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gewann bald dessen Zutrauen so, dass dieser fast kein Geheimniss vor ihm hatte, und über die wichtigsten Angelegenheiten des Staats offen mit ihm redete. Das Schimmelmann'sche Haus bildete einen Zusammenfluss von allen durch Geist und Bildung ausgezeichneten Einheimischen und Fremden und bei der damaligen Blüthe Kopenhagen's kamen dahin Reisende aus allen Theilen der Welt. M. suchte den Umgang derselben, sammelte von ihnen Nachrichten über fremde Länder und theilte dieses Alles seinem Vater in ausführlichen Briefen mit, deren Verlust unersetzlich ist. Weniger zog ihn das geräuschvolle Weltleben an, und es entstand dadurch eine wenn auch nur vorübergehende Spannung zwischen ihm und der Gräfin Schimmelmann, welche als feine etwas verwöhnte Weltdame leicht zu grosse Ansprüche der Zeitaufopferung an Andere machte. Er fühlte die Nachtheile eines zerstreuenden Lebens so stark, dass er Schimmelmann's Haus zu verlassen wünschte, ohne jedoch mit ihm ausser Verhältniss zu treten. Sehr gern nahm er deswegen auf Antrag des Ministers P. A. Bernstorff die Stelle eines supernumerären Sekretairs an der Königl. Bibliothek an, einstweilen ohne Gehalt, aber mit Erlaubniss einer später zu unternehmenden Reise ins Ausland. Nebenbei behielt er noch einige Zeit seine bisherige Stelle, und führte auch nachher noch manche Arbeit für Schjejnaus Es fehlte nicht an andern lockenden Anträgen. Von Frankreich aus wurde ihm Aussicht zu einer gelehrten Thätigkeit, die ihn vorerst nach Rom geführt haben würde, eröffnet; hierauf wünschte man ihn bei der dänischen Gesandtschaft in Paris zu beschäftigen. Er lehnte aber Alles ab, um noch mehr den Studien zu leben. – Im Winter 1796 – 97 war seine Stimmung wieder durch das Gewirre des gesellschaftlichen Lebens sehr düster; erst im Mai 1797, wo er völlig aus dem Schimmelmann'schen Hause schied, wurde sie heiterer. Mit Schimmelmann blieb er immer im allerbesten Vernehmen. Sehr glücklich fühlte er sich in seiner neuen Stellung. Im August 1797 machte er neugestärkt einen Besuch in seiner Heimath. Er reisete zu Schiffe über Kiel, und besuchte dort den Prof. Hensler und dessen Schwiegertochter, und traf daselbst auch deren Schwester, Amalie. Der Eindruck, den diese schon früher auf ihn gemacht hatte, erneuerte sich. Der Kampf in seinem Innern konnte der Frau Hensler nicht verborgen bleiben; sie redete offen mit ihm, ehe er zu seinen Eltern reiste, und bat ihn, sich selbst dort so wie seine Verhältnisse und Aussichten ernstlich zu prüfen. Von Meldorf aus schrieb er mehrere Briefe an die Hensler, welche beweisen, wie sehr die junge Dame sein Herz ergriffen hatte. Da Schimmelmann seinen Wunsch, diesen Winter theils in Kiel, theils in Eutin zuzubringen, nicht genehmigt hatte, kehrte er nach einiger Zeit wieder nach Kopenhagen zurück, brachte aber vorher

mehrere Wochen wieder in Kiel zu, sah dort seine Amalie täglich, und beide wurden einig, ihr Lebensschicksal mit einander zu theilen. Die beiderseitige elterliche Einwilligung erfolgte. Froh und beglückt in Kopenhagen angekommen verwaltete er die Stelle an der Bibliothek im Winter von 1797 auf 98, und studirte übrigens fleissig für sich, hauptsächlich philologische und historische Gegenstände. Im April 1798 kehrte er nach Holstein zurück, brachte dort, theils in dem Hause seiner Schwiegermutter, theils bei seinen Eltern und Freunden einige glückliche Monate zu, machte auch eine kleine Reise nach Hamburg, um Jacobi, Souza und einige andere Freunde, zu sehen, und reiste dann, gegen Ende des Juni nach England.

