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des (s. g.) Abfalls (defection) in sich begreife; zwei Fractionen, die man vernünftiger Weise nicht beschuldigen könne, dass sie sich gegen die Monarchie verschworen und deren Theilnahmlosigkeit, versagten sie auch ihre Mitwirkung, es der Regierung erleichtern würde, über die bevorstehende Sitzungszeit hinwegzukommen, in deren Verfolg man Bedacht auf die Mittel nehmen könne, die Schwierigkeiten der gegenwärtigen Krisis zu bewältigen. Auf diesem Wege bleibe die königliche Prärogative aufrecht erhalten, die Krone erschöpfe nicht gleich Anfangs ihre konstitutionelle Thatkraft und die Regierung ungehe Wahlen, deren Erfolge im Voraus zu bestimmen, um so schwieriger sey, als die Gemüther im höchsten Grade aufgeregt wären und die Presse durch ihre zügellosen Schmähungen alle Achtung für die königliche Würde, ja selbst alle Liebe für die Person des Souverains, in Frankreich vertilgt habe. „Diese Worte, fügt der Vf. hinzu, deren etwas rauhe Freimüthigkeit dem Könige nicht missfiel, vermochten unglücklicher Weise nicht durchzudringen. Die Auflösung der Kammer wurde beschlossen. . .” Von dem nämlichen Geiste liess sich dieser Staatsmann bei Berathung der viel befragten Ordonnanzen vom 25. Juli leiten und wäre man seiner Ansicht gefolgt, so wäre dieser zweite grosse Fehler, der die Katastrophe unmittelbar herbeiführte, nicht begangen worden. War auch, meint der Vf., der Gedanke für den Eintritt gewisser Fälle, die strengen Grenzen der Verfassung zu überschreiten, keinesweges erst kürzlich beim Könige aufgekommen, so gewann doch das Project eines Staatsstreichs bei ihm nicht eher eine wirkliche Konsistenz, als nach Wiedererwählung der Kammer, gegen die er seinen Widerwillen so unvorsichtig zu Tage gelegt hatte. In Folge dieser lauten Erklärung des wahlbefähigten Frankreichs erschien jedwede Aussöhnung unmöglich und es blieb nur noch über die Mittel zu berathen übrig, das bis in seine letzten Stellungen zurückgedrängte Königthum durch eine äusserste Kraftanstrengung zu befreien. Die erste ernste und regelmässige Berathung über das Princip und die Bestimmungen der Ordonnanzen fand im Ministerrathe zu Anfang Juli statt. Nur zwei Minister bekämpften die vorgeschlagenen Massregeln : Hr. v. Peyronnet, der ihre Angemessenheit bei dem gegenwärtigen Zustande Frankreichs bestritt; und Hr. v. Guernon Ranville, „der, von einer fast evangelischen Achtung für die Charte durchdrungen, sie mit Energie verwarf." Schon im December des vorigen Jahres hatte dieser Staatsmann in einer dem Fürsten Polignac zugestellten Note bemerklich gemacht, wie die liberalen Journale keinesweges als die anerkannten Organe der Kammer betrachtet werden könnten; er hatte als übertrieben die ängstlichen Besorgnisse derjenigen zurückgewiesen , welche

die Revolution, wofern man sie nicht fesselte , als be

reit Alles zu überziehen darstellten. Diese Meinung brachte er wiederholt vor, und bestand darauf, dass man die Kammern versammeln müsse, ohne die Adresse der 221 zu berücksichtigen. Beim Fortgehen aus der hier befragten Rathsversammlung forderte eben dieser Minister den In. r. Peyronnet dringend auf, in seinem Widerstande zu beharren und mit ihm gemeinschaftlich die gefährlichen Beschlüsse zu bekämpfen, zu denen man sie hinzureissen sich bemühete. Inzwischen vermochte Hln. v. G. R's. Meinung um so weniger durchzudringen, als auch seines Collegen Widerstand vor dem directen Aufruf des Königs verstummte und die unseligen Ordonnanzen wurden am 24. Juli definitiv angenommen. Der unglückliche Ausgang des dreitägigen Kampfes ist bekannt; der Vf, schreibt ihn, mit Andern, der Sorglosigkeit des Fürsten v. Polignac zu, der als Kriegsminister, in Bourmont's Abwesenheit, gänz

