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ALLGEM EIN E LITERATUR - z EITUNG

Februar

184 0.

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Jedem, welcher diese ausgezogenen Sätze aufmerksam durchliest, müssen die Widersprüche auffallen, die in ihnen enthalten sind. Einmal ist Atonie und Atrophie der Drüsen Ursach der Absonderung und Ansammlung der Flüssigkeit, dann verdaukt dieser Zustand sein Daseyn einer Lähmung der Drüsengänge, die wiederum abhängig ist von der Erweiterung der Kanäle und der Ansammlung des Sekretes, zuletzt ist die Absonderung dieses Sekretes wieder Folge der durch die Lähmung bedingten Blutanhäufung. Dergleichen Theorien können doch wahrlich keinen Anklang finden, am wenigsten hätte man sie, der Vorrede nach, vom Vf, erwarten sollen; sie zu widerlegen verbietet uns der Raum, um so mehr als jeder mit der Physiologie vertraute Leser mit geringer Mühe dies Geschäft für sich selbst ausführen kann. So wenig Rec. sich von der allgemeinen Darstellung befriedigt erklären konnte, um so dankbarer nimmt er dic mitgetheilten Krankheitsfälle und Sectionsbefunde über die Wassersucht der Leber – und Nierengänge auf, welche leider keine nähere Mittheilung erlauben. Gleichzeitig sind auch die von andern mitgetheilten Fälle der Art ziemlich vollständig beigefügt. – In Nr. II wird ein seltner Fall von Aneurysma ductus thoracici mitgetheilt. – Nr. III untersucht die Frage: Giebt es ein Asthma thymicum? Der Vf. sucht hier die Selbstständigkeit eines solchen Krankheitsprocesses zu widerlegen, was bereits eine Entgegnung von Dr. Grafveranlasst hat. Die Akten sind indessen noch keineswegs zum Spruche reif; doch kann Rec. seine Verwunderung nicht unterdrücken, dass der Vf, unter seinen Sätzen nicht den mit aufgenommen hat, dass, da wir gar nicht allzu A1. L. Z. 1840. Erster Band.

selten bei erwachsenen Phthisikern die Thymus wieder auftreten und sich vergrösseren sehen, in dem Maasse als die Lungen zum Athmen untauglicher werden, die Vergrösserung der Thymus mithin als ein Akt der Naturhülfe auftritt, um den Athmungsprocess zu er– leichtern, ein Moment, das sicher auch in mehrern der vom Vf. angezogenen Fälle stattfand, – der Schluss sehr nahe liegt, dass auch bei Kindern die bereits vorhandene Behinderung des Athmungsprocesses ein normwidriges Stehenbleiben und selbst Vergrössern der Thymus bedingt. – Nr. IV giebt zwei Beobachtungen über centrale Erweichung des Rückenmarks, denen der Vf, eine kurze „systematische, pathologische, anatomische und pathogenetische Erörterung” folgen lässt, und zuletzt darauf hindeutet, dass diese Fälle wahrscheinlich machen, der weissen Substanz des Rückenmarks gehören Empfindung und Bewegung mehr an als der grauen. – Nr. V betrachtet die Geschwülste des Kehlkopfs und ist – so wie der Aufsatz Nr. VIII über die Darmdrüsen in anatomisch – physiologischer und anatomisch – pathologischer Beziehung – bereits früher schon mitgetheilt worden; beide erscheinen hier in etwas erweiterter Gestalt und Umarbeitung. – Nr. VI Ueber ein diagn0stisches Zeichen der Geschwülste innerhalb der Gebärmutter; es soll dies Offenstehen des Orificium uteri seyn, so dass man mit der Sonde einzugehen und den fremden Körper damit zu fühlen im Stande ist. Da das Ossenstehn des Gebärmuttermundes aber bei vielen andern Krankheitszuständen dieses Organs ebenfalls gefunden wird, so ist es eigentlich nur die Möglichkeit die Geschwülste mit einer Sonde zu fühlen, welche hier in Betracht kommen kann, und dies ist wohl ein diagnostisches Hülfsmittel, nicht aber diagnostisches Zeichen. Nr. VII. Die Veränderungen der Substanz der Gebärmutter bei Geschwülsten in seiner (sic!) Höhle und seinen (sic!) Wandungen. Der Vf. bestätigt hier im Ganzen die von Krüll in seiner Diss. de corporibus fibrosis Uter, Groning. 1836, gewonnenen Resultate, dass die Geschwülste theils mit Hypertrophie, theils mit Atrophie der WVände vorkommen, und CC