Die 37 Briefe für diesen Abschnitt reichen von Nr. 20 – 56. Die 15 ersten sind an die Frau Hensler, theils aus Kopenhagen aus den Jahren 1796 - 97, theils aus Meldorf aus der letzten Hälfte des Jahres 1797. Eine Fülle geistreicher Ansichten über Wissenschaft und Welt, über die Charaktere der ihn umgebenden Personen und das alltägliche Leben, über praktische Geschäftsthätigkeit, in der er sich grosse Fertigkeit erwarb, charakterisiren auch diese Briefe. In diesen Briefen wird des ihm gewordenen Auftra

ges, ein Lesebuch für die obersten Schulklassen mit

Auswahl aus den Alten zu sammeln; auch der nicht zur Ausführung gekommenen Anträge, ihn als Gesandtschaftssekretair nach Constantinopel, oder als dänischen Generalkonsul auf ein Jahr nach Paris zu

schicken gedacht; er lehnte beides ab, in Aussicht

auf eine Professur an der Akademie zu Kopenhagen: eine akademische Professur war immer seine Lieblingsidee. Die Briefe aus Meldorf an die Hensler be

schäftigen sich hauptsächlich mit seiner Neigung zu Amalien; 7 Briefe dieses Abschnittes sind an seine Braut aus Kopenhagen geschrieben, und es ist in

teressant W. auch in diesem zärtlichen Verhältniss zu sehen. Interessante Aufschlüsse geben diese Briefe wieder über seine innere Stimmung, die damals viel dem trüben Gedanken nachhing, dass seine Geisteskräfte, zum Selbstschaffen bestimmt, durch verkehrt geleitete Erziehung und die Umstände blos an das Hinnehmen des Gegebenen und das Zusammensetzen der vor seiner Seele gaukelnden Vorstellungen sich gewöhnt hätten, eine Täuschung, die aus dem Missverhältnisse seiner ausserordentlichen Geisteskräfte mit seinen nur schwachen Körperkräften hervorging, und später gehoben wurde. – Den mitgetheilten Briefen dieses Abschnittes sind noch einige Auszüge aus MW's. Tagebüchern, auch ein Fragment aus einem wahrscheinlich nicht abgesandten Schreiben an seine Eltern, das sich unter jenen gefunden hat, beigefügt; sie sind sehr interessant, da sie auf seinen Bildungsgang, die Zustände und Verhältnisse in dieser Periode Licht werfen.

C Die Fortsetzung folgt.)

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. – 35 – ALLGEMEINE LITERATUR - z EITUNG

Februar

1840.

VERMISCHTE SCHRIFTEN.

HAMBURG, b. Perthes: Lebensnachrichten über B.
G. Niebuhr, aus Briefen desselben und aus
Erinnerungen einiger seiner nächsten Freunde
U1. S. W.
( Fortsetzung ' on Nr. 34. )

Im vierten Abschnitte lesen wir ,, Wiebuhrs Reise nach England, und Aufenthalt in London und Edin– burgh, 1798 bis zum Herbst 1799." N's. Zwecke bei seiner Reise nach England wa- ren ausser allgemeinen Vortheilen für seine Studien noch besonders die Stärkung seiner körperlichen und geistigen Activität; durch die Bekanntschaft mit einem fremden Lande glaubte er am ersten mit dem mannigfaltigen Betriebe der bürgerlichen Gesellschaft, der mit der inneren Oekonomie eines Staates im innigen Zusammenhange steht, bekannt werden zu können, um so allmählig einen Ueberblick über den Zusammenhang der menschlichen Zustände zu gewinnen: Diesen Zweck hat er, nach seiner eigenen späteren Aeusserung, erreicht. Ein mitgetheilter Auszug aus seinen Tagebüchern zeigt, was er alles zu diesem Zwecke kenneu zu lernen sich vorgesetzt hatte. – Er machte in England und Schottland die Bekanntschaft mit vielen ausgezeichneten Männern, zum Theil Freunden seines Vaters, befreundete sich mit dem kenntnissreichen, bald als Legationssekretair, bald als Chargé d'affaires Dänemarks in London fungirenden Schönborn, der auch vier Jahre dänischer Consul in Algier gewesen war, wurde bekannnt u. a. mit Rennel, Russe, Banks, Mallet du Pan, Dalrymple und Wilkins, und gewann von der Festigkeit und Treue des englischen Charakters eine sehr vortheilhafte Vorstellung. – Er verweilte in London bis gegen Ende Oktobers, ging dann nach Edinburgh, wo er ungefähr ein Jahr blieb, machte von dort kleine Excursionen in den südlichen Theil der Hochlande, ging dann über Manchester, Scheffield u. s. w. nach London, und kehrte Anfang Novembers 1799 über Cuxhaven nach Holstein zurück. In Edinburgh hatte er hauptsäch

