den Lebensnachrichten von Niebuhr zu vergleichen; der Plan dazu war von L. Wachler entworfen, unter dessen unmittelbarer Leitung die mitgetheilten Briefe von der Wittwe ausgewählt , geordnet und zu einem zusammenhängenden Ganzen verbunden sind. Die fünf Abschnitte waren durch die verschiedenen Lebensepochen gegeben; es sind: die erste Jugendzeit bis zur Universität, das Leben auf der Universität bis zur Anstellung in Weimar, das Leben in Weimar, Jenkau und Berlin und endlich das in Breslau. Ueber einen jeden dieser Abschnitte geben die auf denselben bezüglichen Partieen aus einer Selbstbiographie, welche P. kurz vor seinem Tode für das Conversationslexicon der neuern Zeit niederschrieb und die bald nachher in den Blättern für

literarische Unterhaltung (1833 Nr. 93) so wie in

Nowack's Schles. Schriftsteller – Lexicon veröffent

licht wurde, eine kurze Nachricht und de übersicht

lichen Leitfaden, der durch den bunten Wechsel der O 0

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