vermutlet, dass erstere bei jungen, letztere bei ältern Personen häufiger sey. Die Hypertrophie ist

bald einfach und der während der Schwangerschaft

analog, bald zugleich mit Degenerationen verbunden. Ref hatte vor kurzem ganz zufällig Gelegenheit, ein ausgezeichnetes Präparat dieser Art aus der Leiche einer 52jährigen Frau zu erhalten. Diese war, früher ganz wohl und munter, nach 2tägigem Krankenlager, während dessen sie über heftige Schmerzen und Hitze im Unterleibe und starkes Erbrechen geklagt, plötzlich, ohne dass ärztliche Hülfe in Anspruch genommen ward, verschieden und die Besichtigung der Leiche behufs eines Todtenscheins von den Angehörigen verlangt. Eine äusserlich bemerkbare wallnussgrosse, pralle Geschwulst in der aufgetricbenen linken Inguinalgegend bestärkten den Verdacht einer Hernia incarcerata, welche die auf des Ref. Zureden gestattete Section auch vollkommen bestätigte. Ausserdem fand sich bei übrigens gesunden Bauch – und Beckenorganen in dem Becken eine harte, feste kindskopf grosse Geschwulst von bedeutender Schwere, in der deutlich der Uterus zu erkennen war; herausgenommen zeigte derselbe bei näherer Untersuchung 5–6 sarkomatöse Tuberkeln, von denen die zwei grössten in der Substanz des Fundus uter den Umfang einer Wallnuss hatten, in der Mitte fest und selbst knorpeligt waren, so dass sie sich nur schwer zum Nachtheil des Stcalpells trennen liessen; die nächste Umgebung der schr verdickten Wände war fibrös, an den freien Stellen aber weich und schwammig, der Blutreichthum gering, die Vaginalportion sehr kurz, hart, die Gebärmutterhöhle fast ganz geschwunden; die Ovarien etwa bohnengross und knorpeligt. Ueber die früheren Gesundheitsverhältnisse liess sich von den Angehörigen nur wenig ermitteln. Die Frau hatte vor etwa 30 Jahren zwei Niederkunften gehabt und sollte ausser einem wiederholten Anfall von heftiger Pneumonie nie unwohl, jedoch sehr sensibel gewesen seyn, die Menses hatten sich etwa vor 5 Jahren verloren; dass die Denata jemals über Uterinbeschwerden geklagt, wusste sich niemand zu erinnern: Da die Eröffnung der übrigen Höhlen nicht gestattet war, so liess sich über den Zustand der Lungen nichts ausmitteln; das äussere Ansehn widersprach dem Verdacht auf Lungentuberkeln und auch die Percussion des Thorax gab überall einen hellen Ton. – Der letzte Aufsatz Nro. VIII handelt, wie bereits erwähnt, von den Darmdrüsen, und bestätigt durchgehends die Beobachtungen Böhmes; nur in Betreff des Ausfüh

S. 160 aus mehrfachen Gründen wahrscheinlich zu machen, dass ein solcher allerdings existire, wiewohl er sich dadurch in Widerspruch mit sich selbst setzt. Denn S. 152 schreibt der Vf.: „ vielmehr verneint er

