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ALLGEMEINE LITERATUR - ZEITUNG

Februar 1840.

THEOLOGIE. LEIPzig, b. Köhler: Allgemeine christliche Symbolik von Heinrich Ernst Ferdinand Guerike U1- S. W. ( Beschluss von Nr. 20.)

Solche Widerchristenthum - kann nur vom Satan kommen, der sich gern in einen Engel des Lichts verkleidet, und nach Hrn. D. Guerike verhält es sich wirklich so. „Der Feind des göttlichen Reichs (S. 52.) zerrüttete zuvörderst durch auswärts erzeugten Un– und Irrglauben die lutherische Kirche innerlich." Der Unglaube brach am verwüstendsten über die Kirche ein, wo des Glaubens eigentlicher Sitz war; das Feuer wüthet am verheerendsten, wo es das Meiste zu verzehren vorfindet, der Mörder schlägt Haupt und Herz, nicht Extremitäten (S. 51). Alles, was christlichen Schein und Klang hat, konnte (dahin brachte es der Satan) Geltung erhalten, ,,nur nicht die ideale Heiligkeit christlicher Lehre mit ihrer unbedingten Beugung unter das göttliche Wort. Der Name Christus und ein wesenloses Spiegelbild des lebendigen Christus einete Alles, wenn nur der wahre, leibhaftig persönliche, ungetheilt ganze Christus selbst nicht mehr hemmend im Wege stünde. Die täuschend christliche Idee zu einer solchen Einigung war besonders durch den indifferentistischen Gefühlsgeist der Herrnhutergemeinde*) ins Leben geführt worden; sie konnte aber so lange nicht wahrhaft realisirt werden, als mit den Altären die lutherische Kirche noch äusserlich unversehrt bestand. Aber dem Feinde des göttlichen Reichs gelang es, die Kirche auch äusserlich zu neutralisiren, »und (S. 52.) dies letztere ward nun durch die neuesten Unionsbestrebungen, durch die hervorgetretene Union zwischen der reformirten und lutherischen Kirche in der That zu vollführen begonnen“, eine Union, die allerdings dem (bösen) herrschenden Zeitgeiste, »dem ungläubigen, wie dem modern gläu

bigen" gemäss ist. (Hört! Hört!) So ist zu den von dem Vf, kurz vorher erwähnten Kirchenparteien (den Reformirten, den Wiedertäufern, den Quäkern , den Swedenborgianern) oder aus ihnen eine neue gekommen. Aber zum wahren Heile der Kirche besteht diese Union nicht überall, wo sie eingeführt ist , in ihrer ungeschwächt normalen Gestalt, ja sie scheint (S. 53) neuerdings » auf richtigern Pfad zurück zu lenken", indem man hier entschieden zum Lutherthum, dort zum Bekenntnisse der reformirten Lehre zurückkehrt. Der richtige Pfad ist nach Hn. G. also, dass – die Union aufgehoben wird. Rec. weiss die Offenheit in dem Bekenntnisse dessen, was man als Wahrheit erkannt zu haben glaubt, zu achten: er ehrt die Freimüthigkeit, die der einmal gewonnenen Ueberzeugung, um des Gewissens willen, nichts vergiebt; aber wer muss nicht die Beschränktheit, die sich hier zu erkennen giebt, beklagen? Hr. D. Guerike muss nach seinen unverholen ausgesprochnen Ueberzeugungen ein abgesagter Feind der Union seyn, ja, auch der heftigste Gegner der reformirten Kirche, die ja so sehr häretisch inficirt und in Unglauben befangen ist. Geht es nach seinen Grundsätzen, so muss die Zeit wiederkehren, wo auch an heiliger Stätte gegen die heillosen Calvinisten möglichst stark polemisirt wird. Oder wäre es nicht heilige Pflicht der Prediger in der allein wahren oder lutherischen Kirche, ihre Lehrbefohlenen vor dem feinsten, aber eben deswegen gefährlichsten Gifte der deformirten Kirche (so haben ja lutherische Zeloten sie oft genannt, ecclesia satis deformafa) zu bewahren? Churfürst August von Sachsen äusserte sich, dass, wenn er auch nur Eine calvinische Ader in seinem Leibe habe, er gern leiden wolle, dass der Teufel sie ihm ausreisse. So weit und zu thätiger Verfolgung calvinisch – gesinnter Lehrer hatten die Zeloten den frommen und gutmüthigen Fürsten gebracht. Aber ist dieses Alles nicht auch die Pflicht un