A. L. Z. 1840. Erster Band.

Iich Mathematik und Naturwissenschaften studirt, Philologie und Geschichte nur für sich und gleichsam zur Erholung. Ausser den Wissenschaften aber, die er sich durch Collegienbesuch aneignete, hatte er durch Beobachtung, Umgang und Nachforschung den Zusammenhang der Fäden des englischen Staatsgewebes kennen gelernt; die so gesammelten Kenntnisse können als die eigentliche Grundlage seiner Staats- und Finanzkunde angesehen werden.

Aus England schrieb N. viele Briefe an seine Eltern und seine Braut; erstere enthielten interessante Nachrichten über Personen und Sachen, die er dort gesehen; um so mehr ist ihr Verlust zu beklagen; letztere sind mehr persönlichen Inhalts, und geben vor Allem eine Darstellung seines Innern, seiner ganzen Natur, und zeigen strenge Selbstbeurtheilung und die Kämpfe eines nach dem Höchsten strebenden Gemüths. Sie sind fast alle aus London und Edinburgh geschrieben, und 55 an der Zahl. Des Unbedeutenden und Gleichgültigen ist freilich in diesen Briefen ziemlich viel, mehr wohl als in denen eines andern Abschnittes; doch enthalten auch sie sehr viel Interessantes und Wichtiges.

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Ostindische Bureau, und zum Sekretair und Comptoir

chef bei der permanenten Commission für die Barbaresken – Angelegenheiten, mit einem zwar nicht grossen aber befriedigenden Gehalte ernannt.

Für diesen Abschnitt sind fünf Briefe an Amalie mitgetheilt, alle aus Kopenhagen; ihr Gegenstand ist die bevorstehende Anstellung und Vermählung.

Der sechste Abschnitt enthält „ Niebuhrs Verheirathung und Amtsführung in Kopenhagen, von 1800 bis 1806.”

Im Mai 1800 kehrte N. nach Holstein zurück, heirathete seine Amalie, reiste mit ihr im Juni nach Kopenhagen und trat seine beiden Aemter den 1. Juli an. Beide junge Eheleute waren im höchsten Grade glücklich mit einander, worüber ein Brief W.'s die stärksten Aeusserungen enthält; sie lebten so viel als möglich zurückgezogen, in stiller Häuslichkeit, und ihre Freude in gegenseitiger Liebe suchend. Amalie ging mit Interesse auf W.'s Lieblingsstudien ein; in den Abendstunden erzählte er ihr gewöhnlich aus den Alten, sprach mit ihr über geschichtliche Gegenstände, las ihr seine Arbeiten, oder aus Büchern vor. – Im Herbst desselben Jahres wurden ilhm von der Kuratel der Kicler Universität Anträge zu einer Anstellung als Professor an derselben gemacht, welche er ablehnte, theils weil das Aufgeben seiner jetzigen Stelle Undankbarkeit gegen Schimmelmann verrathen könnte, theils auch, weil es ihn vor den Augen der Welt geniren würde, so früh schon älteren Männern vorgezogen zu werden; theils waren ihm auch manche Zweige seiner damaligen Geschäftsführung wirklich lieb; er sah, dass er darin etwas leistete und dies auch von den Behörden anerkannt wurde; ausserdem wollte er auch Zoéga, der sich, damals in Rom in beschränkten Umständen lebend, um jene Professur bewarb, nicht im Wege seyn. – Um diese Zeit erfuhr er Stolbergs Religionsveränderung; sie betrübte ihn, da er sie als Verirrung eines an sich edlen Bedürfnisses ansah; aber so lieb ihm auch Voss und Jacobi waren, so schmerzte ihn doch tief ihre Handlungsweise gegen St.– Sein damaliger lange gefasster Plan, eine Darstellung der verschiedenen griechischen Verfassungen in seinen Freistunden durchzuarbeiten, wurde durch ein lange anhaltendes Augenübel seiner Frau zurückgeschoben. – Das Jahr 1801, dessen Frühjahr durch das englische Bombardement Kopenhagens für M. und alle Bewohner schrecklich war, verfloss so wie das folgende bis zum Frühling