(Böhme) und mit Recht einen solchen Ausführungs

gang” und S. 183 „so ist es höchst wahrscheinlich, dass kein Ausführungsgang vom Körper her in den Darm leitet." Auch Ref ist der Meinung, dass die Peyerschen Drüsen eben so gut wie die übrigen Drüsen des Darmes eine freie Mündung in den Darm haben. Allerdings schreibt Joh. Müller Physiologie 2. Aufl. Bd. I. S. 475: „Alle Versuche bei Menschen und bei Säugethieren aus diesen Stellen ein Sekret herauszudrücken um ihre Follicularstructur zu erweisen, sind missglückt; auch dringt beim Druck auf diese Stellen nichts aus den rundum stehenden Oeffnungen hervor." Aber derselbe schreibt einige Zeilen zuvor: „Auf den runden weissen Stellen, die bei den Thieren Papillen sind, sieht man in den meisten Fällen keine Spur von Oeffnungen, nur bei den Vögeln gelingt es, eine kleine Oeffnung zu sehen." Haben die Drüsen bei Vögeln Oeffnungen, so liegt doch in der That der Schluss sehr nahe, dass sie auch bei höheren Thieren und dem Menschen vorhanden sind. Dass man die Mündungen nicht sieht, rührt von demselben Grunde her, warum man die Mündungen der Glandulae sebaceae und Tubuli sudorferi auf der gesunden Haut des Menschen nicht sieht, die Ausführungsgänge verlaufen und münden nämlich in schiefer Richtung; diese schiefe Richtung verhindert es nun auch, dass man weder aus den Haut – und Schweissdrüsen, noch aus den Peyerschen – etc. Drüsen durch Druck ihren Inhalt entfernen kann; denn der Druck comprimirt zugleich den Ausführungsgang, der in den Drüsen des Darmkanals um so viel feiner ist als das Epithelium die Epidermis an Feinheit übertrifft. Deutlich würde man die Ausführungsgänge der Peyerschen Drüsen nur dann sehen und aus ihnen den Inhalt ausdrücken können, wenn in ihnen ein ähnlicher Zustand vorkäme wie die Acne punctata oder Comedomes auf der Haut. Endlich ist zu berücksichtigen, dass die Darmtheile stets nur nach dem Tode untersucht sind und werden können, dass also der vorhin dünnflüssige, lymphartige Inhalt der Drüsen bereits geronnen und fest geworden und in diesem Zustande unmöglich durch die so feinen Ausführungsgänge und Mündungen hindurch treten kann; man müsste denn die Oberfläche, d. h. das Epithelium und einen Theil der Schleimhaut

rumgsganges der Peyerschen Drüsen sucht der Vf. vorher künstlich entfernen, wo dergleichen, eben so wie auf der Haut, z. B. nach gelegtem Blasenpflaster allerdings gelingt. – Wenn der Vf, auch jetzt noch das Vorkommen der sogenannten Exantheme auf den Schleimhäuten läugnet, so ist er sicher im Irrthum; Neubildungen wie man gewöhnlich annimmt, sind die Papeln, Pusteln, Bläschen allerdings nicht, weder auf der äussern Haut noch auch auf den Schleimhäuten, an dem einen wie dem andern Orte sind es Affektionen der Drüsen, wie dies Ref. bereits an verschiedenen Orten dargestellt hat; und dass die Variola z. B. auf dem Darm nicht die Fächerformen wie auf der Haut darbietet, dies hat seinen Grund allein in der verschiedenen Dicke der Häute. Ueberhaupt dürfte es nachgerade an der Zeit seyn, dass, nachdem Physiologen wie Pathologen bereits so viel über das Wechselverhältniss der äussern Haut und der Schleimhäute gesprochen haben, endlich auch die verschiedenen Gebilde, namentlich die Drüsen von dieser Seite her betrachtet werden; es dürfte dabei mancher Irrthum zum Bewusstsein kommen und namentlich die wirren Lehren von dem Zurücktreten und Zurücktreiben der Exantheme etc. einen festen Boden erhalten. Der zweite Theil der Beobachtungen besteht aus XI verschiedenen Aufsätzen, von denen Nro. I sich mit der Blinddarm-Entzündung oder Typhlitis beschäftigt. Der Vf, handelt hier nur von den acuten Formen, der Typhlitis acuta, Perityphlitis und Typhitis stercoralis, indem er die Erörterung der chronischen für eine andere Gelegenheit aufspart. Nro. II. theilt einen Fall von wirklicher atra bilis mit, welche nach des Vfs. Annahme stets eine kranke Leber vor