*) Diese Gemeinde, welcher Hr. D. G., wie man aus dessen Kirchengeschichte sieht, schon früher nicht gewogen war, hat

sich seine Ungunst (S. 39.) dadurch noch mehr zugezogen,

J-1837, entschieden nicht - unirte Lutheraner des Preussischen Staats an den Erbauungsstunden ihrer Diaspora-Brüder

dass nach einer officiellen Erklärung der Unitätsdirection vom

nicht Theil nehmen dürfen. A. L. Z. 1840. Erster Band.

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serer fürstlichen Beichtiger, wenn es wahr ist, dass nur in dieser Kirche und bei dieser Form des Sacraments die Seligkeit zu finden ist*)? Dass nun die lutherische Lehre die allein richtige sey, dass sie die richtige Mitte halte zwischen dem

kirchlichen Materialismus der römisch-katholischen

und griechischen Kirche und zwischen dem kirchlichen Spiritualismus und Idealismus in der reformirten Kirche und bei mancherlei Secten, wird bei den einzelnen Dogmen zu zeigen versucht, und der Vf, zeigt gute Kenntnisse. Doch giebt es hier Manches zu erinnern: wovon wir nur Einiges erwähnen wollen. Dass es die richtige Mitte und volle Wahrheit sey, wenn Luther (Gross. Katech. 4te Bitte) sagt, ,,der Teufel hindere das weltliche Regiment, stifte Hader, Mord, Aufruhr, Krieg, verursache Ungewitter und Hagel, verderbe Getreide und Vieh, vergifte die Luft, und gönne uns weder einen Bissen Brod, noch das Leben", oder (Schmalk. Art. II, 2.): » Die bösen Geister seyen als Menschenseelen erschienen, und hätten Messen, Vigilien und andere Almosen geheischt”, – dies ist hier nirgends nachgewiesen. Durfte das in einer echt lutherischen Symbolik übergangen werden: muss ein echter Lutheraner nicht auch hieran fest glauben? Nur gelegentlich wird die Lehre von dem Teufel erwähnt und z. B. S. 204. bemerkt, es sey , das kirchlich unbestrittenste und unbekritteltste unter allen Dogmen." In Betreff des Exorcismus wird S. 405. bemerkt, von der reformirten Kirche und den kleinen christlichen Secten werde er einmüthig verpönt; die lutherische Kirche habe ihn aber , treulich bewahrt.” Aber in unsern symbol. Büchern wird ja der Exorcismus gar nicht erwähnt, kirchlich – symbolisch ist also hierüber nichts bestimmt. Bekanntlich wünschten schon mehrere lutherische Theologen der ältern Zeit die Abschaffung desselben, und Gerhard, aus dessen Locis, wie Hr. G. S. 91 sagt, die lutherische Kirchenlehre gelernt werden kann, missbilligt die Form der Beschwörung, als ob das Kind vom Teufel besessen wäre, ausdrücklich, vergl. Bretschneider systemat. Entwickelung u. s. w. S. 703. Aug. Herm. Francke schaffte ihn in der Glauchaischen Kirche zu Halle ab (in den übrigen Kirchen dieser Stadt hat er sich noch lange erhalten). Die grössten Theologen neue

rer Zeit, deren Kirchengläubigkeit unbezweifelt ist (Reinhard, Knapp, vergl. dessen treffliche Bemerk. darüber in den Vorles. über die christl. Glaubenslehre I, S. 457 u. A.), haben ihn einstimmig als rohen Aber

glauben verworfen, und die sogenannten echten Lutheraner betrachten ihn sehr mit Unrecht als etwas

dem lutherischen Bekenntnisse Wesentliches.