lich verabsäumt hatte, die erforderlichen militairischen

Anstalten zu treffen, um die Ausführung der Ordonnanzen sicher zu stellen. Er selbst erklärte späterhin, nicht erwartet zu haben, dabei auf Schwierigkeiten zu stossen; allein nach des Vfs. Ansicht, unterblieben diese Anstalten, um das Geheimniss desto sicherer bewahren zu können, indem alle Minister einverstanden waren, dass sich an diese Bedingung der Erfolg der ausserordentlichen Massregeln knüpfe, die man zu ergreifen beschlossen hatte. – Ein anderer gewiss nicht unwesentlicher Uebelstand, der sich aus dieser Geheimhaltung ergab, war, dass sich in Folge davon der Hof des moralischen Beistandes des diplomatischen Corps gänzlich beraubte. Zwischen diesem und der königlichen Regierung hatte während der drei Kampftage keinerlei Verbindung stattgefunden. Als nun aber am 29. Juli der päpstliche Nuntius und der schwedische Gesandte ihren Kollegen vorschlugen, sich nach St. Cloud zu begeben, so erhoben Graf PoS.So di Borgo und Lord Stuart dagegen den Einwand, es habe ihnen das französische Kabinet keine amtliche Mittheilung von den eingetretenen Ereignissen gemacht. ,,Dieser Einwand, bemerkt der Vf, war allerdings nicht ohne Grund; allein man darf glauben, dass sich dabei ein heimlicher Eindruck von Feindseligkeit gegen die Regierung der Bourbon's einschlich. Der Geist dieser Regierung verletzte die liberalen Sympathien des Hn. Pozzo di Borgo, und Lord Stuart hegte gegen sie einen tiefen Unwillen wegen des Zuges nach Algier, womit das englische Kabinet unzufrieden war. Somit ging denn das diplomatische Corps nicht nach St. Cloud und diese durch die wenige Voraussicht des Ministeriums ver– anlasste Unthätigkeit war, von Seiten der fremden Mächte, gleichsam der erste Akt, wodurch sie eine Dynastie aufgaben, deren Regierung so natürlich mit der Aufrechthaltung des europäischen Friedens zusammenhing."

C Der Beschluss folgt.)

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ALLGEMEINE LITERATUR - zEITUNG

Februar 1840. 3

STAATS WISSENSCHAFTE N.

BERLIN, b. Hayn: Ueber Arbeit, Regierung und Steuern. In Briefen an einen Deputirten. Von A. Wellhes. 1839. IV u. 308 S. (1 Rthlr. 12 gGr.)

Der Vf, welcher versichert, zur Herausgabe dieser Briefe von denen aufgefordert worden zu seyn, welchen er sie vorgelesen, hat sie an den Deputirten einer Ständeversammlung gerichtet, um ihn über einige der wichtigsten Gegenstände des öffentlichen Lebens zu belehren, da derselbe sich durch das eigene Studium der davon handelnden grösseren Werke nicht befriedigt fühlt. Theils weiss er die in ihnen vorkommenden Widersprüche nicht zu vereinigen, theils traut er sich nicht die Kraft und Ausdauer zu, in ihre Leh– ren vollständig einzudringen. Der Vf., wie wir beiläufig erfahren, ein theoretisch und praktisch ausgebildeter Staatsbeamter, und, wie wir aus seiner ganzen Schrift abnehmen können, voll Eifer für seine Aufgabe, hat es also übernommen, was jene Werke nicht zu leisten vermochten, in dem beschränkten Raume seiner Schrift zu Stande zu bringen, und hat sich dabei nicht auf blos wirthschaftliche Probleme beschränkt, sondern auch im engern Sinne so genannte politische Untersuchungen in seinen Bereich gezogen. Sein Unternehmen ist folglich auf nichts Geringes gerichtet, und berechtigt den Ref zu einer strengen Beurtheilung derselben, die er indess , wie er nicht verIhehlen will, mit jenem Misstrauen beginnt, welches ihn immer anwandelt, wenn ihm Schriftsteller begegnen, nach deren Versicherung es ihnen vorbehalten war, ein Ziel zu erreichen, nach welchem bisher die anerkannt scharfsinnigsten Männer vergebens, und nicht, ohne in grosse Widersprüche zu gerathen, gestrebt haben sollen. Und in der That findet er diesmal sein Misstrauen auch vollkommen gerechtfertigt, ein Bekenntniss, womit sich jedoch das Zugeständniss sehr wohl verträgt, dass der Vf, von einem warmen Interesse für das Gute belebt werde, und nicht selten einzelne Sätze aufgestellt habe, die von Scharfsinn und Einsicht zeigen, die aber das Urtheil nicht bestimmen können, welches auf den wesentlichen Inhalt seines Buches gerichtet ist. A. L. Z. 1840. Erster Band.

