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gehen, erschien in Platen's Ghaselen wahre Poesie in vollkommener neuer Gestalt. Zwar ist die Form der Ghasele schwer zu handhaben, und sic wird daher in der Hand des Stümpers albern und unerträglich, in der Hand des mechanischen Verskünstlers todt und langweilig werden; aber thöricht ist es einer künstlichen Form das Verwerfungsurtheil zu sprechen, weil sie schwer anzuwenden ist. Der Stümper liefert in keiner, auch nicht in der leichtesten Form etwas Annehmbares. Der Meister aber dichtet, dass selbst was als Aeusserlichkeit der Form erscheint mit dem Geiste des Gedichts in Einklang steht, und nicht als gleichgültige Wahl angesehen werden kann, sondern dass das Ganze in Geist und Form als absolut identisch dasteht. Der Inhalt dieser Ghaselen ist, die Sorgen und die Noth des Lebens soll man durch Wein und Liebe verscheuchen, und Jugend und Lenz geniessen. Vielfach ist dieser Stoff verarbeitet worden, besonders in Zeiten drückender Verhältnisse oder des Sinkens der Staaten und des Stagnirens eines Volks, wenn es dem Streben nach dem Besseren entsagt und edleren Hoffnungen keinen Raum mehr verstattet. Man kann diesen Stoff einen verbrauchten nennen, aber er liegt dem Menschen so nahe, dass er immer wieder sich aufdrängt, wo es denn gilt durch neue originelle Form ihn neu darzustellen. Dies hat Platen auf eine bewundernswerthe Weise gethan in einer Sprache, welche klangvoll und melodisch von allen trivialen Phrasen und ordinairen Bildern fern, ohne unnütze, schleppende Worte uns die überraschendsten Wendungen, kühnsten Verknüpfungen und neue Bilder vorführt. Der Ton dieser Gedichte ist so ganz aus einem Guss und bewegt sich so leicht und anmuthig, dass man von der Schwierigkeit, welche die gewählte Form darbietet, keine Ahnung beim Lesen hat. Es paart sich in ihnen mit dem Liebesgetändel und der Lust am heiteren Lebensgenusse Wärme des Herzens und Gemüthlichkeit und ein ernster Blick in das Leben und das menschliche Loos, so dass dies Tändeln und Spielen den dunkeln Grund des Gemüthes und den ernsten Traum des Lebens heiter umgaukelt, jedoch immer durchblicken lässt. Ausser diesen Ghaselen besitzen wir keine Gedichte, in wel– chen kühne witzige Reflexion so fein und zierlich, ohne das Uebergewicht zu erlangen und damit den Schmuck zur Sache selbst auf fehlerhafte Weise zu machen, mit der ganzen Idee des jedesmaligen Liedes verschmolzen wäre, oder in welchen trunkener Taumel so mit vollendeter Anmuth sich vereinigte. Gegenüber der schlottrigen Reimerei verbrauchter Phra

sen, der unbeholfenen Formlosigkeit und der affectirten Manier erschien diese Sammlung als eine wahre That in Worten. Damit will ich nicht sagen, dass gerade diese Form einen vorzüglichen Werth besitze, denn jede Form wenn sie meisterhaft gehandhabt wird, ist gut in ihrer Art, und auch die leichteste wird in der Hand des Stümpers schlecht. Wo Form und Inhalt identisch sind, ist jede Form gut, wo dies nicht der Fall ist, jede schlecht. Ja gerade die schwierigere äussere Form, wenn der Dichter fühlt, dass sie für das, was er darzustellen hat, die geeignetste sey, wird oft grössere Vollendung der Darstellung herbei führen, als die leichtere, weil die ganze Kraft dadurch angeregt und wach erhalten wird. So z. B. finden wir bei Chamisso das Vollkommenste, was er geleistet, in der schwer zu handhabenden Form der Terzine, worin er schauerliche Stoffe (das Mordthal