Der Vf, behauptet S. 399., nach Luther finde eine sacramentirliche (mystische) Vereinigung des Wortes Gottes mit dem Taufwasser Statt. Nach den Worten des kleinen Katechismus – , das Wasser in Gottes Gebot gefasset und mit Gottes Wort verbunden" ist dies auch sehr scheinbar. Aber alle Kraft

und Segnung der Taufe leitet ja Luther von dem Worte

Gottes ab und erklärt sich durchaus gegen jede höhere Natur des Wassers, indem er „nur das Wort der Ver

heissung als segenbringend bezeichnet.” „Wir sagen,

schreibt er, dass das Wasser in der Taufe Wasser sey, in der Substanz nichts besser, denn das, so die Kuh trinkt. Wir sagen aber, dass an dies schlechte Wasser ein Wort göttlicher Zusage geheftet sey (Marc. 16, 16. Joh. 3, 5). – Da nun jemand dies Wort, oder diese Verheissung wollte eine Kraft nennen, so dem Wasser der Taufe gegeben sey, wäre ich es zufrieden."

Als der Vf. (Vorrede S. XII.) die Versicherung niederschrieb, Scheibel und Stephan seyen ihm ,,ehrwürdige, theure Namen", wusste er wohl noch nicht, was von dem lutherischen Bischof in Amerika, Mar– tin Stephan, nun durch officielle Mittheilungen bekannt geworden ist. Lange war das unzüchtige und betrügerische Treiben dieses Mannes in Dresden bekannt: dass ihm sein Amt gewehrt wurde, worüber Hr. D. Guerike sich in der Kirchengeschichte 1096 f. so sehr ereifert, war nur ein Act der Gerechtigkeit, und die dort gerügte », schmachvolle Procedur" war von dem mit Schmach Bedeckten verschuldet. Was die Zeitungen (Ende November 1837) darüber berichteten, war nicht, wie Hr. G. behauptet, ein „schändliches Triumphgeschrei des modernen Un- und Wahnglaubens", sondern gerechte Entrüstung „über einen Heuchler und Volksverführer", den man viel zu lange im geistlichen Amte geduldet hatte, was freilich ohne viel– vermögende Protectionen nicht hätte geschehen können.

*) Trefflich symbolisirt ist die Betrachtungsweise der damaligen (von unseren Neu- Lutheranern erneuten) Polemik der Lutherischen Zeloten gegen die Reformirten durch die Münze, durch welche Churfürst August nach Unterdrückung der Philippisten in Wittenberg sich selbst beglückwünschte. Der geharnischte Churfürst hält in der Hand eine Waage, in deren einer

Schale das Jesuskind» in der andern die 4 halb-calvinischen Theologen, mit dem Teufel sitzen und die Waagschale mit aller Macht niederzudrücken suchen, aber doch in die Luft fliegen.

Ueber ersterer Schale steht: die Allmacht, über .. RELIGIONS- UND KIRCHENGESCHICHTE.

letzterer: die Vernunft! GS. Tenzel Sawon. numism. lin. Albert. I, p. 112.)

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1) STUTTGART u. TüBINGEN, b. Cotta: Ueber das religiöse und kirchliche Leben in Frankreich. Ein Versuch von Professor B. A. Pflanz. 1836. XVI

u. 324 S. 8. (1 Rthlr. 16 gGr.) 2) HAMBURG, b. Perthes: Das Christenthum in Frankreich innerhalb und ausserhalb der Kirche. Von Dr. Herm. Reuchlin. 1837. VI u. 464 S. 8. nebst 3 Tabellen. (2 Rthlr. 8 gGr.