ohne eine Veränderung; nur im August 1801 unternahm er eine kleine Reise in das südliche Ä Seine Gemüthsstimmung war die beste; jede Arb

ging ihm rasch von der Hand; die Wissenschaften waren ihm Erfrischung in den Freistunden.– Im Som' mer 1802 war er sechs Wochen mit seiner Frau in Holstein zum Besuche bei den Seinigen. – Im Wino ter 1802–3 studirte er eifrig das Arabische, und # überraschte seinen Vater zu seinem Geburtstage mit der Uebersetzung eines Theils von Elwockidis Geschichte der Eroberung von Asien unter den ersten . Kalifen, eines Manuscripts von der Kopenhagener Bibliothek. – Im Frühjahr 1803 erhielt er den Auftrag

zu einer Reise nach Deutschland in Finanzgeschäften

seiner Regierung. Hamburg, Leipzig, Frankfurt und Kassel waren die Bestimmungsorte; seine Frau bei gleitete ihn. – Bei seiner Rückkehr nach Kopenhagen erfreute ihn Graf Schimmelmann mit einer bedeutenderen amtlichen Stellung. Die Geschäfte des bisherigen Committenten im Commerzkollegium wurden ihm, aber ohne Veränderung des Titels und der Einkünfte, übertragen. Mit Schärfe fasste er die neuen Geschäfte ins Auge, und vollzog sie mit Leichtigkeit. Es blieb ihm auch noch Musse, u. a. an einer Abhandlung über die römischen Staatsländereien, deren Vertheilung, Colonie, Ackergesetze u. s. w. zu arbeiten. – Im Januar 1804 erhielt er nach dem Ableben seines Collegen, des Bankdirektors, dessen Geschäfte und Stelle. Er übernahm dabei, auf des Kronprinzen ausdrückliches. Verlangen, die Direktion des in Verwirrung gerathenen Ostindischen Bureaus im Commerzkollegium, und trat als Mitglied in die permanente Commission der Barbaresken – Angelegenheiten, in welcher er bisher als Sekretair fungirt hatte. Seine Stellung wie seine Einkünfte wurden auf diese Art bedeutend verbessert; seine Arbeiten, die jetzt für das kommerzielle Publikum, so wie für den Credit und Cours des Papiergeldes sehr wichtig wurden, fanden allgemeine Anerkennung; freundliche Behandlung und strenge Rechtschaffenheit gewannen ihm die Zuneigung aller Unterbeamten des Bureaus. Ungeachtet der gehäuften Geschäfte arbeitete er im Herbst 1804 wieder an der genannten Abhandlung. – Das Unglück Oesterreichs im IIerbst 1805 erschütterte ihn tief; er las und übersetzte in dieser Stimmung des Demosthenes erste philippische Rede, und liess sie drucken; er verglich Griechenlands damalige Lage mit der Deutschlands, Philipps wachsende Macht und Tyrannei mit der eben so drückenden des französi