und Salas y Gomez) meisterhaft behandelte, wäh-

rend seine Lieder in den leichteren Formen nur wenig bedeuten, wenn man sie mit den beiden genannten herrlichen Gedichten vergleicht. Doch bei Anerkennung der grossen Leistung dieser Ghaselen muss auch anerkannt werden, dass der Dichter in mehreren derselben ein fremdes Element zugelassen hat, welches störend ist, und bei uns keinen Anklang findet, nämlich der begeisterte Liebesausdruck für männliche Schönheit, ein Element welches auch in mehreren Sonetten dieses Dichters erscheint, wo wir die Freundschaft mit der Begeisterung für die Schönheit desselben verschmolzen finden. Dass Schönheit begeistere ist an und für sich wahr, aber es liegt nicht in den Menschen im Allgemeinen, dass sie zu einer leidenschaftlichen Liebe hinreisse ohne Einwirkung des Scxuellen. Desshalb mag der Einzelne noch so sehr von Schönheit seines Geschlechts in völliger geistiger Reinheit entflammt werden, für die Poesie bleibt es ein fremdes durchaus unannehmbares Element, weil der sexuelle Unterschied unerlasslich ist. Ohne diesen wird nach unserer Gesittung und Gefühlsweise der Leser sich von Gedichten, welche jenen Stoff haben, kalt und unerfreut abwenden, oder gar sich widerwärtig afficirt fühlen, wenn ihm das Laster, welches jener Begeisterung anhaften kann, in die Gedanken kommt. Die Poesie darf sich nie auf einen isolirten absoluten Standpunkt stellen, sondern muss Alles der Gesittung und dem Gefühl der Menschen gemäss behandeln, damit sie nicht entweder fremd bleibe oder Anstoss gebe. Das Studium des Orients bot Platen jenes Element dar, aber im Orient ist es wirklich auf das Laster basirt, und der Wille, es als

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ein Reines und Edles zu benutzen, mochte in ihm bestärkt werden durch die Fadheit, womit immerfort ohnmächtige Dichterlinge in ganz verbrauchten Formen und Bildern mit den trivialsten Worten von Frauenreiz und Liebe reimten. Dass es einem einfallen würde, Platen's Wollen in dieser Hinsicht falsch auszulegen, war nicht zu erwarten, und ist auch eigentlich nicht vorgekommen. Dass eine charakterlose Memme von der tiefsten Seelengemeinheit wegen dieser Gedichte ihm, einem Manne von reinen Sitten, feinem Anstand und höchst bescheidenem Lebenswandel, dessen Seele immerdar ein reines Gefäss war, worin das vom Himmel stammende ewige Vestafeuer der höchsten Begeisterung brannte, das Laster der Päderastie in einer schmutzigen, von Rechtswegen mit dem Zuchthaus zu bestrafenden Charteke Schuld gab, kommt nicht in Betracht. Was eine gemeine Seele, wenn sie in Bosheit geräth, an Schmutz ausgährt, kann nicht in Berechnung kommen, wenn man die Frage aufwirft, was die Menschen im Allgemeinen über ein Vorkommniss denken und vernünftiger Weise urtheilen werden. (Warum der Herausgeber die kleinen schönen Ghaselen, welche während des Dichters Aufenthalt in Italien in der Vesta erschienen, nicht aufgenommen hat, begreife ich nicht, wenigstens habe ich sie in dieser Sammlung nicht gefunden.)

Nachdem Platen mit jener Sammlung von Gedichten die lyrische Poesie der lyrischen Sudelei gegenüber vertreten hatte, stand er gegen das Verderben des Drama mit der verhängnissvollen Gabel auf, einer Komödie, an deren Möglichkeit man vor ihrer Erscheinung würde gezweifelt haben, da Niemand daran dachte, dass die Aristophanische Komödie irgendwie gelingen könne. An kecker und kühner Phantasie und Erfindung, bestimmter und fester Zeichnung, richtiger und sicherer Durchführung des Stoffs, an Fülle echten Witzes, vollkommener Sprache und Reichthum komischer Motive steht dies Gedicht nebst dem später gedichteten Romantischen Oedipus unübertroffen und auch unerreicht da. Beide Werke geben uns die aristophanische Komödie, so weit solche bei uns möglich ist; denn manche Bedingungen, welche derselben ihre wahre Bedeutung und Kraft geben, fehlen gegenwärtig ganz; und dürfte sie sich frei entfalten, so würde sie doch, da das Allgemeine ihr nicht zusagt, aus Mangel der geeigneten Oertlichkeit von genügender Wichtigkeit und was sonst noch zu derselben gehört, nimmer werden können, was die alte Attische Komödie war. Beschränkt auf das Literarische ist ihr ein kleiner Kreis vergönnt, und selbst