Wenn die politischen und socialen Verhältnisse eines Landes, dessen Schicksale von jeher auf unsern ganzen Welttheil den entschiedensten Einfluss gehabt, die Aufmerksamkeit von Jedermann seit geraumer Zeit in Anspruch genommen haben, und wenn jenseit des Rheins kaum Etwas geschehen kann, das nicht diesseits mit lebhafter Theilnahme besprochen wird; so ist es von höchster Wichtigkeit, die Grundlage des socialen Zustandes jenes Landes einem prüfenden Blicke zu unterwerfen. Die Vff. beider genannten Werke verdienen daher allen Dank, dass sie uns durch ihre Schilderungen mit den neueren religiö– sen und kirchlichen Verhältnissen Frankreichs näher bekannt machten und wir nehmen keinen Anstand, beide Schriften als eine interessante und lehrreiche Lectüre dem gebildeten Publicum, nicht blos dem theologischen, zu empfehlen, um so mehr, da auch in Deutschland bekannte Vorfälle augenscheinlich genug dargethan und zum Bewusstseyn gebracht haben, dass Religion und Kirche nicht allein theologischen Schulen, sondern dem Lehen angehören, wodurch eine erhöhete Theilnahme sowol für Principien als für die Erscheinungen des religiösen und kirchlichen Lebens erweckt worden ist. Hr. Prof. Planz, ein achtungswerther, freisinniger Theolog der katholischen Kirche, der hier nicht zum ersten Male als unparteiischer Sprecher für Licht und Recht auftritt, lernte auf einer Reise nach Frankreich in der Absicht, zu belehren und vereinigte seine Wahrnehmungen zu einem wohlgeordneten Gemälde, zu welchem Hr. Dr. Reuchlin, ein junger protestantischer Theologe, die pittoreske Staffage liefert. Dieser Letztere schrieb ein Jahr später und kannte seinen Vorgänger. Wenn die gereiftere Erfahrung Jenes dem Urtheile mehr Sicherheit verleihet und den praktischen Blick schärft, der mit Leichtigkeit den Werth oder Unwerth des zu betrachtenden Gegenstandes herausfindet; so hat dieser, bei wahrscheinlich längerm Aufenthalte in Frankreich, wenn auch nicht mehr gesehen, doch viel gesammelt und giebt ausführlichere Schilderungen des Einzelnen, so wie eine Menge von Belegen aus fran

zösischen Schriften. Wo Hr. Pf. seinen Stoff methodisch zurechtlegt, da lässt Hr. R. nach seiner eigenen Erklärung, ,, den Stoff walten” d. h. es reihen sich bei ihm Skizzen ohne innere Verbindung und erkennbares Gesetz der Anordnung an einander. Dass Hr. R. sich häufig an die franz. Journale und Flugblätter wendet, vom Sémeur und dem ami de la religion (die sich am meisten und am ernsthaftesten mit religiösen Angelegenheiten beschäftigen) bis zum Charivari herab, deren leidenschaftlich bewegte Stimmen auf den Tag ihres Lautwerdens berechnet, weniger über die Parteien sich erheben, als diesen selbst dienstbar sind, dieses gehört zwar zu seiner Absicht, al fresco zu malen und macht sein Gemälde bunt: aber eine klare Quelle, aus der mit Sicherheit die Kenntniss der religiösen Zustände des Landes zu schöpfen sey, fliesst auf keine Weise in diesen Blättern, von denen IIr. PflanT S.228 sagt: „Nirgends wird die Religion tiefer herabgewürdiget, als in den franz. Jourmalen, weil sie da als die Dienstmagd eines politischen Princips oder einer politischen Partei erscheint. ” – Wollte Jemand die in beiden Werken besprochene Angelegenheit zum Gegenstande einiger, etwa akademischer, Vorträge machen, so würden wir ihm rathen, die von Pflanz beobachtete Ordnung zu wählen, aus Reuchlin aber interessante Einzeluheiten in ihrer lebendigen Frische aufzunehmen. In den Resultaten stimmen. Beide überein, nämlich darin, dass in dem französischen Volke die materiellen Interessen, bei denen die Frucht und der Erfolg allemal höher angeschlagen wird, als die Idee, durchaus vorherrschen; dass von religiösem Sinne (den die Gräuel der Schreckenszeiten in der ältern Generation zerstört, und den in der jüngern die Erziehung noch nicht wieder erweckt hat) nur ein sehr geringes Maass vorhanden und dass die Geistlichkeit aus Mangel an eigener wissenschaftlicher Bildung dermalen noch nicht im Stande sey, das gesunkene kirchliche und religiöse Leben wieder zu einer fruchtbaren IIöhe empor zu bringen. Wie kann es aber auch besser werden, so lange in den franz. Gymnasien der Religionsunterricht nur ein höchst mangelhaftes mechanisches Anhängsel der übrigen Disciplinen ausmacht, indem, ausser einer Stunde für biblische Geschichte, Nichts geschieht, als dass der Aumonier der Anstalt die Schüler den auswendig gelernten Katechismus wöchentlich einmal recitiren lässt? Und was ist von den höheren Bildungsstufen zu erwarten, so lange die franz. Kirche ihre Institute von denen des Staats aufs strengste ge167 A. L. Z. Num. 21.