In dem ersten Briefe bemüht sich der Vf, seinem Freunde eine richtige Vorstellung von der Production beizubringen, indem er dabei auf die Ansichten des

Merkantilsystems, der Physiokraten und Adam Smiths,

als mit einander streitend, nicht ohne eine gewisse Geringschätzung hinweiset. Indess lässt er dabei ganz ausser Acht, dass es dem Merkantilsystem darauf ankam, zu zeigen, auf welche Weise ganze Nationen sich vornehmlich zu bereichern im Stande sind, dass die Physiokraten dagegen diejenige Thätigkeit auszumitteln beabsichtigten, welche als die Grundlage aller übrigen zu betrachten sey, und sich gewissermaassen in diesen wiederhole, dass nur Adam Smith die Frage nach der Productivität der Arbeit ganz allgemein zu beantworten suchte, und dass man daher auch streng genommen nicht sagen könne, es seyen die genannten Ansichten in Beziehung auf denselben Punkt mit einander im Streite. Der Vf, selbst giebt gar keine bestimmte Vorstellung von der Production, sondern begnügt sich damit, zu zeigen, was als Bedingung, eines jeden in die Reihe der Aussendinge eintretenden Arbeitserzeugnisses oder jedes Products der Menschenkraft,” wodurch Bedürfnisse der Menschen befriedigt werden können, vorausgesetzt werden müsse, nämlich eine Vereinigung von folgenden Elementen: 1) einer Ideen – Combination; 2) der zur Wahrnehmbarmachung dieser Ideen-Combination vorhandenen Gliedmassen – Ausbildung des Menschenkörpers; 3) von Naturkraft-Materialisationen oder Körperstoffen, geschickt oder tauglich, jene Ideen aufzunehmen, und durch diese Aufnahme dieselben zu verwirklichen; und 4) von Vermittelungsstoffen, d. h. von theils von der Natur hervorgebrachten Stoffen, theils aus Menschenkraft und deren Verbindung mit Naturkraft hervorgegangenen Erzeugnissen. Wollten wir nun auch gar nichts gegen diese Auseinandersetzung der in der Production erscheinenden Elemente einwenden und die etwas verkünstelte

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seyn, eine verneinende Antwort zu erhalten. Schon längst hat man gesagt, dass zur Production von sinnlichen Gütern die Natur und die Arbeit erforderlich seyen, und dass die Wirksamkeit beider Kräfte mächtig durch die Benutzung von Gütervorräthen (Kapitalen) unterstützt werde. Da nun die Natur No. 3, die Arbeit No. 1 und 2, und die Gütervorräthe No. 4 des Vfs. vertreten; so hat er nur mit andern Worten gesagt, was längst gesagt worden ist. Aber vielleicht hat er es besser gesagt? Keineswegs! Denn der Ausdruck Natur ist weit bezeichnender, als der Ausdruck Naturkraft-Materialisationen; weil die Natur bei der Production nicht blos in der Form von Körperstoffen, sondern, und in einem grossen Umfange als blosse Kraft thätig ist. Eben so verhält es sich auch mit dem Ausdrucke Arbeit, der weit mehr sagt, als was der Vf, mit No. 1 und 2 bezeichnet. Aber der Vf. hat in seinem ersten Briefe nicht nur nichts Neues beigebracht, sondern er hat auch mehrere Fragen in Rücksicht der Production, die für den zu belehrenden Deputirten von grossem Interesse seyn mussten, ganz mit Stillschweigen übergangen. Dagegen thut er sich freilich sehr viel darauf zu Gute, gefunden zu haben, dass der Mensch gar nichts Neues producire, sondern nur Stoffe combinire. Allein einmal ist dies nichts Neues und zweitens keineswegs richtig. Es ist nichts Neues; denn schon Lots hat dasselbe sehr weitläuftig in seiner Revision der Grundbegriffe der National – Wirthschaftslehre (erschienen 1811 ) zu beweisen gesucht; es ist aber auch nicht richtig, denn wirthschaftlich produciren heisst nichts anders, als einen Werth erzeugen, und nicht, einen Stoff hervorbringen, also etwas schaffen, was noch nicht als Werth vorhanden war, und somit als etwas Neues erscheint. Wenn jemand einen Tisch gebraucht, und der Tischler ihm einen verfertigt, so schafft dieser zwar nicht das Holz, aber aus dem Holze den Tisch, der in der That nicht existirte. Wenn der Deputirte über die Belehrung, welche der Vf, ihm in Rücksicht der Production gegeben, reiflich nachgedacht hätte, so dürfte ihm manche Bedenklichkeit aufgestiegen seyn; aber er hat sie ziemlich gläubig angenommen, und daher dem Uebergange zu einem zweiten wichtigen Punkte, nämlich dem Beweise, dass es mit dem reinen Ertrage nichts sey, worauf dieser Autor seinen Angriff auf die gewöhnlich vertheidigten Grundsätze der Besteuerung stützt, kein Hinderniss in den Weg gelegt. Aber wodurch wird diese allerdings neue Behauptung begründet? Lediglich auf den Satz, dass der innere Werth jeder neuen Arbeit oder jedes Arbeitsresultats nothwendig allezeit