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schen Kaisers - Gegen Ende des Jahres 1805 erhielt W. den Antrag, im Finanzfach in Preussische Dienste zu treten. Nie hatte er daran gedacht, den Dänischen Staatsdienst zu verlassen; aber die beabsichtigte Anstellung eines jungen Mannes von vornehmer Geburt bei einer Stelle in den Finanzen, auf die er nähern Anspruch zu haben glaubte, machte ihn bei wiederholter Erneuerung jener Anträge unschlüssig; doch gab er für jetzt noch eine ausweichende Antwort. Im März 1806 geschahen die Anträge aufs Neue; er sollte als Mitdirektor der Bank in Berlin und bei der Seehandlung eintreten, mit Zusicherung weiterer Beförderung. Diese glänzenden Aussichten brachten einen Kampf in seinem Innern hervor, zumal daman ihm in Kopenhagefi nichts Aehnliches bieten konnte, und er in seinem neuen Wirkungskreise nur Direktorialarbeiten, aber keine lästigen Detailarbeiten auszuführen hatte. Schimmelmann war so edel, in W.'s Interesse nicht abzurathen. Endlich entschloss er sich zur Annahme und gab sein Entlassungsgesuch ein, welches auch, nach einem vergeblichen Versuch ihn zurückzuhalten, bewilligt wurde. Im Sept. 1806 verliess er Kopenhagen, unter Beweisen der Achtung und Freundschaft. Aller, die ihn gekannt hatten. Schwer war in

ebten Vaterlande, um so schwerer, als jetzt die drohende Stellung Frankreichs gegen Preussen eine Katastrophe ahnen liess. Auch der missliche Zustand der Finanzen Dänemarks in Folge der zur Aufrechthaltung der Neutralität zusammengezogenen Truppenmacht hatte M. schon lange mit Sorge erfüllt. Uebri

der Dänischen Sprache in Rede und Schrift völlig geworden.

angehängten Briefe (No. 117–35) sind für bschnitt 19; die neun ersten an die Frau die zehn letzten an seine Eltern. Jene spreer Hauptsache über das Bombardement von Kopenhagen, und geben schätzenswerthe Detailnachrichten; diese enthalten Nachrichten und Bemerkungen über N.'s Arabische Stüdien, über dic im Dänion Ministerium des Auswärtigen liegenden Reiseere seines Vaters, über die Verhältnisse Däneks zu den Barbareskenstaaten, über die dortigen n Bekannten des Vaters von der Reise her, und über die bevorstehende Veränderung von M.'s amtlieher Stellung. Man erstaunt hier so wie bei allen

späteren Briefen über die genaue Bekanntschaft W.'s

Meldorf der Abschied von den Seinigen und dem ge

gens war er durch seine Amtsführung in Kopenhagen

ständen fremder, vorzüglich der von seinem Vater bereisten Länder; es kommt dem Leser vor, als wäre er überall einheimisch.

Im siebenten Abschnitte finden wir „ Niebuhrs Eintritt in den Preussischen Staatsdienst," 1806 bis 1810. - - -