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schieden hält und nicht zugiebt, dass die jungen Theologen die Akademieen besuchen, sondern sie in bischöfliche Seminare einsperrt, wo man Kritik, Hermeneutik und biblische Alterthumskunde gar nicht kennt, von Exegese Nichts weiss, um eine Theorie der Homiletik und Katechetik sich nicht bekümmert, und nur Dogmatik und Moral lehrt. Rec., den seine frühern Verhältnisse vielfältig mit gebildeten jungen Franzosen in Verbindung brachten, könnte über den jammervollen Unterricht, den diese genossen, Manches anführen, wenn der Raum dieses gestattete. Folgen wir nun dem Vf. von Nr. 1, der sich, nach einer kurzen historischen Einleitung vor allen Dingen auf die Beschreibung der Erziehungs- und Unterrichtsanstalten (die Universität und die academischen Schulen, Gymnasien, Colléges royaux, Privatinstitute und Elementarschulen) in Frankreich überhaupt einlässt, und ein Bild voll Schatten von der wissenschaftlichen Erziehung des Klerus entwirft, den ein jesuitischer Einfluss beherrscht, und welcher die freieren Grundsätze der gallicanischen Kirche (die 4 Artikel derselben von 1682 werden in der Einleitung S. 6 ff. mitgetheilt) zur Ketzerei gestempelt hat. Er zeigt ausführlich das völlig Unzweckmässige der gelehrten Studien der heranzubildenden Geistlichkeit; wie mangelhaft die Philosophie in den Seminarien gelehrt werde, da die franz. Klerisei die neuere Philosophie für Gift hält, einen Descartes nur mit Vorsicht nennt und von deutschen Philosophen über Leibnitz hinaus Keinen anführt. – Von den jungen Männern unsrer Bekanntschaft, unter welchen zwei Maitres des arts waren, kannte nur einer unsern Kant dem Namen nach. – Entsprechend der Philosophie wird die Dogmatik gelehrt, welche im altscholastischen Zuschnitte über ein syllogistisches Formelwesen nicht hinaus kann und die Moral, die ganz und gar in den Zerfaserungen der Kasuistik sich verliert. Dagegen ist das Bild erfreulicher, das von dem Leben der Kleriker entworfen wird, welche die Gesetze des Anstandes, der Mässigkeit und Nüchternheit beobachten und auf Unbescholtenheit rühmlichst halten. Freilich giebt auch hier, wie anderswo, „das ünnatürliche Cölibatgesetz, der Kakodämon, der überall seine Opfer fordert, zu beklagenswerthen moralischen Verirrungen Veranlassung" (S. 135 ff.), aber im Ganzen behaupten die katholischen Geistlichen Frankreichs ihren guten Ruf und nehmen eifrig an dem Gneulich auch für deutsche Geistliche durch Cl. Harms gepriesenen) Institute der Retraite Theil, welches alle Herbst, jedesmal die eine Hälfte der Kleriker einer Diöcese, während die andere

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in ihren Functionen bleibt, am Bischofssitze zu gemeinschaftlicher Askese und pastoraltheologischen Conferenzen etwa auf 8 Tage versammelt. Aber die äussere Lage, das Einkommen der Geistlichen ist ausserordentlich beschränkt: Die höchst besoldeten Pfarrer erster Klasse, wenn sie 70 Jahr alt sind, erhalten nur 1600 Fr., also etwas über 400 Thlr. Cour. und die Vicare bekommen nicht mehr als 300 Fr.