der Gesammtsumme des auf die Erzeugung gewendeten Quantums oder Antheils der in der Production enthaltenen Elemente gleich zu achten sey. Wenn nun aber der Vf, unter innerm Werth einer Arbeit nichts anders verstehen kann, als eben jenen Aufwand von Productionselementen, so wird er uns nicht bestreiten können, dass seine Behauptung mit derjenigen zusammenfalle: jedes Ding ist sich selbst gleich, A = A, wogegen niemand etwas einzuwenden haben dürfte. Aber dem Vf, wird doch ohne Zweifel nicht entgangen seyn, dass im Verkehre ein Quantum Gold z. B. immer denselben Tauschwerth hat, der Eigenthümer mag es gefunden oder mit viel oder wenig Arbeit an sich gebracht haben, und dass der Ertrag einer wirth

schaftlichen Kraft für einen jeden, wegen der Ar

beitstheilung, erst durch den Tausch oder durch die Beziehung auf den Tausch einen bestimmten wirthSchastlichen Werth bekommt. Wenn also auch eine gleiche Naturkraft dazu gehören sollte, ein gleiches Quantum Gold hervorzubringen, die Arbeit aber eine sehr verschiedene ist, um ein Quantum Gold zu erlangen, und dennoch ein gleicher Tauschwerth in Gütern für gleiche Quantitäten Gold bezahlt wird, so muss nothwendig der, welcher die wenigste Arbeit zur Erlangung seines Quantums Gold anwendete, den verhältnissmässig grössten Tauschwerth erhalten. Nun sieht man aber den Tauschwerth, welcher hinreicht eine Arbeit zu erhalten, als einen solchen an, wodurch die Kosten der Arbeit gedeckt werden; derjenige also, welcher in Verhältniss zu seiner Arbeit einen grössern Tauschwerth erhält, als ein anderer, dem dennoch mit dem ihm zufliessenden geringeren Tauschwerthe seine Arbeit vollständig bezahlt wird, macht offenbar einen Gewinn über seinen Arbeitsaufwand, oder ihm wird ein reiner Ertrag, ein reines Einkommen zu Theil. Ein solches reines Einkommen ist aber in dem System von Thätigkeiten, welches man die Volkswirthschaft nennt, nicht nur zufällig möglich,

sondern nothwendig, wie dies jede mittelmässige

Volkswirthschaftslehre zur Genüge auseinandersetzt. Wenn also der Vf die Besteuerung des reinen Ertrags (Einkommens) als etwas Verkehrtes bezeichnen zu müssen glaubt, so wird er sich doch nach einem andern Beweise für diese Meinung umsehen müssen, als der ist, welchen er angeführt hat.

Der Ref könnte mit diesen Bemerkungen schlies

sen, wenn nicht der politische Theil des Buches, in welchem der Vf, offenbar die Quintessenz seiner Studien niedergelegt hat, noch einige Rücksicht forderte.