Der Graf Hardenberg war schon während der Unterhandlungen mit M. aus dem Preussischen Ministerium, und Graf Haugwitz an seine Stelle getreten. Der Minister von Stein stand den Finanzen vor. Am 5. Oktober, also wenige Tage vor der Schlacht bei Jena, kam M. in Berlin an, wenige Tage nachher musste er auch zugleich mit den Behörden flüchten, zuerst nach Stettin, hierauf nach Danzig, dann nach Königsberg, endlich - nach Memel. Eine Unzahl von ausserordentlichen Geschäften musste er auf dieser Reise neben seinen ordentlichen Arbeiten verrichten; das Unglück Preüssens und Deutschlands empfand er mit der ganzen Wärme seines Gemüthes. Im Falle der wachsenden Gefahr sollte Stein mit den Cassen, also auch mit M., über die russische Grenze gehen; aber Stein nahm bald nachher seinen Abschied; auch M. wollte ihn nehmen, nicht um verschiedenen ihm jetzt gemachten Anträgen von Dänemark, England und Russland zu folgen, sondern um sich vorläufig ins Privatleben zurückzuziehen, bis sich irgendwo ein Fleck der Erde fände, welcher vor der ihm so verhassten Tyrannei Wapoleons gesichert wäre. Allein in Memel zog ihn die Preussische Regierung in das sehr wichtige Verpflegungswesen der Armee; diesem Vertrauen auf seine Dienste wollte er sich wenigstens im Augenblicke der Noth nicht entziehen. In Königsberg hatte er seine langjährige innige Freundschaft mit Nicolovius geschlossen; unter den Fremden gewann er Sir Hartford Jones lieb, der eine Weile in Persien gelebt hatte, auch Lord Hutchinson. – Im Winter 1806 – 7 beschäftigte er sich in Ermangelung litterärischer Hülfsmittel mit dem Studium der russischen und der übrigen slavischen Sprachen; durch Vergleichungen wusste er dieses fruchtbar zu machen und mit seinen übrigen Kenntnissen in Zusammenhang zu bringen. – Im April 1807 übergab der König dem Grafen Hardenberg wieder das Portefeuille des Auswärtigen, bald darauf auch die Leitung der Armecverpflegung, der Bank, Seehandlung, Polizei und des Postwesens; ais tüchtige Mitarbeiter in dem grossen Geschäftskreise berief er im Mai u. a. den IIrn. v. Altenstein, v. Schön und M. ins Hauptquartier nach Bar

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tenstein. N. kam, nachdem er seine Frau in Memel krank hatte zurücklassen müssen, und arbeitete in Geldgeschäften und dem Armeeverpflegungswesen. In Bartenstein lag auch er eine Zeit lang ernsthaft krank. Als im Juni die russische Armee in Folge der unglücklichen Schlacht bei Friedland hinter der Memel Position fasste, mussten sich auch die Preussischen Cassen nach Biga zurückziehen. Den jetzt grösstentheils überflüssigen Beamten wurde es freigestellt, zu bleiben oder zurückzugehen; M. wollte nach Kopenhagen zurück, aber der Graf Hardenberg bat ihn dringend und mit Thränen in den Augen, ihn und den König jetzt nicht zu verlassen; dies bewog ihn zu bleiben. Er ging mit nach Riga; hier machte er die Bekanntschaft des Civilgouverneurs Richter und des Gesandten Krüdener, dessen Frau eine Dänin war. Die harten Bedingungen des Friedens zu Tilsit, namentlich die über Hardenbergs Entfernung, zeigten M. deutlich Napoleons Plane gegen Preussen; und liessen ihn von Neuem seine Entlassung wünschen. Inzwischen war eine Immediatkommission zusammengetreten zur provisorischen Verwaltung der Hardenbergschen Geschäfte, so weit sie die Finanzen und das Verpflegungswesen betrafen: zu dieser sollte auch M. gehören. Da sie aber keinen Chef hatte, und einzelne Mitglieder nicht mit M.'s Ansichten harmonirten, schien diesem darin mit Erfolg zu arbeiten unmöglich; obgleich daher der College, dem er sein Entlassungsgesuch zur Ueberreichung gegeben, dieses noch zurückgehalten hatte, bestand er auf seinem Entschlusse, hauptsächlich auf seine geschwächte Gesundheit hinweisend. Der König antwortete nicht verweigernd, gab aber deutlich unter den schmeichelhaftesten Aeusserungen seinen Wunsch fernerer Benutzung seiner Dienste in jener Zeit der Bedrängniss zu erkennen. Diesem Vertrauen konnte MW. nicht widerstehen; er kehrte, der Weisung des Königs gemäss, nach fast zweimonatlichem Aufenthalte, von Riga nach Memel zurück, wo ihn der so lange von ihm gehoffte Wiedereintritt des Herrn v. Stein in das Ministerium erfreute. Zu derselben Zeit verwundete das neue Bombardement Kopenhagens durch die Engländer sein Herz sehr schmerzlich; noch mehr aber, dass jetzt das hiedurch aufgebrachte Dänemark sich an Frankreich anschloss. Da Hr. v. Stein vor Allem Geld nöthig hatte, um den Forderungen der franz. Regierung zu genügen, und dadurch die Räumung der besetzten Landestheile zu bewirken, so bewoger W. zur Uebernahme des beschwerlichen Auftrags, für das durch Unglück fast kreditlos gewordene Preussen in Holland eine Anleihe zu negoziiren. Am 21. Nov. 1807 verliess er mit seiner halbkranken Frau das unfreundliche Memel, erfuhr nach einer beschwerlichen Reise in Berlin den ihn tief betrübenden Tod seiner Mutter, die schon lange an der Wassersucht daniedergelegen, kam im Januar 1808 seiner Weisung