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aussetzt; in diesem Falle zeigte sich die Leber sehr

weich, leicht zerreissbar und hochgelb. Sollte dieser Zustand in der That die Absonderung der atra bilis bedingt haben? Kranke Lebern pflegen in der Regel wenig Harz und Pigment abzusondern. Warum wurde die chemische Analyse der schwarzen Masse und des Pfortader-Blutes nicht unternommen? Konnte nicht die Leber erst in den Zustand gerathen seyn, nachdem sich ihre Thätigkeit bereits in dem vergeblichen Bemühen erschöpft hatte, das Blut von jenen Stoffen zu befreien? Nro. III. Einiges über die Wassersucht der Drüsengänge, besteht in Mittheilung eines Falles von sogenanntem Hydrops saccatus renum bei einem Schaafe, wobei zugleich die kranke linke Niere doppelt war. Hier ist S. 43 auch von vielem galligen Gewebe die Rede, soll wohl heissen gallertartiges? denn der Verf. hielt es für noch nicht ganz zerstörtes

Zellgewebe. Nro. IV. Die Krankheiten der Stamenbläschen, der Wasa deferentia und der ductus ejaculatorii, befand sich bereits in Graefe's und Walther's Journal Bd. XIX. S. 173–299 und dürfte nebst der von Maumann Hdb. der Klinik Bd. VII. S. 561–587 gegebenen Darstellung das Vollständigste seyn, was wir über die in Rede stehenden Affectionen wissen. – No. V. Eine neue Form der Darmeinschnürung und Verschlingung durch Riss des Gekröses. Der Fall betraf einen 49jährigen Mann, welcher unter den Synptomen des Ileus und der Peritonitis nach 2 1/2 Tagen verstorben war. Der Riss des Gekröses fand sich dicht am Darmrand, gleich oberhalb des Blinddarms am Ende des Ileums. Ueber die Entstehung des Risses liess sich nichts Bestimmtes ermitteln; der Vf, ist der Meinung, dass das vorher entzündete und dadurch mürbe gewordene Mesenterium durch den Druck der Gedärme zerrissen sey. Nro. VI. Das Schotengeräusch in den Augenwinkeln, beobachtete der Vf, bei zwei jungen Männern, wenn der Augapfel nach oben und auswärts gerollt wurde, wobei sich das obere Augenlid dicht an den Bulbus legte und dann plötzlich von diesem absprang. Hätte sich der Vf. der schö– nen Untersuchungen Ch. Bell's erinnert, so würden ihm die beweisenden Thatsachen zu einer richtigen Erklärung dieses Phänomens nicht gefehlt haben. Bell sagt (Uebersetzung von Romberg S. 146): „ Die Ränder der Augenlider sind flach und berühren sich, wenn sie auf einander treffen, nur an den äussern Winkeln, so dass beim Schliessen eine Rinne zwischen ihnen und der Cornea bleibt. Hätten nun die Augäpfel keine Bewegung, so würden die Augenlid– ränder dergestalt die Oberfläche der Hornhaut treffen, dass ein Theil derselben unberührt bliebe, und zwar der in der Axe des Auges gelegene; die ergossenen Thrä– nen würden im Mittelpunkte der Cornea sich anhäufen