Es ist zwar nicht recht einzusehen, wie der Vf, dazu

kommt, seinem Freunde Vorlesungen über die Ver

fassungen zu halten und diesem das constitutionelle Leben zu verleiden; allein wir wollen den guten Deputirten als eine blosse Fiction ganz aus dem Spiele lassen, und die Belehrungen, welche uns über Regierung und Constitution gegeben werden, ohne weitere Beziehungen betrachten. Natürlich gehen wir diesem schwierigen Gegenstande nicht auf den Grund, sondern versuchen nur, an diesem oder jenem Punkte zu zeigen, wie ihn der Vf. aufgefasst hat. Wenn derselbe sich mit grossem Eifer über die gewöhnliche Vorstellung von der Volkssouveränetät vernehmen lässt, so geben wir ihm in der Sache ganz recht, wenn wir auch die Form nicht billigen können. Die Leidenschaft muss auf dem Gebiete der Wissenschaft schweigen und sollte um so mehr schweigen, wenn von einem so abgedroschenen Gegenstande die Rede ist, wie der erwähnte. Dagegen ist er in demselben Irrthum bei seinem Urtheil über die Ständeversammlungen verfallen, in den Beamte so leicht gerathen. Ihre Ehre fühlt sich aufs tiefste verletzt, wenn sie sich einen Verein von Deputirten vergegenwärtigen, die es sich herausnehmen, über Regierungsangelegenheiten zu urtheilen. Welche Anmaassung von Kaufleuten, Fabrikanten, Landwirthen u. s. w. über Dinge mitsprechen zu wollen, über die sachverständig zu reden Beamte allein durch ihre Studien, durch ihre praktische Thätigkeit befähigt sind! – Aber die so reden, vergessen nur einen kleinen Umstand; sie bedenken nicht, dass Gesetze nicht zur Unterhaltung der Gesetzgeber gegeben werden; dass man ein Land nicht regiert, um des Vergnügens am Regieren willen; sondern dass nach den Gesetzen das Volk leben, dass seinen verständigen Bedürfnissen durch das Regieren genügt werden solle, dass mithin das Gesetzgeben und Regieren das Volk aufs innigste interessirt, und dass die Kunst, Gesetze zu geben und zu regieren, darin besteht, der Lage und den Bedürfnissen des Volks möglichst zu entsprechen. Sollte es daher wohl als eine Verkehrtheit zu betrachten seyn, den verständigen Theil des Volkes zu befragen, ob es dies Gesetz, ob es diese Regierungsmaassregel für angemessen, für praktisch halte? Wie oft wird es dem Vf. nicht begegnet seyn, dass er mit dieser oder jener Leistung eines Handwerkers nicht zufrieden war, und ihn anwies, sie künftig so oder so einzurichten, und doch hat er nicht das Handwerk gelernt, aber wohl jener. Hat nicht selbst die besonnene Regierung Preussens Provinzialstände eingeführt, um ihren Rath und ihre Vorschläge zu hören? Hat sie nicht den städtischen Gemeinden eine Einrichtung gegeben, welche den Stadtverordneten dem Magistrate gegenüber sehr bedeutende Befugnisse einräumt. – Und

wenn nun jenes Befragen der Deputirten kein Unsinn ist, so dürfte es auch wohl kein Unsinn seyn, ihnen zu erlauben, ihre Wünsche oder Vorschläge in Rücksicht neuer Gesetze vorzutragen! Dass es dem Vf, nicht an Beispielen fehlen werde, die seine Meinung von den mit einer sogenannten Constitution verbundenen Uebeln zu belegen im Stande sind, bezweifelt der Ref gar nicht; aber was lässt sich nicht mit Beispielen aus der Geschichte belegen? Noch weniger aber, als auf Beispiele, können wir auf Gefühle Werth legen; sie sind rein subjectiv und fin-den stets ihre Gegensätze. Oder glaubt der Vf, dass wenn er denjenigen glücklich preiset, der unter Preussischer, Oesterreichischer oder Russischer Regierung lebt, nicht der Engländer, der Franzose, ja der Türke und Perser für ihr Vaterland eine aufrichtige Vorliebe haben? Jedes Volk hat sein eigenes Entwickelungsprincip in sich, und wie es thöricht seyn würde, von den Engländern zu verlangen, ihre Constitution bei Seite zu werfen und sich auf gut chinesisch regieren zu lassen; so würde es nicht minder thöricht seyn, den Chinesen die englische Constitution zu empfehlen. 73.