innerhalb desselben ist eine völlig freie Bewegung nicht verstattet. Was in dieser Gattung jedoch geleistet werden konnte, hat Platen in den beiden genannten Stücken geleistet und zwar in so origineller, vollkommener Weise, dass sie als eine sehr bedeutende Bereicherung unserer Literatur zu betrachten sind. Die verhängnissvolle Gabel verspottet die Schicksalstragödie, welche aus Missverständniss der griechischen Tragödie hervorgegangen, nachdem sie glanzvoll in der Braut von Messina geblendet aber nicht befriedigt hatte, später als alberne Fratze die Bühne einnahm. Zu schildern hatte die Parodie die moralische Lüderlichkeit der in diesen Schicksalstragödien dargestellten Personen, welche ohne alle wahre Seelenwürde den nichtswürdigsten Impulsen zum Schlechten folgen, und den über diese Subjecte verbreiteten Schimmer der Poesie lächerlich zu machen; ferner das leichtfertige und seichte Schauererregen durch nichtigen Spuk und Ahnungen, so wie das unsinnig angewandte Schicksal, welches statt als göttliche Weltordnung zu erscheinen, woran die Frevel der Leidenschaft brechen, so dass es, wie Schiller sagt, den Menschen erhebt, wenn es den Menschen zermalmt, ganz gemein als ein Vagabunden und lüderliches Gesindel prügelnder Büttel erscheint. Dies ist in der verhängnissvollen Gabel mit dem kräftigsten Witz und auf die ergetzlichste Weise und mit sicherer Handhabung der dramatischen Form geschehen, wobei hinter der Parodie in den Parabasen jedesmal die ernste Lehre in der würdigsten Gestalt auftritt. Im Romantischen Oedipus, welchen er später in Italien dichtete, verspottete er die romantischen modernen Tragödien. Hier galt es darzustellen, wie die romantischen Tragödiendichter unfähig sind bei einem gegebenen Stoffe den Punkt zu finden, wo die tragischen Motive desselben die Verwickelung herbeiführen und auf die Katastrophe hinwirken, wie sie im Gegentheil ihn ganz roh und mit epischer Breite aufstellen. Wie sie ferner, der wahren Dichterkraft entbehrend, die wahren vom Stoff gebotenen Motive verkehrt entwickeln und so in das Absurde verfallen, statt natürlicher Menschen mit sittlicher Kraft und menschlicher Leidenschaft, armselige Schwächlinge und würdelose Wesen auf die Bühne bringen. Zu verhöhnen war der Mangel an Fähigkeit, das Wirkliche aufzufassen, und der Unfug, statt dessen nicht selten Unmögliches als etwas, was sich von selbst verstehe, darzubieten, und die Personen um der Geschichte zur Entwickelung zu verhelfen, handeln zu lassen, als ob sie nicht die geringste Verstandesentwickelung und - Kenntniss der Dinge hätten, mit der obligaten Begleitung von allerlei Phrasen, welche so ganz am ungehörigen Ort sind, dass ein vernünftiger Mensch nicht begreifen kann, wie sie dahin kommen, wo sie stehen. Wer solchen Unsinn kritisch erörtert sehen will, braucht nur Tieks schön ausgeführte Auseinandersetzung des Leuchtthurms von Houwald zu lesen, und er hat diese ganze Misere vor Augen. Ferner musste das Formlose, Incohärente dieser Dramen, das Unnatürliche und Affectirte der Leidenschaften, besonders der so häufig fehlenden Motivirung derselben, so dass sie ohne gehörigen Grund und Fortgang sind, der schwülstige Bombast der Sprache, welcher die poetische Begeisterung vorstellen soll und doch nur aus Mangel an Begeisterung uud ohnmächtiger Affectation hervorgeht, anschaulich gemacht werden. Alles dies ist im Romantischen Oedipus, in einer die verhängnissvolle Gabel übertreffenden Form, so klar und deutlich dargestellt, und alle tragischen Motive sind so treffend parodirt, dass die deutsche Literatur einen wahren Schatz an diesem Gedicht besitzt. Dass Platen Immermann zum Repräsentanten der romantischen Tragiker wählte, verschuldete dieser durch seine Verhöhnung der Ghaselen, da Platen sich wenigstens nicht ganz ungestraft wollte misshandeln lassen und zwar gerade von Immermann am allerwenigsten. In Betreff dieser Komödie bemerkt Herr Gödeke in seiner Skizze von dem Leben und den Schriften des Dichters, dieser habe, als er in dem Gedicht an einen Ungenannten (Feuerbach in Freiburg, damals in Speier) von der künftigen Dichtung einer Odyssee gesprochen, welcher eine Iliade nachfolgen solle, unter der Odyssee die Abbassiden und unter der Iliade den Romantischen Oedipus verstanden. Dies ist nicht richtig, denn diese Komödie war fertig, ehe er jenes Gedicht schrieb, welches er mir so wie diese in Rom vorlas, wo er mir, was er auch späterhin in Briefen an mich wiederholte, von seinem Plane sprach, ein kleines Epos aus dem orientalischen Märchenkreis zu dichten (und dies haben wir in den Abbassiden erhalten), und dann als Hauptwerk ein grosses Gedicht über die Hohenstaufen, in drei Abtheilungen, ausgeführt in Romanzen, schliessend mit den sicilianischen Geschichten, welchen er einen näher bezeichneten von den zwei ersten Abtheilungen etwas verschiedenen Charakter geben wollte. Er gab später die Ausführung dieses grossen Plans, welchen er sich bereits klar gemacht hatte, auf, wie ich vermuthe , weil er