und das Blinzeln die Augen trüben, statt heller machen. Um diesen Uebelstand zu vermeiden und den Spiegel der Cornea abzuwischen und aufzuhellen, wälzt sich zur selben Zeit, wenn die Augenlider sich schliessen, der Augapfel aufwärts und die Cornea hebt sich schnell unter das obere Augenlid.“ – „ Durch das gleichzeitige Aufsteigen der Cornea und Senken des oberen Augenlides, wird die Membran, auf welcher sich die Thränengänge öffnen, ausgespannt und die Folge davon ist, wie bei der Streckung der Brustwarze, erleichterter Erguss der abgesonderten Feuchtigkeit." – „Während nämlich das obere Augenlied sich senkt, bewegt sich das untere nach der Nase hin, wodurch

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schädliche fremde Körper nach dem innern Augenwinkel hingetrieben werden." Berücksichtigt man diese Sätze und nimmt man dazu noch die Angaben des Vfs, dass beide Kranken an Muskelzuckungen verschiedener Art im Gesicht litten, der eine ausserdem noch schielte, die Augen endlich bei beiden feucht waren, so dürfte es kaum zweifelhaft seyn, dass das Knistern oder Schotengeräusch durch krampfhafte Contraction dos M. orbicularis der Augenlider bedingt ist, indem nämlich dieser Muskel bei seiner erhöhten Reizbarkeit sich schnell faltenförmig contrahirt; so bald der nach aussen und oben sich drehende Bulbus das Augenlid streift, wird das Augenlid selbst, welches sich an dem feuchten Bulbus während seiner flachen Lage gleichsam angesogen hatte, an der Stelle, wo sich die Falte durch die Contraction bildet, schnell abgezogen und während des Abspringens entsteht nun jenes Geräusch, welches überall da bemerkt wird, wo zwei feste Körper, welche durch eine schleimige, öhlige oder zähe Flüssigkeit mit einander verbunden sind, schnell von einander entfernt werden. Die Richtigkeit dieser Erklärung ergiebt sich daraus, dass man schon bei dem normalen Feuchtigkeitsgrade des Auges jenes Geräusch willkürlich erregen kann, wenn man mit zwei Fingern das obere Augenlid in einer Längenfalte schnell abzieht. – Nro. VII. Ueber die Ursach der Hirnlähmung im Schlagfluss. Diese liegt nicht in dem Druck, welche das im Gehirn angelhäufte Blut verursache, sondern darin, dass Blutdruck (Blutanhäufung) und Blutmangel, welche im Blutschlage vereint sind, lähmend auf die Hirnsubstanz einwirken. – Nro. VIII. Ueber den Schlagfluss, wel– cher sich zu Hirngeschwülsten gesellt. Er wird vorzüglich durch die Erweichung der die Hirngeschwulst umgebenden Hirnmasse, und durch Erguss der in der Geschwulst enthaltenen flüssigen Masse bedingt. – Nro. IX. Einige Rückenmarkskrankheiten. Der Vf. bespricht hier 5 verschiedene krankhafte Zustände; 1. die Reizung des Rückenmarkes, 2. die Reizbarkeit desselben, 3. die Entzündung der harten Haut des Rückenmarkes, 4. die Paralysis tremulans und 5. die Rückenmarkswassersucht der Kinder; zum Schluss theilt er dann noch einen Fall von Fettgeschwulst zwischen Dura mater und Arachnoidea des Rückenmarks in der Gegend des vierten Lendenwirbels mit. Besonders sind es die beiden ersten Zustände, worauf der Vf. auch in der Vorrede aufmerksam macht, für welche er das Interesse der Leser in Anspruch zu nehmen sucht. Dass sie diess verdienen, wird niemand