Nach Mittheilung der statistischen Uebersichten, welche die Eintheilung der kath. Kirche Frankreichs in 14 Erzdiöcesen und 66 Bisthümer, nach dem Stande von 1834, bis zu den Missionen und auswärtigen Klö– stern in Palästina und Syrien hinaus anschaulich macht, beschreibt der Vf. die Wirksamkeit des Klerus hinsichtlich der Lehre, des Cultus und der Kirchenzucht. Von der Predigt, welcher die kath. Kirche überhaupt einen untergeordneten Standpunkt anweiset, ist nicht viel zu rühmen. Weitläuftiger wird über den Cultus gesprochen. Hier wird der Leser zuerst in eine der Hauptkirchen von Paris, St. Sulpice zum Vormittagsgottesdienst, dann Nachmittags nach Notre Dame geführt; ferner wohnt er der Aufführung eines Requiem am Begräbnisstage des berühmten Tonkünstlers Bellini in der Invalidenkirche bei und begleitet den Trauerzug nach dem Kirchhofe, wo zu Ehren des Verstorbenen Reden – aber ohne christlichen Gehalt und Klang, über den Verlust der Kunst, den diese durch B's Tod erlitten, – erschallen. Hierauf hat er Gelegenheit einer Trauungsceremonie beizuwohnen, und macht zuletzt einen Spaziergang nach dem Montmartre zu der von den Jesuiten dort einst gestifteten Kirche, wo päpstliche Ablassbullen zu lesen sind und den Andächtigen für ein Paar Sousstücke Wachskerzlein geboten werden, um solche bei den einzelnen, das Leiden Christi darstellenden, Stationen des Calvarienberges anzuzünden. Die Bemerkungen des Vfs. über den Ritus sind auch hier so treffend als freimüthig. Wiederholt wird auf die Nothwendigkeit hingewiesen, dass zu einer würdigen Feier des christlichen Gottesdienstes ein allgemein verständlicher, in der Muttersprache des Volks gefeierter Cultus erforderlich sey, wobei er indess nicht in Abrede ist, dass in der für die Conversation vorzüglich ausgebildeten französ. Sprache eigenthümliche Schwierigkeiten zur Herstellung einer würdevollen Liturgie liegen und dies durch das Beispiel des Abbé Chatel belegt, der einer wörtlichen Uebersetzung der liturgischen Formulare, welche aber die Kraft und Würde des lateinischen Idioms nicht erreicht, in seiner Kirche sich bedient. C Die Fortsetzung folgt.)

ALLGEM EIN E LITERATUR - ZEITUNG

Februar 1840.

RELIGIONS- UND KIRCHENGESCHICHTE.

1) STUTTGAnr u. Tübingen , b. Cotta: Ueber das religiöse und kirchliche Leben in Frankreich – – von Professor B. A. Pflanz u. s. w.

U1. S. W. (Fortsetzung von Nr. 21.)