GE SC H I C H T E. PARIs, b. Desenne: Histoire de france pendant la dernière année de la Restauration, par un ancien Magistrat etc. C B es c h | u s s 77on Nr. 29. ) Nach der Darstellung unseres Geschichtsschreibers hätte Carl X., selbst zu Rambouillet noch, den seinen schwachen Händen bereits entfallenen Scepter wieder ergreifen können. Diese Darstellung weicht von der anderer Schriftsteller in manchen wesentlichen Punkten ab; wir wollen daher noch einen Augenblick dabei verweilen. Das Heer, das den Monarchen und den Hof an diesem Orte umgab, und dessen Oberbefehl der IIerzog von Ragusa wieder übernommen hatte, belief sich auf 12000 Mann Infanterie, 3500 Pferde und 40 St. Kanonen. Bei der Musterung, die Carl X. in Begleitung seiner Familie am Tage seiner Thronentsetznng über die Truppen hielt, wurden ihm von allen Seiten Beweise des lebendigsten Mitgefühls gegeben. Besonders bezeigten sich die Reuterregimenter sehr aufgeregt gegen das Volk. Die Artillerie, einzige Waffe bei der sich noch keine Desertion kund gegeben, legte den nämlichen Eifer zu Tage. Die Truppen aus den Lager von Saint-Omer und Luneville wurden in wenigen Tagen erwartet, und Carl Xschien, treu seiner Erklärung, dem Ausgange der Unterhandlungen festen Fusses entgegenzuseher. Jedem Augenblick konnte ein l Iutiger Kampf sich entspinnen, dem zuvorzukommen die neue Regierung vier Commissaire mit dem Auftrage nach Rambouillet schickte, den König zur Abreise, zu bestimmen. Diese Abgesandten, – Marschall Maison, v. Schomen, Odilon Barrot und Obrist Jacqueminot, denen der Herzog v. Mortemart noch den Herzog v. Coigny beigegeben hatte, – trafen am 2. Aug um 9'2 Uhr Abends bei den Vorposten der königlichen Armee ein. Nur Hr. v. Coigny wurde vom Könige vorgelassen, der wiederholt erklärte, er werde nur Rambouillet verlassen, wenn man sich nach seinen, dem Generallieutenant des Königreichs eröffneten, Willensentschliessungen bequeme. Somit kamen die Commissare am 3. d. M. nach Paris zurück, wo, auf Lafayette's Aufforderung, ein Corps von etwa 10.000 Mann Nationalgarden und Arbeiter sich in den elisäischen Feldern versammelten, um nach Rambouillet zu ziehen. Diese Armee hatte 6 Kanonen bei sich und vergrösserte sich in jedem Flecken, den sie durchzog, um einige Hülfstruppen, denen sich Haufen anschlossen, die nur die Plünderungssucht beseelte. Gegen Abend belief sich die ganze Truppe auf etwa 20.000 Köpfe von jedem Alter und Stande, wovon viele ganz betrunken und mit elenden Lumpen bedeckt, ein Bild des Elendes und der Herabwürdigung darboten. Sie machte zu Coignières Halt. Man plünderte einige Häuser, um sich Lebensmittel zu verschaffen, bivouacquirte in den Kornfeldern um Rambouillet und erwartete den Anbruch des Tages, um ein wohl unterhaltenes Gewehrfeuer anzufangen, das die königliche Armee über die wahre Zahl der Streiter täuschte." Die Geschichte, bemerkt der Vf, bietet vielleicht kein zweites Beispiel von einem so kühnen Unternehmen dar. . . Im offenen Felde einer regelmässigen, der Zahl nach kaum geringern und mit Geschütz und Reiterei versehenen Armee die Stirne zu bieten, war für undisciplinirte und schlecht bewaffnete Arbeiter – Banden eine Art von Kühnheit, wozu der Gedanke nur in der Trunkenheit eines unverhofften Sieges hatte auftauchen können. Für die Krone, welch ein Silberblick des Glücks! Die Vorsehung lieferte ihr gewissermaassen den am wenigsten interessanten und den erbittertesten Theil ihrer Feinde in die Hände. Der Erfolg hing von einem blossen Acte der Kraft ab. Carl X. kehrte als Sieger nach Paris zurück und schrieb nun seinerseits Bedingungen der revolutionairen Partei vor, die ihn mit so viel Anmaassung und Härte zurückgestossen hatte. Die Herrschaft der Umstände, die Weisheit seines Geistes hätten ihm Zugeständnisse eingegeben, die aus freien Stücken bewilligt, und durch die Erfahrung erleuchtet, einen schnellen und friedlichen Ausgang dieser beklagenswerthen Krisis zu Wege gebracht hätten. Man würde ihm, wie jeder starken Gewalt, seine Mässigung hoch angerechnet haben, und seine Macht, durch den Sieg gekräftigt, hätte sich abermals mit Glanz für Frankreichs Freiheit und Heil entfalten können. Diesen Fictionen von Kraft und Milde hat die Geschichte nur traurige, demüthigende Wirklichkeiten entgegenzusetzen. » Zur Entschuldigung der vom unglücklichen Monarchen bewiesenen Kleinmüthigkeit mag jedoch hinzugefügt werden, dass der Marschall Maison ihn