in Abrede stellen, allein sie werden nur erst alsdann zu einiger Klarheit gelangen, wenn man, was der Vf. leider versäumt hat, auf das Verhältniss des Gangliensystems zum Rückenmark und umgekehrt besondere Rücksicht nimmt und namentlich die von Brachet zuerst genauer gewürdigte Fortpflanzung der Reizung von dem Gangliensystem zum Rückenmarke ins Auge fasst, woraus allein die vom Vf, hervorgehobenen gastrischen Störungen erklärlich werden. Ueberhaupt würden die Darstellungen des Vfs. beiweitem fruchtbringender für die Pathologie geworden seyn, wenn er seinen Gegenstand nicht fast stets von einem einzelnen Gesichtspunkt aus betrachtet hätte. In dem physiologischen wie pathologischen Leben ist es ja unmöglich, auch nur die geringste Erscheinung zu begreifen, wenn man nicht alle concurrirende Momente im Einzelnen wie ins Gesammt der Betrachtung unterwirft: Est enim admirabilis quaedam continuatio seriesque rerum, ut aliae ex aliis nexae et omnes inter se aptae colligataeque videantur, sagt Cicero, und in der Nichtachtung dieses Ausspruchs liegt der Grund, warum die empirische Richtung in der Physiologie wie Pathologie bei der Menge von Entdeckungen und Aufklärungen im Einzelnen so wenig in Bezug auf das Ganze gefördert hat. Während man emsig bemüht ist, jedem einzelnen Faden des Gewebes nachzugehen, reisst man ihn aus allen seinen Verbindungen, und zu Ende mit der Arbeit gelangt, hat man nichts als einzelne isolirte Fäden vor sich, das Gewebe selbst ist unter der Hand verschwunden, man weiss zwar jetzt woraus es besteht, aber wie es zusammengesetzt war, darüber vermag man keine Antwort zu geben. – Nro. X. Ueber den Unterschied zwischen Slrofel und Tuberkel; bringt nichts Neues. Freilich wollte der Vf. auch nur an das seit einem Jahrhundert Bekannte erinnern. – Nro. XI. Die Osteophyten, Periosteophyten, Chondrophyten und Taenophyten, deren Diagnose der Vf, vom anatomischen Standpunkte aus aufzuklären bemüht ist. Diess ist der Inhalt einer Schrift, die Rf. trotz der gemachten Ausstellungen den Lesern bestens empfohlen haben will; möge der Vf, die Bemerkungen als den Beweis eines sorgfältigen Studiums nicht unfreundlich aufnehmen und Musse wie Gelegenheit finden, eine Fortsetzung der Beobachtungen liefern zu können. Die äussere Ausstattung verdient alles Lob, leider aber ist die Correctur sehr nachlässig besorgt worden, da der Vf, sie fremden Augen und Händen zu übertragen genöthigt wurde. J. Rosenbaum,

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A LL GE ME IN E LI T E R A TUR - ZEITUNG

Februar 1840.

RÖMISCHE LITERATUR.

HALLE, i. d. Buchh. d. Waisenh.: Die Satiren des D. Junius Juvenalis, übersetzt und erläutert von W. E. Weber. 1838. XIIu.616 S. 8. (2Rthlr. 8 gGr.)