In den übrigen Kirchen macht sich die Unzulänglichkeit der beibehaltenen lateinischen Ritualien dadurch kenntlich, dass die functionirenden Priester gewöhnlich nicht von einer Erbauung suchenden Gemeine, sondern nur von Einzelnen umgeben sind, denen der Sinn der liturgischen Handlungen verschlossen bleibt. Vom herrschenden Aberglauben, der (wie ja in Deutschland nicht minder) Wundermedaillen (erzbischöflich) sanctionirt und in Tausenden von Exemplaren an den Mann bringt, kommt der Vf. auf die Literatur. Die ascetischen Werke, an deren Spitze noch immer das weit verbreitete von der Nachfolge Christi steht, athmen meistens eine Mönchsmoral, und der Ablassbüchlein, Rosenkranz- und Kreuzwegsandachten giebt es eine grosse Menge. Dass die ins Franz. übersetzten Stunden der Andacht gedeihliche Früchte tragen werden, wird von dem Vs. wegen des eleganten Gewandes, worin die erhabene und doch einfache Christusreligion hier auftritt, bezwcifelt; dass aber die paroles d'un croyant von de la Mennais, die von Allen, welche lesen können, gelesen sind, der christlichen Frömmigkeit keinen Gewinn bringen, ist ausgemacht. Die Kunst der Bühne, der Malerei und der Musik, jene voll schauererregender Darstellungen, ja voll Lasterscenen, diese ohne religiösen Grundton, da „in den Tempeln der Andacht der Ton der lachenden Freude und des rauschenden Kriegsgetümmels"*) zu vernehmen sind, tragen auch nicht zur Weckung und Förderung des religiösen Lebens bei. Aber thut dies

nicht die Regierung? Die Bourbons, mit der kath. Klerisei durch gemeinschaftliches Schicksal und gemeinschaftliches Streben zusammengewachsen, vor Allen Carl X., dieser fromme und gehorsame Sohn der Kirche, verhiessen dem mit dem Absolutismus engverbrüderten Ultramontanismus neue glänzende Tage – da setzte ein von den Liberalen ausgerufener König sich auf den franz. Thron und das erbitterte Volk zerstörte den Palast des Erzbischofs von Paris. Dadurch gestaltete sich eine feindselige Stellung der Kirche gegen die neue Regierung, die, temporisirend, öffentliche Schritte zu vermeiden suchte; die zwar jetzt, 1836 (1839 noch weit näher), mit dem Klerus sich befreundete, für das wahre Gedeihen der Kirche aber noch Nichts gethan hat, weil die Mehrzahl der am Staatsruder Stehenden die Religion als etwas an sich Gleichgültiges, dem Geschmacke jedes Einzelnen zu Ueberlassendes betrachtet; weil der bestän– dige Wechsel der Ministerien jeden heilsamen Einfluss auf Dinge, die nicht übereilt, aber unablässig betrieben werden müssen, untergräbt; und weil GuiT0k, der Einzige, der die Sache zu Herzen nahm und am rechten Ende, bei der Jugendbildung anfing, (er gab sich sogar dazu her, bei den auf Ostentation berechneten Preisvertheilungen in den Colléges zu präsidiren. Rec.) als Protestant bei jeder Maassregel die möglichste Vorsicht beobachten musste. Die gegenseitige Annäherung zwischen König und Clerus, meint der Vf, werde, einige Zugeständnisse abgerechnet die Sache grösstentheils beim Alten lassen, und das wird auch darum der Fall seyn, weil die Politik dem Könige die Grenzen, bis zu welchen er der Priesterschaft sich willfährig erzeigen darf, ohne bedenkliche Volksunzufriedenheit zu veranlassen, scharf genug vorzeichnet. Von S. 274.–306 wird der Zustand der etwa 4 Millionen (nach Reuchlin nur 242,652 Lutheraner

Glocken und Orgel sind gegenwärtig nothwendige Stücke,

*) „Unter allen neuen grossen Opern, welche seit einigen Jahren aufgeführt worden sind, dürfte sich kaum eine finden,

welche nicht eine Kirche, eine Messe, oder dergl. darstellte.

nicht blos auf, dem Theater, sondern auch in Concerten, wie die im Jardin Turc und ähnliche. Es bezeichnet dieses wohl mindestens einen verdorbenen Geschmack, und wir finden darin weniger etwas Christliches, als etwas Janitscharenarti

ges." Reuchlin S. 50. A. L. Z. 1840. Erster Band.

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