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FEBRUAR 184 0. L80 gemäss in Hamburg an, machte einen Besuch zu Nütschau, dem Gute seines Jugendfreundes Moltke, dessen edle Gattin eben mit dem Tode rang, ging wieder nach Hamburg, und von da auf etwa 14 Tage in das Trauerhaus seines Vaters, wo alle Holsteiner Freunde versammelt waren. Hierauf reiste er Anfangs März nach Amsterdam. Die Aussichten zur Anleihe trübten sich, wie zu erwarten war; den König Ludwig aber, dem er in Utrecht sich vorstellen musste, gewann er wegen seines edlen Charakters für alle Zeiten lieb. Unterdessen studirte er die Sprache und Litteratur der Holländer, ihre Geschichte, ältere und neuere Verfassung, Ackerbau, Finanzen, mit grosser Aufmerksamkeit auf die dortigen Meer- und FlussAlluvionen und die allmähliche Entstehung des Bodens. Die Nation lernte er wegen ihrer Rechtlichkeit und Arbeitsamkeit achten; der Mangel an Regsamkeit des Geistes, poetischem Sinn und Wärme des Gefühls missfiel ihm. Auch das Lesen der Alten, z. B. des Demosthenes, beschäftigte; Valckenaers Bekanntschaft erfreute ihn. – Die Hoffnung auf Erfolg seiner Sendung verschwand immer mehr; wiederholt drang er auf seine Zurückberufung; diese kam im Februar 1809 an; freilich machten plötzlich die Banquiers, vielleicht heimlich von dem dabei interessirten Frank-reich aufgemuntert, angemessene Vorschläge; aber König Ludwig, besorgt, dem Lande seine Geldmittel zu erhalten, untersagte die Ausführung. Bei dem unentschiedenen Zustande der Administration in Preussen, wo auch Stein unterdessen aus bekannten Ursachen aus dem Ministerium geschieden war, reiste MW. im April 1809 über Ostfriesland, Bremen und Hamburg nach Holstein, besuchte das Trauerhaus seines Freundes Moltke, seinen Vater und seine Freunde und beschloss, dort weitere Befehle zu erwarten. Hr. v. Altenstein, der unterdessen den Finanzen vorstand, lud ihn zwar brieflich nach Berlin ein; aber die wenngleich schwache Hoffnung auf das Gelingen der holländischen Anleihe rieth MW., in Hollands Nähe zu bleiben. Die Unentschiedenheit währte fort; endlich gegen Ende des Sommers nach Königsberg zu kommen aufgefordert, traf er im September dort ein, fand aber auch hier über seine Stellung und den Gang der Geschäfte noch Alles unentschieden. Voll des gröss– ten Missmuthes über die ganze damals herrschende Verwirrung erhielt er im November den Auftrag zur Ausarbeitung eines Planes über das ganze Staatsschuldenwesen; Anfangs Decembers wurde er zum geheimen Staatsrath und Sectionschef für das Staatsschuldenwesen und die Geldinstitute ernannt. Gleich nachher reiste er nach Berlin ab; die holländische Anleihe kam jetzt zu Stande, da die französische Regierung endlich im eigenen Interesse das Bedenken des Königs Ludwig beseitigt hatte. Dies vermehrte seine Arbeiten in diesem Winter fast bis zum Erliegen. ( Die Fortsetzung folgt.)

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