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auf sein Ehrenwort versicherte, er habe 60 bis 80.000 Mann hinter sich und dass der Herzog von Ragusa ihm Besorgnisse über die Stimmung seiner Truppen einflösste. Der endliche Ausgang ist bekannt. Doch war es allererst zu Maintenon, wo der König seinen Entschluss verkündigte, nicht nach der Vendée zu gehen, sondern sich nach Cherbourg zu begeben, um sich dort einzuschiffen. Zum Schlusse unseres Berichts mögen hier noch einige Betrachtungen wiedergegeben werden, die der Vf. über Ludwig Philipp's Thronbesteigung, gleich nach Vollziehung dieses grossen Acts durch Beschwörung der Charte, anstellt. Der Leser wird auch in diesen Anführungen die Richtung des Geistes gewahren, der überall in diesem Geschichtswerke waltet. An dem Tage, wo dieser Act vollzogen worden, erzählt der Vf., war grosse Tafel im Palais-Royal. Hr. Berard, Urheber des Vorschlags, der die Krone auf das Haupt des Herzogs von Orleans gesetzt hatte, befand sich unter den geladenen Gästen. Nach Tische beeilte sich Ludwig Philipp ihn der Königin als »den Mann vorzustellen, der ihnen so viele Dienste geleistet, und dem er so grosse Verbindlichkeiten schuldig sey.“ – „Was werden nun, fragt der Geschichtschreiber, vor einer solchen Herzensergiessung, Ludwig Philipp's Betheuerungen von Gleichgültigkeit und selbst von Abneigung gegen einen Thron, den einzunehmen ihn die Umstände beriefen?

Allein diese Frage, die in den Augen der Geschichte

leichtfertig erscheint, ist ohne Zweifel die mindest ernste von denen, die sich an den Entschluss dieses Fürsten knüpfen. Waren jene Umstände gebieterisch genug, um die plötzliche Einsetzung des stürmischen Princips der parlamentarischen Wahl an die Stelle des friedlichen Princips der Erbfolge zu ermächtigen? Sollte eine solche Neuerung nicht Europa in Aufregung versetzen? Hatte der Erbe des Scepters Carls X. keine persönlichen Pflichten gegen eine Familie, deren Ansprüche zwar der Volksdonner zerschmettert hatte, nicht aber so deren Rechte und Hoffnungen? Endlich sollte der tumultuarische Ursprung seiner Gewalt nichtschon an sich ein unübersteigliches Hinderniss, wo nicht gegen die materielle Unterdrückung neuer Unordnungen, so doch gegen die Erwerbung jener moralischen Macht seyn, ohne die es keine feste und dauerhafte Unterwürfigkeit giebt? Durfte er (der Erbe nämlich) sich schmeicheln ein seinen Gesetzen entschlüpftes Volk zu fesseln, ohne Bestechung und Gewaltthat zur Unterstützung seiner Regierung herbeizurufen, und ohne, um den Preis gefährlicher Feindschaften vielleicht, einen Theil seiner früheren Principien zu verleugnen?“ Dies, so schliesst der Vf, sind die dringenden Fragen, unter deren Gewicht Ludwig Philipp die gefahrvolle Laufbahn betrat, welche die Juli- Revolution ihm eröffnet hatte. Einem andern Werke aber behält er vor, mit Unparteilichkeit das System zu schildern, das er an die Stelle einer loyalen Regierung setzte, deren Sturz ein geschickt ausgebeutetes Missverständniss, unbestreitbare Fehler, eine blinde Uebereilung und vor Allem ein unwiderstehliches Verhängniss herbeigeführt hatten."

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