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bei seiner Kränklichkeit und den bittern Verstimmungen, deren er sich nicht erwehren konnte, an einihm genügendes Vollenden desselben nicht glaubte. Zwar lautet der Grund, welchen er mir schrieb, ganz anders, doch halte ich denselben für eine juägung, womit er sich selbsttäuschte. Nachdem Platen die verhängnissvolle Gabel gedichtet hatte, begab er sich nach Italien und suchte Stoff und Freiheit des Geistes an den Trümmern der Vorwelt, vergessend so gut es gehen wollte der kleinlichen Misere hinter ihm, und beide fand er dort so, dass er das Land für seine fernere Lebenszeit zur Wohnung erkor. Venedig bot ihm Stoff zu einem Sonettenkranz, welcher das Treffendste über diese Stadt ihrem jetzigen Eindruck nach sagt, denn das obligate Wimmern über Vergänglichkeit, welches auf einen Ort so gut wie auf einen andern passt, worüber aber die Dichterlinge nicht hinauskönnen, blieb natürlich dem grossen Dichter fern. Er schildert mit Begeisterung was Venedig Herrliches besass, und das war Schönheit der Stadt, grosser Sinn, Blüthe der Kunst und Kunstgefühl. Die von ihm angewandten Bilder sind originell und von hinreissender Schönheit und Kraft, und ein glühendes Gefühl der Begeisterung durchströmt diese Gedichte. Später fügte er noch die Romanze vom alten Gondolier zu diesen Klagen um Venedig, ein Gedicht, in welchem eine glücklich erfundene Situation mit der grössten Meisterschaft durchgeführt ist. Ausserdem dramatisirte er einen Aufschwung des

Venetianischen Patriotismus unter dem Titel der E

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von Cambrai. Diese Scenen geben in einem lebenvollen Gemälde das mit sicherer Kunst gezeichnete Bild eines Volks, welches von den plötzlich hereinbrechenden Schlag auf Schlag treffenden Unglücksfällen an den Rand des Verderbens geführt der Uebermacht zu erliegen schien; aber statt sich der Verzweiflung feig zu ergeben sich an der Grösse der eigenen Geschichte erhebt und in aufopferndem Patriotismus durch jeden Adel der Gesinnung und Grossherzigkeit das Glück zur Huld versöhnt. Wie sicher auch der Dichter die Reime handhabte, so genügten sie ihm doch allein nicht, und er fühlte, dass bei der grossen Oede des Geistes seiner Epoche Mannigfaltigkeit der Form nöthig sey, um Mannigfaltigkeit des Stoffs zu haben, und griff so zu den antiken Rhythmen, in welchen er sich hohe Meisterschaft erwarb und Herrliches leistete.

- C Der Beschluss folgt.)

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ALLGEMEINE LITERATUR - zEITUNG

Februar 1840.