Dass Juvenals Satiren genügend zu übersetzen, eine schwere Aufgabe sey, kann nicht in Abrede gestellt werden. Da er eigentlich mehr Rhetor als Dichter ist, obgleich als solcher immer noch dem seine schroff affectirten orakelnden Schulexercitien hersagenden jungen Stoiker Persius vorzuziehen, so hat er neben dem Streben nach dichterischer Kraft auch das des rhetorischen Schwungs, welcher zu einer Breite führt, wie sie jener nicht zuträglich ist, und oft die dichterische Form verloren gehen lässt; So dass er mitunter incohärente Declamationen statt poetischer Bilder geliefert hat. Dazu kommt noch, was besonders schwer zu behandeln ist, die Affectation einer in Ihaltreichen Kürze, welche die Dinge mit schlagenden Ausdrücken zu bezeichnen strebt. Diese Affectation war dem gesunkenen Zeitalter eigen und wir finden sie auch bei einem höchst vorzüglichen Geiste, bei Tacitus. Dass der Uebersetzer bei solchen Wer– ken ins Gedränge komme, ist natürlich, und man muss ihm diese Verhältnisse bei der Beurtheilung seiner Leistung in Rechnung bringen. Hr. VW ist ein im Uebersetzen versuchter Mann, wie bekannt, und es lässt sich von ihm schon etwas fordern. Betrachten wir zuerst bei der vorliegenden Arbeit den Versbau, so ist dieser zu loben, gleich wie die metrische Behandlung der deutschen Sprache, und HIr. II. ist zu einer sichern Handhabung des Hexameters gelangt. Was das.treue Uebertragen anbelangt, so schliesst sich die Uebersetzung genau dem Original an, und es wäre zu wünschen, dass dies minder streng geschehen wäre, weil es so gekommen ist, dass die Ucbersetzung manchmal undeutlicher ist als das Original. Durch die Casusendungen und die Conjugationsformen hat die lateinische Sprache eine Constructionsfähigkeit, welche der deutschen abgeht; denn sie kann Wortstellungen gebrauchen und zumal mit der Participialconstruction Sätze zusammenfügen und in A. L. Z. 1840. Erster Band.

einander verschränken, dass eine genaue Nachahmung im Deutschen sehr undeutlich herauskommt. Auch im Ausdruck wäre eine Abweichung zuweilen wohl räthlich gewesen um der grösseren Deutlichkeit willen, und ein Beispiel mag zeigen, was ich damit meine: statt Antiphates trepid laris, ac Polyphemus durch die Worte: bebendes Laren Antiphates und Polyphemus zu übersetzen, würde es gewiss deutlicher lauten: für das zitternde Haus ein Antiphates und Polyphemus. Ferner ist als undeutlich nicht zu billigen, wenn z. B. quis fercula septem Secreto coenavit ? übersetzt wird: wer speisete sieben Trachten zur Ahnzeit innen, denn secreto lässt sich sehr leicht verstehen, das Wort innen bedeutet aber gar nicht, dass er allein und ohne Gäste speisete; eben so wenn sanguine adhuc vivo übersetzt wird lebendes Bluts, d. ist lebendig, bei lebendigem Leibe, denn was lebenden Bluts bedeuten solle, kann nicht verstanden werden, weil es ganz ungebräuchlich ist, und da es folglich errathen werden muss, so hätte lieber ein anderer Ausdruck gewählt werden sollen. Doch statt solche Ausstellungen zu machen, will ich lieber des ganz besonders Hervorzuhebenden bei dieser Arbeit gedenken, nämlich der Wahl der Ausdrücke, welche die energischen Ausdrücke Juvenals wiedergeben. Gebricht es einer Uebersetzung dieses Dichters, dessen Werth gerade besonders in einem oft kräftigen

Zornerguss besteht, welcher nach den bezeichnend

sten Darstellungen greift, an Energie in dieser Hinsicht, so fehlt ihr das wesentlichste Element, mögen die Verse auch noch so gut gebaut, und Alles leicht hinfliessend seyn. In dieser Hinsicht nun ist Hr. JI. Arbeit sehr zu loben, da sie wirklich voll Kraft und Energie ist, und reich an sehr gelungenen und bezeichnenden Ausdrücken. Die derben Naktheiten Juvenals sind nicht übertüncht, aber doch so übersetzt, dass sie zu dem zornigen Tone der Darstellung passen, und demnach nicht gemein erscheinen. Mit Geschick hat Hr. W. aus den deutschen Dialekten manche in der Schriftsprache nicht gangbaren Wörter aufgenommen, ohne das Maass zu überschreiten und wie man zu sagen pflegt, des Guten zu viel zu thun.

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