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in chronologischer Ordnung hinter den einzelnen Abschnitten der Lebenserzählung. Nach der bescheidenen Aeusserung der einsichtsvollen Herausgeberin soll das vorliegende Werk nur als Vorarbeit für eine eigentliche Biographie zu betrachten seyn. Doch werde hier im Voraus bemerkt, dass schon jetzt genug geleistet ist, um Miebuhr's moralischen und wissenschaftlichen Charakter gegen die Schmähungen der heils Böswilligkeit thcils Urtheilslosigkeit in Schutz zu nehmen. Es wird uns hier keine dürre nach blosser chronologischer Ordnung durchgeführte Mittheilung der Ereignisse aus Niebuhr's Leben gegeben, vielmehr eine geistvolle, mit psychologischer Tiefe durchgeführte Darstellung seiner Entwicklung, eine harmonische Schilderung seines äusseren Auftretens und seines inneren Seyns, welche beide in einer merkwürdigen Wechselwirkung standen, und deren eine

nur aus der anderen sich erklären und begreifen lässt.

A. L. Z. 1840. Erster Band.

Diesen Charakter behaupten alle Abschnitte dieser Lebenserzählung; sie erweckt die günstigste Meinung von den Fähigkeiten der Herausgeberin und ihrem Berufe zur Lösung dieser Aufgabe. Für Einzelnes wird häufig auf die angehängten Briefe als Belege verwiesen, und allerdings lassen uns diese, – um auch über sie gleich im Voraus ein Wort zu sagen – den ausgezeichneten Mann in seinen verschiedenen Situationen, sein inneres Wesen, seine Ansichten über Wissenschaft, Kunst, Zeitereignisse und die Wirksamkeit seiner nächsten Umgebungen, über Philologie und Geschichte insbesondere erkennen, wobei die vielfachen Reflexionen über frühere interessante Männer, Ereignisse und Zustände, und beständige treue Darlegung dessen, was sein Gemüht bewegt uns den tiefsten Blick in sein geistiges Leben und seinen Charakter werfen lässt. Zu bedauern ist nur, dass nicht alle wichtigeren von ihm geschriebenen Briefe der Herausgeberin zu Gebote standen, dass namentlich die an seinen Vater fast alle untergegangen sind. –

Der erste Abschnitt „Niebuhrs Kindheit und Jugend bis zu seinen Universitätsjahren 1776 bis Ostern 1790" enthält eine sehr vollständige Beschreibung von MWiebuhr's erster Jugendzeit, wie sie nur aus Mittheilungen von der eigenen Familie und Personen seiner nächsten Bekanntschaft geschöpft seyn kann. B. G. Niebuhr wurde den 27. Aug. 1776 zu Kopenhagen geboren, zur grossen Freude seiner Eltern, die schon bei der Geburt einer zwei Jahre älteren Tochter sehnlich einen Sohn gewünscht hatten. Sein Vater, der als gelehrter Reisender so berühmte Carsten M., lebte damals, schon seit neun Jahren von seinen Reisen aus dem Oriente zurückgekehrt, in Kopenhagen als Ingenieur – Hauptmann, beschäftigt mit der Ordnung seiner Tagebücher und der Herausgabe seiner Reise und Beschreibung von Arabien. MW's. Mutter, eine Tochter des Leibmedikus Blumenberg, eines Thüringers, war zwar von deutscher Abkunft, redete aber, in Kopenhagen erzogen, mit einer bei ihr lebenden Schwester, gewöhnlich dänisch. Daher hörte der Knabe beide Sprachen reden, obgleich die deutsche die eigentliche Familiensprache

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war und blieb. Im Sommer 1778 trat der Vater aus

dem Militairdienst, und ging mit seiner Familie als Landschreiber nach Meldorf in Süderdithmarschen.

In jenem kleinen altväterisch gebauten, grösstentheils von Marsch umgebenen und in einer baumlosen Gegend gelegenen Flecken verlebte N. seine Kindheit und Jugend in stiller Eingezogenheit; möglich ist es, dass dieser erste Eindruck des Mangels einer schö– nen Natur bei ihm die Ursache seiner Unempfänglichkeit für schöne Naturscenen war, deren er sich 1798 in einem Briefe aus England noch anklagte, und die erst in späteren Jahren schwand. Die freie Verfassung des tapferen Völkchens der Dithmarschen machte dagegen bei ihm für immer das grösste Interesse für dasselbe rege, und unterhielt in ihm den Sinn für wahre Freiheit der Völker. Da wenig Fremde, und nur solche, die der Ruf des berühmten Reisenden anzog, nach Meldorf kamen, so sah er in der Regel Niemand, als die Bewohner des kleinen Ortes, dessen Prediger und Beamte, nebst denen der Umgegend, den einzigen Umgang der Familie Wiebuhr bildeten. dDie Fortsetzung folgt.)

SCHÖNE LITERATUR.

STUTTGART u. TüBINGEN, b. Cotta: Des Grafen Aug. von Platen gesammelte Werke u. s. w.

( Beschluss vom Nr. 32. )

Nirgends erblicken wir in seinen Gedichten Ma

nier und ein gemachtes Wesen, was uns sonst so oft begegnet. In seinen Romanzen fehlt durchaus das Kokettiren des Ritterthums und der Liebe und alles süssliche Wesen, alle die gedehnte schleppende Ausführung, das lange Ausspinnen schmückender Bilder, und die Seichtigkeit eines ordinären verbrauchten Inhalts. Seine Stoffe gehen weit über das gewöhnliche Getändel vom Ritter und Fräulein und ihrer peinlichen Liebe und die beliebte klösterlich mittelalterliche Lebküchelei hinaus, haben gesunde menschliche Stoffe, geben einen weiten Gesichtskreis und erfüllen mit grossartigen Gefühlen statt der weinerlichen Sentimentalität der Wehmuthsdichterlinge, deren zartes Engelslächeln wie das der kleinen Kinder aus Magensäure entspringt. Alarichs Grab in Busento, Karls Eintritt in das Kloster von St. Just, IIarmosan, Carus Tod, Luca Signorelli, Kaiser Otto's Klagelied, der alte Gondolier u. s. w. bieten die höchste Mannigfaltigkeit des Stoffs dar, aber auch eben so Mannigfaltigkeit der Form, jedesmal mit dem Stoff

identisch, so dass auch nicht der leiseste Hauch einer Manier erscheint. Eben so mannigfaltig sind seine Oden, Bilder der Schönheit, der Weltschicksale, der tiefsinnigen Betrachtung, vor die Seele führend und grossartige Gefühle und Stimmungen erweckend ohne je durch ein mattes überflüssiges Wort, welches des Versmaasses wegen eingeflickt wäre, zu stören. Auch Bilder von Neapel, Capri, Amalfi, eine Idylle dichtete er daneben. Von der Ode schritt er weiter zum episch-lyrischen Festgesang und leistete darin Bedeutendes. Dass die höhere Lyrik nicht für die Massen geeignet sey, ist bekannt genug, da sie aber für den Gebildeten zu dem Vorzüglichsten gehört, was der Seele poetischen Genuss gewährt, so ist das Verwerfen dieser Kunst unter dem Vorwand, es sey

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würdigung erwarten, wenn er keine Cliquenkünste oder sonstige Machinationen dagegen anwendet, und

dergleichen Unwürdigkeiten lagen tief unter Platen. Schon der Umstand, dass dieser Dichter zu keiner Zeit ausschliesslich sich der antiken Rhythmen bediente, sondern moderne Formen neben den alten anwandte, je nach dem Inhalt, hätte die, welche zu einseitig und ungebildet sind, um die Schönheit seiner rhythmischen Gedichte zu empfinden, wenigstens abhalten sollen, sie als leere Künstelei zu betrachten, gewählt aus poetischer Armuth, denn dem, welcher die verschiedensten poetischen Formen mit Meisterschaft handhabt, lässt sich zutrauen, dass er sie gehörig kennt und versteht, wo sie anzuwenden seyen. Ob einer ein grosser Dichter sey oder nicht, wird nie durch das Urtheil der grossen Masse entschieden, da diese keins über die poetische Kunst besitzt, und sie

nicht geniessen kann, und wenn daher Leute aus der

selben etwa Paten für einen kleinen oder wohl gar

- für keinen Dichter ausgegeben haben, so ist dies blos

lächerlich und schadet seinem Ruhme nicht; dennoch kann man es ihm nicht verdenken, wenn bitterer Unmuth ihn erfasste. Der Dichter, welcher es wahrhaft ist und die Kunst heilig hält, sieht natürlich das

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